Lillys Klavier

Berliner Zeitung

Ein Mädchen aus Schöneberg hat wenig Geld, aber gute Ideen

Wenn Lilly und ihr Bruder Robin morgens aus dem Haus treten, rollen die Blumenverkäuferinnen nebenan die Rosenbüsche und Palmen hinaus auf den Bürgersteig und die Buchhändlerin sucht wie jeden Tag vergeblich einen Parkplatz vor ihrem Geschäft. Lilly und Robin wohnen am Bayerischen Platz in Schöneberg.

Die meisten halten die beiden für Zwillinge. Robin ist nicht einmal ein Jahr älter als Lilly. Sie haben dasselbe blonde Haar, in dem einige Strähnen dunkler und andere heller sind. Und sie haben die gleichen karamellbraunen Augen. Am Nachmittag gehen die Geschwister entweder töpfern oder zum Judo oder in die Musikschule. Robin lernt Schlagzeug, Lilly Klavier spielen.

Eines Tages sagt die Lehrerin, Lilly brauche jetzt ein richtiges Klavier zum Üben. Das Keyboard reiche nicht mehr aus. Am Bayerischen Platz in Schöneberg gehören Klaviere ebenso selbstverständlich in den Alltag neunjähriger Mädchen wie Blumen und Bücher in die Wohnzimmer der Eltern. Doch Lillys Mutter hat gerade keine Arbeit. Das Geld ist knapp.

Lilly möchte deswegen mit keinem Mädchen am Bayerischen Platz tauschen. Sie ist viel zu sehr Abenteurerin, als dass sie sich wünschte, das Geld für ein Klavier einfach von der Sparkasse holen zu können. Ein neues Klavier zu kaufen, wenn man gerade kein Geld hat, das ist eine Herausforderung ganz nach ihrem Geschmack.

Als die Sommerferien zu Ende gehen, macht Lilly sich an die Arbeit. Sie wirft das lange, blonde Haar in den Rücken und zeichnet eine Annonce, die sie am nächsten Tag in verschiedenen Läden und in der Musikschule an die schwarzen Bretter pinnt. Am Abend bäckt sie mit ihrer Mutter einen Pflaumenkuchen und viele Muffins.

Ein Verkaufsstand ist bald gefunden: Das leere Gestell des verlassenen Lebensmittelladens, auf dem noch vor kurzem die Stiegen für Tomaten, Zwiebeln und Salate standen. Lilly und Robin breiten ein Tuch darüber, malen Noten darauf und stellen ihre Ware dorthin. Auf dem Bürgersteig platzieren sie einen bunt bemalten Schuhkarton mit einem breiten Schlitz im Deckel. „Wir sparen für ein Klavier“, steht auf dem Karton. „Selbst gebackene Kuchen“, ruft Lilly den Passanten zu. „Mit frisch geernteten Pflaumen aus dem Oderbruch.“

Einige Leute halten vor dem Stand inne, nicken, lächeln und gehen weiter. Ein älterer Herr läuft mit gesenktem Kopf vorüber. Seine Nase hängt wie ein dicker Tropfen aus dem Gesicht. Plötzlich bleibt er stehen und kommt zurück. Er hebt nur kurz den Kopf und lächelt die Kinder an. Dann steckt er zehn Euro in den Schuhkarton. Seine Hände zittern leicht. Kuchen möchte er nicht nehmen. Er hat gerade keinen Appetit. Später kommen andere Schöneberger, die gern Muffins und Pflaumenkuchen kaufen.

Nach zwei Tagen verliert Robin die Lust an dem Job für seine Schwester. Lilly möchte weitermachen. Die Marktfrau ist für sie nur eine weitere lustige Rolle des Lebens. Lilly zählt das Geld. Achtzig Euro haben sie an zwei Nachmittagen verdient.

Als erstes meldet sich eine ältere Frau auf Lillys Annonce. Sie sagt, sie habe ein Klavier zu verschenken. Doch als Lilly und ihre Mutter zur verabredeten Zeit bei ihr klingeln, öffnet niemand die Tür.

Die Mutter ersteigert ein Klavier auf Ebay. Es wird mit einem zerbrochenen Bein geliefert. Nachts hören sie die Holzwürmer darin kratzen. Lillys Mutter muss einen Anwalt nehmen, um das Klavier wieder los zu werden und ihr Geld zurück zu bekommen.

Im Oktober geschieht etwas Merkwürdiges. Die Dame ein Stockwerk tiefer hat gehört, dass Lilly ein Klavier sucht. „Ich weiß nicht, ob es dir gefallen wird“, sagt sie. „Es ist schon sehr alt.“ Lilly trippelt ungeduldig hinter ihr ins Wohnzimmer. Wegen der schweren Tüllgardinen ist es dämmrig darin, doch der rötlichbraune Deckel des Klaviers und die gedrechselten Beine glänzen wie frisch poliert. „Ich habe mir immer ein altes gewünscht“, sagt Lilly und hält ihre Hände fest, damit sie das Klavier nicht aus Versehen streichelt. Sie ist nicht sicher, ob man ein Klavier, das einem noch nicht gehört, unter den Augen der Besitzerin einfach streicheln darf. Die Nachbarin schlägt den Deckel auf und nimmt das schwarze, blumenbestickte Filztuch von den Tasten. Hier und dort sind sie schon etwas vergilbt. Im Deckel ist der Name des Herstellers in Intarsien eingelegt: Julius Machalet Berlin.

„Darf ich?“ Lilly trippelt.
„Natürlich, probiere es aus.“ Die Nachbarin zieht den Hocker darunter hervor. Lilly rutscht auf dem Hocker hin und her. Dann spielt sie eines ihrer Lieblingsstücke, den ukrainischen Tanz, den sie ganz zu Beginn des Klavierunterrichts gelernt hat.

Sechshundert Euro möchte die Nachbarin für das Klavier haben. Ihre Tochter habe einst darauf gelernt, doch die sei schon lange ausgezogen. Vorher, erzählt die alte Dame, habe das Klavier bei einer Familie im dritten Stock gestanden.

Lilly mag nicht rechnen, wie viel Kuchen sie noch verkaufen müsste, um das Klavier bezahlen zu können. Sie rechnet nicht gern und traut ihren Ergebnissen nicht.

Zum Glück zahlt Oma den Rest. Oma, die von Beruf Sängerin war und mit Opa und einer berühmten Big Band durch die DDR tourte. Nach Opas Tod ist Oma zu ihnen an den Bayerischen Platz gezogen, in eine sehr kleine Wohnung. Sie sagt, sie brauche jetzt nicht mehr so viel Platz. Außerdem habe sie ja noch das Grundstück im Oderbruch. Da fahren Lilly, Robin und ihre Mutter jedes zweite Wochenende hin. Sie toben durch die Wiesen und reiten und musizieren zusammen.

Lillys Mutter ist auch Sängerin. Außerdem spielt sie Gitarre und Singende Säge. Aber das ist nicht ihr Beruf. Sie hat gelernt, Hüte und Kleider und Taschen zu entwerfen und zu nähen. Das Kleid, das Lilly zum Vorspielen in der Musikschule zu Beginn der Sommerferien trug, hat die Mutter genäht. Dazu bekam Lilly neue Schuhe, schwarze Ballerinas, etwas zu groß, aber sie haben Sohlen hinein gelegt. Schließlich sollen die Schuhe im nächsten Jahr noch passen.

Obwohl die Mutter viele Kleider, Hüte und Taschen entwirft und näht, hat sie noch nie in ihrem Beruf gearbeitet. Gleich nach dem Studium half sie in der Arztpraxis ihres Mannes mit. Doch seit sich die Eltern von Lilly und Robin getrennt haben, möchte die Mutter nie mehr in einer Arztpraxis arbeiten. Jetzt lernt sie einen neuen Beruf. Sie wird Eventmanagerin, weil ihr das Organisieren von Festen und Konzerten fast so viel Spaß macht wie das Entwerfen und Nähen von Hüten, Kleidern und Taschen.

Betritt man das alte Haus am Bayerischen Platz, durchquert man einen marmornen Flur mit blank gewienerten Spiegeln und läuft eine gewundene Treppe hinauf. In Lillys Wohnung sieht es aus wie bei Leuten, die am liebsten musizieren, töpfern, schneidern und basteln. Gegenüber dem riesigen Spiegel im Flur stehen ein bunt bemalter Marterpfahl und eine schwarze Kleiderpuppe, die einen Hut mit einem Schleier und einen breiten Gürtel trägt.

An einem Vormittag im November wird das alte Klavier hinauf getragen.

„Wo ist es? Wo ist es?“ Lilly wirft die Schultasche neben den Marterpfahl und stürzt in das Nähzimmer ihrer Mutter. Das Klavier steht an der Wand mit den Familienfotos. Lilly umarmt es zur Begrüßung. Ihre ausgebreiteten Arme reichen nicht ganz über alle Oktaven. Lilly schlägt den Deckel auf. Sie nimmt das blumenbestickte Tuch von den Tasten und beginnt zu spielen. Sie spielt den letzten Satz des 109. Menuetts von Mozart, den sie nicht so gut leiden kann, weil er so schwierig ist. An derselben Stelle wie immer beißt sie die Zähne zusammen und schneidet eine Grimasse. Macht nichts. Das war schon richtig so.

Giovannis Weihnachtshügel

Berliner Zeitung

Am Britzer Damm, Ecke Tempelhofer Weg spritzen die Autos vierspurig über die nassen Straßen. Hat man die Ampeln hinter sich gelassen und den asphaltierten Weg hinauf zu Giovannis Tannenbaum-Verkauf genommen, ist es plötzlich da, dieses Gefühl, dem man zuerst misstraut, weil es an vielen Orten der Stadt vergeblich herauf beschworen wird: Weihnachten.

Vielleicht liegt es an dem Himmel, der sich in den Farben der Dämmerung ausbreitet. Hinter Giovannis Weihnachtshügel klafft ein Loch in der Stadt. Bis zu der Müllverbrennungsanlage am Horizont erstrecken sich die Wiesen eines Naturschutzgebietes mit einem Tümpel mittendrin, dem Eckerpfuhl. Links schließt sich ein Wäldchen an.

Die Holzspäne auf dem Platz vor der Weihnachtsbaum-Einpack-Trommel duften würzig. Am Unterstand weht eine Kette Tibet-Fähnchen. Daneben ein alter Bauwagen, der den Eindruck erweckt, als würde darinnen guter Tee gekocht. Möglicherweise liegt das an Giovanni, der aussieht, als liebe er guten Tee.

Giovanni eilt in großen Schritten über den Platz. Er trägt etwas zwischen Schnee – und Arbeitsanzug. Sein bunter Kinnbart ragt aus dem Gesicht. Die Wollmütze würde ihm in die Augen rutschen, hielten die Bügel der runden Brille sie nicht auf. Trotzdem schiebt er sie hin und wieder aus der Stirn.

Ein Wagen hält neben ihm. „He Giovanni“, ruft ein älterer Herr aus der herunter gelassenen Scheibe. „Komme sofort.“ Giovanni zeigt dem Stammkunden zum Gruß eine seiner harzigen Handflächen und eilt in die Abteilung mit den rot-weiß markierten Bäume. Dort sieht sich ein Paar suchend um. Die rot-weißen sind erste Wahl, fünfzig Euro der Baum, makellose Nordmann-Tannen. Giovanni fragt, berät, empfiehlt. „Sehen Sie, wie gleichmäßig der gewachsen ist. So etwas finden Sie sonst nirgends in Berlin.“ Er streicht über die weichen Nadeln.
Sein Berlinisch hat einen italienischen Akzent. Giovanni ist Sizilianer. Drahtig windet er sich aus seinem Wald wieder nach vorn. Rita braucht Hilfe beim Einnetzen eines besonders üppigen Baumes. Auf dem Weg zupft er das klingelnde Telefon aus der Brusttasche seines Arbeitsanzuges und verabredet einen Vorstellungstermin.

Er braucht dringend Verstärkung auf dem Platz. Aber es ist schwer, gute Leute zu finden, die einen Blick für die Arbeit haben und auf die man sich verlassen kann. „Unter zwanzig Bewerbern ist vielleicht einer, mit dem man etwas anfangen kann“, sagt er. „Einige arbeiten einen Tag und kommen nicht wieder, andere verschwinden nach einer Woche. Die sagen: ‚Na dann, bis morgen’ und tauchen nie mehr auf.“

Der Stammkunde lehnt an seinem Wagen. Giovanni bedient ihn seit Jahren, weiß genau, was er sucht. „Hast du was für mich?“, ruft der Mann. „Klar doch.“ Giovanni weht rüber an den Rand des Platzes, in sein „Lager“. Dort liegen noch verpackte Tannen. „Ich erkenne durch das Netz, was ein guter Baum ist“, sagt er. Er packt ein Exemplar aus. Der Mann kommt langsam näher. „Großartig.“ Er hat einen Baum, den noch kein anderer Kunde vor ihm zu sehen bekam. Es ist sein Baum. Von Giovanni ausgewählt. Zufrieden zieht er die Brieftasche aus seiner Jacke.

Giovannis flinke, dunkle Augen wandern unablässig durch die Baumreihen. Hier und dort gebärden sie sich die Tannen ein wenig undiszipliniert. Sie neigen mal nach dieser, mal nach jener Seite aus ihrer eisernen Verankerung.

Sein Platz sei der größte in Berlin, sagt Giovanni. Er habe die besten Nordmann-Tannen der Stadt. Das sei auch kein Wunder, denn die dänischen Händler mögen ihn. In jedem Sommer, wenn er seine Bäume aussucht, würden sie ihn mit offenen Herzen empfangen, obwohl die Berliner Tannenbaum-Käufer im allgemeinen nicht sehr beliebt seien, weil sie die Preise drücken. „Berlin ist die Stadt in Europa, in der die Weihnachtsbäume am billigsten verkauft werden. Selbst in Westdeutschland zahlen die Leute mehr. Und in Norwegen kostet ein Baum das Dreifache.“

Aber Giovanni ist anders. Er ist der Berliner mit dem italienischen Akzent. Die dänischen Förster fragen nicht, warum es ihn vom sonnigsten Ende Europas in diese arme Stadt verschlagen hat. Sie hören seine Sprache, die barock schwingt wie die katholische, sinnliche Variante von Weihnachten. Die Version mit der Madonna. Sie klingt nach verschwenderischen Gefühlen und Tränen der Liebe. „In Italien“, sagt Giovanni, „da ist Weihnachen schon anders als in Berlin. Die Menschen dort können die Zeit mit der Familie kaum erwarten. Sie freuen sich darauf, zusammen in die Kirche zu gehen.“

In Berlin besucht er am Heiligen Abend manchmal eine katholische Messe, manchmal eine evangelische Christvesper, denn seine Frau ist evangelisch. „Außerdem ist sie Buddhistin“, sagt Giovanni. Aber eigentlich möchte er über solche privaten Dinge wie Religion gar nicht sprechen. Man solle doch lieber über die Bäume reden. Das ist jetzt ihre Zeit. „Weihnachten ohne Baum…nein, das geht nicht. Der Baum ist doch das Symbol der Liebe. Deswegen legt man ja auch die Geschenke darunter. Und man steht davor und singt ein Lied.“ Wie Giovanni das sagt, möchte man augenblicklich in den Boden versinken vor Scham, jemals ein Weihnachtsfest ohne Baum erwogen zu haben.

Seit zehn Jahren verkauft er Weihnachtsbäume, seit fünf Jahren auf dem Platz am Britzer Damm. Das Geschäft beginnt vor dem ersten Advent mit den dichten, großen Saalbäumen, die Kirchen, Firmen und Hotels kaufen. Dann kommen die Familien, die ihren Baum schon in der Adventszeit schmücken oder sich rechtzeitig ein besonders gutes Exemplar sichern möchten und schließlich die Schnäppchenjäger, die von Platz zu Platz ziehen und handeln. „Es gibt Leute, die geben fünf Euro Trinkgeld, nachdem sie den Preis um zwei Euro nach unten gedrückt haben.“ Giovanni schüttelt den Kopf.

Giovanni ist 47 Jahre alt. Man schätzt ihn gute zehn Jahre jünger. „Ich weiß.“ Er schiebt die Mütze aus der Stirn. Er ist die erstaunten Gesichter gewohnt. „Es muss die frische Luft auf dem Platz sein.“ Selbst die weißen Streifen in seinem Bart wirken unter diesem Gesicht eher wie ein modischer Spaß.

Seine Kinder sind inzwischen erwachsen. Für einen Moment verlässt sein Blick die Bäume und wandert über den Britzer Damm, auf dem die weißen und roten Lichter der Autos wie zwei Ketten gegeneinander aufgefädelt sind. Er blickt, als könne er selbst nicht glauben, wie viele Jahre vergangen sind, seit er 1982 nach Berlin kam. Die Stadt habe ihn fasziniert, die Mauer. „Man konnte interessante, alternative Leute treffen.“ Deshalb sei er eines Tages geblieben.

Er huscht in eine Reihe, sucht nach dem perfekten Stufenbaum. „Diese lassen sich viel besser schmücken als die dicht gewachsenen Bäume, auf die alle zuerst fliegen.“ Die Baumärkte lockten mit billigen Hochschossern, Tannen, die schnell gewachsen sind und nur wenige Stufen haben. Er zählt die Etagen des Baumes. Zwölf. Zwölf Jahre alt. „Oder hier die Nobilis…Wer einmal eine Nobilis hatte, kauft sie immer wieder wegen ihres Duftes.“

Und sein eigener Weihnachtsbaum? Nein, einen Blick in sein Wohnzimmer gestattet er nicht, höchstens durchs Schlüsselloch. „Ein paar Kerzen, echte Kerzen und ein bisschen Schokolade. Das genügt. Kein Lametta und solchen Kram.“ Gibt es das Wort gemütlich auf italienisch? Giovanni denkt nach. „Commodo“, sagt er. „Commodissimo.“

Es fällt nasser Schnee. Der Matsch quietscht durch die Sohlen. Das übliche Berliner Adventswetter. Wahrscheinlich werden wieder alle darüber klagen, dass es zu Weihnachten trist und grau aussieht. Im Bauwagen ist es kühl. Es gibt keinen Tee. Auf dem kleinen Tisch stehen einige Wasser – und Limonadenflaschen, in der Eile offen stehen gelassen.

Rami im Glück mit Bafög

Berliner Zeitung

Ein junger Migrant will Ingenieur werden – genau, was Deutschland braucht. Fast wäre er an dummen Regeln gescheitert

Nur ein einziges Mal hatte Rami das Gefühl, diskriminiert zu sein in Deutschland, weniger Wert als seine Freunde, die hier geboren sind. Das war, als er im letzten Herbst sein Studium begann und erfuhr, dass ihm kein Bafög zusteht.

Rami fand das ungerecht. Nur, weil seine Eltern nicht lange genug in Deutschland gearbeitet hatten. Dabei hatten sie doch von Anfang an arbeiten wollen, aber nicht gedurft.
Seit er zwölfjährig mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester nach Berlin gekommen war, hatte er sich in der Stadt wohl gefühlt. Sofort hatte er Freunde gefunden, Freunde, mit denen er arabisch, Freunde, mit denen er russisch und schließlich Freunde, mit denen er deutsch sprechen konnte, Christopher zum Beispiel. In der Küche von Christopher hatte Rami das erste Mal eine Folienkartoffel mit Würstchen gegessen. Daraufhin hatte er Christopher zu arabischen Reis eingeladen. Von diesem Moment an, da sie sich vergewissert hatten, dass man sowohl deutsches als auch arabisches Essen genießen kann, trennte sie nichts mehr.

Rami ist in Donezk, in der Ukraine geboren. Sein Vater, ein Palästinenser, war zum Studium nach Donezk gekommen und hatte dort seine zukünftige Frau, eine Ukrainerin kennengelernt. Rami hat die großen Augen, die vollen Lippen und das dunkle, glatte Haar seiner Mutter.
Davor hatte die Familie in Libyen gelebt, wo der Vater nach dem Studium eine Anstellung als Arzt bekommen hatte. 1995 musste die Familie sich schnell ein neues Zuhause suchen. Die libysche Regierung ordnete an, dass alle Palästinenser das Land zu verlassen hätten. Es war eine Reaktion auf das erweiterte Autonomieabkommen zwischen Israelis und Palästinensern. Die Familie hatte in Deutschland einige Verwandte. Daher beschlossen Ramis Eltern, hierher zu kommen.

Irgendwann, als er schon fast erwachsen war, hatte Rami im Bücherkarton seiner Mutter ein Buch des Amerikaners Paul C. Bragg gefunden. Bragg schreibt, dass ein Mensch einhundertzwanzig Jahre alt werden kann, wenn er gesund isst, Sport treibt, ausreichend schläft und darauf achtet, immer ein zufriedenes Herz zu wahren. Rami beschloss, das auszuprobieren.

An jenem Tag, als er erfuhr, dass er niemals Bafög bekommen wird, stand sein Ziel, das Alter von einhundertzwanzig Jahren zu erreichen, ernsthaft auf dem Spiel. Der amerikanische Gesundheits-Guru hält Traurigkeit und Wut für ebenso schädlich wie Alkohol und Nikotin.

Deshalb verkniff sich Rami die Trauer und die Wut über diese Ungerechtigkeit wie andere Leute sich das zweite Glas Wein oder die dritte Zigarette verkneifen.

Von diesem Tag an erkannte er, dass Traurigkeit eine Art Luxus für Leute ist, die Zeit haben. Das Lernpensum der Hochschule war happig, aber Rami blieb keine Zeit zum Lernen mehr. Er musste einen Job finden, der ihm seinen Lebensunterhalt sicherte, denn seine Eltern hatten nicht das Geld, ihn zu unterstützen. Sie kamen ja selbst kaum über die Runden.

Rami fand Arbeit bei einer Rechtsanwältin. Täglich sortierte er nach den Vorlesungen ihre Papiere, schrieb Briefe, erledigte Anrufe. Zum Lernen blieb ihm oft nur die Nacht. Er musste die Regeln von Paul C. Bragg in zwei weiteren Punkten vernachlässigen. Er fand nicht mehr ausreichend Zeit zu schlafen. Das Sport-Programm fiel ganz aus.

Ungefähr zu der Zeit, als Rami sich für das Studium der Gebäude -, Energie – und Informationstechnik an der Technischen Fachhochschule beworben hatte, war die Nachricht über die ungerechte Behandlung der Migrantenkinder bei der Bundesregierung angekommen. Sie beschlossen, die Sache zu ändern.

Das Gesetz trat im Januar 2008 in Kraft, kurz bevor Rami zu den ersten Prüfungen antreten musste. Die Hälfte der Prüfungen hatte er bereits nach hinten verlegen können. Zu diesem Zeitpunkt hatte er keine Hoffnung, die Regelstudienzeit von drei Jahren einhalten zu können.

Doch Rami ist ein Optimist, jemand, der die Dinge heiter und positiv sieht. Er hat immer gewusst, dass es so ungerecht nicht zugehen darf, nicht hier in Berlin, wo er sich immer als Berliner gefühlt hat. Er wusste es vor dem Sachbearbeiter auf dem Bafög – Amt. Der schaute ihn verdutzt an und ließ sich die Neuigkeit von dem Student aus dem Internet fischen. Auf den Seiten seiner eigenen Behörde.

Mittlerweile hat Rami das Gesundheitsprogramm nach Bragg wieder aufgenommen. Er trinkt Pfefferminztee, schläft, joggt und lernt. Hin und wieder arbeitet er. Er arbeitet im Büro einer Agentur, die ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland vermittelt. Man schätzt dort seine Sprachkenntnisse.

Paul C. Bragg ist übrigens im Alter von ungefähr neunzig Jahren beim Windsurfen in Kalifornien verunglückt. Möglicherweise war er auch erst achtzig Jahre alt. Über sein wahres Alter wird spekuliert. Es heißt, er habe sein Geburtsjahr zugunsten seiner Theorie gefälscht.

„Man hat seine Organe untersucht und festgestellt, dass sie noch so gut in Schuss waren wie die eines Dreißigjährigen“, sagt Rami.
Rami hat Bragg auf russisch gelesen. Seine Mutter muss das Buch noch in der Sowjetunion erworben haben. Sie hat es mit nach Libyen und später nach Deutschland genommen. Es muss ihr also etwas bedeuten. Rami hat nie mit seiner Mutter über das Buch gesprochen. Seine Eltern haben andere Sorgen. Die Ausländerbehörde zweifelt daran, dass sie für den Lebensunterhalt der Familie sorgen können. Sie warten noch immer auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.

Rami glaubt, dass er jetzt eine bekommen wird. Eigentlich hätte er sie bereits am 1. Juli in Empfang nehmen können, doch wegen des Streiks im öffentlichen Dienst muss er sich noch ein paar Tage gedulden. Es steht außer Frage, dass er hier bleiben will. Er ist hier zu Hause. Sobald er die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hat, wird er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Auch seine Eltern und seine Schwester werden das tun.

„Meine Schwester hat mehr Glück als ich“, sagt Rami. „Sie ist sechs Jahre jünger. Sie ist nur in Deutschland zur Schule gegangen und hat die Sprache von Anfang an gelernt. Sie wird ein sehr gutes Abi machen.“

Rami achtet darauf, dass seine sechzehnjährige Schwester Anna genügend schläft. Er schickt sie jeden Abend um 22 Uhr ins Bett. Schließlich soll auch sie einhundertzwanzig Jahre alt werden, denn allein macht das keinen Spaß.

Was er sich wünscht, jetzt, da er in der Lage ist, das Leben eines ganz normalen Studenten zu führen? Rami fällt lange nichts ein. „Mal wieder ins Theater. Oder essen gehen mit der ganzen Familie.“

Doch jetzt, vor den Prüfungen, spürt er, dass er noch immer an der Last des ersten Semesters trägt. Teilweise fehlt ihm Stoff aus der Zeit, als er einfach nicht zum Lernen kam. Zum Glück kann er einen Teil der Prüfungen nach den Semesterferien absolvieren.
„Ohne Bafög hätte ich das Studium wahrscheinlich nicht geschafft“, sagt Rami. „Selbst wenn man sehr schlau ist und alles schnell lernt, man braucht die Zeit, um Zeichnungen anzufertigen und im Labor zu arbeiten.“

Viele Jugendliche aus Migranten-Haushalten, die in der Vergangenheit kein Bafög beantragen konnten, brachen ihr Studium irgendwann ab. Rami hat Glück gehabt. Aber das war knapp.

Kultur der Mischung

Berliner Zeitung

Isabelle Bruniquet hat afrikanische, asiatische und europäische Wurzeln. Sie weiß nicht recht, wohin sie gehört

Wegen ihres Akzents glaubt man, sie sei Französin. Sie ist schlank. Sie hat hellgrüne Katzenaugen, rotes Haar und Sommersprossen.
Die Schwarzen im Lumumba, ihrem Lieblingsclub in der Karl-Marx-Allee, sagen: „Du bist doch eine von uns. Hast eben nur die falsche Hautfarbe.“

„Es ist mein Dilemma“, sagt Isabelle Bruniquet. „Ich weiß eigentlich selbst nicht, wer ich bin.“

Isabelle Bruniquet ist Kreolin. Vor 39 Jahren wurde sie auf Réunion geboren, einer Insel im Indischen Ozean, achthundert Kilometer östlich von Madagaskar. Ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern wurden ebenfalls auf Réunion geboren. Doch dann verlieren sich die Spuren der Familie auf drei Kontinenten, in Indien, Afrika und Europa.

Isabelle studierte in der Hauptstadt Saint-Denis französische Sprach – und Literaturwissenschaft. Sie liebt die französische Sprache und Literatur. Sie ist froh, dass Réunion politisch zu Europa gehört. Sonst hätte sie, die Tochter einfacher Leute, kaum die Chance zu studieren gehabt.

Sie war noch Studentin, als sie ein interessantes Angebot aus Deutschland bekam. An der Universität Bamberg arbeiteten Sprachwissenschaftler an der Erforschung der Kreolischen Sprachen. Sie erstellten ein Etymologisches Wörterbuch. Und Isabelle sollte dabei sein.

Das ist ihre Chance, die kleine Insel, um die man im Auto in drei, vier Stunden herum fährt, zu verlassen. Sie weiß schon lange, dass sie hier weg möchte, raus in die Welt, zu den Wurzeln ihrer Familie, ihrer Sprache.

Bamberg erschien ihr engherzig und kühl. Aber immerhin verliebte sie sich. In Bamberg kam ihr Sohn Lucien zur Welt. Nach zwei Jahren wurde ihr die Luft in der fränkischen Stadt zu knapp. Mit Mann und ihrem Sohn ging sie nach Berlin und fand Arbeit als Französisch-Lehrerin in einer privaten Sprachschule.

Einmal saß ihr einer ihrer Schüler auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn gegenüber. „Plötzlich sagte er: ‚Ich wusste es! Sie haben afrikanische Füße. Sie kommen aus Afrika’.“

Ein paar Wochen später blätterte die Französischlehrerin im Wartezimmer in einer Zeitschrift und las, dass Anthropologen nach der Länge des zweiten Zehs in griechische und ägyptische Füße unterscheiden.

Isabelle Bruniquet ärgert sich, dass körperliche Nebensächlichkeiten wie Zehenlängen und Hautfarben in Europa ein Thema sind.

Natürlich unterscheidet man auch auf Réunion die Cafres, die Nachkommen der Afrikaner von den Zarabes, den hellhäutigen Indern aus dem Norden und den dunkleren aus dem Süden, den Malbars. Man nennt die Nachkommen der armen Europäer P’tit blancs und die Kinder der Reichen Grand blancs, man spricht von den chinesischen yabs und den französischen Z’oreilles. Wessen Herkunft nicht mehr klar erkennbar ist, der gehört zu den Créoles. Wie Isabelle. Und niemand macht eine große Geschichte daraus, dass sie ein bisschen heller ist und trotz ihrer roten Haare richtig braun wird im Sommer. Was Haut, Haare und Augen angeht, ist auf Réunion, der Name bedeutet Versammlung oder Zusammenkunft, alles möglich.

Bis ins 18. Jahrhundert lebte kein Mensch auf der Insel. Dann kamen gleichzeitig Europäer, Asiaten, Afrikaner, die einen als Plantagenbesitzer, die anderen als ihre Sklaven und Bediensteten.

„Es ist nicht so, dass aus der Mischung eine neue Identität entsteht“, widerspricht Isabelle Bruniquet dem Kulturtheoretiker Edouard Glissant, als er im Französischen Kulturzentrum in Berlin zu Gast ist. Glissant hat eine Vision von der „Kreolisierung“ der Welt, die Theorie, dass sich die Kulturen im Zuge der Globalisierung so weit miteinander vermischen, dass die Identität der Menschen nicht länger aus tief verwurzelten Traditionen und Gebietsansprüchen genährt wird, sondern aus dem Geflecht der Begegnungen und Mischungen. Glissant glaubt, dass daraus neue kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten entstehen. Dabei kritisiert er den „Kulturimperialismus“ der Kolonisatoren.
Isabelle sieht die Kolonialmacht Frankreich ambivalent. „Jeder auf Réunion ist froh über das Gesundheits – und Bildungswesen. Ich liebe die französische Kultur. Aber bin ich eine Französin? Nein. Obwohl ich in Berlin fühle, wie französisch ich bin.“

„Nimm dir von allem das Beste“, rät ihr Glissant, doch die rothaarige, weiße Kreolin findet darin keine Antwort. „Das beendet doch nicht diese Quälerei“, sagt sie.

Die Quälerei fing schon in ihrer Kindheit an. Obwohl in ihrem Elternhaus Kreolisch gesprochen wird, verbietet die Mutter Isabelle, draußen, auf der Straße oder in der Schule kreolisch zu sprechen, nicht, weil der Einwanderer-Mix, für den es keine einheitliche Schrift gibt, als offizielle Sprache verboten ist, sondern weil sie sich dafür schämt. „Wer kreolisch spricht, ist ein Depp“, sagt die Mutter. Kreolisch ist nicht die Sprache der Gebildeten. Ende der Siebzigerjahre existiert noch keine kreolische Literatur. Auf kreolisch werden Märchen von Generation zu Generation weiter gegeben. Es ist die Sprache der Sänger und der einfachen Leute, der Arbeiter, der Bauern. Als Isabelle zur Schule geht, publiziert lediglich die kommunistische Zeitung der Insel Artikel auf kreolisch. In den Siebzigerjahren kämpfen einige Intellektuelle dafür, dass die Sprache eine einheitliche Schrift bekommt, die sich möglichst von Französisch unterscheiden sollte. Sie gelten als radikal.

„Es ist meine Sprache“, sagt Isabelle. „Und es waren die Franzosen, die diese Sprache unterdrückt haben.“

Ihre Eltern verstehen bis heute nicht, dass sie sich ernsthaft mit ihrer Muttersprache auseinandersetzt, sie erforscht und sogar an einem Wörterbuch mitgearbeitet hat.

In der Berliner Wohnung von Isabelle stehen Regale voller französischer Literatur, zwischendrin Skulpturen und Instrumente aus Afrika. Sie lernt jetzt afrikanisch trommeln und tanzen. Sie hat sich auf die Suche nach Leuten von Réunion gemacht und tatsächlich einige gefunden. In Berlin sind sie zu dritt, es gibt noch jemanden in Dresden und mehrere im Rheinland. Sie haben den Verein „Reunion der Kulturen“ gegründet, den Verein zur Förderung der Kultur Réunions e.V.

In einer Ecke ihres Zimmers hat sie die Fotos ihrer Familie aufgehängt. Ihr sehr weißer Sohn Lucien neben dem dunklen Großvater. Die indische Urgroßmutter im Kreis ihrer Kinder.

„Auf Réunion“, sagt sie, „lebt man mehr in der Gemeinschaft. Wir lernen von klein auf, die Tabus der anderen zu respektieren. Es gibt jede Religion und eine Menge Aberglauben. Die Kirchen läuten, die Muezine rufen von den Moscheen. Und niemand beschwert sich, wenn er wegen einer religiösen Prozession im Stau steht. Wenn ich früher zu meiner Großmutter gegangen bin, habe ich darauf verzichtet, einen Ledergürtel zu tragen, weil es ihre religiösen Gefühle verletzt hätte. Sie glaubte, dass Kühe heilige Tiere sind.“

Es sieht aus wie ein kleiner Altar für ihre Ahnen, ein Ort der Sehnsucht. Vielleicht brechen Menschen auf und begeben sich an andere Orte, damit ihre Sehnsucht Namen bekommt. Die Namen der verlassenen Orte. Die Namen der Menschen auf den Fotos und den Gräbern.
In den Forts von Senegal, Ghana, Benin und Mosambik, an den Orten, an denen die Gefangenen Afrikas auf Schiffe verladen wurden, endet ihre Identität im Nichts.

Isabelle war erst einmal in Afrika. In Burkina Faso, der Heimat ihres Freundes. „Sie haben mich dort wie eine Einheimische behandelt“, erzählt sie. „Nicht wie eine französische Touristin. Niemand hat versucht, mich übers Ohr zu hauen.“ Sie spricht von der Solidarität der Afrikaner, dem Familiensinn, der ihr näher ist, als die zentrifugalen Ego-Kräfte Europas. Sie denkt, dass sie eher nach Afrika gehört als nach Europa.

Sie möchte dorthin zurück, die sogenannte Sklavenroute abfahren. Sie weiß, dass es unmöglich ist, die Wege der Sklaven nach Réunion nachzuvollziehen, aber sie hat in Erfahrung gebracht, auf welchen Wegen die Bevölkerung verschachert wurde, dass auch Schwarze Schwarze verkauften, die Stärkeren die Schwächeren. Sie hat gehört, dass es eine Route über Südafrika an die Ostküste gab, dass viele der Sklaven auch aus dem Landesinneren kamen, nur weiß keiner, aus welchen Ländern. In Burkina Faso hat sie Leute aus dem Tschad getroffen und Worte aus dem Kreolisch ihrer Heimat aufgespürt, mit derselben Bedeutung. Das ist noch kein Beweis. Es ist nur ein Gefühl, dass ihre Vorfahren möglicherweise von dort…?

„Aber solange ich auch suche“, sagt sie. „Ich werde es nie wissen.“

Die Schrittmacherin

Dagmar Gail kämpft um jeden Zentimeter Mensch

Ihr antiker Schreibtisch ist überladen mit Paragraphen und deren Deutungen, Entwürfen, Lexika, Briefen und Fachzeitschriften. Die Ordner stapeln sich nebenbei auf dem Teppich. Pfeif auf die Papiere. Das Telefon klingelt ununterbrochen an diesem Vormittag.

Eine Frau aus Suhl möchte sterben. Dagmar Gail kennt diesen Wunsch. Sie kann die Frau verstehen. Sie sagt: „Umbringen können Sie sich immer noch. Jetzt gehen wir erst einmal den nächsten Schritt. Das wird nicht einfach. Das wird weh tun. Danach sehen wir weiter.“ Sie schiebt die weißen, kurzen Haare flach aus der Stirn, bis sie ihr zu Berge stehen. Die Augen treten leicht hervor.

An den Wänden Fotos von Kongressen und Empfängen, wieder Briefe, besondere Briefe, Zeichnungen. Medizinische Plakate mit grafischen Darstellungen des menschlichen Gefäßsystems. Die Flüsse und Deltas der Adern. Rotes Blut. Blaues Blut. Blut, das fließt. Blut, das stockt.

Auf dem Empfangstisch für Gäste zwischen Orangen und Schokolade liegt das kleine Modell der Arterie, die sich im Bauch in zwei Arme, besser Beine, teilt und die unteren Extremitäten versorgt. Eine kleine, rote Hose zum Aufklappen. Drinnen wächst Plaque an den Wänden, dick und gelblich wie Zahnbelag. Periphere Arterielle Verschlusskrankheit heißt das und kostet jährlich ungefähr fünfzigtausend Deutschen ein Bein. Das will niemand hören. Das ist das Schlimmste. Lieber sterben als das.

Eine Frau mit kurzen, dunklen Haaren und weißen Perlen am Ohr bringt Kaffee von nebenan. Nadine Borchert ist noch keine dreißig Jahre alt. Sie hat Sozialarbeit studiert. „Wenn ich Freunden erzähle, dass ich für die Amputierten-Initiative arbeite, dann sehen sie mich meist erschreckt an. Ich habe sogar den Eindruck, dass sie ein Stück von mir abrücken.“

Die Dame mit den weißen Haaren hat aufgelegt. Sie wählt sofort die nächste Nummer. „Wenn Sie die Prothesenversorgung ablehnen“, erklärt sie, „wird die Patientin gerichtlich dagegen vorgehen. Ich werde Ihnen Urteile faxen, die Amputierten in der Vergangenheit das Recht auf eine wasserfeste Prothese zugestanden haben. Ich weise Sie darauf hin, dass Richterrecht nicht durch die ökonomischen Interessen der Krankenkassen verworfen wird.“

Vor sechzehn Jahren hat Dagmar Gail die Amputierten-Initiative e.V. in Berlin gegründet. Seit Beginn leitet sie den Verein ehrenamtlich. Die Amputierten-Initiative e.V. hat ihren Sitz in einem modernen Haus zwischen den Villen am Schlachtensee. Es ist der einzige Verein in Deutschland, der sich um die Bedürfnisse Amputierter kümmert und durch Aufklärung Amputationen zu verhindern hilft.

Einst, als sie auf zwei gesunden Beinen im Leben stand, leitete Dagmar Gail eine Künstler – und Konzertagentur. Berühmtheiten wie der Schauspieler Karl-Heinz Böhm waren bei ihr unter Vertrag. Doch als sie ihre zweite Karriere als Juristin aufbauen wollte, sie war Mitte vierzig, begannen die Schmerzen im Bein. Wahnsinnige Schmerzen.

Heute weiß sie, dass die Amputation hätte verhindert, zumindest aber um einige Jahre verzögert werden können. Heute weiß sie alles über Untersuchungen wie ABI, den Knöchel-Arm-Index oder CW-Dopplersonographien und präventive Maßnahmen wie Infusionen und Bypässe.

Damals musste sie die Fehldiagnose auf Gelenkkapselentzündung hinnehmen und falsche Medikamente schlucken, anschließend mehrere Bypass-Operationen über sich ergehen lassen, bis der Unterschenkel doch amputiert wurde.

Dagmar Gail spricht über dringend notwendige Aufklärungsmaßnahmen und Ärzte, die einfache Gefäßuntersuchungen anstellen könnten, es aber nicht tun und über Spezialisten und Gefäßkliniken, mit denen der Verein zusammenarbeitet. Sie spricht ohne Punkt und Komma, immer wieder unterbrochen vom Telefon. Auflegen. Weiter. Als wäre das ihre letzte Gelegenheit, jenes Wissen, das rings um ihren Schreibtisch gestapelt liegt, nach draußen zu geben, auf dass es die Gesunden erreicht. Doch für die Jogger und Nordic-Walker da draußen tönt das Wort Amputation wie ein düsterer Kanonenschlag von längst überwucherten Schlachtfeldern her. Wie jeden Morgen sporteln sie an dem Haus vorbei zum Grunewald.

Allenfalls hat man vom Raucherbein gehört. Ein Wort, dass augenblicklich den nächsten Aufklärungsschwall bei Dagmar Gail auslöst. Eine Schuldzuweisung sei diese Bezeichnung, zumal nicht allein das Rauchen die Ursache des sogenannten Raucherbeins sei, sondern eine Vielzahl anderer Faktoren.

Dann schweigt sie. Sie steht auf und läuft. Sie muss sich auf jeden Schritt konzentrieren. Jeder Schritt schmerzt. Sie steht noch immer mit beiden Beinen im Leben, nur dass es jetzt langsamer vorwärts geht, was normalerweise kein Nachteil sein müsste. Starrer und schmerzhafter als das Bein aus Holz und Draht sind die ökonomischen Zwänge der Gesellschaft, die mehr und mehr von Eng – und Kleindenkern vollstreckt werden. Wieso sie sich für einen Mann engagiere, der dem Krankenhaus täglich fünftausend Euro koste?, herrschte sie kürzlich ein Arzt aus Dresden an. Und der außerdem sein Leben lang geraucht habe.

„Das Ziel unserer Arbeit ist, Beine und Arme zu retten“, sagt sie, als sie den kleinen Gästetisch erreicht und Platz genommen hat. „Die meisten Amputationen könnten nämlich verhindert werden, wenn man rechtzeitig untersuchen und präventive Maßnahmen einleiten würde.“

Betroffenen will der Verein helfen, auf die Ersatz-Beine zu kommen, Schritt für Schritt ein verändertes Leben zu erlernen, einen neuen Sinn zu begreifen. Die Amputierten-Initiative vermittelt an Geh-Schulen, Psychologen, Physiotherapeuten und andere Spezialisten sowie an Gefäß-Kliniken, die sich um den Erhalt des gesunden Beines bemühen.

„Wissen Sie, was das beste Erlebnis für den zwölfjährigen rumänischen Jungen war, der bei einem Unfall beide Beine verloren und jahrelang nur im Rollstuhl gesessen hatte? Als er mit den Prothesen laufen konnte, dieser Moment, als er endlich ohne Begleitperson zur Toilette gehen konnte, hat ihm ein neues Selbstbewusstsein gegeben.“

Mehr als eintausend Anfragen gehen pro Jahr bei der Amputierten-Initiative ein. Dagmar Gail weiß, welche Hilfsmittel es gibt und steht den Betroffenen zur Seite, wenn sie um ihre Rechte kämpfen müssen. Sie akzeptiert nicht, dass die Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen zunehmend von den Errungenschaften des medizinischen Fortschritts ausgeschlossen werden. Dafür legt sie sich mit Krankenkassen und Oberärzten an.

Da ist die Sechsundziebzigjährige, die morgens sieben Uhr von einer Gutachterin aus dem Bett geklingelt wird. Unangemeldet. Sie wolle sich ein Bild machen, wie die Patientin mit ihrer Morgentoilette zurecht käme.

„Haben Sie keine Fantasie?“, schimpft Dagmar Gail in den altmodischen, weißen Hörer. Ihre Augen treten noch ein Stück weiter aus den Höhlen. „Können Sie sich nicht vorstellen, wie eine ältere Dame mit einem Bein morgens aufsteht und zur Toilette und ins Bad geht?“

Mit Spardruck von oben redet sich die Sachbearbeiterin der Krankenkasse am anderen Ende heraus. Man müsse Maßnahmen zur Prüfung der Fälle abrechnen.

„Wir fühlen uns mehr und mehr abgeschoben, in eine Ecke gedrängt“, sagt Dagmar Gail. „Und jetzt ist der Bart ganz ab.“

Gestern abend habe sie den Entwurf des neuen Hilfsmittelverzeichnisses von den Spitzenverbänden der Krankenkassen bekommen und noch in der Nacht überflogen. „Ich bin zusammen gebrochen“, sagt sie. Man glaubt es der ungemütlichen Fünfundsechzigjährigen nicht so recht, dass auch sie, deren Ehrenamt darin besteht, permanent zu nerven, zusammenbrechen könnte. Bereits heute hat sie ihre Wut gebündelt und sämtliche Einsprüche in einem Brief formuliert.

In dem neuen Verzeichnis finden sich Sätze wie der folgende: „Das Wirtschaftlichkeitsgebot schließt eine Leistungspflicht der Gesetzlichen Krankenkasse für solche Produkte aus, deren Gebrauchsvorteile nicht die Funktionalität, sondern in erster Linie die Bequemlichkeit und den Komfort betreffen.“ Doch wer legt fest, wo Funktionalität aufhört und Bequemlichkeit anfängt? Wer darf sich anmaßen, über die Lebensqualität eines anderen zu entscheiden? „Respektlosigkeit gegenüber dem demokratischen System der Bundesrepublik Deutschland“, wirft Dagmar Gail den Spitzenverbänden vor.

Dagmar Gail referiert regelmäßig auf Fachkongressen. Nadine Borchert, die junge Sozialarbeiterin, hielt in diesem Jahr ihr erstes Referat zur psychosozialen Bewältigung nach Amputationen auf dem Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Richard von Weizsäcker schickt regelmäßig aufmunternde Worte. Der Verein erhält Briefe wie jenen von Professor Diehm aus dem Klinikum Karlsbad-Langensteinbach: „Im übrigen sehe ich überall die Spuren Ihrer Arbeit. Ich kann Sie dafür nur beglückwünschen. Sie bewerkstelligen politisch mehr als viele große andere Organisationen.“ Schöne Worte, doch die Vereinskasse füllen sie nicht.

Draußen joggen die Gesunden vorbei. Der Computer an ihrem Knöchel mißt Puls, Herzfrequenz und Energieverbrauch. Dagmar Gail fühlt sich immer häufiger am Ende ihrer Kraft. Sie zweifelt, ob ihre kleine Widerstandszelle ausreicht, immer und immer wieder gegen die Ausgrenzung derer, die nicht mehr effizient funktionieren, anzukämpfen.

Wie lange sie den Verein noch halten, wovon sie ihre junge Mitstreiterin Nadine Borchert in den nächsten Jahren bezahlen soll, das weiß sie noch nicht.