Auf der Spur der Steine

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Foto: ⓒ Daniel Wolter

Granit – Fundort: Marzahner Promenade 44-45 (2012) vermutlich: Aland-Granit (Rapakiwi), entstanden vor ca. 1,5 Milliarden Jahren im Gebiet des heutigen Åland (Finnland)

Aus dem „Feldbuch Marzahner Promenaden Geologie“

Im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf soll ein neues Quartier für Kunst entstehen. Das Wohnungsunternehmen DEGEWO vermietet seit zwei Jahren leerstehende Läden zum Betriebskostenpreis an Nachwuchskünstler aus der Innenstadt. Sie sollen Publikum und Geschäftsleute anziehen, die große Plattensiedlung im Osten endlich aufwerten.

Der 28jährige Daniel Wolter denkt allerdings weiter in die Zukunft als den Immobilienmanagern lieb ist: „Wenn die Häuser hier wieder zu Staub zerfallen sind, und Wissenschaftler in Tausenden von Jahren den Grundriss von Marzahn freilegen, dann wird man die besondere geometrische Struktur der Stadt, die geraden Straßen und rechtwinkligen Wohnviertel, nur politisch erklären können. Das meine ich, wenn ich von der Verschränkung der Geologie mit der Politik spreche.“ Daniel Wolter beschäftigt sich mit …… dem sogenannten Anthropozän, dem Erdzeitalter, das die Menschheit erschaffen hat. Nicht nur Wissenschaftler beschäftigen sich seit der Jahrtausendwende mit den Gesteins-Spuren der Menschheitsgeschichte. Auch viele Künstler sind von der neuen geologischen Epoche fasziniert. Wegen des Anthropozäns fährt Daniel Wolter morgens von seiner Wohnung am Ostkreuz mit der S-Bahn in sein Atelier nach Marzahn.

Die Glasfassade gibt den Blick auf die menschenleere Marzahner Promenade frei. Eine Platane streckt ihre schwarzen Äste in den Frühlingshimmel. Dahinter fliest eine großzügige Wiese bis zu den Neubaublöcken auf der anderen Seite. In den Wohnungen gehen gerade die Lichter an. Neben der Platane flackert eine tulpenförmig geschwungene Straßenlampe auf. Daniel schätzt die Konzentration, die ihm dieser Ort ermöglicht. Nichts lenkt ab: keine Reklame, kein Autolärm, keine Musik, kein Café, von dem aus Freunde anrufen, ob er nicht Lust auf eine Pause hat. Vor der Marzahner Landschaft wirkt Daniel wie aus einem Gemälde des sozialistischen Realismus gefallen, nur lässiger. Schmal, graues Shirt, Jeans und Turnschuhe, den linken Fuß locker auf dem rechten Knie. Die dunklen Haare sind nicht in Stirn und Wangen gepustet oder gegeelt, sondern einfach störfrei geschnitten. Er trägt eine eckige, klare Brille. „Es ist schon komisch, wenn man aus der Stadt fährt und plötzlich die Plattensiedlungen beginnen. Depressiv macht mich das aber nicht.“ Er ist schneller hier als in der Kunsthochschule Weissensee, wo er bis 2011 Textil – und Flächendesign studiert hat.

Daniel gehört zu einem Künstler-Kollektiv, das „Analogien und  Geologie in einem universellen Kontext freilegen“ möchte, wie es im Blog der Gruppe heißt. Was quasi alles bedeuten kann. Sie nennen sich Stratagrids. „Strata“, erklärt Daniel, „kommt von Stratigraphie, der Wissenschaft, die sich mit den Erdschichten beschäftigt. Grid bedeutet das Netz, das darüber liegt, also das von Menschen Geschaffene.“ Seine Begeisterung für die Geologie begründet er so: „Steine haben diese Präsenz. Sie sind pures Material.“ Im letzten Sommer hat Daniel Milliarden Jahre alte Kiesel aus dem Beton der Marzahner Promenade gehackt: Quarz, Granit, Feuerstein, Sand – und Kalkstein, Gneis. Sie wurden während der letzten Eiszeit aus Skandinavien nach Brandenburg geschoben. „Beton steht ja für Künstlichkeit, auch für Tristesse. Ich wollte da rein gehen und zeigen, woher er Beton eigentlich kommt. Die Kiesel sind Teil des Betons. Sie werden noch Jahrmillionen bleiben. Der Betonstein wird dann längst wieder zerbröckelt sein.“ Der Grundstoff des Marzahner Betons sei Muschelkalk. In Rüdersdorf, wo das Betonwerk steht, gäbe es besonders große Vorkommen. Die Kiesel stammten vermutlich aus den nahen Kiesgruben. Marzahn – eine Siedlung aus Muschelkalk und skandinavischen Kieseln? Ein Produkt der letzten Eiszeit? Daniels „Feldbuch Marzahner Promenaden Geologie“ ist ein dünnes, mattgraugrün gebundenes Heftchen mit den Porträts der irritierend alten Marzahner Steine. „Anhand des Betons könnten Wissenschaftler in Tausenden von Jahren sogar die innerdeutsche Grenze rekonstruieren, denn der Beton im Westen stammt aus anderen Lagerstätten als im Osten.“ Politik und Geologie. Und alles zusammen ist neuerdings Kunst. Das haben sich die Vermieter der Ateliers anders vorgestellt. Bei einem Treffen mit den Vertretern der DEGEWO ging es kürzlich darum, dass die Nutzung der Läden als Ateliers doch bitte auch von außen deutlich sichtbar sein soll, damit die Leute sehen, dass hier etwas entsteht. In den großen Fenstern sollen Produkte ausgestellt werden, Bilder, Skulpturen, Kunst eben. Dieses Ding mit den Steinen: Ist das nicht eher Physik? „Ich möchte hier einfach nur arbeiten“, sagt Daniel. „Diese lokalpolitischen Diskussionen interessieren mich nicht.“ Daniels Arbeit wurde durch das Programm „Temporäre Kunstprojekte für die Marzahner Promenade“ im Jahr 2012 gefördert. Die Leiterin der Marzahner Galerie M, Karin Scheel, hat das Programm mit entwickelt. Sechs Künstler werden jährlich eingeladen, sich mit ihren Projekten um die Förderung zu bewerben. Drei werden ausgewählt.

Daniel Wolter ist selbst ein Kind des Beton. Er ist in Hellersdorf aufgewachsen, erinnert sich an das  3. Schuljahr, 1993, als seine Klasse plötzlich schrumpfte. Viele zogen in den Westen, einige auch ins nahe Mahls – oder Kaulsdorf, in ein eigenes Häuschen. „Heute wohnen komplett andere Leute dort, viele Einwanderer aus Russland und Vietnam. Der Kindergarten, die Grundschule, das Gymnasium- alles ist weg.“ Die Kindheit ist zu Muschelkalk zerfallen. Es bleiben aber die uralten Kiesel. Daniel strebt jetzt einen PhD in „künstlerischer Forschung“ an. Wie der Name sagt, verschmilzt in diesem neuen Doktorat die Kunst mit der Wissenschaft.

Heute sind die Steine aus Italien zurückgekommen. Beim SVEART-Art Festival in St.Vincent war Daniels Marzahner Promenaden Geologie einer der beiden deutschen Beiträge. Er wird jetzt eine kleine Vitrine bauen und die Steine im Schaufenster zeigen.

 

 

 

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