Der Ungleichgestellte

Berliner Zeitung

Der Zahnarzt Ali Al-Akla hat keine Probleme, in Berlin eine Arbeit in seinem Beruf zu finden. Aber er darf ihn nicht ausüben.

Dreizehn Jahre sind vergangen, seit der Zahnarzt Ali Al-Akla mit seiner Frau und seinen zwei Kindern aus Libyen nach Deutschland kam. Damals war er vierunddreißig Jahre alt. Die Familie hatte nicht viel Gepäck und kein Vermögen, doch Ali und Ina Al-Akla waren voller Hoffnung. Ihre gute Ausbildung würde ihnen auch in Deutschland weiter helfen. Der Zahnarzt brachte Berufserfahrungen aus einer modernen Praxis mit.

Heute ist Ali Al-Akla siebenundvierzig Jahre alt, ein Alter, in dem einige Menschen noch jung, andere schon alt sind.

Herr Al-Akla trägt das dunkle Haar kurz geschnitten. Er ist schlank. Seine Haut ist glatt.

Doch seine Stimme klingt matt und so gleichförmig wie die Linie eines erloschenen Herzens.

Er sitzt in seiner Wohnung in der Friedrichstraße, an deren glanzlosen Ende, in Kreuzberg. Auf dem Tisch und dem Sofa rings um ihn stapeln sich Papiere: Anträge und Bewerbungen. Zu- und Absagen. Zertifikate. Listen mit den Paragraphen der Aufenthaltstitel und deren Bedeutung. „Paragraph? Absatz? Satz eins oder zwei?“, fragen die Sachbearbeiter auf den Behörden, um die Al-Aklas in der richtigen Kartei ab – und stillzulegen. Dabei möchte der Zahnarzt nur eins: Endlich in seinem Beruf arbeiten.

Die Paragraphen, Absätze und Sätze haben Herrn Al-Akla müde gemacht. Es scheint, dass sein Leben in Deutschland nur um Papiere kreist.

Aus Gewohnheit kleidet er sich jeden Morgen elegant. Kaum, dass sie in Berlin angekommen waren, hat er sich auf die Suche nach einer Arbeit gemacht. Immer, wenn er an einer Zahnarztpraxis einen arabischen Namen las, ging er hinein und stellte sich vor. „Al-Akla. Ich habe am Staatlichen Medizinischen Institut Donezk in der Ukraine studiert. Danach praktizierte ich in Libyen.“

Mehrere Zahnärzte bescheinigen ihm, dass sie ihn einstellen, sobald er eine Aufenthaltsgenehmigung hat und arbeiten darf.

Das dauert. Erst im Jahr 2004 erhält die Familie nach jahrelanger „Duldung“ eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Der Zahnarzt stellt einen Antrag auf Berufserlaubnis beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Doch die Behörde lehnt ab. „Nach den Bestimmungen des Zahnheilkundegesetzes ist die Behandlung der hiesigen Bevölkerung Deutschen und Staatsangehörigen eines der übrigen Mitgliedsstaaten des Europäischen Wirtschaftsraumes vorbehalten.“

Im Gesetz steht die Staatsangehörigkeit sogar an erster Stelle vor weiteren Voraussetzungen für den Ärzteberuf.

„Warum sind Sie hierher gekommen?“, habe ihn die Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde bei einem Besuch gefragt, erzählt Al-Akla. Sie hätte die Frage nicht gestellt, weil sie an diesem Palästinenser, der statt einem Pass nur ein Reisedokument besitzt, das ihn als staatenlos auswies, sonderlich interessiert gewesen wäre.

„Weil Sie hier Geld machen wollen, nicht?“ hätte die Frau gesagt.

Und Herr Al-Akla habe geantwortet: „Ich bin gekommen, um zu arbeiten. In meinem Beruf als Zahnarzt.“

Doch das ist nur die halbe Antwort. Die Al-Aklas sind nach Deutschland gekommen, um ihr Leben zu retten.

1995 forderte die libysche Regierung alle Palästinenser auf, das Land binnen dreißig Tagen zu verlassen, eine Reaktion auf die Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern. Eine Rückkehr in den Libanon, wo Ali Al-Akla vor seinem Studium in der Sowjetunion lebte, ist nicht möglich. Der Libanon verweigert Palästinensern die Einreise. Das Ehepaar beschließt, Zuflucht in Deutschland zu suchen, weil sie hier Verwandte haben.

Die ersten Jahre lebt die Familie in einem Heim für Flüchtlinge. Sie gelten als „illegal eingereist“. Ob sie bleiben können, ist lange ungewiss.

In der Praxis von Ghassan Douedari in Friedenau brummt noch der Bohrer, obwohl die Sprechzeit seit einer Stunde vorbei ist. Das Behandlungsbesteck klappert auf den Glasplatten.

Die Patientin, ein arabisches Mädchen, spült wenig später den Mund aus, steht auf und schüttelt das lange Haar. Die Zahnarzthelferin bereitet den Platz für den nächsten Patienten vor. Eine verschleierte Praktikantin schaut ihr dabei zu, die Daumen lässig in den Taschen ihrer bauchfreien Jeans.

„So ist es jeden Tag“, sagt Ghassan Douedari. Er mag älter sein als Ali Al-Akla, doch seine Stimme klingt ruhig und fest. Er streift die Gummihandschuhe ab und fährt mit der flachen Hand über die kahle Stirn. Seine braunen Augen hinter den kleinen, runden Brillengläsern zeigen keine Spur von Müdigkeit. „Heute kamen nur unangemeldete Patienten.“ Fünfzig Prozent seiner Patienten sind Araber, dreißig Prozent Deutsche, der Rest ist gemischter Herkunft.

Ghassan Douedari würde Herrn Al-Akla sofort als Assistenzarzt einstellen. „Er spricht fließend russisch und arabisch. Das können wir in der Praxis gut gebrauchen.“ Zweitausendfünfhundert Euro würde er Herrn Al-Akla monatlich zahlen. Das hat er ihm wiederholt schriftlich bestätigt. Hätten die Al-Aklas dieses Einkommen, stünde einer dauerhaften Aufenthaltserlaubnis nichts mehr im Wege. Doch es ist umgekehrt. Erst muss die Familie ohne staatliche Hilfe für ihr Einkommen sorgen, dann dürfen sie bleiben, dann darf Herr Al-Akla vielleicht als Zahnarzt arbeiten.

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales weiß, dass Ghassan Douedari seinen jüngeren Kollegen wegen dessen Sprachkenntnissen sofort einstellen würde, lehnt aber dennoch ab, weil „kein Patient ein Anrecht auf eine Behandlung in seiner Muttersprache hat.“

Ghassan Douedari kommt aus Syrien. Er hat in Berlin studiert und längst eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Damit erfüllt er eine der Voraussetzungen, unter denen auch Ärzte von außerhalb der Europäischen Union in Deutschland arbeiten dürfen.

Denn während ein Arzt aus der EU einen Rechtsanspruch auf eine Berufserlaubnis in Deutschland hat, müssen Ärzte aus anderen Ländern sich darum bewerben. Dabei spielt es keine Rolle, wo sie ihre Ausbildung gemacht haben. Ein deutscher Arzt, der sein Diplom in Südamerika gemacht hat, besitzt allein aufgrund seiner Staatsangehörigkeit das Recht, hier zu arbeiten, während ein Südamerikaner, der in Deutschland studiert hat, keinen Anspruch darauf hat.

Ärzte, die an Universitäten außerhalb der EU studiert haben, müssen lediglich in einer sogenannten Gleichwertigkeitsprüfung beweisen, dass ihre Ausbildung dem europäischen Standart entspricht. Die Bundeszahnärztekammer warnt ausländische Bewerber auf ihrer Informationsseite im Internet vor der hohen Durchfallquote.

Doch bis zur Gleichwertigkeitsprüfung wird Ali Al-Akla gar nicht vorgelassen. Zuerst braucht er die Berufserlaubnis.

Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin hat sich mit der Geschichte der Berufsordnungen für Ärzte beschäftigt. Er verweist auf die Reichsärzteordnung von 1935. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal ein gesetzlicher Rahmen für die Ausübung des Ärzteberufes in Deutschland geschaffen. Verschiedene Ärztebünde hatten dies bereits in den Zwanzigerjahren immer wieder gefordert. “Anfänglich war in der Bundesrepublik, wie bereits in der Nazizeit, lediglich die deutsche Staatsbürgerschaft als Basis für den Arztberuf anerkannt”, erklärt Georg Classen. „Weil der generelle Ausschluss von Ausländern gegen EU-Recht verstieß, hat man das Recht auf Approbation später auf EU-Angehörige erweitert.”

Mittlerweile steht Paragraph im Widerspruch zu dem neu geschaffenen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, nach dem niemand aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden darf.

Das Land Berlin hat eine entsprechende Bundesratsinitiative veranlasst. Man wartet nun die Stellungnahmen der Berufsverbände ab.

Ali Al-Akla arbeitet seit November 2006 tagsüber als Berater in einer Nachbarschaftshilfe. Abends erledigt er die Buchhaltung in einer Arztpraxis. Seine Frau Ina jobbt als Kindermädchen.

Die Anwältin der Familie, Veronika Arendt-Rojahn ist überzeugt, dass die Familie nun eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen wird. Dennoch sieht sie wenig Chancen für ihren Mandanten. „Es gibt in Berlin genügend Zahnärzte, auch fremdsprachige. Das reicht als Begründung, um die Berufserlaubnis auch in Zukunft zu verweigern.“

Es gibt noch einen Trick, der Herrn Al-Akla relativ flott zu einer Berufserlaubnis verhelfen könnte. Die Ehe mit einer EU-Bürgerin würde ihn rechtlich privilegieren.

„Soll ich etwa meine Frau verlassen, um arbeiten zu können?“ Er schüttelt den Kopf. Seine Frau Ina ist Ukrainerin. Sie haben sich in den Achtzigerjahren während des Studiums in der Sowjetunion kennengelernt. Ina ist Germanistin. Sie ist dreiundvierzig Jahre alt, eine attraktive Frau, groß und schlank. Das schmale Gesicht wird von den dunklen Augen dominiert.

Sie hat nicht bereut, nach Deutschland gegangen zu sein. „Für die Kinder ist es besser, in einem freien Land aufzuwachsen“, sagt sie. Sohn Rami hat im vergangenen Jahr ein Studium an der Technischen Fachhochschule begonnen. Die Tochter Anna macht gerade ihr Abitur.

Theoretisch könnte sich Ali Al-Akla von seiner ukrainischen Frau, die zwar Europäerin, aber keine EU-Bürgerin ist, trennen und eine Frau von Martinique, die zwar keine Europäerin, aber EU-Bürgerin ist, heiraten, vorausgesetzt, sie lebten beide in Berlin. Willkommen in der Absurdität!

Das Herz, das nicht leuchtet

Berliner Zeitung

Christopher sucht die Liebe und läuft vor ihr davon. Könnte ja das Ende der Kindheit sein

Noch eine letzte Diode, dann ist die zierliche Kette komplett. Christopher setzt den Lötkolben ab. Er montiert die zwei Hälften des Leuchtbuchstaben zusammen. Es ist ein rosa S. Sein Auftraggeber möchte es einer Freundin zum Geburtstag schenken. Es ist der Anfangsbuchstabe ihres Namens. Sarah? Selma? Samantha?

Christopher schiebt eine Haarsträhne, die sich aus seinem dunklen Pferdeschwanz gelöst hat, hinters Ohr.

Gestern stand seine Annonce wieder in der Zeitung. Bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet.

Die Zeit vergeht schnell. Die Jahreszahlen klappern hintereinander weg und nichts geschieht.

Man kann ganz gut allein leben in Berlin. Tut nicht weh. Es gibt Cafés, Clubs, Läden und immer was spannendes im Radio. Trotzdem. Nee, es geht ihm um viel mehr als Sex. Sex kann er an jeder Ecke kaufen. „Ich hätte ein so beschissenes Gefühl, dafür bezahlen zu müssen“, sagt Christopher. „Als ob ich so häßlich bin, dass ich es nicht auch anders haben kann.“

Ist schon ziemlich lange her, dass er Lust hatte, einer Frau das Wort ENGEL aus naturweißem, mattem Plastik auf seinem CNC-Bohrer zu schneiden und anschließend zum Leuchten zu bringen. Dabei ist alles da: Dioden, Kabel. Die Folienrollen und Kunstoffplatten in frischen Farben stapeln sich an den Wänden seiner Werkstatt. Es kann also los gehen. Doch Christophers Herz bleibt ausgeknipst.

Er schlägt das rosa S in Seidenpapier und packt es in einen kleinen Karton. Werbeschilder, Leuchtbuchstaben und – Tafeln – die Aufträge reißen nicht ab. Sie kommen aus ganz Deutschland. Meist von Firmen. Über die Breite zweier unbenutzter Sessel liegt ein halbfertiges Ladenschild. Christopher hebt es auf den Arbeitstisch zwischen die Computer.

Die Frauen, die auf seine Annonce schreiben, schicken gewöhnlich zuerst eine SMS. Er antwortet umgehend. Dann folgt eine weitere SMS. „Dieses Scheiß-Gesimse nervt“, sagt er. „Was soll ich mit einer Frau, die keine Lust hat, mit einem Typen zu reden?“ Einmal hat eine Frau sofort angerufen. Sie haben sich gut verstanden. Sie wollte ihn noch am selben Abend treffen. Christopher ist wieder raus aus dem Bett und losgezogen. „Naja, war nicht so mein Typ.“

Die meisten Frauen langweilen ihn. „Die gehen jeden Tag ins Büro, einmal in der Woche ins Kino, aber eigentlich interessiert sie nichts. Außerdem sind sie gekleidet, als sei es ihnen egal, was sie früh aus dem Schrank zerren. Kein bißchen sexy. Keinen Mut aufzufallen.“

Christopher sticht auch nicht gerade durch Originalität ins Auge. Sweatshirt, Jeans, Stiefel – alles in schwarz. „Ok, das ist jetzt mein Alltagslook, aber wenn ich in einen Club wie das K17 gehe, trage ich schon mal ein Lackhemd.“

In die Gothic-Läden geht er kaum noch. „Da sind doch nur Leute, die sich über ihre Klamotten und Musik definieren, im Grunde auch Spießer.“

Wichtiger findet Christopher, miteinander reden zu können, über die vielen Themen, die ihn beschäftigen: Kultur im weitesten Sinne, nicht die Theater und Museen, sondern die Straße, die Leute, gesellschaftliche Phänomene, Liebe natürlich. Er möchte Radio machen, so rotzig frech wie Thommy Wash, sein Lieblingsmoderator auf Fritz, eine Sendung wie BlueMoon, wo alle anrufen können, reden, diskutieren, lästern. Radio im Web.

Er hält sich für schräg, provokant, zu wenig angepasst. Bei der Zielgruppe käme das nicht gut an. Auch optisch entspreche er eben nicht dem Geschmack der Masse.

Seine Lippen sind schmal, kein Kussmund wie aus der Werbung und auch sonst ist er nicht gerade ein Alphatier, ein normaler Mann also, nicht schöner und nicht weniger sexy als sieben Achtel aller Berliner. Er ist groß und schlank, die vollen Haare sind frisch gewaschen, die Cowboystiefel geputzt. Er ist bereit.

Seine Traumfrau sollte auf keinen Fall älter als dreißig Jahre alt sein, schön und schlank, stilvoll und gebildet. „Warst du jemals in einer Partnerbörse im Internet? Wenn du siehst, wie oft Frauen unter dreißig angeklickt werden, kannst du als Typ nur noch einpacken. Du musst eine junge Frau sein. Dann wirst du überall angemacht.“

Zu spät, sich auf die Seite der Zielgruppe zu stehlen und eine junge Frau zu werden. Christopher ist dreiundvierzig Jahre alt. In der Annonce mogelt er sich jünger. Glaubhaft. Die Geste, mit der er das volle, schwarze Haar aus dem Gesicht wirft, gerät so unbeschwert wie vor zwanzig Jahren.

Er glaubt, dass eine Frau seines Alters nicht zu ihm passt. „Die haben doch längst das ganze Programm hinter sich: Scheidungen, Streit um die Kinder und den Unterhalt.“ Er verzieht leicht angewidert den Mund. „Die tolle Ausstrahlung ist dann weg. Das erste Leben, in dem alles unkompliziert und lustig war, ist ein für allemal vorbei. An dem Spruch: ‚Trau keinem über dreißig‘ ist schon was dran.“

Er selbst ist die Ausnahme. Logisch. Er hat das Programm ja noch nicht einmal in Ansätzen absolviert. Keine seiner Beziehungen hielt länger als ein Vierteljahr. Was dauerhaftes wäre beengend. Es würde nach der Normalität des Programms stinken, das Pippi-Langstrumpf-Gefühl gefährden. „Ich baue mir die Welt, wie sie mir gefällt“, zitiert er. Seine Augen blitzen kindlich.

Der Balkon vor seiner Werkstatt ist ungenutzt, die dünne Schneedecke verharscht. Er geht da nicht raus, guckt den anderen nicht in die Zimmer -er würde entdecken, dass es bei den meisten Singles ganz ähnlich aussieht- er döst nicht über die Dächer, träumt nicht einfach so ins Blaue, etwas Neues, eine Frau in seinem Alter beispielsweise, die sich locker jünger mogeln kann und das Programm noch nicht hinter sich hat.

Er bleibt über die Leuchtbotschaften auf den Schildern gebeugt, schneidet, bohrt, lötet und grübelt sich die Welt, wie sie ihm nicht gefällt.

Das Problem sei, dass sie ihn manchmal für einen großen Jungen hielten. Und wenn sie dann miteinander ausgingen und erlebten, wie schräg und provokant er wirklich drauf sei, dann war’s das eben. „Habe schon öfters gehört, ich sei verletzend.“

Er trifft durchaus spannende Frauen. „Begegnungen, bei denen sofort ein Funke überspringt, ein Wort das andere gibt, wo alles stimmt, ohne dass man sich groß anstrengen muss.“

Es ist noch gar nicht lange her, dass er in einem Club eine Gleichgesinnte kennengelernte, eine von diesen Frauen, die sich nirgends langweilen. Nennen wir sie Lisa. Lisa ist vierunddreißig, aber alle halten sie für fünfundzwanzig. Sie tanzen die ganze Nacht. Lisa sagt, dass sie ihn unbedingt wiedersehen möchte. Am nächsten Tag bestätigt sie es in einer SMS: „Lass uns einen Kaffee trinken, sobald ich wieder in Berlin bin.“

Lisa ist dann nach Thüringen gefahren. Nicht für ein Semester nach New York, auch nicht zu einem Praktikum nach Melbourne. Einen Moment lang blickt Christopher, als hätte er das ganze Programm längst hinter sich. Egal, ob Lisa eine Tante besucht hat oder auf dem Rennsteig wandern ging, die Reise nach Thüringen bestätigt wieder mal das Naturgesetz, dass schöne, sympathische Frauen jede andere Beschäftigung einem Rendezvous mit ihm vorziehen würden. So hat er es festgelegt. Da kann sie funken, solange sie will, er ruft nicht zurück.

Aus Angst vor Enttäuschung? „Habe nicht so gute Erfahrungen mit anrufen gemacht.“ Christopher springt schnell zum nächsten Thema. Könnte ja sein, dass der Gefühlssturm der unerfüllten Erwartungen und verletzten Gefühle wieder losbricht, wenn Mann es sich gerade gemütlich machen will. Frauen sind unberechenbar.

Er trudelt in seinem Schreibtischstuhl hin und her. Über seinem Kopf hängt in lila Leuchtbuchstaben das Wort: SALE.

Christopher hat niemals einen Beruf gelernt. Das Abi schmiss er kurz vor den Prüfungen. Danach machte er sich als Siebdrucker selbständig. Er flüchtete aus seinem Heimatort in Hessen nach Berlin, weil die Jungs in der Vier-Mächte-Stadt vom Wehrdienst befreit waren. In Berlin führt er ein Fotosatzstudio, nach der digitalen Revolution im Druckgewerbe baute er Möbel und verkaufte sie in einem eigenen Laden. Mit den Werbeschildern hat er vor drei Jahren angefangen.

Alle Handwerke hat er sich selbst beigebracht. Und immer allein gearbeitet. „Man muss sich etwas einfallen lassen, um oben zu bleiben. Ich liebe diese Herausforderung. Ich konkurriere gern mit anderen. Das heizt die Phantasie an. – Ach komm, mit Kunden, das ist doch ganz anders als mit Frauen. Man kann das nicht vergleichen. Das ist so daneben wie diese Verkaufs – und Vermarktungsseminare, bei denen sie den Leuten beibringen, sich zu verbiegen, um Kohle zu machen. Lieber fahre ich nur ein kleines Auto und bleibe ich selbst.“

Lisa hat wieder eine SMS geschickt. Er öffnet sein Telefon und klickt sich durch die Kurznachrichten bis zu ihrem Gruß. Er hat sofort geantwortet. „Jetzt lass uns endlich wie normale Menschen kommunizieren. Schick mir doch deine Email-Adresse.“ Er hat Lisa eine Mail geschrieben, sie um ein Date gebeten. „Nichts.“ Sein Gesicht gerät zerknirscht. „Ich will mich da nicht investieren. Eigentlich interessiert sie mich nicht mehr. Wenn jemand immer nur SMS schickt…was ist das für eine Art, miteinander umzugehen?“

Letztes Wochenende hat er im Duncker eine Frau getroffen. Sie haben die ganze Nacht gequatscht. Blieb kaum Zeit für ein zweites Bier. Am Ende sagte sie, dass sie einen Freund hat.

Noch in derselben Nacht hat er ihren Namen in eine Internet-Suchmaschine getippt und ihre Firma mit sämtlichen Telefonnummern gefunden. Er wisse ja, dass er sich von der Sache mit dem Freund nicht abschrecken lassen sollte. Schließlich sei sie allein tanzen gegangen. Vielleicht läuft zwischen den beiden gar nichts mehr. Einen Versuch wäre es wert.

„Ich glaube allerdings, ihr Typ hängt mit in der Firma drin. Was soll ich am Telefon sagen, wenn er rangeht?“

Christopher blickt verunsichert auf das Telefon in seiner Hand. Er wendet es hin und her wie ein heißes Brötchen. „Ich werde ihr eine SMS schicken. Nur ein einziges Wort: Duncker.“

Berliner Notiz-Blog 16. Januar 2008

Der Mann in der dünnen Jacke läuft mit hoch gezogenen Schultern durch den eisigen Regen bis zur U-Bahn-Station Weinmeisterstraße. Es ist Samstagmorgen, acht Uhr. Die Straßen in Mitte sind noch grau und verlassen.

Der Mann trippelt die Stufen hinab. Auf dem U-Bahnhof ist es so still wie in einer Kathedrale. Der Bäckerladen, sonst eine kleine Insel aus Licht, gefüllt mit frisch gebackenen Brötchen und Croissants, ist mit einer Jalousie verrammelt. Die Schritte des Mannes hallen in dem leeren Gewölbe.

Auf dem Bahnsteig hockt eine verschrumpelte, auffällig gekleidete Gestalt neben dem Fahrkartenautomaten. Sie wird erdrückt von einem Hut, auf dem sich schillernde Stofflagen und allerlei Trödel häufen: Plastikfrüchte und Kunstblumen, Bommeln und Federn, sogar Teile von Fahrrädern. Graue Haare fusseln darunter hervor. Die müden Augen des Alten stehen im seltsamen Kontrast zu seinem Kostüm. Er sitzt völlig reglos, blickt erst auf, als der Durchnässte von draußen neben ihm auftaucht. Der Alte mustert den anderen. „Regnets draußen?“ fragt er apathisch mit heller, brüchiger Stimme.

„Es gießt seit einer Stunde.“ Der andere schüttelt sich den Eisregen aus dem Haar. „Und?“ fragt er.

Der mit dem Hut schüttelt langsam den Kopf. „Noch nüscht.“

Der durchnässte Mann bleibt neben der Bank stehen und zieht den Rotz hoch. Er hält die Schultern noch immer bis an die Ohren gezogen, die Hände in den Hosentaschen versenkt. Sie schweigen.

„Ich habe nächste Woche nicht viel zu tun“, sagt der mit dem Trödel. „Ein paar Modenschauen, eine in Quedlinburg.“

„Im Harz?“ Der andere schnieft. „Da musst du aber gut einkaufen vorher. Da kriegste nüscht.“

„Doch, da kriegste was“, entgegnet der Trödelhaufen. „Ist aber schwierig.“

„Das ist ehemalige DDR“, sagt der Durchnässte. „Ich war mal in Saalfeld. Da gabs nüscht. Da stand ich da. Ich sag’s dir.“ Sie schweigen wieder. Oben dröhnt ein Auto vorbei.

„Deine blonden Freunde lassen sich Zeit“, sagt der Fröstelnde.

„Ich warte seit zwei Stunden“, antwortet der Trödel.

Ein Zug donnert in den Bahnhof. Zwei, drei Nachtschwärmer kippen aus den Türen, stemmen sich gegen den Luftzug der abfahrenden Bahn. Sie nehmen den Ausgang Münzstraße. Dort sind die Clubs, die am Wochenende durchmachen.

Dann herrscht wieder Kirchenstille. Die beiden Männer sitzen nebeneinander auf der Bank. Der Trödelhaufen starrt apathisch vor sich hin. Der andere fröstelt noch immer.

Der Engel an seiner Seite

Edgar Andrés Chauta ist ein besonderer Weihnachtsmann. Er ist niemals ohne seinen Engel unterwegs.

Jeder Weihnachtsmann verdient pro Bescherung achtundzwanzig Euro Cash. Väter und Mütter zahlen das, ohne mit der Wimper zu zucken. Bei den Engeln hingegen fangen sie an zu knausern.

In der Heiligen Rush-Hour 2007 klingeln fast vierhundert Weihnachtsmänner durch die Berliner Wohnstuben. Aber nur 35 Engel haben einen Job an ihrer Seite.

Edgar redet sich den Mund fusselig. „Ein Engel hat eigentlich viel mehr Gesprächsthemen mit den Kindern, wissen Sie. Weil Engel nämlich das ganze Jahr lang arbeiten, wir Weihnachtsmänner dagegen nur im Winter.“
Einige Eltern lassen sich überreden, buchen seinen Engel und zahlen zähneknirschend das Doppelte. Andere sparen am falschen Platz. Den Engel Lena bekommen sie trotzdem gratis dazu. So ungerecht läuft das Christfest in Berlin ab.
Aber was bleibt Edgar übrig? Ohne Lena macht er sich nicht auf den Weg. Sie chauffiert ihn im eigenen Wagen durch die Nacht. „Ich habe keinen Führerschein“, sagt Edgar. Außerdem hilft ihm Lena, die Säcke mit den Geschenken zu tragen. „Du glaubst ja nicht, wie schwer die manchmal sind!“ Die Geste demonstriert zirka das Zweifache seines Körperumfangs. Edgar ist nicht sehr groß und ziemlich schlank. Damit sein weihnachtlicher Auftritt an Gewicht gewinnt, stopft er sich mit Jacken und wattierten Hosen aus. So verpackt schwitzt er in der wabernden Hitze der Kerzen, dass der Schweiß ihm die helle Schminke über seinen Brauen weg zu spülen droht.

Einmal ist es geschehen, dass ihm ein Dreijähriger an den Bart ging. Der Junge wollte wissen, wieso dem Weihnachtsmann am Kinn weiße, über den Augen aber schwarze Haare wachsen. Vater, Mutter und Oma sprangen sofort schützend vor Edgar. Lena verkroch sich prustend hinter den ausgestopften Schultern des Weihnachtsmannes.
Das ist zum Glück nur ein einziges Mal passiert, ganz am Anfang.

Wie man in Deutschland ein erfolgreicher Weihnachtsmann wird, hat Edgar von seinem Bruder Jorge gelernt. Jorge war einige Jahre vor ihm zum Studium der Politikwissenschaften von Bogotá nach Berlin gegangen. Jorge schenkte seinem kleinen Bruder einen roten Plüschmantel und einen weißen Bart und ließ ihn bei den Bescherungen assistieren.
Lena, sie hatte gerade mit dem Studium der Sozialwissenschaften begonnen, war damals wie Edgar neu auf dem Markt.
Als Edgar seinen Sprachkurs beendet und gelernt hatte, sich die Augenbrauen wasserfest zu überschminken, ging Jorge nach Australien und überließ seinem kleinen Bruder das Geschäft. Dass ein Engel an die Seite des Weihnachtsmannes gehört, hat er natürlich auch von Jorge gelernt.

Jetzt ist Edgar sechsundzwanzig Jahre alt. Er ist gerade im Hauptstudium der Politikwissenschaften angekommen.
Er sagt, dass sein Vater verärgert sei, weil das Studium der beiden Jungen so lange dauert. „Seht mich an“, sagte er letzten Sommer, als Jorge und Edgar die Eltern in Bogotá besucht hatten. „Wie weit ich es gebracht habe. In eurem Alter habe ich längst Geld verdient.“ Papa stammt aus einer einfachen Bauernfamilie und hat als einziges Kind studiert. Er ist Rechtsanwalt geworden. Auch Edgars Mama ist Anwältin.

Edgar steht frierend neben dem Kettenkarussell auf dem Weihnachtsmarkt. „Papa versteht nicht, dass wir erst deutsch lernen und anschließend zum Studienkolleg mussten, weil unser Abitur ja in Deutschland nicht anerkannt wurde. Da waren dann schon drei Jahre weg.“
Er blickt der Lichtgirlande der Gondeln melancholisch nach. Er muss sich nicht so große Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen. Mama und Papa überweisen regelmäßig Geld. Im Winter ist der Weihnachtsmann sein einziger Job. Im Sommer arbeitet er hin und wieder in einem Café oder verteilt Werbeflyer.
Edgar kennt andere Weihnachtsmänner, die hart arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren. Sie ackern am Fließband in einer Fabrik, in Läden und Kneipen oder stehen als Werbeplakate auf der Straße. Auch im Winter. Sie sind auf jeden Auftrag angewiesen und können sich keinen schlecht bezahlten Engel an ihrer Seite leisten, mit dem sie den Erlös und die Süßigkeiten fifty-fifty teilen, wie er und Lena.
Wenn Edgar nach den Bescherungen mit Lena ins vorgeheizte Auto plumpst, sich den Bart abreißt und sie Lebkuchen mampfen, ahnt er, dass ein Engel einen gewissen Luxus bedeutet.

In diesem Jahr hätte Edgar sogar einen zweiten Engel haben können. Seine zwölfjährige Tochter Maria-Camilla. Maria-Camilla verbringt ihre Weihnachtsferien in Berlin. Sie brannte darauf, Edgar und Lena zu begleiten. Edgar musste ihr erklären, dass er Ärger mit dem Oberweihnachtsmann bekommt, wenn er sein Team eigenmächtig aufstockt. Es sei eben eine Frage der Versicherungen und Verträge, erklärte er ihr. Weihnachtsmann sei eine ernsthafte Arbeit, so ähnlich wie Rechtsanwalt.
Wenn Egar über die Zeit spricht, als seine Schul-Freundin mit Maria-Camilla schwanger war, wird sein melancholischer Blick unsicher. Hat eine Menge Ärger gegeben damals. Sie waren ja gerade erst vierzehn Jahre alt.
Maria-Camilla lebt abwechselnd bei ihrer Mutter und bei Edgars Eltern. Mama und Papa zahlen die teure katholische Privatschule für ihre Enkelin. Edgar würde gern, dass Maria-Camilla zu ihm nach Berlin kommt, aber die deutschen Behörden haben etwas dagegen, weil er von seinem bisschen Weihnachtsmann und Kneipen – Geld nicht richtig für sie sorgen kann.

In diesem Jahr feiern sie alle zusammen kolumbianische Weihnachten, Maria-Camilla, Edgar, sein Engel Lena, seine Schwester, die in Italien lebt und eine Cousine, die in Spanien studiert. Sie treffen sich alle in Berlin. Nur Jorge ist die Reise bis hierher zu teuer. Mama und Papa auch.
„In Kolumbien beginnt man erst spät am Abend zu feiern“, erzählt Edgar. „Nicht vor einundzwanzig Uhr. Eine Stunde vor Mitternacht ißt die Familie zusammen und dann wird bis in die Morgenstunden gefeiert. In Bogotá findet jedes Jahr zu Weihnachten ein großes Feuerwerk statt.“
Geschenke sind nicht so wichtig. Edgar legt Wert darauf, dass Maria-Camilla das versteht. „Hauptsache, wir sind alle zusammen.“

Ousmane und die Löwen

Berliner Zeitung

Letzte Woche war Ousmane wütend. Corinne Hofmann, die Autorin des Buches „Die weiße Massai“ war zu Gast in einer Talkshow. „Ich bin jetzt fünf Jahre in Deutschland“, sagt Ousmane, „aber ich würde nicht auf die Idee kommen, ein Buch zu schreiben „Der schwarze Deutsche“. Man kann eine Kultur so schnell gar nicht völlig verstehen. Niemals ist sie nach vier Jahren in Kenia eine „weiße Massai“.
Ousmane rief in der Sendung an. Er wollte mit Corinne Hofmann sprechen. „Ich kann Sie gut verstehen“, sagte die Dame am Telefon. „Aber Sie können jetzt nicht auf Sendung.“

Wenn Ousmane davon überzeugt ist, dass etwas richtig oder falsch ist, gibt er so schnell nicht auf. Er diskutiert. Er argumentiert. Er lässt nicht locker.

Es half nichts. Er durfte nicht auf Sendung. Die Dame am Telefon mag sich den Schweiß von der Stirn getupft haben, als sie Ousmane Doudou Diallo endlich wieder losgeworden war.

Ousmane schlitzt die Folienhülle des Gitterwagens im Bio-Supermarkt mit einem Cutter auf und sortiert geschwind Bierflaschen ins Regal. „Die Deutschen streiten nicht gern“, sagt er. „Sie fühlen sich sofort persönlich angegriffen. Es ist schon vorgekommen, dass Leute mich nicht wieder treffen wollten, nur weil ich es gewohnt bin, meinen Standpunkt zu verteidigen.“ In anderen Ländern sei das anders, in Frankreich und Guinea zum Beispiel. Da streiten die Leute gern. Sie lieben Provokationen.

Er knüllt die Folienhaut zusammen und wirft sie auf den leeren Wagen. Ousmane arbeitet gern im Bio-Supermarkt. „Diese Arbeit zu finden war, als hätte ich den Jackpot geknackt“, sagt er. Das Bioteam fördert ihn. Sie dürfen „Schokomann“ zu ihm sagen. Die Kunden behandeln den schwarzen Kassierer besonders höflich.

Und niemand fragt nach Löwen. Als Ousmane vor fünf Jahren nach Deutschland kam, haben ihn erwachsene Menschen manchmal gefragt, ob es da, wo er herkommt, Löwen gibt. Als hätten sie ihr einziges Wissen über Afrika aus einem Bilderbuch für Dreijährige. Diese Fragen haben Ousmanes Gefühl der Fremdheit noch verstärkt.

Ousmane Doudou Diallo ist in Kamsar in Guinea geboren, einer modernen Hafenstadt an der Atlantikküste. Kamsar zählt ungefähr achtzigtausend Einwohner.

Für guineeische Verhältnisse ist seine Herkunft privilegiert. Das Leben in Kamsar, wo die Menschen früher vom Fischfang lebten, wird seit den Siebzigerjahren von der CBG, der Company of Bauxit Guinea, beherrscht. Die Hälfte aller Weltvorräte an Bauxit lagern in Boké, der Präfektur, zu der die Stadt Kamsar gehört. Vom dort aus wird das Bauxit in die ganze Welt verschifft.Ousmanes Eltern arbeiten bei der CBG. Die Angestellten genießen viele Sozialleistungen, die in Afrika unüblich sind, Krankenversicherungen zum Beispiel.

Doch als Ousmane sein Mathematikstudium in der Hauptstadt Conakry abschloss, wusste er, dass es in Guinea keine Zukunft für ihn gibt.

„In Europa hat jeder eine Chance“, sagt Ousmane. Er sortiert Fruchtsäfte und Limonaden ins Regal. „In Guinea findet nur Arbeit, wer einflussreiche Freunde hat.“

Ein Praktikum bei der CBG konnten seine Eltern – die Mutter ist Sekretärin, der Vater Buchhalter – noch vermitteln, doch um ihrem Sohn eine bezahlte Anstellung zu verschaffen, reichte ihr Einfluss nicht aus.

In den letzten Jahren übernahmen zunehmend Schwarze die führenden Positionen bei der CBG. Ousmane sieht den Prozess der sogenannten Afrikanisierung auch kritisch. „Wenn in Afrika jemanden einen guten Job hat, erwartet die Familie, dass er für andere, die weniger haben, sorgt. Auf jeden gut verdienenden Afrikaner kommen ungefähr fünfzig Arbeitslose in der Familie. Die Afrikanisierung könnte eine Chance sein, aber die Leute denken zuerst an sich und ihre Familien und erst danach an die Firma. Viele Sozialleistungen sind in den letzten Jahren abgeschafft worden. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde. Vielleicht würde auch ich in die eigene Tasche arbeiten, um meiner Familie zu helfen.“

Afrikanisierung heißt nicht, dass die CBG nun den Guineesen gehört. Die Gewerkschaften des Landes kämpfen darum, dass ein paar zusätzliche Brotkrumen vom Tisch der internationalen Konzerne fallen und den Menschen im Land zugute kommen, statt dass korrupte Regierungsbeamte sie wegschnappen und in ihren Clans aufteilen.

Im Februar war Ousmane wieder wütend. Die von den guineeischen Gewerkschaften organisierten Generalstreiks waren keiner deutschen Nachrichtensendung eine Meldung wert. Auch dann nicht, als sie sich zu Unruhen ausweiteten, das Militär eingriff und Tote zu beklagen waren. „Gäbe es nicht das französische Fernsehen und das Internet, hätte ich überhaupt nicht erfahren, was bei uns zu Hause los ist.“

Ousmane verfasste einen Brief an die ARD. Deutschland erwarte von den Migranten, dass sie sich für die Kultur und Politik des Landes interessieren. „Aber wann beginnen Sie, sich für Afrika zu interessieren?“

Die ARD antwortete, man plane eine längere Reportage über Westafrika. Einige Wochen später berichtete der „Weltspiegel“ über die Streiks in Guinea.

„Die meisten jungen Afrikaner haben eine völlig falsche Vorstellung von Europa“, sagt Ousmane. „Sie glauben, das Geld liegt hier auf der Straße.“

Er hätte gern Informatik studiert. Die Ausländerbehörde räumt Migranten zwei Jahre ein, um einen Studienplatz zu finden. Als es mit dem Studium nicht sofort klappte und man ihm nahelegte, erst einmal einen Sprachkurs zu besuchen, weinte Ousmane. „So wird das nichts“, sagte sein Freund. „Hier musst du hart sein. Mit Tränen kommst du nicht weit.“

Bewerbungen, Absagen, die Angst vor dem Briefkasten, die Angst vor dem Kontostand. Das Geld, das seine Eltern über viele Jahre für ihn beiseite gelegt hatten, war schnell verbraucht. Die Mutter konnte nicht fassen, wie teuer die Mieten und das Essen in Europa sind.

Kurz vor Ablauf der zwei Jahre beginnt Ousmane ein Mathematik-Studium an der Humboldt-Uni. Jetzt darf er auch eigenes Geld verdienen. Am Wochenende putzt er den Bio-Supermarkt. Später hilft er manchmal an der Kasse aus. Im letzten Jahr brach er sein Studium ab und stieg als Verkäufer ins Biogeschäft ein.

Jetzt ist Ousmane zweiunddreißig Jahre alt und führt ein typisches Berliner Familienleben. Er ist verheiratet. Sein Sohn wird bald drei Jahre alt. Manchmal laden die Schwiegereltern zur Grillparty in den Garten nach Brandenburg ein.

„Ja, schwarze Männer sind Machos“, sagt Ousmane. „In Afrika betreten sie die Küche nicht.“ Er jedoch sei durch das Beispiel seines Vaters bestens auf eine moderne Ehe in Europa vorbereitet worden. „Mein Vater hat manchmal für uns Kinder gekocht. Er musste, weil meine Eltern beide arbeiteten. Es war ihm peinlich vor den Nachbarn, aber mir ist er ein Vorbild geworden. Ich habe kein Problem, für meine Familie zu kochen.“

Neulich sind sie übers Wochenende an die Ostsee gefahren. Das erste Mal. Er hatte Angst. „Wenn du hörst, dass sie dort Schwarze verhauen…Aber nichts ist passiert“, sagt er, erleichtert, fröhlich, wie nach einer bestandenen Prüfung, einer Prüfung für das Land seiner Wahl. Stundenlang seien sie am Strand spazieren gegangen. „Die Leute waren alle superfreundlich.“

Und niemand hat nach Löwen gefragt. Ousmane beobachtet, dass die Gesellschaft sich verändert. Was seinen Sohn betrifft, macht er sich keine Sorgen. „Wenn er in die Schule kommt, wird es in Deutschland kein Thema mehr sein, woher jemandes Eltern kommen und ob einer schwarz oder weiß ist.“

Aber Killés Freunde werden wissen, dass er Großeltern in Kamsar hat und dass dort keine Löwen durch die Straßen laufen, sondern Autos fahren. Wie in Berlin.