Eine „Verteidigung der Kultur“

Unter diesem Titel erschien am 3.Juli 2026 mein Interview mit Florian Kappeler in der jungen welt. Anlass ist das Lesefestival antifaschistischer Literatur im Literaturforum Brecht-Haus in Berlin vom 6. – 10. Juli 2026. In der jungen welt erschien ein Ausschnitt aus dem Gespräch, hier ist es in voller Länge.

Florian Kappeler ist einer der Koordinator:innen des Arbeitskreises Politische Ästhetiken, der an das Literaturforum angebunden ist und einen Teil des Programms mit kuratiert hat: Das ganztägige Symposium am Freitag, den 10. Juli, ist zugleich Teil der Jahrestagung des Arbeitskreises. 

In seinem Eröffnungs-Vortrag am Montag, 6. Juli, 17:30 Uhr spricht Florian Kappeler über den Ersten Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935.

Warum sprechen Sie in Berlin im Sommer 2026 über den Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935? 

F.K. Die Idee wurde vom Literaturforum im Brecht-Haus an mich herangetragen. Es soll zum einen um die Frage gehen, ob es damals etwas gab, woran sich heute anzuknüpfen lohnt, zum anderen, wie man den Kongress aus heutiger Sicht betrachten kann. 

Haben Sie Anknüpfungspunkte gefunden? 

F.K. Wir erleben ja eine Debatte darüber, was heute genauso ist wie vor 1933 und was anders ist. Natürlich ist es leicht zu sagen, die Geschichte wiederholt sich, wenn Alice Weidel öffentlich SS-Parolen zitiert. Andererseits sind die historischen Bedingungen und Konstellationen ganz anders, politisch wie literarisch. 

Unser Eindruck im Arbeitskreis Politische Ästhetiken ist, dass man, was heute geschieht, stärker in Beziehung zur Auseinandersetzung mit dem historischen Faschismus und Antifaschismus setzen sollte, um Unterschiede und Parallelen herausarbeiten zu können. Diesen Impuls möchten wir auf dem Lesefestival produktiv machen. 

Sie sagen, nicht nur politisch, sondern auch literarisch waren die Bedingungen und Konstellationen damals ganz anders? Wo sehen Sie wesentliche Unterschiede? 

F. K. Heute gibt es in der Literatur eine Tendenz, schnell auf politische Entwicklungen zu reagieren, mit deutlichem Gegenwartsbezug. Die historische Rolle des Antifaschismus kommt dabei zu kurz. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Diskussion 1935 viel breiter geführt wurde. Denken Sie an Feuchtwanger mit seinen historischen Romanen. Es gab auch damals Stimmen, die rein gegenwärtige Interventionen propagierten, aber eben nicht nur. 

Im Unterschied zu heute existierte eine internationale linke Infrastruktur, die besonders seit den Zwanzigerjahren weiter ausgebaut wurde. Es gab eine proletarische Weltliteratur. Interessanterweise fand zwischen 1928 und 1935 kein Weltkongress der Komintern statt, aber einige Literaturkongresse wie die internationale Konferenz in Charkiw 1930. Heute ist die Linke schwächer als vor 1933, das ist ein Nachteil, aber die Situation ist innenpolitisch noch nicht so militarisiert. In Deutschland können wir noch eine Verteidigung der Kultur auf den Weg bringen, auch mit bürgerlich-progressiven Stimmen, die sich mit dem Rechtsstaat und der Freiheit der Kunst und Literatur identifizieren. Wir haben das nach den jüngsten Angriffen des Kulturstaatsministers auf diese Freiheit erlebt. 

Apropos linke Infrastruktur: Wurde der Kongress in Paris 1935 nicht durch die Sowjetunion finanziell gefördert? Ich habe gelesen, dass Stalin darin eine Möglichkeit sah, auf die bürgerlichen Intellektuellen zuzugehen. 

F. K. Das ist in der Forschung umstritten. Wir wissen, dass die Organisatoren in Frankreich, darunter Johannes R. Becher, ohne Direktiven aus Moskau mit der Arbeit begannen. Monatelang erhielten sie von dort keine Antwort, bis die Nachricht kam: „Kongreß verschieben, Geld keins mehr zu erwarten. Findet euch damit ab.“ Becher schreibt recht konfrontativ zurück: „So kann man Menschen nicht behandeln, nicht einmal Freunde.“

Das zumindest ist heute wie damals. Wenn Sie aufgefordert würden, im nächsten Jahr einen Kongress in dieser Dimension und Öffentlichkeitswirkung zu organisieren, welchen Ort würden Sie wählen? 

F. K. Wenn wir heute auf der Suche nach einem guten Ort zur Verteidigung der Kultur in die Welt schauen, sieht es ja, von links betrachtet, relativ mau aus. 

Mexiko wird gerade von einer international angesehenen Wissenschaftlerin regiert aus einer Partei, die nach deutschen Maßstäben mit der Linken vergleichbar ist. Das hat auch kulturpolitische Implikationen. Paco Ignacio Taibo zum Beispiel bemüht sich um eine Literaturpolitik von unten. Mexiko hat außerdem einen starken Bezug zur antifaschistischen Tradition, und Seghers und viele andere waren dort im Exil. 

1935 war Paris die fünftgrößte Stadt der Welt. Heute ist Shanghai die fünftgrößte Stadt der Welt. Was halten Sie von Shanghai? 

F. K. Shanghai käme nicht in Frage. Das staatskapitalistische Regime von China, das immer autoritärer wird, beginnt mit Rechtsradikalen zu paktieren und Desinformationen zu verbreiten. Die aus unserer Sicht eher linken Fraktionen im chinesischen Apparat sind komplett marginalisiert. 

Das ist eben auch anders als damals. Heute gehören die drei großen Weltmächte: USA, China und Russland zum autoritären Teil der Welt. Die Staatsführung, nicht die Menschen. Menschen, die progressiv eingestellt sind, die gibt es natürlich weiterhin. Mit denen muss man sich vernetzen. 

Wen würden Sie einladen? 

F. K. Das ist eine spannende Frage, aber ich möchte Luna Ali und ihren Gesprächspartner:innen nicht vorgreifen, die am Montag im Anschluss an meinen Vortrag genau diese Frage diskutieren werden. Bis dahin müssen wir uns gedulden. 

Gut. Aber darf ich noch eine Was wäre, wenn … Frage stellen? 

F. K. Bitte! 

Damals gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen den Literat:innen. André Breton hat Ilja Ehrenburg auf der Straße angegriffen, weil er schlecht über die französischen Surrealisten geschrieben hatte. Es endete in einer Prügelei. Das war bei weitem nicht der einzige harte Konflikt. 

Wo sehen Sie heute die Konfliktlinien unter linken Intellektuellen? 

F. K. Da gibt es so viele, ich möchte die gar nicht alle aufzählen. Wenn es um Literatur geht, das ist das Schöne daran, dann spricht man nicht unmittelbar über tagespolitische Fragen. Die Literatur öffnet einen Raum für Reflexion und solidarische Diskussion. 

Ich habe das bei Veranstaltungen erlebt, in denen es um die Kriege in Nahost und in der Ukraine ging. Die deutsche Linke ist mit widersprüchlichen historischen Botschaften und Traditionen konfrontiert. Auf diesen Veranstaltungen wurde mit einem sehr breiten Meinungsspektrum solidarisch diskutiert. In diesem Zusammenhang möchte ich übrigens eine Anthologie zum Nahostkonflikt empfehlen, die Lena Gorelik herausgegeben hat: „Trotzdem sprechen“. Sie vereint darin sehr unterschiedliche Positionen zu den Ereignissen des 7. Oktober 2023 und der Situation danach. 

Es gibt ja in der Linken die Auffassung, dass man immer Betroffene hören muss, also etwa Ukrainer:innen oder Palästinenser:innen. Das ist richtig. Aber wen? Es gibt nicht nur die eine ukrainische Haltung oder die eine palästinensische Meinung, sondern eben auch eine Vielfalt an Positionen. 

Was das Thema Krieg angeht, kommt es aus meiner Sicht zu einer Vermischung von Themen. 

Ein Teil der Linken war vielleicht eine Zeitlang blauäugig gegenüber der russischen Aggressionspolitik. Das teilt sie allerdings mit den Menschen, die es ihr heute vorwerfen, aus den weniger linken Parteien. Auf der anderen Seite wird bis tief in die Linke hinein der aus meiner Sicht falsche Schluss gezogen wurde, dass man den Antimilitarismus aufgeben und aufrüsten muss. 

Es ist etwas anderes, wenn sich progressive Menschen gegen eine Aggression mit der Waffe verteidigen als wenn ein kapitalistischer Staat wie Deutschland weltweit auf Platz vier bei den Rüstungsausgaben rückt. Darüber wünsche ich mir mehr Räume für den Austausch. 

Sie sagten, dass die Literatur noch einen anderen, erweiterten Raum bietet, sich einem tagespolitischen Thema zu nähern. Müsste man damit nicht stärker arbeiten, um die Ideologien aufzuweichen. Literatur erzählt von einzelnen Menschen, damit öffnet sie diese Zwischenräume, in denen man nur danach schaut, wie es den Menschen geht. Ideologien können da nicht bestehen. 

F. K. Genau, die Literatur schaut nicht nur in die Köpfe, sondern blickt auch auf die Gefühle und die Situation. Und das ist ja zugleich eine Grundgeste der Solidarität. 

Solidarität von links bedeutet nicht: Die anderen und ich sind immer schon gleich. Anna Seghers hat das so formuliert: Wie wäre ich, wenn ich der andere wäre? In „Die Hochzeit von Haiti“ stellt ein Jude diese Frage angesichts eines Schwarzen Sklaven. Wie wäre ich, wenn ich er wäre? Das ist linke Solidarität, und das machen wir, wenn wir Literatur lesen. Wir lesen, wie es wäre, wenn wir die anderen wären. 

Und ich glaube, diese Praktik des Lesens öffnet den Raum. 

Das ist auch 1935 so. Wir sollten über die Emotionen sprechen. Viele Teilnehmer:innen schrieben, wie wichtig es war, in großer Zahl zusammenzukommen und zu wissen, dass man Teil einer Menge von Antifaschist:innen ist. 

Ein Kongress ist eben nicht nur dazu da, Botschaften zu formulieren und in die Welt zu tragen. Der Hauptfaktor von Paris 1935 war eine Demonstration, nämlich die Demonstration, dass namhafte internationale Autor:innen sich gegen den Faschismus positionieren, und zwar in einem ganz breiten Spektrum, von kommunistischen Autor:innen bis zu bürgerlich-liberalen. Die Menschen haben sich ausgetauscht, sie sind miteinander in Kontakt getreten, haben Netzwerke gebildet. Viele der Autor:innen sind ja dann zwei Jahre später in Spanien, inmitten des spanischen Bürgerkrieges, beim Folgekongress wieder zusammengekommen. 

Das ist auch für heute ein wichtiger Punkt. In meinen Augen kommt immer die Beziehung vor der eindeutigen Programmatik.

Die Debatten sind natürlich wichtig, auch, weil sie das offene Spektrum zeigen. Kommunistische Autor:innen waren ja nicht in der Mehrheit Apologet:innen eines sozialistischen Realismus. Anna Seghers zum Beispiel, die sich nicht – und übrigens niemals – mit dem sozialistischen Realismus angefreundet hat. Das halte ich für tradierenswert. 

Ein Phänomen ist, dass es bisher kaum Literatur zum Ersten Internationalen Schriftstellerkongress gibt, außer der Reden-Sammlung. Warum ist das so? 

F. K. Es gibt einige US-amerikanische Autor:innen, die ihn erwähnen, Katerina Clark zum Beispiel in „Eurasia without Borders. The Dream of a Leftist Literary Commons, 1919-1943“ oder Marike Janzen in “Writing to change the world” über Seghers und Brecht. In Berlin hat die Romanistin Susanne Zepp-Zwirner vor einigen Jahren eine Veranstaltung an der FU zum Kongress und seiner Aktualität veranstaltet. Aber Sie haben Recht. Ich bin auch überrascht, was für eine marginale Rolle der Kongress in der Forschung spielt. Ein Grund mag sein, dass er durch den folgenden Weltkrieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hat, und den spanischen Bürgerkrieg im Gemetzel verschwunden ist und keine direkten Nachwirkungen hatte. In der DDR wurde die antifaschistische Literatur ja gelesen, verlegt und in den Schulen gelesen, aber sie war eben auch Teil einer indoktrinierenden Erinnerungspolitik. Bei der Forschung im Westen mag die Vorstellung geherrscht haben, dass man es hier allein mit kommunistischer Volksfrontpolitik zu tun hat. 

Ist Literatur heute überhaupt noch das Medium, mit dem Massen erreicht werden können? 

F. K. Auch 1935 war ein Kongress der Intellektuellen, das war kein proletarischer Kongress, schon allein wegen der Preise. 

Heute heißt es seitens der Verlage, dass jüngere Leute wieder mehr lesen. Das gedruckte Buch ist ein Medium für sie, eines unter anderen natürlich. Es gibt Autor:innen, die bewusst auf Menschen zugehen, die nicht in Literaturhäuser kommen. Manja Präkels beispielsweise, die etwa auch bei der Freiwilligen Feuerwehr in kleinen Orten liest. 

In der Grünen Bühne in Hellersdorf wurde „Cyankali“ von Friedrich Wolf, wieder aufgeführt. Das Thema ist immer noch aktuell. Es geht um das Recht auf Abtreibung. Da saßen queere Intellektuelle aus Berlin-Mitte neben Familien aus dem Plattenbau. 

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. 

F. K. Ich möchte noch sagen, dass ich es vom Literaturforum im Brecht-Haus mutig finde, jetzt hier in Berlin ein Signal zu setzen. Wir bewegen uns auf den 100. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung zu. Zugleich wächst die AfD. In der Welt wird schon beobachtet, was jetzt in Berlin geschieht. 

Passenderweise fällt unser Festival –  und das wussten wir nicht, als der Termin festgesetzt wurde – in die Woche nach den großen Protesten gegen den Parteitag der AfD in Erfurt. 

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