Megaher(t)z

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Brauchen Verliebte nur Gedanken-Frequenzen, um sich zu verstehen? Sind sie stärker als jedes Mobilfunknetz? Wird der Empfang klarer, je leidenschaftlicher die Beziehung ist? Und was passiert eigentlich, wenn der Empfang ausbleibt?

Erste Wolken fetzen an den Scheiben der Boeing vorüber. Wie ein Netz aus Lichtgirlanden liegt die Stadt am Boden ausgebreitet. Auf einer der schnurdünnen Landstraßen da unten fährt ein Mann zurück zu seiner Familie. In den Nächten hat er seine Arme und Beine wie eine Klammer um mich gelegt. „Ich laufe nicht weg. Keine Angst“, habe ich ihm in der Dunkelheit zugeflüstert. „Du wirst mich nie wieder los.“

Auf dem Flughafen, eine Stunde vor unserem Abschied, hat er gesagt, dass er seine Familie nicht verlassen wird. Er sah an mir vorbei zu den Terminals. Er schob mich zum Check-In. „Wegen der Kinder. Ich bringe es nicht übers Herz.“ In diesem Moment sehnte ich mich nach Sebastian. Ich wünschte, er trete geschminkt und kostümiert hinter einer Säule hervor, zaubere eine winzige Flöte aus dem Ärmel und tiriliere, bis die Kinder ihm nachlaufen oder trommele, dass dem Familienmann die Ohren platzen oder puste wie im Zirkus den Weltenschmerz aus seiner Tuba, dass er weit weg fliegt, bis unter die Kuppel und durch das kleine Loch hinaus noch höher, bis jenseits der Stratosphäre, wo niemand ihn mehr findet.

Seit Tagen habe ich nichts von Sebastian gehört. Er ist wieder auf Tournee, aber wo, das habe ich vergessen. Während des Steigflugs ist das Telefonieren verboten. In solchen Situationen helfen gedachte Frequenzen. Zwischen Verliebten schwingen sie ungestört, weil Verliebte immer aneinander denken. Gedanken-Frequenzen sind stärker als jedes Funknetz. Sie reichen über Ozeane und Gebirge hinweg. Je leidenschaftlicher die Beziehung, desto klarer der Empfang. Gedanken-Frequenzen bleiben immer geschaltet, sogar in der Oper und unter Wasser. Diese Woche mit dir war einfach…vollkommen, denke ich an den Familienmann auf der Straße. Vollkommen…das Wort ist zu wuchtig, es übersteigt das zulässige Handgepäck, aber mir fällt kein leichteres ein. Der Sternenhimmel vor dem Schlafzimmerfenster, die Skiausrüstung, die du besorgt hast, die Abende in der Sauna und danach nackt im Schnee…niemals ein Anruf, der störte. Perfekt organisiert… Ich habe nachgedacht. Das mit deiner Familie gefällt mir. Es passt zu dir. Du bist jemand, auf den man sich verlassen kann.

Über unsere Frequenz empfange ich sein Lächeln. Er findet das Wort vollkommen angemessen. Er mag gewichtige Worte. Das habe ich gern für dich getan, Darling. Die Frequenz zwischen Sebastian und mir schwingt nicht mehr. Wenn wir auf unseren Reisen aneinander denken, dann nur, weil wir besorgt sind, dass zu Hause etwas nicht läuft.

„Hast du die Zeitung für nächste Woche abbestellt?“

„Ist Post für mich gekommen?“

„Und vergiss nicht, die Bäume zu gießen.“

Früher hätte Sebastian meinen ersten harmlosen Flirt mit dem Mann in Amerika sofort bemerkt. Selbst über den Ozean hinweg. „Du lachst eine Oktave höher. Was ist passiert?“

Die Maschine trägt schwer an den Passagieren, am Gewicht ihrer Lebensgeschichten. In dieser Höhe schwirrt die Luft von gedachten Frequenzen. Die Stadt ist unter den Wolken verschwunden. Bald beruhigen sich die Motoren. Wir sind oben. Ich taste mich auf Strümpfen durch die Reihen dösender Passagiere und hole abwechselnd Kaffee und Wasser. Schlafen kann ich nicht.

Am nächsten Morgen betrete ich eine geputzte, verlassene Wohnung. Ich gebe meinem Koffer einen Tritt. Er ist eh schon an einigen Stellen kaputt. Sebastian hat ihn mir geschenkt, als das mit den vielen Reisen anfing. Er hat mir damals Mut gemacht, mit sound bizarre zu arbeiten, einem weltweiten Netzwerk von Musikern. Wir komponieren und produzieren Filmmusik. Ungefähr in diese Zeit fiel sein Durchbruch als Musical-Clown. Seitdem erhält er Einladungen aus der ganzen Welt. Ich falle auf das Futon, noch in Mantel und Schuhen. Ich falle wie eine Statue vom Sockel und bleibe da liegen. Ich fühle mich von der Reise über den Ozean seltsam gedehnt. Als wäre mein Kopf noch in Amerika, während meine Füße hier in Europa auf dem Bett liegen.

Der Mann in Amerika schläft noch. Er lebt mit seiner Familie in einem Holzhaus an einem Flussufer. Auf dem Weg zum Flughafen hat er einen Umweg gemacht. Er ist langsam an seinem Haus vorbei gefahren. Wie ein Scherenschnitt stand es vor dem leuchtenden Abendhimmel. „Hast du keine Angst, dass uns jemand sieht?“ Er antwortete nicht. Er blickte an mir vorbei nach draußen. Er bediente sich meiner Augen, um das Haus, den Garten mit Pool und den Zweitwagen vor der Garage ein weiteres Mal in Besitz zu nehmen. Eine kleine Affäre würde seine Existenz nicht gefährden.

Ich rappele mich mühsam vom Futon wieder hoch. Mir ist schwindlig. Ich wanke zu den Bäumen, befühle die Erde. Sie ist noch feucht. Es kann nicht lange her sein, dass Sebastian weg gefahren ist. Gegen Mittag ruft der Mann aus Amerika an. Er klingt ausgeschlafen. „Wie geht’s dir? Wie war dein Flug?“

„Du fehlst mir. Ich möchte zurück“, sage ich.

„Wir werden das bald wieder machen,“ tröstet er mich.

Ich habe ihm nicht von Sebastian erzählt. Ich frage mich, wie Sebastian reagieren würde, wenn er von dem Mann in Amerika erfahren würde. Ich hatte noch nie ein Geheimnis vor Sebastian. Seit zehn Jahren nicht, seit jenem Tag im Dezember, als er sich in einem Klaviergeschäft mir gegenüber an den Flügel setzte und in meine Ballade von Chopin einsetzte. Jedes Jahr am gleichen Tag besuchen wir wieder dieses Klaviergeschäft, in dem wir uns begegnet sind. Ich denke noch an Sebastian. Aber es ist Routine und Routine reicht bei weitem nicht aus, eine Frequenz am Leben zu halten.

In der Nacht rufe ich Sebastian an. Er ist in seinem Hotelzimmer vor dem Fernseher eingeschlafen. „Was ist los?“

„Hast du heute an mich gedacht?“, frage ich.

„Ist etwas passiert?“

„Nein.“

„Keine Post?“

„Auch kein Fax.“

„Ich bin müde“, sagt Sebastian.

„Danke, dass du die Bäume gegossen hast.“

„Langsam wächst alles zu. Und überall sitzen Spinnen.“

„Stören dich die Spinnen?“

Sebastian macht ein unentschiedenes Geräusch.

„Ich bin heute aus Amerika zurück gekommen.“

„Stimmt. Hatte ich schon vergessen. Entschuldige.“

„Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, wo du gerade spielst.“

„Poznan.“

Als er einige Tage später nach Hause kommt, erzähle ich ihm von dem Mann in Amerika. Sebastian stürzt einen Whisky hinunter und gleich darauf einen zweiten. Er läuft in der Wohnung auf und ab. „Ich bin nicht verliebt. Wir werden uns auch nicht wiedersehen,“ sage ich. „Ich wollte dich nicht verletzen… aber diese Ödnis zwischen uns wird langsam unerträglich. Findest du nicht?“

Sebastian schnappt sein Saxophon und verschwindet. „Warte!“ Seine Schritte hallen im Treppenhaus. Dann klappt die Tür. Plötzlich steht alles auf der Kippe. Ich suche überall nach Zigaretten. Ich habe schon lange nicht mehr geraucht.Steh dazu! Du kommst durch! Keine Angst! Besser, wir beenden es jetzt als nie! Es wird uns einen Kreativ-Schub geben. Das steht doch in jedem Ratgeber. Loslassen! Erst hinterher wird uns klar sein, wie gut es war, so zu entscheiden. Ich wühle meine alten Handtaschen aus dem Schrank. Vergeblich. Keine Zigarette.

Ich rufe Sebastian an. Sein Telefon ist ausgeschaltet. Ich rufe seinen besten Freund an. Er ist nicht dort. Nachts liege ich wach. Basti, hörst du mich? Komm zurück. Ich möchte dich noch einmal lieben…Wir sollten nicht so auseinander gehen. Lass uns Freunde bleiben. Hörst du? Basti? Ich war niemals unehrlich zu dir. Ich wollte auch jetzt nicht unehrlich sein, mein liebster Freund. Eine erkaltete Liebe ist…man muss dazu stehen, dass es vorbei ist.

Es ist unheimlich, auf einer toten Frequenz zu senden…Hörst du mich? Basti? Wenn wir auseinander gehen, dann nicht wegen dem Mann in Amerika, sondern weil wir uns auseinander gelebt haben in den letzten zwei Jahren auf all diesen verflixten Reisen.

„Denkst du an mich?“, frage ich den Mann in Amerika am nächsten Tag.

„Immer, Liebling.“

Ich könnte nach Amerika gehen und in seiner Nähe leben. Eine Zeitlang jedenfalls. Für einen Neuanfang wäre es gut, die gewohnte Umgebung zu verlassen. „Du bist jederzeit willkommen“, sagt er. Es klingt wie an einer Hotel-Rezeption.

Nach zwei Tagen ruft Sebastian an. Er möchte mich an einem neutralen Ort treffen. „In unserem Café, du weißt schon, wo es die Stufen rauf geht.“ Es ist eigentlich kein Café, sondern ein winziges Bistro mit zwei Tischen und schmalen ledergepolsterten Leisten an der Wand, auf denen man seinen Po abstützen kann. Nach unserer ersten gemeinsamen Nacht haben Sebastian und ich dort gefrühstückt und seitdem immer mal wieder. Das Bistro ist geschlossen. Auf einem Schild an der Tür verabschieden sich die Inhaber von ihren Gästen und danken für ihre Treue. Ich setze mich auf die Stufen und warte. Endlich kommt Sebastian. Er sieht blass aus.

„Mit diesen vielen Reisen muss Schluss sein“, sagt er. Seine Stimme klingt erschöpft. „Ich möchte eine eigene Bühne gründen. Auf dem Land. Ich weiß nicht, ob du die richtige Frau dafür bist.“

„Du wirst jemanden finden“, sage ich.

„Es läuft gerade so gut bei dir. Du solltest das weitermachen“, sagt er.

„Das werde ich auch.“

Wir laufen die Straße hinab, essen in einem indischen Restaurant und gehen nach Hause.In der Nacht streichelt Sebastian die Seitenlinie meines Körpers, fahrig, auf und ab, wie er manchmal durch die Wohnung läuft. Mein Kopf liegt wie immer in der Mulde unter seiner Schulter. Es ist mein Platz. Ich habe ihn geformt. Er wird Sebastian für immer an mich erinnern.

„Kennst du eine Frau für dein Bühnenprojekt?“ Sebastian schüttelt den Kopf.Er rollt mich auf die Seite, wie er es immer tut. Er beißt mich in den Nacken, wie ich es liebe. Dann flüstert er meinen Namen. In voller Länge. Ohne Schnörkel hinten dran.

„Hast du eben meinen Namen gesagt?“

„Ja.“

„Du hast meinen Namen noch nie so zärtlich gesagt.“

„Ach komm…“

„Du hast mich im Bett immer bei diesen international üblichen Kosenamen genannt.“

„Ist das wahr?“

„Ich habe mir immer gewünscht, dass du beim Sex meinen Namen sagst.“

„Du hättest doch nur sagen brauchen, dass du drauf stehst.“

„So etwas spricht man nicht aus. Es muss sich übertragen. Ohne Worte.“

Sebastian flüstert wieder und wieder meinen Namen. Er dehnt und haucht und stottert ihn. Er schluchzt meinen Namen. Er atmet ihn. Ich liege wach und blicke zur Decke, während er längst schläft. Sein Kopf ruht wie üblich in der Mulde neben meinem Hüftknochen. Immer wieder höre ich, wie Sebastian meinen Namen sagt. Vom Urknall unserer Verliebtheit hat er meinen Wunsch erst jetzt empfangen. Auf einer langwelligen, unbekannten Frequenz.

„Ab dem 10. Dezember habe ich eine Woche frei“, sagt der Mann in Amerika. „Kommst du, Darling?“ Der 11. Dezember ist Sebastians und mein Tag. Das erste Mal seit neun Jahren würde ich nicht mit ihm in den Klavierladen gehen. Es ist gut, Rituale aufzubrechen.

„Hast du jemals meinen Namen…Ich meine, weißt du eigentlich, wie ich heiße?“

„Natürlich. Du heißt Simone. Ein wunderschöner Name.“

„Hast du schon einmal eine Frau mit diesem Namen geliebt?“

„Nein.“

„Seltsam nicht? Ein Name ist banal und gleichzeitig einzigartig. Wie das Leben gleichzeitig beides ist.“

„Wirst du kommen, Liebling?“

„Ich habe am 11. Dezember einen wichtigen Termin. Vielleicht lässt er sich verschieben…Ich rufe dich an.“

Am 11. Dezember beginnt es zu schneien. Ich stehe vor dem Klavierladen und schaue durch das Fenster. Niemand ist drin. Die Klaviere glänzen in der warmen Beleuchtung. Ich habe Lust, eins aufzuschlagen und die Ballade von Chopin zu spielen. Die Ballade von damals. Ich gehe weiter.

Am Nachmittag ruft Sebastian an. Er habe ein Haus für sein Theater gefunden. Ob ich Lust hätte, es mir anzuschauen. Ich steige ins Auto und fahre los. Außerhalb der Stadt wird das Schneetreiben dichter. Die Felder sind schon weiß. Ich überlege, ob ich auf dem Land leben könnte. Den Bäumen und Spinnen täte es jedenfalls gut.

Das Herz, das nicht leuchtet

Berliner Zeitung

Christopher sucht die Liebe und läuft vor ihr davon. Könnte ja das Ende der Kindheit sein

Noch eine letzte Diode, dann ist die zierliche Kette komplett. Christopher setzt den Lötkolben ab. Er montiert die zwei Hälften des Leuchtbuchstaben zusammen. Es ist ein rosa S. Sein Auftraggeber möchte es einer Freundin zum Geburtstag schenken. Es ist der Anfangsbuchstabe ihres Namens. Sarah? Selma? Samantha?

Christopher schiebt eine Haarsträhne, die sich aus seinem dunklen Pferdeschwanz gelöst hat, hinters Ohr.

Gestern stand seine Annonce wieder in der Zeitung. Bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet.

Die Zeit vergeht schnell. Die Jahreszahlen klappern hintereinander weg und nichts geschieht.

Man kann ganz gut allein leben in Berlin. Tut nicht weh. Es gibt Cafés, Clubs, Läden und immer was spannendes im Radio. Trotzdem. Nee, es geht ihm um viel mehr als Sex. Sex kann er an jeder Ecke kaufen. „Ich hätte ein so beschissenes Gefühl, dafür bezahlen zu müssen“, sagt Christopher. „Als ob ich so häßlich bin, dass ich es nicht auch anders haben kann.“

Ist schon ziemlich lange her, dass er Lust hatte, einer Frau das Wort ENGEL aus naturweißem, mattem Plastik auf seinem CNC-Bohrer zu schneiden und anschließend zum Leuchten zu bringen. Dabei ist alles da: Dioden, Kabel. Die Folienrollen und Kunstoffplatten in frischen Farben stapeln sich an den Wänden seiner Werkstatt. Es kann also los gehen. Doch Christophers Herz bleibt ausgeknipst.

Er schlägt das rosa S in Seidenpapier und packt es in einen kleinen Karton. Werbeschilder, Leuchtbuchstaben und – Tafeln – die Aufträge reißen nicht ab. Sie kommen aus ganz Deutschland. Meist von Firmen. Über die Breite zweier unbenutzter Sessel liegt ein halbfertiges Ladenschild. Christopher hebt es auf den Arbeitstisch zwischen die Computer.

Die Frauen, die auf seine Annonce schreiben, schicken gewöhnlich zuerst eine SMS. Er antwortet umgehend. Dann folgt eine weitere SMS. „Dieses Scheiß-Gesimse nervt“, sagt er. „Was soll ich mit einer Frau, die keine Lust hat, mit einem Typen zu reden?“ Einmal hat eine Frau sofort angerufen. Sie haben sich gut verstanden. Sie wollte ihn noch am selben Abend treffen. Christopher ist wieder raus aus dem Bett und losgezogen. „Naja, war nicht so mein Typ.“

Die meisten Frauen langweilen ihn. „Die gehen jeden Tag ins Büro, einmal in der Woche ins Kino, aber eigentlich interessiert sie nichts. Außerdem sind sie gekleidet, als sei es ihnen egal, was sie früh aus dem Schrank zerren. Kein bißchen sexy. Keinen Mut aufzufallen.“

Christopher sticht auch nicht gerade durch Originalität ins Auge. Sweatshirt, Jeans, Stiefel – alles in schwarz. „Ok, das ist jetzt mein Alltagslook, aber wenn ich in einen Club wie das K17 gehe, trage ich schon mal ein Lackhemd.“

In die Gothic-Läden geht er kaum noch. „Da sind doch nur Leute, die sich über ihre Klamotten und Musik definieren, im Grunde auch Spießer.“

Wichtiger findet Christopher, miteinander reden zu können, über die vielen Themen, die ihn beschäftigen: Kultur im weitesten Sinne, nicht die Theater und Museen, sondern die Straße, die Leute, gesellschaftliche Phänomene, Liebe natürlich. Er möchte Radio machen, so rotzig frech wie Thommy Wash, sein Lieblingsmoderator auf Fritz, eine Sendung wie BlueMoon, wo alle anrufen können, reden, diskutieren, lästern. Radio im Web.

Er hält sich für schräg, provokant, zu wenig angepasst. Bei der Zielgruppe käme das nicht gut an. Auch optisch entspreche er eben nicht dem Geschmack der Masse.

Seine Lippen sind schmal, kein Kussmund wie aus der Werbung und auch sonst ist er nicht gerade ein Alphatier, ein normaler Mann also, nicht schöner und nicht weniger sexy als sieben Achtel aller Berliner. Er ist groß und schlank, die vollen Haare sind frisch gewaschen, die Cowboystiefel geputzt. Er ist bereit.

Seine Traumfrau sollte auf keinen Fall älter als dreißig Jahre alt sein, schön und schlank, stilvoll und gebildet. „Warst du jemals in einer Partnerbörse im Internet? Wenn du siehst, wie oft Frauen unter dreißig angeklickt werden, kannst du als Typ nur noch einpacken. Du musst eine junge Frau sein. Dann wirst du überall angemacht.“

Zu spät, sich auf die Seite der Zielgruppe zu stehlen und eine junge Frau zu werden. Christopher ist dreiundvierzig Jahre alt. In der Annonce mogelt er sich jünger. Glaubhaft. Die Geste, mit der er das volle, schwarze Haar aus dem Gesicht wirft, gerät so unbeschwert wie vor zwanzig Jahren.

Er glaubt, dass eine Frau seines Alters nicht zu ihm passt. „Die haben doch längst das ganze Programm hinter sich: Scheidungen, Streit um die Kinder und den Unterhalt.“ Er verzieht leicht angewidert den Mund. „Die tolle Ausstrahlung ist dann weg. Das erste Leben, in dem alles unkompliziert und lustig war, ist ein für allemal vorbei. An dem Spruch: ‚Trau keinem über dreißig‘ ist schon was dran.“

Er selbst ist die Ausnahme. Logisch. Er hat das Programm ja noch nicht einmal in Ansätzen absolviert. Keine seiner Beziehungen hielt länger als ein Vierteljahr. Was dauerhaftes wäre beengend. Es würde nach der Normalität des Programms stinken, das Pippi-Langstrumpf-Gefühl gefährden. „Ich baue mir die Welt, wie sie mir gefällt“, zitiert er. Seine Augen blitzen kindlich.

Der Balkon vor seiner Werkstatt ist ungenutzt, die dünne Schneedecke verharscht. Er geht da nicht raus, guckt den anderen nicht in die Zimmer -er würde entdecken, dass es bei den meisten Singles ganz ähnlich aussieht- er döst nicht über die Dächer, träumt nicht einfach so ins Blaue, etwas Neues, eine Frau in seinem Alter beispielsweise, die sich locker jünger mogeln kann und das Programm noch nicht hinter sich hat.

Er bleibt über die Leuchtbotschaften auf den Schildern gebeugt, schneidet, bohrt, lötet und grübelt sich die Welt, wie sie ihm nicht gefällt.

Das Problem sei, dass sie ihn manchmal für einen großen Jungen hielten. Und wenn sie dann miteinander ausgingen und erlebten, wie schräg und provokant er wirklich drauf sei, dann war’s das eben. „Habe schon öfters gehört, ich sei verletzend.“

Er trifft durchaus spannende Frauen. „Begegnungen, bei denen sofort ein Funke überspringt, ein Wort das andere gibt, wo alles stimmt, ohne dass man sich groß anstrengen muss.“

Es ist noch gar nicht lange her, dass er in einem Club eine Gleichgesinnte kennengelernte, eine von diesen Frauen, die sich nirgends langweilen. Nennen wir sie Lisa. Lisa ist vierunddreißig, aber alle halten sie für fünfundzwanzig. Sie tanzen die ganze Nacht. Lisa sagt, dass sie ihn unbedingt wiedersehen möchte. Am nächsten Tag bestätigt sie es in einer SMS: „Lass uns einen Kaffee trinken, sobald ich wieder in Berlin bin.“

Lisa ist dann nach Thüringen gefahren. Nicht für ein Semester nach New York, auch nicht zu einem Praktikum nach Melbourne. Einen Moment lang blickt Christopher, als hätte er das ganze Programm längst hinter sich. Egal, ob Lisa eine Tante besucht hat oder auf dem Rennsteig wandern ging, die Reise nach Thüringen bestätigt wieder mal das Naturgesetz, dass schöne, sympathische Frauen jede andere Beschäftigung einem Rendezvous mit ihm vorziehen würden. So hat er es festgelegt. Da kann sie funken, solange sie will, er ruft nicht zurück.

Aus Angst vor Enttäuschung? „Habe nicht so gute Erfahrungen mit anrufen gemacht.“ Christopher springt schnell zum nächsten Thema. Könnte ja sein, dass der Gefühlssturm der unerfüllten Erwartungen und verletzten Gefühle wieder losbricht, wenn Mann es sich gerade gemütlich machen will. Frauen sind unberechenbar.

Er trudelt in seinem Schreibtischstuhl hin und her. Über seinem Kopf hängt in lila Leuchtbuchstaben das Wort: SALE.

Christopher hat niemals einen Beruf gelernt. Das Abi schmiss er kurz vor den Prüfungen. Danach machte er sich als Siebdrucker selbständig. Er flüchtete aus seinem Heimatort in Hessen nach Berlin, weil die Jungs in der Vier-Mächte-Stadt vom Wehrdienst befreit waren. In Berlin führt er ein Fotosatzstudio, nach der digitalen Revolution im Druckgewerbe baute er Möbel und verkaufte sie in einem eigenen Laden. Mit den Werbeschildern hat er vor drei Jahren angefangen.

Alle Handwerke hat er sich selbst beigebracht. Und immer allein gearbeitet. „Man muss sich etwas einfallen lassen, um oben zu bleiben. Ich liebe diese Herausforderung. Ich konkurriere gern mit anderen. Das heizt die Phantasie an. – Ach komm, mit Kunden, das ist doch ganz anders als mit Frauen. Man kann das nicht vergleichen. Das ist so daneben wie diese Verkaufs – und Vermarktungsseminare, bei denen sie den Leuten beibringen, sich zu verbiegen, um Kohle zu machen. Lieber fahre ich nur ein kleines Auto und bleibe ich selbst.“

Lisa hat wieder eine SMS geschickt. Er öffnet sein Telefon und klickt sich durch die Kurznachrichten bis zu ihrem Gruß. Er hat sofort geantwortet. „Jetzt lass uns endlich wie normale Menschen kommunizieren. Schick mir doch deine Email-Adresse.“ Er hat Lisa eine Mail geschrieben, sie um ein Date gebeten. „Nichts.“ Sein Gesicht gerät zerknirscht. „Ich will mich da nicht investieren. Eigentlich interessiert sie mich nicht mehr. Wenn jemand immer nur SMS schickt…was ist das für eine Art, miteinander umzugehen?“

Letztes Wochenende hat er im Duncker eine Frau getroffen. Sie haben die ganze Nacht gequatscht. Blieb kaum Zeit für ein zweites Bier. Am Ende sagte sie, dass sie einen Freund hat.

Noch in derselben Nacht hat er ihren Namen in eine Internet-Suchmaschine getippt und ihre Firma mit sämtlichen Telefonnummern gefunden. Er wisse ja, dass er sich von der Sache mit dem Freund nicht abschrecken lassen sollte. Schließlich sei sie allein tanzen gegangen. Vielleicht läuft zwischen den beiden gar nichts mehr. Einen Versuch wäre es wert.

„Ich glaube allerdings, ihr Typ hängt mit in der Firma drin. Was soll ich am Telefon sagen, wenn er rangeht?“

Christopher blickt verunsichert auf das Telefon in seiner Hand. Er wendet es hin und her wie ein heißes Brötchen. „Ich werde ihr eine SMS schicken. Nur ein einziges Wort: Duncker.“