Ousmane und die Löwen

Berliner Zeitung

Letzte Woche war Ousmane wütend. Corinne Hofmann, die Autorin des Buches „Die weiße Massai“ war zu Gast in einer Talkshow. „Ich bin jetzt fünf Jahre in Deutschland“, sagt Ousmane, „aber ich würde nicht auf die Idee kommen, ein Buch zu schreiben „Der schwarze Deutsche“. Man kann eine Kultur so schnell gar nicht völlig verstehen. Niemals ist sie nach vier Jahren in Kenia eine „weiße Massai“.
Ousmane rief in der Sendung an. Er wollte mit Corinne Hofmann sprechen. „Ich kann Sie gut verstehen“, sagte die Dame am Telefon. „Aber Sie können jetzt nicht auf Sendung.“

Wenn Ousmane davon überzeugt ist, dass etwas richtig oder falsch ist, gibt er so schnell nicht auf. Er diskutiert. Er argumentiert. Er lässt nicht locker.

Es half nichts. Er durfte nicht auf Sendung. Die Dame am Telefon mag sich den Schweiß von der Stirn getupft haben, als sie Ousmane Doudou Diallo endlich wieder losgeworden war.

Ousmane schlitzt die Folienhülle des Gitterwagens im Bio-Supermarkt mit einem Cutter auf und sortiert geschwind Bierflaschen ins Regal. „Die Deutschen streiten nicht gern“, sagt er. „Sie fühlen sich sofort persönlich angegriffen. Es ist schon vorgekommen, dass Leute mich nicht wieder treffen wollten, nur weil ich es gewohnt bin, meinen Standpunkt zu verteidigen.“ In anderen Ländern sei das anders, in Frankreich und Guinea zum Beispiel. Da streiten die Leute gern. Sie lieben Provokationen.

Er knüllt die Folienhaut zusammen und wirft sie auf den leeren Wagen. Ousmane arbeitet gern im Bio-Supermarkt. „Diese Arbeit zu finden war, als hätte ich den Jackpot geknackt“, sagt er. Das Bioteam fördert ihn. Sie dürfen „Schokomann“ zu ihm sagen. Die Kunden behandeln den schwarzen Kassierer besonders höflich.

Und niemand fragt nach Löwen. Als Ousmane vor fünf Jahren nach Deutschland kam, haben ihn erwachsene Menschen manchmal gefragt, ob es da, wo er herkommt, Löwen gibt. Als hätten sie ihr einziges Wissen über Afrika aus einem Bilderbuch für Dreijährige. Diese Fragen haben Ousmanes Gefühl der Fremdheit noch verstärkt.

Ousmane Doudou Diallo ist in Kamsar in Guinea geboren, einer modernen Hafenstadt an der Atlantikküste. Kamsar zählt ungefähr achtzigtausend Einwohner.

Für guineeische Verhältnisse ist seine Herkunft privilegiert. Das Leben in Kamsar, wo die Menschen früher vom Fischfang lebten, wird seit den Siebzigerjahren von der CBG, der Company of Bauxit Guinea, beherrscht. Die Hälfte aller Weltvorräte an Bauxit lagern in Boké, der Präfektur, zu der die Stadt Kamsar gehört. Vom dort aus wird das Bauxit in die ganze Welt verschifft.Ousmanes Eltern arbeiten bei der CBG. Die Angestellten genießen viele Sozialleistungen, die in Afrika unüblich sind, Krankenversicherungen zum Beispiel.

Doch als Ousmane sein Mathematikstudium in der Hauptstadt Conakry abschloss, wusste er, dass es in Guinea keine Zukunft für ihn gibt.

„In Europa hat jeder eine Chance“, sagt Ousmane. Er sortiert Fruchtsäfte und Limonaden ins Regal. „In Guinea findet nur Arbeit, wer einflussreiche Freunde hat.“

Ein Praktikum bei der CBG konnten seine Eltern – die Mutter ist Sekretärin, der Vater Buchhalter – noch vermitteln, doch um ihrem Sohn eine bezahlte Anstellung zu verschaffen, reichte ihr Einfluss nicht aus.

In den letzten Jahren übernahmen zunehmend Schwarze die führenden Positionen bei der CBG. Ousmane sieht den Prozess der sogenannten Afrikanisierung auch kritisch. „Wenn in Afrika jemanden einen guten Job hat, erwartet die Familie, dass er für andere, die weniger haben, sorgt. Auf jeden gut verdienenden Afrikaner kommen ungefähr fünfzig Arbeitslose in der Familie. Die Afrikanisierung könnte eine Chance sein, aber die Leute denken zuerst an sich und ihre Familien und erst danach an die Firma. Viele Sozialleistungen sind in den letzten Jahren abgeschafft worden. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde. Vielleicht würde auch ich in die eigene Tasche arbeiten, um meiner Familie zu helfen.“

Afrikanisierung heißt nicht, dass die CBG nun den Guineesen gehört. Die Gewerkschaften des Landes kämpfen darum, dass ein paar zusätzliche Brotkrumen vom Tisch der internationalen Konzerne fallen und den Menschen im Land zugute kommen, statt dass korrupte Regierungsbeamte sie wegschnappen und in ihren Clans aufteilen.

Im Februar war Ousmane wieder wütend. Die von den guineeischen Gewerkschaften organisierten Generalstreiks waren keiner deutschen Nachrichtensendung eine Meldung wert. Auch dann nicht, als sie sich zu Unruhen ausweiteten, das Militär eingriff und Tote zu beklagen waren. „Gäbe es nicht das französische Fernsehen und das Internet, hätte ich überhaupt nicht erfahren, was bei uns zu Hause los ist.“

Ousmane verfasste einen Brief an die ARD. Deutschland erwarte von den Migranten, dass sie sich für die Kultur und Politik des Landes interessieren. „Aber wann beginnen Sie, sich für Afrika zu interessieren?“

Die ARD antwortete, man plane eine längere Reportage über Westafrika. Einige Wochen später berichtete der „Weltspiegel“ über die Streiks in Guinea.

„Die meisten jungen Afrikaner haben eine völlig falsche Vorstellung von Europa“, sagt Ousmane. „Sie glauben, das Geld liegt hier auf der Straße.“

Er hätte gern Informatik studiert. Die Ausländerbehörde räumt Migranten zwei Jahre ein, um einen Studienplatz zu finden. Als es mit dem Studium nicht sofort klappte und man ihm nahelegte, erst einmal einen Sprachkurs zu besuchen, weinte Ousmane. „So wird das nichts“, sagte sein Freund. „Hier musst du hart sein. Mit Tränen kommst du nicht weit.“

Bewerbungen, Absagen, die Angst vor dem Briefkasten, die Angst vor dem Kontostand. Das Geld, das seine Eltern über viele Jahre für ihn beiseite gelegt hatten, war schnell verbraucht. Die Mutter konnte nicht fassen, wie teuer die Mieten und das Essen in Europa sind.

Kurz vor Ablauf der zwei Jahre beginnt Ousmane ein Mathematik-Studium an der Humboldt-Uni. Jetzt darf er auch eigenes Geld verdienen. Am Wochenende putzt er den Bio-Supermarkt. Später hilft er manchmal an der Kasse aus. Im letzten Jahr brach er sein Studium ab und stieg als Verkäufer ins Biogeschäft ein.

Jetzt ist Ousmane zweiunddreißig Jahre alt und führt ein typisches Berliner Familienleben. Er ist verheiratet. Sein Sohn wird bald drei Jahre alt. Manchmal laden die Schwiegereltern zur Grillparty in den Garten nach Brandenburg ein.

„Ja, schwarze Männer sind Machos“, sagt Ousmane. „In Afrika betreten sie die Küche nicht.“ Er jedoch sei durch das Beispiel seines Vaters bestens auf eine moderne Ehe in Europa vorbereitet worden. „Mein Vater hat manchmal für uns Kinder gekocht. Er musste, weil meine Eltern beide arbeiteten. Es war ihm peinlich vor den Nachbarn, aber mir ist er ein Vorbild geworden. Ich habe kein Problem, für meine Familie zu kochen.“

Neulich sind sie übers Wochenende an die Ostsee gefahren. Das erste Mal. Er hatte Angst. „Wenn du hörst, dass sie dort Schwarze verhauen…Aber nichts ist passiert“, sagt er, erleichtert, fröhlich, wie nach einer bestandenen Prüfung, einer Prüfung für das Land seiner Wahl. Stundenlang seien sie am Strand spazieren gegangen. „Die Leute waren alle superfreundlich.“

Und niemand hat nach Löwen gefragt. Ousmane beobachtet, dass die Gesellschaft sich verändert. Was seinen Sohn betrifft, macht er sich keine Sorgen. „Wenn er in die Schule kommt, wird es in Deutschland kein Thema mehr sein, woher jemandes Eltern kommen und ob einer schwarz oder weiß ist.“

Aber Killés Freunde werden wissen, dass er Großeltern in Kamsar hat und dass dort keine Löwen durch die Straßen laufen, sondern Autos fahren. Wie in Berlin.

 

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