Berliner Notiz-Blog 3. Februar 2008

Ein blasser, schmaler Junge von zirka 15 Jahren liegt seit ungefähr einer Stunde lesend in dem bunten Bretter-Verschlag in der Comicecke der Bibliothek, die langen Beine verknotet. Ab und an blickt er wütend über den Rand des Buches. Er befindet sich offensichtlich in einer Form des Widerstandes.

Abgesehen davon, dass der zeitraubende Vorgang des Lesen in unserer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft immer mehr wie eine subversive Handlung wirkt, scheint dieser Junge dem, was seine Eltern heute Nachmittag für ihn vorgesehen haben, Klavierunterricht vielleicht, oder Judo zu wiederstehen. Seine lässige Position verrät, dass er nicht das erste Mal schwänzt. Er weiß längst, wie man am bequemsten in dem Bretterverschlag liegt.

Ich glaube etwas von der Last der elterlichen Erwartungen in seinem Gesicht zu lesen, an der Einzelkinder am schwersten tragen. Wahrscheinlich finden seine Eltern, dass er endlich auch andere Bücher und nicht ständig nur Comics lesen sollte. Oder sie wollen immer wissen, was er liest und finden das ausnahmslos toll und interessant und wollen mit ihm darüber reden. Wie auch immer, es scheint ihn anzustrengen.

Es ist nicht still in der Kinder – und Jugendbuchabteilung im Untergeschoss der Bibliothek. Von oben schallt das Piepsen der Lesegeräte und Computer an der Buchausgabe und hin und wieder das ohrenbetäubende Zischen des Milchaufschäumers aus dem Café.

Plötzlich stürmt ein dicker, dunkelhaariger Junge die Betontreppe ins Untergeschoss hinab. Er schwingt um das Geländer und huscht in die Höhle unter der Treppe. Trotz seines Gewichts sieht das anmutig aus. Dann steht er dort in der Höhle und rührt sich nicht mehr. Nur sein Atem geht schwer. Er lauscht. Ein Aufzug rumpelt hinter ihm empor. Sonst ist da nur das Computer-Piepsen und Milchschäumen von oben. Der Junge wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Langsam traut er sich aus dem Schatten der Treppe. Er hat seine Verfolger abgehängt.

Er sieht den anderen Jungen in der Comicecke liegen. Die Blicke der beiden Flüchtlinge begegnen sich kurz. Der dicke Junge kennt die Bücherei von einem Schulausflug. Er hat damals in ein paar Bücher geschaut, aber Lesen macht ihm keinen Spaß. Er will hier wieder raus. Außerdem ist ihm heiß. Langsam schleppt er sich die Treppe nach oben, ins Foyer und macht sich auf den Heimweg. Vielleicht verbringt er den Nachmittag allein. Vielleicht wird er gegen das Alleinsein essen, Chips oder Schokoriegel, was er eben im Küchenschrank so findet.

Später kommen Mütter mit lärmenden Kindergartenkindern. Der 15jährige Comicleser entknotet seine Beine, nimmt seinen Anorak und stiehlt sich davon. An der Buchausgabe zieht er die pelzgeränderte Kapuze tief in das wütende Gesicht. Die Bibliothekarin darf ihn nicht erkennen. Er schuldet ihr noch einen Euro.

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