Kathrins Notiz-Blog 2. April 09

Expecto Patronum

Einmal sah ich meiner Großmutter dabei zu, wie sie sich umzog. Als Kind sah ich anderen gern beim an – und ausziehen zu. Ich mochte die Geräusche der Wäsche, wenn sie über Haut glitt. Manche Pullover knisterten im Winter. Mein Bruder riss sich Hemd und Pullover brachial über den Kopf, er warf seine Arme nach allen Seiten, es machte ihn aggressiv, dass er sich jeden Morgen anziehen musste, er hasste diese Handlung, er stopfte sich das Hemd unordentlich in die Hose und zerrte den Pullover nach unten.

Meine Großmutter stand nackt vor dem Kleiderschrank in ihrem Schlafzimmer. Ich hatte noch nie so eine schöne Frau gesehen. Ich war damals etwa acht oder neun Jahre alt, meine Großmutter ungefähr sechzig. Sie war sehr schlank, aber überall ein bisschen rund. Sie hatte schmale Schultern und einen schönen Busen. Ich fand ihn genau richtig, nicht zu groß und nicht zu klein. Die Brustwarzen stimmten genau, nicht größer und so dunkel wie Rosinen.

Ich sehe sie noch immer vor mir. Es ist eines der schönsten Bilder meiner Kindheit. Sie zog einen weißen BH an, der mir viel zu groß und zu spitz für ihre Brüste schien. Sie hob ihre Beine auf die Zehen, um die zarte Haut der Strümpfe an den Knöpfen des Hüftgürtels zu montieren. Manchmal schniefte sie leicht. Das klang wie ein Seufzen. Ich stellte mich in die Tür. Ich fragte, ob sie sich noch einmal ausziehen würde. Ich hätte sie gern noch einmal nackt gesehen. Meine Großmutter war außer sich. Sie schimpfte mit mir und schickte mich fort. Ich verstand ihre Reaktion nicht. Warum zeigte sie nicht, wie schön sie war?

Die Sache mit der Nacktheit verstand ich noch immer nicht, als meine Mutter mir einige Jahre später im Schwimmbad zuflüsterte, ich solle jetzt nicht mehr nackt herum laufen. Die Jungs würden gucken. Ich sah mich um. In unserer Nähe spielten zwei Jungen miteinander haschen. Sie warfen sich gegenseitig ins Wasser. Ich war sicher, dass sie sich überhaupt nicht für mich interessierten. Jungs interessierten sich nicht für Mädchen. Das wusste ich von meinem großen Bruder und seinen Freunden. Sie wollten partout nichts mit mir zu tun haben. Ich schaute an meinem Körper herab. Was gab es da zu verstecken? Ich fühlte mich verunsichert. Schuldig. Mich beschlich die dunkle Ahnung, dass etwas mit mir nicht stimmt.

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