Kathrins Notiz-Blog 1. August 09


© Illustration Liane Heinze

Das Hotel war klein und düster. Wir hörten im Zimmer über uns die Betten quitschen. Kaum war man im Süden, ging das los. Wir lagen nackt auf dem Bett und hörten dem Paar über uns zu. Leon drehte sich zu mir. Er stützte den Kopf in die Hand und sah mich an. Er sah mich lange an. Ich bat ihn, seine Hand auf meinen Bauch zu legen. Er tat es, aber er ließ seine Hand nicht dort. Er griff nach meinen Brüsten. Leon ist nicht der Mann, der einer Frau die Hand auf den Bauch legen kann. Er würde niemals Ruhe und Sicherheit geben können. Aber dieser Moment war wie ein Summen. Wir trieben aufeinander zu und ließen uns ineinander aufgehen, so vertraut, als wären wir seit Jahrhunderten ein Paar.

Als ich mich heute Morgen auf den Weg zum Strand machte, wusste ich bereits, worüber ich nachdenken würde, falls ich nachdenken würde. Aber ich wollte nicht mehr soviel nachdenken, über Dinge, für die es keine Argumente gab, außer dem einen, das sich sowieso jedem Nachdenken versperrte. Leon hatte Recht. Das brachte gar nichts. Also versuchte ich nicht darüber nachzudenken, und statt dessen das Meer durch mich hindurch strömen zu lassen mit seinen Muscheln und Quallen, dem klebrigen Tang, den Treibhölzern und dem Sand. Das Meer zerrte meine Zehen in den Sand und trieb mir Muschelkalk und zerfetzte Quallen vor die Füße.

Draußen stapfte ein Muschelfänger eine Sandbank entlang. Er winkte mir. Ich blieb stehen. Er zog die Muscheln zum Sterben an Land und lud mich für den Abend in seinen Wohnwagen am Strand ein. Er gab mir seine Telefonnummer. Ich sah ihm nach, wie er seine Ernte über den leeren Strand zu einem Wohn – und Lieferwagen schleppte, ein kräftiger Mann –unter dem Taucheranzug wölbte sich sein Bauch- mit selbstsicheren Feueraugen und einer Haut, die im Laufe der Jahre gegen Sonnenbrände resistent geworden war. Ich dachte das Muschelessen weiter, in diesem Wohnwagen am leeren Strand.

In diesem Moment wusste ich die Antwort, obwohl ich nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht hatte. Es funktionierte also. Ich wollte Leon anrufen und ihm mein JA geben, ja, ja, ja, sofort. Aber ich hatte mein Telefon im Hotel vergessen.

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