Unterm Regenbogen

Berliner Zeitung

Diese Anzeige stand im Sommer in der taz:

ARNO

war fast 28 Jahre lang

in der Fahrradwerkstatt, im Wohnhaus, im Café und in der Baugruppe bei und mit uns. 

Jetzt ist er für immer von uns gegangen und wird doch für immer bei uns bleiben. 

Auf Dich, Arno…

Deine FreundInnen und KollegInnen aus der Regenbogenfabrik. 

Achims Sticker vom 1. FC Kaiserslautern sind so vergilbt wie die Fotos an der Wand. Ein Foto zeigt Arno. Er ist jung darauf. Arno trägt das glatte, lange Haar in der Mitte gescheitelt und zu einem Zopf gebunden. Sein Gesicht ist schmal, die Augen sind hell. Wasserblau. Achim trägt auch einen Zopf, doch sein Haar ist störrisch und grau. Er sieht ein bisschen aus wie Hagrid, der Halbriese aus Hogwart. Massig, bärtig. Seine Stimme ist brummig, ein Typ, dem man sofort ein weiches Herz unterstellt. Man glaubt, Tränen in seinen braunen Augen zu sehen, wenn er von Arno spricht. Achim Sand ist 53 Jahre alt. Sein Freund Arno Hoffmann starb in diesem Jahr mit 55 Jahren.

Auf einem anderen Bild an Achims Wand bereitet Arno Rahmschnitzel mit Lauchgemüse. Der Lauch war extra für Achim. „Arno glaubte, dass ich Lauch mag“, sagt Achim. „Bis ich mir nach vielen Rahmschnitzeln mit Lauchgemüse ein Herz fasste und Arno die Wahrheit sagte: Ich verabscheue Lauch. Arno brach vor Lachen fast zusammen.“

Arno und Achim arbeiteten zusammen in der Baugruppe der Kreuzberger Regenbogenfabrik. Die Regenbogenfabrik ist eines der alternativen, sozialen Projekte, die in den achtziger Jahren in Kreuzberg entstanden. Es gibt heute auf dem Gelände eine Kita, ein Kino, Seminarräume, einen Fahrradverleih mit Werkstatt, Tischlerei, Kantine, Café, eine Kuchenbäckerei. Und ein Hostel. Bis auf einen kleinen Senatszuschuss zum Betrieb der Kita und einigen Beschäftigungsmaßnahmen vom Jobcenter trägt sich das Projekt selbst.

Achim zeigt ein Foto, auf dem Arno einen Bagger steuert. „Das war 2007, da haben wir die alte Remise für den Neubau des Hostels ausgemistet“, erklärt Achim. Die Bäume werfen Schatten in das Zimmer im Seitenflügel der Kreuzberger Regenbogenfabrik, in dem Achim wohnt. Die frisch verputzte Wand des Hostels auf der anderen Seite des Hofes reflektiert das Sonnenlicht. „Diese Wand haben wir noch zusammen hochgezogen, vor zwei Jahren“, sagt Achim. Er nennt Arno den Filigranen, weil er auf dem Bau immer dort eingesetzt wurde, wo es auf Genauigkeit ankam.

Arno und Achim sind in Zweibrücken in der Pfalz aufgewachsen. Sie besuchten die gleiche Schule. Achim wurde Autoschlosser, Arno Dreher. Nach der Ausbildung schraubten sie am Fließband der gleichen Firma Türen für Wohnwagen zusammen. Arno ging zum Bund. Achim flüchtete nach Berlin, als der Einberufungsbefehl im Briefkasten lag.

Achim beobachtete damals die Besetzung der heruntergekommenen, leer stehenden Chemiefabrik Albert Carl in der Lausitzer Straße in Kreuzberg. Das war 1981. Die Besetzter nannten sie dann Regenbogenfabrik. Achim arbeitete in einer Fahrradwerkstatt im Kiez. Aus Solidarität mit den Besetzern verlegten sie ihre Werkstatt auf das Gelände der Regenbogenfabrik.

Arno lebte damals noch in der Pfalz, er besuchte seinen Freund gelegentlich in Berlin. Bei einem der Besuche verliebte sich Arno in ein Mädchen, wenig später zog er zu ihr nach Berlin. In der Regenbogen-Fahrradwerkstatt gab es ausreichend Arbeit für ihn. Arno fing dort an. Später ging er mit Achim in die Baugruppe.

Einmal hatte Arno seine Bleibe in der Regenbogenfabrik verlassen. Er zog zu einer Frau, die er kennengelernt hatte, in eine Wohnung im Wedding, mit Schrankwand, Kanarienvögeln und Nachtspeicheröfen. Gemeinsam zogen sie die neunjährige Tochter von Arnos Lebensgefährtin auf. Arno brauchte Geld. Er gab seinen Job in der Regenbogenfabrik auf und fing bei einer Baufirma an.

Die Freundschaft zwischen Arno und Achim blieb. Achim kam regelmäßig zum Fußballgucken vorbei. Arnos Frau erkrankte an Krebs, er pflegte sie in ihrem Elternhaus bis zu ihrem Tode. Achim schaute regelmäßig nach dem Freund. Arno kümmerte sich nach dem Tod der Mutter weiter um die Tochter, er bereitete Rahmschnitzel für sie, beriet sie in Beziehungsfragen, sorgte für die Französisch-Nachhilfe und bezahlte ihre Ausbildung. Er hielt die Nachtspeicheröfen am Heizen, bis das Mädchen sich verabschiedete und zu seinem Freund nach Hamburg zog. Arno zog, das war 1996, zurück in die Regenbogenfabrik und arbeitete weiter mit Achim in der Baugruppe.

An einem Tag im Mai 2007 kippte Arno auf der Baustelle um. Achim fuhr mit seinem Freund ins Krankenhaus. Stundenlang wartete er, bis Arno mit den Röntgenaufnahmen unter dem Arm von den Untersuchungen zurückkam. „Ich habe einen Tumor im Kopf, die Ärzte sagen, ich kann noch zwei Jahre damit leben, hat Arno nur gesagt“, erinnert sich Achim. Achim nahm ihn einfach in die Arme. Sie hatten nie viele Worte gemacht.

Arno hat dann nicht mehr gearbeitet, aber er blieb in der Regenbogenfabrik. „Wir glaubten, Arno wäre die Ausnahme, der eine von hundert, der durchkommt“, sagt Achim. Arno kam nicht durch. Als es zu Ende ging, zog er zurück in die Pfalz. Zwei Jahre nach der Krebsdiagnose ist er in seinem Elternhaus in Zweibrücken gestorben.

Im Café der Rgenbogenfabrik haben sich an diesem Sommertag Freunde von Arno versammelt. Es ist ein Raum mit groben Dielen, auf denen schwere, nackte Eichentische stehenm, er ähnelt eher einer Kneipe und es wird hier wohl auch mehr Bier als Kaffee getrunken. Marion ist gekommen, Arnos erste Freundin in Berlin. Ihr trotziger Blick und die kurzen, dunklen Haare erinnern noch an das Mädchen auf einem der Fotos an Achims Wand. Auch Uta Doro ist da, die letzte Lebensgefährtin von Arno, eine kleine Frau Mitte Fünfzig mit hoch angesetzten, dunklen Zöpfen und einer runden Brille, die hier alle nur „Citrone“ nennen. Mit ein paar Mitgliedern von Arnos Baugruppe sitzen sie um den großen runden Tisch. Tabakpäckchen und Papier liegen bereit, das Fenster ist weit geöffnet.

Es wird an diesem Abend in der Regenbogenfabrik viel geraucht und viel Bier getrunken. Geschichten machen die Runde, von früher, als Arno noch gesund war. Lustige Geschichten aus einer vergangenen Zeit. „Eines Nachts, als Arno und Achim wieder mal kein Ende fanden im Café, hab ich Arno einfach eingeladen, bei mir zu schlafen“, gibt Citrone zum besten. „Ich hab ihn einkassiert. Man musste ihn vor Tatsachen stellen, sonst passierte ja nichts. Einen Monat später wurde Arno krank.“

Arnos Freunde am Tisch erzählen von gemeinsamen Ausflügen an die Nordsee und in den Spreewald, von gemeinsamen Fußballabenden und Grillfesten. Die meisten Erinnerungen an Arno haben mit viel Bier zu tun.

„Wir waren doch jeden Abend auf der Piste“, sagt Marion. Sie erzählt von ihren Streifzügen durch die Kreuzberger Kneipen, von Rausschmissen und Beschimpfungen durch die „Spießer“. Das war in den Achtzigerjahren ihre Revolution.

Ein älteres Mitglied der Baugruppe erzählt von Arnos Motivationskünsten. „Los Achim, noch ’ne Stunde, hat er oft auf der Baustelle seinem Freund zugeredet. Danach gehen wir ins Café. Das half.“ Die Tischrunde lacht, Achim knackt das vierte Bier. „Achim und Arno kamen nach den langen Nächten hier im Café ständig zu spät“, erinnert sich der Anleiter der Baugruppe, ein Sozialpädagoge. „Man konnte sich den Mund fusslig reden.“

Citrone ist in den letzten zwei Jahren an Arnos Seite geblieben. Achim hatte sich noch mit Arno in seiner Heimatstadt verabredet, aber es war dann zu spät. Zu Arnos Beerdigung in der Pfalz sind sie alle gefahren. Achim hat da schon nicht mehr in der Baugruppe gearbeitet. Er sagt, er habe gesundheitliche Probleme bekommen. Seitdem ist er arbeitslos.

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