Kathrins Notiz-Blog 5. April 10

© Illustration Liane Heinze

Leon war seit Stunden in seiner Garage verschwunden. Es war kalt. Es regnete. Ich saß im Fensterrahmen. Die Heizung bullerte unter meinem Po. Die SISUSTA! hat mir Lust gemacht, Räume zu entwerfen, zu kaufen, was ich will, ohne Limit, eine Werkstatt zu haben, in der ich aus aufgegebenen, verlorenen, weg geworfenen Objekten etwas Neues gestalte. Ich möchte losgehen und Dinge suchen, alte Möbel, Holzstücke, Metall, Plastikschnipsel, auf Böden und in Kellern stöbern, wie ich es als 16jährige gemacht habe, auf ein Dorf fahren und die Leute überreden, mir ihre Häuser und Wohnungen zu zeigen. Statt hier zu sitzen und mir die Hände an einer Tasse Tee zu wärmen.

Ich zog meinen dicken Anorak an, packte Mütze und Handschuhe und etwas Proviant ein.

Leon scrollte die Angebote auf Ebay durch.

„Ich fahre in die Uckermark. Spätestens mit dem letzten Zug komme ich zurück.“

Ich nahm die Wochenendausgabe der Zeitung mit, las aber nicht. Die ganze Fahrt lang döste ich aus dem Fenster.

Der Bahnhof von Wilmersdorf ist wie viele Bahnhofsgebäude dem Verfall preisgegeben. Es ist ein schönes, altes Haus aus roten Ziegeln. An seiner Fassade sind die Kilometerzahlen bis Berlin und Greifswald angegeben, ein nostalgisches, hellgraues Zahlenrelief: 156,5 km bis Greifswald, 86,5 km bis Berlin.

Vier Bahnsteige sind über eine Brücke miteinander verbunden. Auf der Brücke warnte ein rot-weißes Schild vor einer bröckelnden Stufe.

Die Bahnhofsstraße, eine holprige Allee, kaum genutzt, drückt sich in die Wiesen, in die Nähe des Waldes, führt in einem schüchternen Bogen zu einer kleinen Ansammlung von Häusern. Auf der anderen Seite des Dorfes rauscht die Bundesstraße entlang, dekoriert mit gelben und blauen Schildern, die Orte ankündigen und die nahe Autobahn in Richtung Berlin und Stettin, in Klammern Szczecin. Die Vergangenheit besaß auf diesem Schild Gültigkeit. Die Gegenwart war in Klammern gesetzt. Das Schild erinnerte mich daran, dass ich in einem Land, das Orte und Zeiten so behandelt, eigentlich nicht leben möchte.

Ich lief entlang der Bundesstraße. Ich war wütend, weil ich so viel Geld für eine Fahrkarte nach Wilmersdorf bezahlt hatte, ein ganzes Tagesbudget für wenige Stunden. Ich fühlte mich allein. Ich bog in einen Waldweg ein und lief und lief, bis sich die Landschaft endlich vor mir öffnete. Die rötlichen Baumkronen am Horizont faserten in die violetten Streifen des Himmels aus. Davor lagen Felder und Seen, die noch Eis atmeten, auch sie von einem roten Licht bedeckt. Der Frühling war zart wie Anfang März. Er wehte leicht und kalt von der Ostsee herein. Ich rief Leon an. „Ich möchte, dass du das siehst. Kommst du?“ Er seufzte düster.

„Es ist magisch schön“, sagte ich. Was für ein Blödsinn! Dieses Bild ließ sich nicht beschreiben. Er machte ein knappes, zustimmendes Geräusch. „Die Arbeit frisst mich auf.“

„Wir können später mal mit den Rädern herkommen“, schlug ich vor.

„Es passiert gerade sehr viel“, sagte Leon. „Ich habe jemanden getroffen. Wir wollen einen Internet-Handel für Retro-Bikes aufziehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Er entschuldigte sich dafür, in nächster Zeit viel reisen zu müssen.

„Das ist wunderbar“, sagte ich. Er machte wieder dieses knappe, zustimmende Geräusch.

Dass er nicht bei mir war, nicht sah, was ich sah, tat weh, fast wie ein Trennungsschmerz.

Auf dem Rückweg scheuchte ich am Bahnhof zwei große Katzen aus ihrem Versteck. Sie hatten im Windschatten des Schuppens gegenüber gehockt. Eine Lampe klickte an, beleuchtete spärlich den Bahnsteig. In einem der oberen Fenster des Bahnhofsgebäudes brannte Licht. Ich lief zurück, fand den Eingang der Wohnung, ein Namensschild. Durch das Schlüsselloch stank es nach Katzenpisse. Kunstblumen standen auf einem kleinen Tisch im Flur, daneben eine Yuccapalme. Ich fasste mir ein Herz und klingelte. Nichts geschah. Ich klingelte noch einmal. Minuten vergingen, dann polterte jemand die Treppe hinab. Ich trat ein Stück von der Tür zurück. Ein Biker mit strähnigen Haaren öffnete. Er musste um die Fünfzig sein. Sein Bauch quoll über den Bund der schwarzen Lederhose. Er schob die Hemdsärmel hoch, legte die tätowierten Unterarme frei. Er wirkte verlegen. Ich entschuldigte mich und fragte, ob es möglich wäre, den Bahnhof zu besichtigen. „Ich bin Architektin“, log ich.

„Schon wieder eine Architektin?” Er strich die Haare hinter die Ohren. „Das nächste Mal verlange ich Eintritt.“

„Sie passen auf den Bahnhof auf, ja?“

Er antwortete nicht, verschwand. Ich wartete. Es dauerte einige Minuten, dann kam er mit dem Schlüssel. „Bringen sie ihn zurück, wenn Sie fertig sind”, sagte er.

Der Zug nach Berlin fuhr in Bahnsteig zwei ein, auf der anderen Seite der Brücke.

Durch die grauen Gardinen und die verdreckten Scheiben der Bahnhofshalle sah ich nur eine Minute später den Zug sich beschleunigen. Dann war es so still, dass man den Staub über den Fußboden wehen hörte. Es hatte ein Bahnhofsrestaurant gegeben und einen Zeitungsladen. Die Türen waren verschlossen.

„Seit wann ist der Bahnhof gesperrt?“, fragte ich den Mann, als ich den Schlüssel zurück brachte. Vielleicht würde ich erfahren, ob er der Sohn oder Schwiegersohn, ob er seine Eltern Ostern besuchte, ob sie noch lebten. Ich hatte noch viel Zeit bis zum nächsten Zug. Vielleicht würde er mir einen Kaffee kochen. Ich war bereit, mich mit ihm über seine Harley zu unterhalten, über die nächste Kneipe oder ein Konzert, was auch immer er zu erzählen hatte, nur, um nicht allein zu sein.

„Keine Ahnung.” Er lehnte in der Wohnungstür. Es roch nach angebranntem Käse. Über seiner Schulter glänzte ein Stück Schrankwand. Unter seinen Achseln lagen Spitzendeckchen und Kunstblumen auf dem Fensterbrett. Der Fernseher lief. Vielleicht war seine Mutter kürzlich verstorben und er plötzlich ganz allein mit den Spitzendeckchen und den Kunstblumen. Vielleicht hatte er seine Einsamkeit noch gar nicht bemerkt.

Ich schlenderte über die Bahnsteige, studierte lange den kleinen Fahrplan und lief schon zwanzig Minuten vor dem nächsten Zug nach Berlin über die Brücke, um ihn ja nicht zu verpassen.

Jolanda hatte eine SMS geschrieben. Frühling nervt.

Verkriech dich einfach hinter deinen Büchern, empfahl ich ihr.

Wenn der Frühling nicht so nerven würde, schrieb sie.

Seit der kaputten Waschmaschine hatte ich Jolanda nicht gesehen. Ich schlug ihr ein Treffen vor.

Ziemlich verfroren und hungrig kam ich zu Hause an. Leon saß immer noch in der Garage. Er schaute nicht auf, als ich ihm einen Kuss in den Nacken gab.

„Ich habe Falafel mitgebracht.“

Er hob den Blick vom Monitor. „Gut, ich bin am Verhungern.“

„Warte.“ Ich lief nach oben und holte ein paar Kerzen. „Die ganze Uckermark war mit Osterfeuern getupft, überall, wo Häuser stehen, loderte ein kleiner Haufen Reisig.“ Wir saßen auf der Werkbank. Der Luftzug brannte die Kerzen schief.

„Wir sind wie diese Kerzen”, sagte Leon. „Wir flattern auseinander.” Wie er in die Flammen schaute, das machte mir Angst. Es war die Angst, dass wir in unserer Verschiedenheit diesem Leben nicht gewachsen sein und aneinander wahnsinnig werden könnten.

„Ich möchte mit dir gemeinsam etwas aufbauen“, sagt er. Es klang wie eine Drohung.

„Ich auch“, sagte ich, aber ich wollte nicht schon wieder über das Auswandern sprechen. Keine Chance.

„Wir sollten weggehen aus Berlin“, sagte Leon.

„In die Uckermark?“

„Weiter weg.“

„Warum?“

„Warum nicht?“

„Weil Fernumzüge anstrengend und teuer sind. Ein riesiger Aufwand, nur um nach einem halben Jahr festzustellen, dass die Menschen anderswo dieselben Probleme haben wie wir.“

„Wir sollten uns ein Zuhause schaffen, einen Ort, an dem wir etwas Gemeinsames aufbauen, einen Ort, an dem wir ankommen können.“

„Warum müssen wir dafür weggehen?“, sagte ich. „Dieser Ort könnte hier sein. Er kann überall dort sein, wo wir sind. Wir sind dieser Ort.“

„Diese Garage fällt mir auf den Kopf. Berlin schnürt mir die Luft ab“, sagte Leon.

„Diese Arbeit mit Kolja…”, wandte ich ein. „Ich lerne gerade sehr viel. Sein Projekt ist mir wichtig.“

„Und wenn man dir irgendwann einen Job als Innenarchitektin anbietet, 600 Kilometer von hier entfernt? Würdest du ihn annehmen?“

„Das ist etwas anderes“, sagte ich.

„Wieso?“

Er saß auf dem Sprung. Seine Augen quollen aus dem Halbdunkel der Garage.

„Ich glaube nicht, dass ich diesen Job annehmen würde. Ich möchte hier bleiben. Bei dir und Jolanda.“

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