Kathrins Notiz-Blog 12. Oktober 10

© Illustration Liane Heinze

„Ich mache mir Sorgen um dich“, sagte Jolanda. „Du klingst wie die meisten Frauen in deinem Alter. Du musst mal raus.“

Ich versuchte, das Telefon so zu halten, dass ich es nicht berührte. Meine Hände waren schmierig. Ich blickte an meinen bekleckerten Arbeitshosen hinab zu den rot-weißen Sneakers, die ich nur noch zum Renovieren trug. Es war die erste Kette, die ich aufzog. Leon war wieder einmal nicht da. Ich vertrat ihn in der Garage. Nur zwei Tage, kein Problem also. Ich hatte gerade nicht viel für die Uni zu tun, nicht soviel, dass ich nicht von Zeit zu Zeit in der Garage aushelfen konnte.

Als Jolanda aufgelegt hatte, versetzte ich dem Fahrrad einen Tritt.

An diesem Abend ging ich mit ihr, Jakob und Jakobs allein lebenden Vater in die Sophiensäle. Das Stück hieß „Barnes-Dance“ nach dem amerikanischen Verkehrsingenieur, der die Kreuzung erfunden hatte, bei der alle Fußgänger gleichzeitig über die Kreuzung laufen. Wie an der Kreuzung hinter dem Checkpoint Charlie. Auf dieser Kreuzung spielten sich immer wieder die gleichen Szenen ab. Zwei Frauen sprachen ständig dieselben Sätze, ein Schwarzer wurde angerempelt und ein Türke verlor eine Familienpackung Orangen. Einmal half ihm eine japanische Touristin, die Orangen wieder aufzusammeln. Das war eigentlich die schönste Szene des Stücks. Sörens Vater fand „Barnes-Dance“ poetisch. Ich fragte mich, was poetisch daran ist, angerempelt zu werden, Obst zu verlieren und immer das gleiche zu reden. An der Bar im Foyer betrachtete ich meine Hände. In den Rillen hockte noch immer der Schmutz von der Kette. Meine Fingernägel hatte ich auch nicht richtig sauber gekriegt. Nichts war poetisch.

In der Nacht rief Leon an und fragte, ob in der Garage alles in Ordnung sei. „Übrigens geht es mir gut“, sagte ich. „Danke der Nachfrage.“

Wenige Tage später gingen Bertram und ich ins Radialsystem, zum Musikfestival „Nordlichter“, das die ganze Nacht dauerte. Es störte mich, dass in den Konzertsälen Bier getrunken und Gulasch gegessen wurde. Bertram fand das gut. Er fand, es sei ein Fortschritt gegenüber der steifen, bürgerlichen Konzertatmosphäre. Wir stritten über die Heiligkeit der Kunst. „Wieso nimmst du das so schwer? Was ist mit dir los?“, fragte Bertram.

„Beim Sex isst man auch keinen Gulasch“, sagte ich.

„So unkreativ kenne ich dich gar nicht“, sagte Bertram. Er lachte mich aus.

Hatte es etwas mit dem Alter zu tun, dass mich Gulasch-Geruch während eines Konzerts wütend machte? War ich etwa verbittert? Wieso nervten mich die Leute auf der Barnes-Kreuzung, die doch nur taten, was alle in dieser Stadt tun?

Gegen Morgen verließ ich das Festival. Ich rief Jolanda an. „Kann ich zu dir kommen? Wir könnten zusammen frühstücken. Ich bringe Croissants mit.“

„Komm vorbei“, sagte Jolanda.

Wir hatten beide die ganze Nacht nicht geschlafen. Jolanda war mit Jakob in einem Club gewesen. Wir saßen zu zweit in der Küche und tranken Kaffee und freuten uns, mit verschmierter Schminke in die Morgensonne zu blinzeln.

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