Kathrins Notiz-Blog 26. Oktober 10

© Illustration Liane Heinze

In Westkreuz drängte eine Frau mit einem dünnen, weit ausgeschnittenen T-Shirt in den Regionalexpress aus Potsdam. Über dem Shirt trug sie einen offenen, glänzenden Blouson. Fünf Grad Außentemperatur, und sie war gekleidet wie im Sommer. Ihr dünnes Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden. Sie hielt eine geöffnete Cola-Flasche in der Hand. Ihr Körper quoll teigig aus dem Dekolleté. Unter dem Shirt zeichneten sich Fettröllchen ab. Hatte sie keine Zeit mehr gehabt, sich anzuziehen? War sie geflüchtet? An der gleichen Haltestange klammerte eine andere Frau in einer lila und grau karierten Winterjacke. Ihre Schultern waren starr, das Gesicht unbewegt, die Lippen farblos. Wie war sie zu dieser Jacke gekommen? Die Jacke war neu. Hatte sie irgendeine Jacke gekauft, die erstbeste, weil sie nicht gern in Mode-Geschäfte ging? Oder hatte sie die Jacke in einem Discounter aus dem Container gezogen und in ihren Einkaufswagen gelegt? Ein älterer Mann mit braunen Zähnen fragte eine junge Frau, deren schwarze Haare bis zum Po reichten, ob das jetzt Charlottenburg sei. Sie nickte, freundlich. Ich betrachtete sie, ihre schwarze Kleidung, das schwarze Haar, die grauen Kunstlederstiefel. Wurde sie von jemandem geliebt?

Am Alex stieg ich aus wie immer, trieb im Strom der müden Leute zur U-Bahn. Meine Schuhe waren staubig. Meine Gedanken fühlten sich an wie hinter schmutzigem Glas. Ich war erschöpft, ein leerer Brunnen in der Sahara, in dem der Wind den Sand aufwirbelt. In den letzten Nächten hatte ich eine Hausarbeit geschrieben und ein Modell des Optikerladens gebaut. Ich hatte eine Eins bekommen. Das Glück darüber stieß von innen gegen meine schlaffe Haut. Erst das Glück machte mir bewusst, wie leer meine Hülle um mich hing. So weich vom Glück und der Müdigkeit taumelte ich zwischen den Leuten, die schubsten und drängten, hin und her. Ich hatte Hunger.

Die Wohnung war kalt. Die Küche sah genauso aus wie ich sie am Morgen gegen sechs verlassen hatte. Auf dem Tisch lagen noch die Schnipsel meiner Nachtarbeit. Der Kühlschrank war leer bis auf einen Rest Butter, eine angefangene Packung Milch und eine halbe Zitrone auf einem Teller.

Aus der Garage im Hof sickerte blaues Licht. Leon war wieder vor dem Computer eingefroren und hatte vergessen, seine Schreibtischlampe anzuschalten. „Nichts“, sagte ich. Das Wort verschwand hinter der Tapete wie ein Schwarm Kakerlaken. Ich wickelte den langen, violetten Wollschal wieder um meinen Hals und verließ die Wohnung. Ich schlich die Straße hinab. Als Jolanda noch klein war, hatte ich manchmal befürchtet, eines Tages eine Bettlerin zu sein, obdachlos. Jetzt war es soweit. Es war nicht so schlimm wie ich gedacht hatte. Ich war eine Bettlerin, die eine Eins bekommen hatte.

Im Spätverkauf an der Ecke trank ich einen Tee und rief Sören an. Er begann sofort zu weinen. Wir verabredeten uns für die Nachtvorstellung im Kino, zwei Obdachlose, die ein Asyl gefunden hatten. Ich streichelte seine Hand. Er lehnte an meiner Schulter. Zwischen unseren Beinen stand ein Eimer Popcorn.

„Du wirst dich wieder verlieben“, sagte ich. „Wetten?“

„Nie mehr“, sagt er so entschieden ernst, dass ich ihm glaubte und Angst bekam.

„Ich habe eine Eins bekommen“, sagte ich.

„Jolanda hatte nur noch diesen dämlichen Abiball im Kopf. Was interessiert mich der Abiball? Als wäre der Ball ihr Leben.“

„Vielleicht war er zu dieser Zeit ihr Leben?“

„Klar, Jakob saß im Komitée.“

„Du hättest ein bisschen an ihrem Leben teilhaben sollen.“

„Blieb mir ja nichts anderes übrig. Sie hat jeden Abend ne Riesenwelle gemacht.“

„Sie wollte dein Mitgefühl provozieren.“ Ich schluckte die Tränen hinunter.

„Mitgefühl? Mit jemandem, der den ganzen Tag im Café gesessen, geraucht, gekichert und geflirtet hat?“

„Es ist doch auch anstrengend, so einen Ball zu organisieren. Sie hat es für euch alle gemacht.“ Die Tränen liefen jetzt wie Bäche über meine Wangen.

„Dieser Scheißball hat mein Leben zerstört.“ Sören klappte schluchzend wie ein Taschenmesser zusammen.

„Nicht weinen“, schluchzte ich. „Ist ja gut.“ Ich fand kein Taschentuch und wischte mein Gesicht am Ärmel meiner schwarzen Cordjacke trocken.

Wir taumelten ins Freie. Ich trug den leeren Popcorn-Eimer am Arm. „Ruf mich an“, sagte ich. Ich schaltete mein Telefon an. Leon hatte nicht angerufen.

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