Kathrins Notiz-Blog 28. Oktober 11

© Illustration Liane Heinze

„Ich kann jeden Tag eine andere Wohnung einrichten, aber nicht mein eigenes Leben.“

Koljas Mutter nickt mir zu mit einem Lächeln, von dem ich nicht weiß, ob es Anerkennung ist für die Wohnungen oder Gewissheit, dass ich das mit dem Leben auch noch hinbekomme. Ich sitze gleich links, wenn man in das Haus tritt, auf dem Sofa, unter den Büchern. Im Kamin glühen noch ein paar Holzstücke. Koljas Mutter trägt wieder das wollene Tuch mit den langen Fransen. Sie hat es fester um sich geschlungen im Laufe meiner Erzählung. Sie sitzt mir zugeneigt mit diesem freundlichen, konzentrierten Blick. Ihr kurzes, lockiges Haar ist vor den Ohrmuscheln zu akkuraten, spitz zulaufenden Locken geschnitten.

„Ich wollte Sie wiedersehen, weil ich glaube, dass Sie solche Gefühlszustände kennen“, sage ich.

Sie nickt. „Ich freue mich, dass Sie wiedergekommen sind.“ Sie hat Kaffee gekocht. Der Apfelkuchen, den sie dazu serviert, ist selbst gebacken.

„Ich verstehe Ihre Verunsicherung“, sagt sie. „Manchmal spürt man nur, dass etwas nicht stimmt, man will das nicht wahrhaben, man hört nicht auf das eigene Gefühl, man macht weiter…aber irgendwann weiß man, dass es Zeit ist zu gehen.“

„Wann?“

„Das ist schwierig. Manchmal wartet man zu lange.“

Wann ist ‚zu lange’?“

Sie schaut aus dem Fenster. Ihr Blick ist plötzlich nüchtern, fast kalt. Sie holt Luft. Dann kehrt sie schnell zurück, wieder freundlich. „Ist Ihnen warm genug?“

Ich nicke, aber sie steht trotzdem auf und wirft ein paar Holzscheite in den Kamin.

„Zu lange“, wiederholt sie. Sie schaut in das Feuer. „Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Sie tun auch richtig daran, auf die Liebe zu vertrauen, zu hoffen…an etwas zu glauben, das Sie miteinander verbindet. Tun Sie nichts überstürzt!“

Sie setzt sich wieder in den Sessel. Die Holzscheite krachen auseinander.

„Wenn man jemanden verlässt, verliert man so viele Dinge. Es ist, als ob man die Verankerung aus seinem Herzen fetzt“, sage ich.

„Denken Sie an sich. Passen Sie auf sich auf.“

Wie passt man auf sich auf, will ich sie fragen, aber ich schlucke die Frage hinunter.

„Vertrauen Sie Leon?“

„Ich weiß nicht…doch, ich glaube schon, in dem Sinne, dass er mir nichts vormacht. Aber er ist nicht gerade der Sicherheitsfaktor meines Lebens, falls Sie das meinen.“

„Es wäre gut, wenn Sie irgendwo etwas Ruhe finden könnten, einen Platz für sich“, sagt Koljas Mutter. „Einen Raum, in dem sie beginnen, aufzuräumen, zuerst Ihren Kopf, danach Ihr Herz, so lange, bis Sie sich völlig bei sich fühlen.“ Als sie das sagt,fühle ich mich wieder wie als Teenager, unbehauen, mit diesem naiven Ausdruck,  für den ich mich schämte und dann rutschten mir die Lippen aus wie kurz vor dem Weinen und ich wurde rot.

„Möchten Sie noch etwas Kaffee?“ Koljas Mutter schenkt aus der blau-weißen Kanne nach. Als sie die Kanne wieder absetzt, sagt sie: „Ich habe auch einmal einen Mann verlassen. Er hat mich immer wieder angelogen, aber es hat lange gedauert, bis ich es gespürt habe. Dann habe ich gegen das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, weiter gelebt und so getan, als wäre alles in Ordnung. Ich habe mich nicht getraut, Fragen zu stellen. Ich hatte Angst vor der Wahrheit. Davon bin ich krank geworden.“ Sie zieht das Fransentuch enger um die Schulter.

„Wie lange ist das her?“, frage ich.

„Dreizehn Jahre. Ich war fünfzig.“

„Aber Sie sind gegangen.“

Sie nickt. „Ich war noch sehr schwach. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Kräfte gesammelt hatte.“

„Haben Sie sich nie wieder verliebt?“

„Doch“, sagt sie. „Einmal.“

„Ich habe ein bisschen Angst vor dem Alleinsein“, sage ich.

„Sie sind nicht allein“, sagt Koljas Mutter. Dasselbe, was ich vor ein paar Tagen zu Jolanda gesagt habe.

Später legt sie den Fransenschal ab und kocht uns Reis und brät Gemüse an. Sie entschuldigt sich für das einfache Essen. Vielleicht hätte ich längst gehen sollen, aber ich mag noch nicht gehen. „Machen Sie sich keine Mühe“, sage ich.  Sie schickt mich in den Garten Kräuter zu holen. Ich möchte am liebsten hier bleiben, wenigstens für diese Nacht, und morgen in Ruhe zurück nach Berlin fahren, nach dem Frühstück. Die Kühle im Garten ist weich. Es ist finster, aber als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, finde ich Rosmarin und Salbei.

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