Melancholie? Am besten die mit 71 Prozent

Anderswo darf man öffentlich und in Gesellschaft weinen und grübeln. In Deutschland stehen Melancholiker unter Trübsinns-Verdacht

Herbst auf dem Asphalt, Berlin Oktober 2011

Der Baum im Hof leuchtet jeden Tag ein bisschen mehr. Je eher die Sonne hinter dem Dach gegenüber verschwindet, desto goldener strahlt sein Laub in der Dämmerung.

Ich sitze windgeschützt auf dem Balkon und hänge dem Sommer nach, mit einem Gefühl, für das mir nur das altmodische Wort „wehmütig“ einfällt. Ich sehe wieder die Abschiedsszene auf dem Flughafen, eine letzte, kleine Unterhaltung im Café und unsere Umarmung.

Am liebsten würde ich die Einladung zur Party jetzt absagen und den Abend allein mit meiner bittersüßen Herbststimmung verbringen. 71% Melancholie in kleinen Bissen – so mag ich sie am liebsten.  Was soll ich als Grund vorgeben: Eine Erkältung? Zahnschmerzen? Wenn ich sage, dass ich einfach nicht in der Stimmung bin und lieber allein sein will, geraten wieder alle in Panik: „Was ist los? Bist du depressiv? Weinst du etwa?“ Mit anschwellenden Martinshörnern in der Stimme. Sie sehen mich bereits auf der psychosomatischen Intensivstation, nackt bis auf ein blaues Hemdchen, blass, angedockt an aufhellende Substanzen.

Nichts scheint unsere Gesellschaft mehr in Panik zu versetzen als ein bisschen Traurigkeit. Ein Mensch, der freiwillig Einsamkeit und Stille sucht, wird argwöhnisch beobachtet wie ein auffälliger Pickel. Viele Psychologen gebrauchen das Wort Melancholie inzwischen, um eine Art Vorhölle zur Depression zu beschreiben. Sie gehen von einem Mangel des Neurotransmitters Serotonin aus und empfehlen dagegen buntes Licht und Schokolade.

Mir fehlt aber nichts. Von Zeit zu Zeit lasse ich mich gern in diese Stimmung fallen. Der Schriftsteller Wilhelm Genazino nennt die Melancholie „das Zielgefühl glücklicher Menschen“, zumindest dann, wenn einer so viel Glück hat, dass er es nicht mehr aushält. Diese Art des „obszönen Glücks“ sei „begeistert über jeden melancholischen Überfall“, schreibt Genazino. Voila! Um den schamhaft Glücklichen zu begeistern, stehen jede Menge Überfallkommandos bereit. Man braucht nur einmal die Nachrichten hören.

Ein Kinderpsychologe sagte mir, dass nur glückliche Kinder herzzerreißend weinen und schreien können. Und genau so ist es mit der Melancholie. Sie ist über eine Nabelschnur mit dem Glück verbunden.

In wenigen Minuten wird die Sonne hinter dem Dach verschwinden. Ich schiebe mir Kopfhörer auf und höre Mariza „Meu Fado Meu“. Mariza ist eine portugiesische Fadista, eine Interpretin des Fado. Sie ist in Mosambik geboren und in Portugal aufgewachsen. Ihre Stimmlage ist ein warmes Alt. Eigentlich ist es nicht überraschend, dass selbst das Traurigsein mehr Spaß macht, je weiter man in den Süden reist. Es sieht auch besser aus. Mariza ist eine ungewöhnlich schöne, zierliche Frau mit eisblond gefärbten, kurzen Haaren. Den Fado könne man nicht lernen, sagt sie und meint, dass er mehr ist als ein Rhythmus, ein gutes Gedicht und eine schöne Stimme. Der portugiesische Fado ist eine Haltung, die sich überall im Alltag ausdrückt: Sie meint das Hingegebensein an das Schicksal, die Trauer über das Unabwendbare, das sterben üben nach einem Abschied oder dem Ende einer Liebe. Mit dieser Trauer bleibt man aber nicht allein. Man zelebriert sie in Gesellschaft, abends beim Tanz.

Auch in der Türkei treffen sich die Menschen am Abend in den Cafés, um sich ihrer Melancholie hinzugeben. Das Phänomen des „Hüzün“, so der Name der türkischen Melancholie, beschäftigte den Schriftsteller Orhan Pamuk, als er seine Erinnerungen an Istanbul schrieb. „Wenn man dieses Gefühl, das von allen Ecken und Winkeln und Menschen ausgeht und sich über die Stadt verströmt, erst einmal tief in sich aufgesogen hat und es wirken lässt, dann wird man irgendwann, wohin man auch blickt, in der Lage sein, es förmlich zu sehen so wie man an kalten Wintermorgen, wenn plötzlich die Sonne durchbricht, über den Wassern des Bosporus zitternd einen hauchdünnen Dunst aufsteigen sieht. Hüzün, das ist nicht die von einer Einzelperson empfundene Melancholie, sondern das von Millionen Menschen zugleich verspürte schwarze Gefühl, der Hüzün einer ganzen Stadt, ein Gefühl, das stolz verinnerlicht und Tag für Tag gemeinschaftlich erlebt wird.“ Wäre ich jetzt in Istanbul, würde ich meinen Balkon verlassen und durch die Straßen streifen, mich irgendwo in ein Café setzen und mit Fremden über meinen Abschiedsschmerz reden. Man würde mir zuhören und nicken, mir einen Raki reichen und ein bisschen mit mir weinen. Niemand käme auf die Idee, mein Problem lösen zu wollen, weil jedem doch klar wäre, dass das nicht funktioniert. Das unterscheidet unsere Kulturen. Viele Leistungsträger der deutschen Gesellschaft glauben, dass ein Lösungsansatz von ihnen erwartet wird, wenn man ihnen von einem traurigen Abschied erzählt. Sie sind verzweifelt. „Ich weiß auch nicht, wie ich dir helfen kann.“ Deshalb mögen sie keine Geschichten, in denen Gefühle vorkommen. Weil Gefühle schlecht zu händeln sind. Dass nur dasitzen und zuhören eine Hilfe sein kann, haben sie nie gelernt. Das Dilemma begann schon in ihrer Kindheit, wenn der scheußlichste Moment des Tages gekommen war, wenn sie nach dem Zähneputzen endgültig im Bett verschwinden sollten und wie alle glücklichen Kinder darüber zu greinen begannen. Dann argumentierten und verhandelten Mama und Papa, sangen und klingelten und wedelten mit Plüsch und Lieblingsbüchern. Statt den kleinen Menschen in die Arme zu nehmen und ein bisschen mit ihm zu klagen: „Ich weiß ja, wie schlimm es ist, allein ins Bett zu müssen.“

Diesen frühkindlichen Schmerz, das Verhandeln und Argumentieren, das Wegwedeln und Rumklingeln, geben sie nun als Erwachsene weiter. Mitunter beschränken sie sich auch auf knappe Belehrungen: „Vergiss es! Bringt nichts!“ Die türkische Kaffeehaus-Gesellschaft würde das natürlich auch denken, aber niemand wäre so verletzend, es auszusprechen. Möglicherweise bekäme ich stattdessen ein zärtliches Angebot, das über die Trennung hinweg helfen könnte. In der Hüzün-Gesellschaft, begleitet von Arabesque-Musik, so klebrig und süß wie ein Baklava, wäre ich geborgen.

In Deutschland haben wir immerhin den Tango, welchen ungefähr achtzig Prozent aller Studierenden ausüben, was für ihre Zukunft hoffen lässt. Der argentinische Tango ist jedoch eine harte Schule der Melancholie. Er ist vertonte Pein, geschätzte 85 % Melancholie mit einem hohen Wut-Anteil. Es heißt, die europäischen Auswanderer hätten ihn erfunden, um ihre Enttäuschung und ihr Heimweh auszudrücken.

Wir sind nicht wenige, aber wir leben im Untergrund. Manchmal treffe ich auf meinen nächtlichen Spaziergängen Gleichgesinnte. Ich sehe es an ihren Blicken, die mich offen gedeckt mustern, hin und her gerissen zwischen Sehnsucht und Rückzug. Ich erkenne sie daran, wie sie die gespiegelte Stadt auf dem nassen Asphalt betrachten oder irgendwo stehenbleiben und nach den Sternen gucken, wie sie nachdenklich ihre Zigarette drehen und immer wieder die Asche verkrümeln. Wir gehen im Abseits der gängigen Überzeugung, dass Glück machbar ist und wir alle Ziele erreichen können. Wir glauben nicht, was die Titel in den Esoterik – und Wellness – Abteilungen der Buchläden suggerieren, dass wir unsere Ängste und unsere Beziehungen in den Griff kriegen, dass es mit dem jugendlichen Körper auch jenseits der Menopause noch klappt und wir später selbstverständlich unseren Krebs besiegen, wenn wir nur den richtigen Coach und Therapeuten und Selbstfinder finden und joggen und Yoga treiben.

Nun stehen wir unter Generalverdacht, Spaß und gute Laune zu verderben und das Wirtschaftswachstum zu bremsen. Das Dilemma des Melancholikers hat in unserer Kultur eine tiefe Wurzel. Sie reicht bis zur Antike. Diesmal sind nicht nur die Mediengesellschaft und der Neoliberalismus Schuld. Diese beiden sind ein Fliegenschiss gegen das Mittelalter. Damals galt Melancholie als Todsünde. Hildegard von Bingen schrieb: „In der Tat hauchte dem Adam beim Sündenfall der Teufel die Melancholie ein, die den Menschen lau und ungläubig macht.“ Erst der Humanismus der Renaissance besann sich wieder auf die antike Deutung der Melancholie. Der Arzt Hippokrates hatte den Namen geprägt, der übersetzt „schwarze Galle“ heißt. Er glaubte, ein Überschuss des dunklen, bitteren Körpersaftes führe zu Gedankenschwere und Trägheit. Sokrates hingegen hatte beobachtet, dass alle großen Denker Melancholiker seien. Die Renaissance war dann die Geburtsstunde der „edlen Melancholie“, die für den Forscherdrang und das schöpferische Prinzip stand. Der Florentiner Marsilio Ficion verfasste ein erstes Gesundheitsbuch für den zur Schwermut neigenden Denker. Er empfahl Massagen, gesunde Ernährung und viel Musik.

In dieser Zeit entstand Dürers berühmter Kupferstich „Melencholia I“. Dieses Bild, aus dem sich die humanistische Debatte über das melancholische Temperament heraus lesen lässt, hat unser kulturelles Verständnis der Melancholie codiert. Das Blatt zeigt einen nachdenklichen Engel, der vor einem Gebäude sitzt. Der Engel hält einen Zirkel in der Hand. Die anderen Werkzeuge: Hobel, Lineal, Nägel, Zange und Säge weisen darauf hin, dass Dürer den Moment des Innehaltens gemeint hat, einen Augenblick des Zweifels, der Grübelei. Die vergehende Zeit, der Tod, sind durch ein Stundenglas, eine Sterbeglocke und ein magisches Quadrat mit den Sterbedaten von Dürers Mutter symbolisiert. Ein kleiner Putto leistet dem Engel Gesellschaft und ein magerer Hund, der auch ein Schaf sein könnte. Das Bild wirft bis heute Fragen auf. Wieso nannte Dürer es „Melencholia I“ und nicht „Melancholia I“? Was bedeutet die Eins? Ist es überhaupt eine Eins? Oder ein großes I wie Irae, was soviel heißt wie „es geht weiter“? Am dunklen Himmel im Hintergrund blitzt unter dem Regenbogen ein Komet auf. Es ist eine Anspielung auf die Apokalypse. Man erwartete für das Jahr 1500 den Weltuntergang. Ein Komet war beobachtet worden, von dem die Astronomen glaubten, er würde auf die Erde stürzen.

Lars von Trier lässt grüßen. In seinem neuen Film ist es ein Planet namens „Melancholia“, der auf die Erde zurast. Nun, sehr optimistisch liest sich die europäische Kulturgeschichte der Melancholie nicht. Kaum ist das Missverständnis mit der Todsünde geklärt, wird ihr die Apokalypse angehängt.

Lars von Trier hält Melancholie übrigens für einen Bestandteil jeder guten Kunst. Der Maler Clemens Gröszer, ein Profi, was Melancholie und Apokalypse betrifft, nennt die Melancholie die Erfahrung einer Grenze, an der eine schöpferische Triebkraft in eine neue Richtung los bricht.

In den Achtzigerjahren entstand seine „Marin à cholie I“, die Frau mit der Plastiktüte auf dem Kopf. Damals arbeitete Gröszer in einem Atelier mit Blick auf die Berliner Mauer. Ihn beschäftigten der Untergang der DDR und die atomare Bedrohung. Marin à cholie sitzt nackt, nur mit Seidenstrümpfen bekleidet, in einem unfertigen Plattenbau und spielt gedankenverloren mit einer Glaskugel. Das Motiv der Marin à cholie begleitet Gröszers Schaffen. In weiteren Versionen geht es um Themen wie  Umweltzerstörung, Konsum, der 11. September, Krieg, Tod und Gewalt. Zur Zeit arbeitet der Künstler an der 13. Marin à cholie. Gröszer glaubt, dass es das Nachdenken über die Welt ist, das den Melancholiker auszeichnet, eine gewisse Wachheit. Der Melancholiker kann nicht wegschauen.

Irae – geht es weiter? Aber wie? Ich habe mich übrigens entschlossen, doch noch zur Party zu gehen. Nicht, weil mir das Thema am Ende zu dunkel geworden ist. Im Gegenteil: Melancholie ist Sehnsucht.

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