Ach, du machst Elternzeit?

Berliner Zeitung

Der Filmregisseur Robert Thalheim war auf dem Weg zum Spielplatz, als ihn eine kurze Begegnung schwer verunsicherte

Foto: © Ali Ghandtschi

Der Tag begann wie immer. Ich räumte das Frühstücksgeschirr weg und packte Karl für unseren Spaziergang warm ein. Mein Sohn Karl war sechs Monate alt und ich war gerade in der Elternzeit. Als Karl geboren wurde, war für meine Frau und mich klar, dass wir uns die Elternzeit teilen. In unserem Freundeskreis gab es noch keine Kinder, niemand konnte uns von seinen Erfahrungen erzählen, aber die allgemeine, gesellschaftliche Stimmung war so, dass man dachte: Das machen jetzt alle.

Meine Frau arbeitet als freie Literaturübersetzerin und Dramaturgin. Ich hatte meinen Film „Am Ende kommen Touristen“ fertig, der gerade  in die Kinos kam. Das passte gut. In dem halben Jahr Elternzeit wollte ich, immer wenn Karl schläft, an meinem nächsten Drehbuch arbeiten.

Es wurde nichts mit dem Drehbuch. Meine Frau hatte kurz nach der Geburt einen Übersetzungsauftrag angenommen. Damit sie in Ruhe arbeiten konnte, drehte ich täglich mit dem Kinderwagen eine Runde in Pankow, klapperte den Kiezladen und die zwei Spielplätze im Park ab, dann lief ich wieder zurück und kochte für uns frisches Essen. Wenn Karl mal eine halbe Stunde schlief, schlief ich auch. An Arbeit war nicht zu denken.

Es war Herbst geworden. Ich trat aus dem Haus und überlegte, ob ich die kleine Runde durch den Bürgerpark oder die große bis zum Schlosspark mache. Obwohl es ein ungemütlicher, stürmischer Tag war, entschied ich mich für die große Runde, weil sie am Einkaufscenter vorbeiführte. Ich hatte mir angewöhnt, immer mal bei Tchibo zu schauen, ob es ein nettes, praktisches Angebot für die Familie gibt.

Am Einkaufscenter lief mir ein alter Bekannter über den Weg. Wir kannten uns aus Uni-Zeiten und hatten uns schon länger nicht gesehen. Er schien es eilig zu haben, aber als er mich sah, blickte er kurz auf die Uhr und kam fröhlich auf mich zu. Er sah gut aus. Er trug ein tolles Jackett und lässige Turnschuhe. Sogar eine Hornbrille hatte er sich zugelegt. Seine ganze Erscheinung strahlte Erfolg aus. Ich wusste, dass er seit einigen Jahren eine eigene Firma hatte. Unser Treffen war kurz, es reichte gerade, kleine Neuigkeiten auszutauschen: „He, was machst du? Läuft ja super bei dir! Du bist der kommende Star des deutschen Kinos! Woran arbeitest du denn jetzt? – Ach, du machst Elternzeit! Ist ja toll, dass du die Zeit hast!“ Sein Blick streifte kurz den Kinderwagen, ich glaubte,  plötzlich eine gewisse Betroffenheit in seiner Haltung zu spüren. Eine Befangenheit, wie man sie  im Umgang mit Behinderten oder Schwerkranken manchmal beobachtet. Als sei der Kinderwagen eine Gehhilfe, an der ich mich da festhielt. „Ist total blöd, aber ich sehe mein Kind nur am Wochenende“, sagte mein Bekannter, hab einfach die Zeit nicht. Die Firma geht gerade wahnsinnig ab.“

Ich nickte verunsichert. Er entschuldigte sich mit einem wichtigen Treffen, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, als wollte er sagen, „das geht schon vorbei“, und lief los.

Ich hatte plötzlich keine Lust mehr, nach den Angeboten bei Tchibo zu gucken. Ich habe es ja nicht eilig, dachte ich und schlurfte weiter den gewohnten Weg, beim Center um die Ecke, am ersten Spielplatz, wo die älteren Kinder spielen, vorbei, weiter in Richtung Kleinkindspielplatz am Schlosspark. Wie gewohnt trank ich im Kiezladen einen Kaffee – nicht mal die hübsche Verkäuferin hatte Dienst – und warf einen Blick in die Zeitung.

Die kurze Begegnung ließ mich nicht los. Ich fragte mich, wieso sie mich derart verunsicherte. Woran maß ich denn meinen Erfolg? Ich dachte doch nicht wie mein Vater, der glaubte, bei mir müsse es beruflich ziemlich mies laufen, weil ich ein halbes Jahr zu Hause blieb? Was war los mit mir, dass mich dieses Zusammentreffen derart umhaute? Ich hatte es doch gewollt, eine zeitlang so zu leben. Diese Zeit mit Karl war mir wichtig. Sie würde nie wieder kommen. Es war wunderbar, ihn auf dem Spielplatz zu beobachten. Zu bedauern sind Väter, die sich diese Zeit nicht nahmen.

Ich war doch mit meinem Film auf den Festspielen in Cannes, dachte ich, als ich am Rand des Spielplatzes saß und Karl im Sand buddelte. Ich hatte meinen Traum, Filme zu machen, erfolgreich verwirklicht. Alles läuft gut, sagte ich mir, aber das Mantra zeigte wenig Wirkung. Der männliche Restehrgeiz aus 1000 Jahren Rollenaufteilung löste Gedankenketten aus, die ich nicht mehr unter Kontrolle bekam. Half ich meinem Sohn wirklich, wenn ich jetzt so viel Zeit mit ihm verbrachte? Was, wenn ich später, in seiner Jugendzeit, depressiv sein würde, weil das Talent des deutschen Filmes in der entscheidenden Phase, wo er seine großen Stoffe hätte schreiben müssen, Spucke abgewischt und Sandburgen gebaut hatte?

Ich saß da und begann, auch ökonomische Bedenken zu entwickeln. Wovon sollte der Kleine später einmal leben? Wäre die Stunde im Sandkasten nicht besser in ein Drehbuch investiert, mit dem ich den nächsten Erfolg lande, damit ich ihm später eine brillante Ausbildung finanzieren kann? War die tolle Vaterbindung, die in den zuständigen Zeitschriften eingefordert wurde, wirklich so viel wichtiger? Und das Modell meiner Eltern, das ich immer abgelehnt hatte – war es denn nicht sehr gut gewesen für unsere Familie? Meine Mutter war lange Hausfrau geblieben. Mein Vater hatte in seiner Firma so weit aufsteigen können, dass wir uns finanziell niemals Sorgen machen brauchten. Mein Bruder und ich hatten in Ruhe studieren können. Trotzdem wollte ich es immer anders machen. Aber führte der Traum, Filme zu machen, durch kein Dienstverhältnis eingeschränkt zu sein, frei und wild zu leben, nicht geradewegs in eine neue ökonomische Unfreiheit? Während ich im Sandkasten saß, unrasiert und ungeduscht und wieder einmal feststellte, dass ich die Trinkflasche zu Hause vergessen hatte, zogen andere Typen an mir vorbei, bauten ihre Firmen auf und diskutierten bis in die Nacht ihre Projekte. Man ist viel mit sich allein auf dem Spielplatz.

Als ich nach Hause kam, fand ich meine Frau schwer beschäftigt vor. Irgendwie verstand ich jetzt die Hausfrauen, die man aus der Literatur und aus Filmen kennt, zum Beispiel aus der amerikanischen Serie Mad Men, die in den Sechzigerjahren spielt. Sie sitzen zu Hause mit ihren Gedanken über das Leben und ihren kleinen Kindern und warten darauf, dass ihre Männer endlich von der Arbeit kommen. Genauso saß auch ich gerade mit Karl in der Küche. Das Essen war fertig und ich wartete, weil es bei meiner Frau noch etwas dauerte.

Das ist jetzt vier Jahre her. Die „Elternzeit“ hat im Grunde nicht aufgehört, nur dass jetzt eben auch wieder die Arbeit dazugekommen ist. Ich habe die Kinderwagenrunden nicht bereut, nicht einmal diesen Tag. Ich möchte nichts davon hergeben, auch meine Zweifel nicht. Trotzdem hat es sich ergeben, dass meine Frau jetzt beim zweiten Kind die Elternzeit erstmal allein nimmt. Vielleicht hat es etwas mit diesem Tag vor vier Jahren zu tun. Ich bereite gerade zwei Filme vor. Diese Arbeit ist mir wichtig. Dazu kommt, dass ihr Zeitvertrag am Theater mit der Geburt des Kindes ausläuft. Nach der Elternzeit wird sie sich neu bewerben müssen. Rutschen wir jetzt doch wieder in die klassischen Rollen?

Inzwischen gibt es in unserem Freundeskreis mehr Kinder. Die meisten Väter sind Sonntagsväter, die die Woche über Karriere machen, während die Frauen zurückstecken. Ich will das eigentlich nicht. Ich möchte immer noch so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringen. Aber Kinder bleiben ein Risiko in der Berufswelt. Das ist ein Dilemma. Ich werde einen Film darüber drehen. Vielleicht, während meine Frau zuhause auf die Kinder aufpasst.

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