Sommerlang

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Gisela Eichardt „Zwilling, allein“, Holzrelief, 2015 / www.giselaeichardt.de

G E G E N Ü B E R

Eine Ausstellung von Linde Bischoff und Gisela Eichardt
Laudatio am 24. Januar 2016 in der Gedok-Galerie „Kunstflügel“
in Rangsdorf

Linde Bischoff und Gisela Eichardt, die beiden Künstlerinnen, die heute hier ihre Werke zeigen, haben sich vor zirka zwei Jahren bei den Offenen Ateliers in Weißensee kennengelernt, genauer gesagt, im Atelier von Linde Bischoff.

Und nun gehen sie das Wagnis ein, die von ihnen geschaffenen Köpfe und Figuren auf ziemlich engem Raum einander GEGENÜBER zu positionieren. So eine Gegenüberstellung hat Folgen. Es passiert eine ganze Menge. Sie werden sehen.

Den beiden Künstlerinnen geht es um den Ausdruck als Essenz eines Gesichts oder einer Figur.

Der Malerin Linde Bischoff gelingt es, diese Essenz mit wenigen, scheinbar leichthändig ausgeführten Pinselstrichen ins Blatt zu setzen. Ich durfte in ihr Skizzenbuch schauen und sah, dass die ersten Skizzen noch weit von diesen abstrahierten Gesichtern entfernt sind.

Sie hat die Essenz schon entdeckt und versucht, sie in der Skizze festzuhalten, aber der Reduktion auf wenige Striche geht noch einige Arbeit voraus. Und dann muss es schnell gehen. Sie hält die Luft an, denn die Linie erfordert höchste Konzentration, damit dieser reiche, komplexe Ausdruck gelingt, der uns beim Betrachten das Gefühl gibt, wir hätten diese Frauen und Männer alle schon in der U-Bahn gesehen.

Im Laufe der Jahre ist die Malerin reduzierter, klarer, unnachgiebiger geworden, was die Linie betrifft. Farbe hingegen setzt sie spielerischer ein. Durch Farben setzt Linde Bischoff Licht- und Schattenstrukturen, aber auch räumliche Wirkungen. Was schlicht „Mischtechnik“ genannt wird, ist ein reiches Experimentierfeld.  Wunderbar können Sie das in den drei grünen Porträts studieren. Sie verwendet verschiedene Grüntöne für den Hintergrund, auch violett und dann tritt leuchtend Blau dieses starke Gesicht daraus hervor, überstäubt mit Gold, einem roten, sehr irdischen Gold. Auf dem linken Porträt perlt die goldene Farbe auf dem Untergrund ab. Entstanden ist eine Struktur, die an durchsichtige Spitze denken lässt. Ganz anders dagegen das eng verschleierte Gesicht, aus dem die Augen förmlich ausbrechen.

Und diesen drei starken Frauen GEGENÜBER befindet sich der „kleine Kopf“ von Gisela Eichardt, ein Junge, der nachdenklich in sich hineinblickt. Ein schöner Kontrast!

„Ich bin so vielerlei“, sagt Linde Bischoff. Das mag auf ihre Technik zutreffen. Sie zeichnet, malt und druckt und alles unermüdlich. Doch was ihre Thematik betrifft, steht ganz klar das Porträt im Fokus, und die Figur, meist weiblich.

Linde Bischoff wurde 1945 in Wasungen in Thüringen geboren. Von 1968 bis 1973 studierte sie Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Weißensee. Seit 1973 ist sie freiberuflich tätig. Die Werke von Hans Holbein und eine Biografie von Käthe Kollwitz, erlesen und betrachtet in Büchern, die sie als junge Frau in einem Buchladen in Berlin entdeckte, waren prägend für ihren künstlerischen Weg, ebenso wie die Begegnung mit Arno Mohr, bei dem sie die Technik der Lithografie erlernte. Vorbilder waren unter anderem Henri Matisse und Max Beckmann.

Im letzten Jahr zeigte Linde Bischoff in der Galerie des Kulturring in Berlin „über 70 Köpfe aus 5 Jahrzehnten“ (so hieß die Ausstellung)

Reisen spielen in ihrem Leben eine große Rolle. Sie bringen immer neue, andere Gegenüber. In Bulgarien entstand in den Siebzigerjahren eine Reihe Porträts von Roma. Mit einigen ist sie noch heute befreundet. Gleich nach der sogenannten Wende reist sie in die USA. Fasziniert von den Freiheiten dieses gewaltigen Landes, von den schrecklichen Freiheiten auch, insbesondere denen der Männer, entstehen die Bilder „Nachtgesichter“. Für das „Bostoner Nachtgesicht“, erhält Linde Bischoff 1995 den Cranach-Preis.

In Linde Bischoffs Porträts und Figuren spiegelt sich Geschichte, unsere Verfasstheit in der Welt und unsere Grenzen, in der „Figur im Fachwerk“ etwa. Die beiden Bilder „Erstarrung“ entstanden 1992, nachdem weltweit Millionen Menschen gegen den drohenden Einmarsch der USA in den Irak protestiert hatten. Vergeblich. Die Bilder führen uns unsere Ohnmacht vor Augen, damals wie heute.

GEGENÜBER den zwei „Erstarrungs“-Bildern  steht eine große Holzskulptur von Gisela Eichardt. Sie heißt „Der Stille“. Dieser Mann mit den asiatischen Zügen blickt in sich hinein. Ich habe mich gefragt, ob die Haltung der Figuren von Gisela Eichardt nicht die logische Folge unserer Ohnmacht ist. Wer sensitiv und mitfühlend ist, kann diese Welt gar nicht mehr anschauen. Er ist zur innersten Emigration gezwungen, zum Rückzug in sich selbst. Gisela Eichardt gelingen diese Innenblicke meisterhaft, weil diese schönen, sehr feinen, beinahe unirdischen Gesichter ja keine religiöse Verklärung oder Entrückung zeigen, sondern die Emotionen, die „draußen“ ausgelöst wurden. Je nach unserer eigenen Seelenlage und unseren eigenen Erfahrungen werden wir sie entdecken: Hoffnung und Enttäuschung. Abwehr. Angst. Zorn auch. Und Liebe.

In den letzten Jahren hat sich Gisela Eichardt immer wieder mit dem Thema „Paare“ beschäftigt. Die siamesischen Zwillinge am Eingang weisen darauf hin. Sie entstanden 2011. Paare meint für die Künstlerin nicht nur Mann und Frau, sondern auch homosexuelle Paare und Menschen allein, Singles. Denn auch bei diesen Skulpturen geht der Blick nach innen, auf eine Suche… Siamesische Zwillinge sind wir alle, mindestens zwei, die sich aus einem Organismus speisen. Und im Sinne des „Zwilling, allein“ aus der Reliefreihe „Paare“ sind wir alle auch Zwillinge auf der Suche nach dem Spiegel unserer Identität.

Die große Skulptur mit den roten Haaren, die nebenan sehen, entstand übrigens für die Ausstellung „Cranach 2.0“ zum Cranach-Preis 2015. Was in dieser Schau gezeigt wird, ist von einer Jury ausgewählt und dann für den Preis nominiert. Die Ausstellung wurde in Wittenberg und Kronach gezeigt. Gisela Eichardt hatte eine große Einzelausstellung im Kunstverein Jena und auf Schloss Dryburg in Langensalza. 2005 gestaltete sie den Marktplatz in Ruhla.

Eichardt trifft einen Zeitgeist, die Befindlichkeit besonders junger Leute, obwohl sie selbst ja gar nicht mehr so jung ist. Aber sie führt das unstete, prekäre Leben der darauffolgenden Generation und das befähigt sie, dieses Lebens-Gefühl auszudrücken. Auf der anderen Seite hat sie eben auch schon eine künstlerische Entwicklung hingelegt. Ihre frühen Skulpturen zeigen Menschen, die völlig im Alltag verankert sind, nach außen gerichtet, kompakt, aber auch glatter. Es brauchte Zeit, Rauheiten, Unebenes und Rissiges zuzulassen.

Jetzt muss ich endlich verraten, wie alt sie ist. Sie wurde 1964 in Jena geboren, eine Thüringerin also wie Linde Bischoff, studierte von 1992-1998 Freie Kunst an der Universität Mainz bei Professorin Christa Biederbick, deren Meisterschülerin sie nach dem Diplom wurde. Holz war von Anfang an ihr Material, aber sie arbeitet auch in Stein und druckt.

Seit 2000 ist sie freischaffend. Sie erhielt ein Stipendium der Stiftung Kulturfonds für das Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop und ein Arbeitsstipendium des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. 2004 erhielt sie außerdem den Kunstpreis „artthuer 2004“ und zweimal hintereinander, 2013 und 2014, beteiligte sie sich an der Ausstellung zum Brandenburger Kunstpreis. Gisela Eichardt lebt und arbeitet in Berlin.

Ihre Figuren wachsen langsam aus dem Holz, sie arbeitet daran mit vielen, manchmal langen Pausen, einen ganzen Sommer lang, oder zwei, im Garten hinter ihrer Wohnung, in der vollen Sonne, was nicht nur für das Holz problematisch ist. Ein Atelier besitzt sie nicht. Ihre Figuren lagert sie im Keller des Mietshauses.

Wir brauchen ein Gegenüber, um uns selbst zu erkennen. Und genau das geschieht in dieser Ausstellung, nicht nur, indem wir uns in den Bildnissen wiederfinden, sondern auch, indem die kontrastierenden Positionen der beiden Künstlerinnen aufeinander verweisen. Dieser Dialog stiehlt keiner der beiden die Schau, sondern belebt Eigenes und Gegensätzliches.

Schön, dass sie sich begegnet sind.

 

 

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