MITEINANDER – Pferde und Menschen in der Galerie Ines Schulz in Dresden

Michael Jastram „Der Bote“ 2011 Bronze | Franziska Güttler „Jetzt“ 2010, Öl auf Leinwand, in der Ausstellung „MITEINANDER“ Galerie-Ines-Schulz.de Dresden

In Dresden traf ich einen Freund nach längerer Zeit zum ersten Mal wieder. Er kam gerade von seiner Arbeit. Er betreibt eine Fahrradwerkstatt auf einem Kinder-Bauernhof.

Das erste, was er mir aufgeregt erzählte, war, dass die drei Pferde nicht mehr auf dem Bauernhof seien. Der Halterin eines der Pferde sei gekündigt worden, weil sie die Kinder zu wenig in ihre Arbeit mit den Tieren einbezogen habe. Daraufhin hätte sie ihr Pferd genommen und sei gegangen. Die Halterin des zweiten Pferdes habe dann auch gekündigt, mit der Begründung, dass ihr Pferd sich ohne das andere langweile. Zuletzt sei nur noch der schwache, alte Hengst übrig geblieben, und damit der nicht vor Einsamkeit eingeht, sei er in eine Art Altersheim für Pferde gebracht worden.

So viel Trouble und Gedankenenergie um drei Pferde! sagte mein Freund. Dabei hätten sie immer große Aufmerksamkeit und das beste Futter gehabt. Sowieso verstehe er nicht, wieso ausgerechnet so anspruchsvolle und hochsensible Tiere wie Pferde jahrhundertelang die Begleiter des Menschen sein konnten. Wieso nicht Schweine? fragte er mich. Die hätten genauso viel Kraft und kämen mit Küchenabfällen aus. 

„Tja, die Beziehung von Menschen zu ihren Pferden darf nicht unterschätzt werden.“ Das war das einzige, was mir an diesem Abend zu dem Thema einfiel. Ich habe wirklich keine Ahnung von Pferden. 

Einmal habe ich auf einem Pferd gesessen. Ich erinnere mich an den schwankenden Körper, an die Erkenntnis, dass ein lebendiger Körper sich anders anfühlt als eine Maschine. Ich war schon eine erwachsene Frau. Ich hatte bereits gelernt, auf Maschinen zu sitzen und diese zu steuern. Ich hatte die Gangart der Welt längst verinnerlicht, als ich während weniger Minuten auf dem Rücken eines breiten behäbigen Pferdes meiner eigenen tiefsitzenden Unsicherheit mit einer Wucht begegnete, die mich überraschte. Ich hatte mich am Hals des Pferdes festgehalten, um nicht von seinem Rücken zu kippen. Ich hatte die Forderung des Tieres gespürt, mit seinen großen Bewegungen mitzugehen. Diese Erfahrung hatte mich etwas über meine Existenz in diesem Kosmos gelehrt. Etwas, das sich unmöglich in drei Sätzen erklären lässt. Etwas, das mit unseren seltsam weichen Körpern zu tun hat, die so gar nicht in die Welt der Maschinen passen. Mein Körper verblüfft mich immer wieder. Ich empfinde sein Erscheinungsbild und seine Beschaffenheit als nicht kompatibel mit dem, was ich tagtäglich tun muss, um ihn zu nähren und zu pflegen.

Die Frage meines Dresdner Freundes, warum ausgerechnet so anspruchsvolle, sensible Tiere… ließ mich nicht mehr los.

Wenige Stunden später betrat ich die Galerie Ines Schulz. Und plötzlich sah ich überall Pferde.

Der Bildhauer Michael Jastram hat sich mit der Haltung der Menschen auf ihren Pferden beschäftigt. Eine seiner Plastiken mit dem Titel„Das siebente Siegel“ erinnert daran, dass auch die apokalyptischen Reiter auf Pferden unterwegs sind, seit vielen Jahren schon. Das siebente Siegel ist das letzte, das heiligste. Michael Jastrams Reiter sitzt kerzengerade, pflichtbewusst, in Erwartung des göttlichen Befehls, loszureiten, anders als „Der Bote“, schmal und weich nach dem langen Ritt, den Rücken gebeugt. Aber er hält die Fahne, seine Botschaft. Er ist ihr Überbringer, ihr Diener. Einer der drei Reiter auf dem „schmalen Pfad“ wirkt erschöpft. Interessant ist, dass Jastram seine Reiter häufig auf archaische Wagen stellt. Er setzt so diese beiden Fortbewegungsarten des Kriegers, Boten und Händlers in einen Dialog. 

Michael Jastram „Der schmale Pfad“ 2015, Bronze

Ich mag sehr das Bild von Franziska Güttler. Die Frau ist begleitet von einem Pferd auf Rädern. Hatte sie dieselbe Idee wie Jastram? Oder ist es ein Spielzeug-Pferd von einem Karussell, vielleicht das einzige Pferd, auf dem sie jemals gesessen hat? Wieso ist das Spielzeug-Pferd im Park an ihrer Seite? Ist es ein Gedankenpferd wie die, die mich seit dem Gespräch mit meinem Freund begleiten?

Ich mache mir weniger Gedanken um die Pferde als um ihn. Warum stellt er die Beziehung zu den Pferden in Frage? Sie sind archetypisch mit unserer Existenz verbunden. Ein Schwein kann nicht springen. Ein Schwein ist zu niedrig, um durch einen Fluss zu waten. Das Pferd ist erhaben. Es trabt. Das Pferd ist weich. Das Pferd sieht dir in die Augen. Das Pferd geht durch.

Franziska Güttler „Jetzt“ (Ausschnitt) 2010, Öl auf Leinwand

Mein Freund fühlt sich emotional vernachlässigt. Er beneidet die Tiere um die Zuwendung, die sie bekommen und das gute Futter. Er denkt, kein Wesen habe ein Recht auf eine so gute Behandlung. Weil er überzeugt ist, dass auch er kein Recht auf verschwenderische Liebe und besonders gutes Essen hat. Er glaubt, er müsse so effizient und anspruchslos sein wie eine Maschine. Wenig verbrauchen. Ökologisch korrekt. Kleine Wohnung. Kein Raum für üppige Gastmahle. Energiesparende Nahrung und Körperhygiene. Zeitsparende Bedürfnisse. Lange Gespräche nur noch am Telefon und während der Bahnfahrt. Beziehungen stören die Effizienz, die Optimierung. Mit einer Ausnahme: Guter Sex. Schwer zu bekommen heutzutage. Liebe stört. Die neoliberale Ideologie. Das siebente Siegel.

Vivian Kahra „Solid morning“ 2018, Öl auf Leinwand

Schreibe einen Kommentar