Warum Kathrin Schrader Bücher und allerlei sonstige Dinge „rettet“, und auch das Kleid nicht wegwerfen kann, das nach so vielen Sommern so abgetragen ist, dass es überall reißt

Illustration © Tine Schulz
Ich bin nicht begeistert, wenn ich Bücher retten muss. Neulich erst lag ein Häufchen in Leinen gebundene Weltliteratur auf der Mauer unserer Hofeinfahrt. Die Nobelpreisträger Vargas Llosa und Michail Scholochow waren darunter, mein geliebter Mark Twain und eine Autorin, die ich noch nicht kannte: Olga Flor. Einige Tage lang ignorierte ich sie trotzig. Erst als es zu regnen begann, nahm ich die Bücher mit nach oben, legte sie auf die Waschmaschine im Bad. Ein neutraler Platz. Weiß. Ein Ort für Dinge, die noch nicht angekommen sind. Eine Art Schleuse. Aus dem Rücken von Vargas Llosa kroch eine Kellerassel.
Meine Regale sind voll. Die Bücher stehen zweireihig. Es sind keine maßgeschneiderten Holzregale bis unter die Decke, sondern Ikea Billys, von denen sich die Rückwände lösen, aufgestockt mit offenen Bananenkisten. In den Ikea Kallax im Büro sieht es nicht anders aus.
Der irische Schriftsteller Hugo Hamilton schreibt in seinem Roman über ein gerettetes Buch von Joseph Roth: Wo man Bücher rettet, rettet man eines Tages auch Menschen.
Ich würde ergänzen: Wo man Bücher und Dinge rettet, rettet man auch Menschen. Denn ich rette nicht nur Bücher. Ich betrachte die Dinge, die in Kartons und Kisten vor Hauseingängen, auf Bürgersteigen und den Einfassungen von Beeten abgestellt werden. Ich versuche zu erspüren, woher sie kommen, wie alt sie sind, welches Leben sie bisher hatten, wer sie aussortiert hat und warum. Ist die Person umgezogen? Hat sie eine neue Liebe gefunden? Oder ist da jemand gestorben? Jeder Gegenstand, den ich von der Straße aufhebe und mitnehme, verwurzelt mich tiefer mit meiner Wohngegend und ihren Geschichten.
Ich nehme nicht alles. Gelegentlich spielt der Gebrauchswert bei der Entscheidung eine Rolle, bei Möbeln in jedem Fall. Ein Glücksgriff war der gut erhaltene, einfache Holztisch, an dem ich immer noch arbeite. Ich habe interessante Stühle abgeschleppt, fantastische Pflanzkübel, eine schöne Vase, ein praktisches Döschen. Doch die meisten Dinge, die mich anrühren, sind völlig zwecklos, nicht einmal schön. Der vergoldete Engel oder die Putte aus Gips – wohin nur damit? Ein Plätzchen findet sich immer. Im Fall der Putte und des Engels ist es die Mauernische mit dem Sicherungskasten in unserem Gemeinschaftsbüro. Voila, ein kleiner Altar! Ein Altar für die Dinge, für das Kommen und Gehen.
Die Altarnische unseres Büros wird später durch Spielzeugbäumchen aus Holz und eine Tüte mit Schmuckperlen aus Plastik ergänzt. Und wer weiß, was sich noch einfindet?
Zwei Kerzenleuchter mit passender Schale aus emailliertem Messing bekommen ihren Platz in meinem Bad. Fortan dusche ich bei Kerzenlicht.
Die Wollknäuelreste nehme ich mit, obwohl ich nicht stricke und niemanden kenne, der strickt. Sie liegen wie Küken in meiner Hand und genauso weich fühlen sie sich an. Ihre Farben sind undefinierbar, etwas zwischen rosa und grau und braun, die Modefarbe der letzten Saison. Ich stelle den Karton mit der Wolle auf dem Konferenztisch ab. Meine Kollegen nehmen das nicht übel. Sie ticken ähnlich wie ich. Im letzten Herbst hat jemand irgendwo einen zerfallenden Spielzeug-Karton mit den Resten von Zauber-Utensilien gerettet und auf einem Kallax abgestellt. Wir sind eine Erstaufnahme-Einrichtung. Die Nachbarn wissen das und stellen uns Sachen vor die Tür. Irgendwann finden die Dinge ihr neues Zuhause. Eines Tages war der Spielzeug-Karton wieder verschwunden. Ich weiß nicht, ob er im Atelier eines Künstlers oder bei einem Zauberlehrling angekommen oder doch im Müll gelandet ist. Die große hübsch gemaserte Holzplatte lehnt noch immer an dem in Filz verschnürten, klappbaren Puppentheater. Seit einem Jahr. Jedes Mal, wenn sie mich stört, muss ich bekennen, dass sie gut aussieht.
Wir stemmen uns gegen die Entwertung von Dingen und Menschen. Wir stellen uns der Herausforderung, das Gebrauchte dem Neuen vorzuziehen und mit dem Aussortierten zu leben. Denn wir erleben, wie die Digitalisierung Dinge und Menschen gefährdet. Wozu noch ein Bücherregal, wenn alle Werke der Welt in ein schmales Blättchen passen? Wir benötigen keine Uhren und Wecker mehr, keine Briefmarken, Tickets, weder Land- noch Sternenkarten. Nicht einmal ein Klavier. Läden schließen, weil niemand mehr eine langsame Beziehung zu den Dingen aufbauen will, bevor er sie erwirbt und mit nach Hause nimmt. Dazu gehören das Schauen, das Berühren, im Geschäft über die Erwägungen reden, das Erwogene wieder verlassen, nachspüren und später zurückkehren. Stattdessen lassen sich immer mehr Menschen in ihrem Zuhause von Dingen überhäufen, die ihnen möglicherweise schaden, jedes einzeln in einem Karton verpackt, der weggeworfen wird, ganz zu schweigen von Seidenpapieren, Plastiktüten und Füllstoffen.
Die Dinge rächen sich dafür. Schon sind wir froh, wenn wir am Telefon im Finanzamt, bei der Bank oder beim Arzt einen echten Menschen erreichen.
Wenn mein Freund zu einem Konzert fährt, packt er die Trommeln und Becken seines Schlagzeugs in große Schachteln und Taschen, die extra für diese Instrumente hergestellt wurden. Die Trommelfelle werden zusätzlich mit einem Tuch aus Samt geschützt. Auch die Becken und Schlagstöcke werden in Samt gewickelt. Ich mag diese lange Prozedur des Verpackens, den aufwändigen Transport. Schachtel für Schachtel und Tasche für Tasche tragen wir nach unten und verfrachten jede einzeln in einem Auto. Am Konzertort wird alles wieder ausgepackt und aufgebaut. Die Flügelschrauben an den Halterungen für die Instrumente lassen sich mühelos drehen. Alles passt perfekt. Nicht nur die Instrumente, auch das Zubehör ist feinstes Handwerk.
Am Ende bleibt uns die Musik. Wenn wir an einem Haus vorbeigehen, hören wir, ob die Musik aus dem offenen Fenster aus einem Gerät kommt oder von einem echten Musikinstrument erzeugt wird. Vielleicht breitet sich der Sound anders im Raum aus. Vielleicht erzeugt das Instrument eine höhere Klangfülle als ein Gerät. Ich weiß es nicht, aber ich höre den Unterschied. Ich spüre das Gewicht des anderen Körpers, seinen organischen Bau, der nicht darauf ausgelegt ist, Platz zu sparen, sondern Raum zu geben.
Die Dinge zu verehren bedeutet, darauf zu beharren, dass sie wesentlich sind und dass sie wie alle Wesen eine Geschichte haben, die zu erzählen ist.
Ich kann das Kleid nicht wegwerfen, das nach vielen Sommern so abgetragen ist, dass es überall reißt. Es war federleicht und passte noch in die winzigste Ecke meines sparsamen Reisegepäcks. Ich trug es immer dann, wenn wir unsere Zielorte erreicht, die Helme und verschwitzten Trikots abgelegt und geduscht hatten, wenn wir uns an den Abenden auf den Weg machten, die Orte anzuschauen, in Häfen Möwengeschrei und dem Klirren der Segelmasten lauschten oder am Rand einer zirpenden Wiese oder in einer Bar saßen bei einem Glas Rosé, erschöpft miteinander schweigend, gesättigt von Glück. Schon mehrmals habe ich dieses Kleid wegwerfen wollen. Es wäre Zeit für ein neues, neue Sommer, neue Ziele. Doch zuvor muss ich dieses transformieren, es einer neuen Bestimmung übergeben. Wenn es verbrennen würde, mit dem gesamten Inhalt meiner Wohnung, wäre das seine Bestimmung. Der Wohnungsbrand wäre fortan die Geschichte, die uns verbindet. Seine Geschichte könnte auch sein, dass ich es einer anderen Frau geschenkt habe, die aus seinen Resten etwas näht. Seine Geschichte könnte sein, dass ich ein Schmuckstück aus den Resten anfertige. Solange es keine neue Geschichte und Bestimmung für das Kleid gibt, bleibt es in meinem Schrank.
In die Wohnung unter mir haben zwei Studenten eine WG gegründet, zwei Jungs, die das Abi frisch in der Tasche haben. Ich habe sie gefragt, ob sie eine Topfpflanze haben möchten, eine Vase, Tassen oder einen Kerzenleuchter. Aber sie lehnten ab. Sie möchten so wenig Dinge wie möglich in die Wohnung stellen. Zwei Tatamis am Boden zum Schlafen, Reden und Arbeiten. Eventuell werden sie sich einen Tisch besorgen, falls es ohne nicht geht. Keinesfalls einen Kleiderschrank. Eine minimale Küche. Zwei Kaffeetassen, zwei Teller, zwei Paar Besteck. Keinen Geschirrspüler. Sie sind Kinder der Digitalisierung. Sie können locker auf Dinge verzichten.