Berliner Notiz-Blog 8. Juni 2008

1968. Nacht der Literatur – so war die Veranstaltung in der Akademie der Künste am Freitagabend überschrieben.

Jetzt, dachte ich, jetzt! als Volker Braun in seiner Eröffnungsrede von der Politik sprach, die Armut straff organisiert und „den Reichtum vagabundieren lässt“, von der zunehmenden Zahl der Tagelöhner, als er unser Schweigen mit einer schwarzen, zähen Masse verglich. Endlich, dachte ich. Hier also. In diesem herrlichen Palast aus Glas.

Günter Grass, Uwe Timm, Ulrich Pletzer, Tanja Dückers und Raul Zelik waren auf dem Podium zusammen gekommen, um über „Die Literatur und das politische Engagement“ zu diskutieren. Der Abend versprach spannend zu werden, denn die drei jungen Autoren schreiben politisch engagiert, die Älteren sowieso.

Doch die junge Generation sagte erschreckend wenig. Sie verteidigten sich gegen Günter Grass Anspruch, Literatur müsse politisch sein, weil, so hatte Grass seine Haltung begründet, der Dichter nicht frei sei, sondern eingebunden in eine Gesellschaft und ihre Verhältnisse und, da er, Grass, sich in erster Linie als engagierter Bürger fühle, müsse er sich als Schriftsteller mit dem auseinandersetzen, was ihn bewegt. Er habe manchmal versucht, völlig unpolitisch zu sein, sei jedoch spätestens nach vier Zeilen wieder in seiner Zeit angekommen.

„Literatur muss gar nichts“, entgegnete Tanja Dückers. Ob der Literatur-Nobelpreisträger das nicht schon wusste? Doch damit war ihr Nachhilfeunterricht noch nicht zu Ende. Dem Publikum erläuterte sie später den Unterschied zwischen den Nachrichten im Internet und der Literatur. Danke!

Raul Zelik kritisierte den Literaturmarkt, auf dem so viel Schrott erscheine, woraufhin der Moderator Martin Lüdke sagte, das sei schon immer so gewesen, es habe schon immer Bücher gegeben, die nur von Frauen gelesen worden seien. Und als wäre dieser Satz nicht bereits vulgär genug, nahm er die Apfelsaftflasche, die neben seinem Stuhl stand und trank ganz einfach aus der Pulle.

Verflixt, ist das alles, was es heute Abend über politisches Engagement und Literatur zu sagen gibt? Ist da eigentlich keiner, den der Schmerz über das, was in Deutschland geschieht, an seinen Mac treibt? Hinter welchem leuchtenden Äpfelchen werden die heißen Eisen angegriffen: Dass diese Regierung durch ihre Politik die Demokratie akut gefährdet? Wer gibt dem Elend in Deutschland eine literarische Stimme, schafft authentische Figuren, die uns ergreifen, die uns nicht länger abschalten lassen? Wer stellt die Gleichgültigkeit bloß? Die Arroganz? Wo bleibt die Wut der Dichter?

In der Pause wandelten wir auf der Balustrade des Palastes, schauten rüber zum Reichstag. Wir lobten den Wein und die Farben des Himmels. Und der Mond, die schmale Sichel, schweigt auch so schön.

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