Kathrins Notiz-Blog 18. Juli 09


© Illustration Liane Heinze

Am nächsten Morgen servierte uns der Mann neben dem toten Hasen auf dem Küchentisch einen Kaffee. Er schlurfte in der Küche hin und her. Er schob die Tassen über den langen Tisch in unsere Richtung, so dass auch die Tassen schlurften. Auf seinen Fingern wuchsen dunkle Haare.

“Ist ihre Frau weg gelaufen, weil sie Pelztiere im Haus vergammeln lassen?“, sagte Leon.

Der Jäger hustete. Er räumte weiter Geschirr in einen Schrank.

„Ich hasse Jäger“, fauchte Leon und sah mich an. Ich trat ihm unter dem Tisch auf beide Füße.

“Dann essen Sie kein Fleisch?”, sagte der Mann. Er räusperte sich wieder und hustete, als hätte er sich plötzlich erkältet.

“Niemals Wild”, sagte Leon.

“Die anderen Tiere werden auch getötet”, brummte der Jäger.

“Aber niemand bekommt dabei eine Erektion”, sagte Leon. In diesem Moment wünschte ich, dass die Erde sich auftut und mich verschlingt.

Ich fürchtete um einen weiteren Zahn Leons, als der Mann sich zu ihm umdrehte. Er war kleiner als Leon, aber stämmig. Leon wich zurück. “Verschwinde”, zischte der Jäger. „Pack deine blasse Puppe ein und mach, dass du weg kommst.“

Wir sahen zu, dass wir ins Auto kamen. Leon ließ den Motor aufheulen und brauste vom Hof. Ich zog den Kopf ein.

„Das mit der Erektion war dumm, es war völlig daneben.“

Ist es nicht daneben, nachts durch die Wälder zu ziehen, Tiere zu erschießen und sie dann seinen Gästen vor die Nase zu legen? Das ist Masturbation. Du bist doch die Vegetarierin.“

„Er ist Jäger, na und. Ich bin Vegetarierin und er ist Jäger. Na und? Ist das ein Grund, sich an die Gurgel zu gehen?“

„Du mit deinem Love and Peace….“ Leon lässt das Lenkrad los, hebt die Arme und wiegt sich wie ein Hippie mit Feuerzeugen.

„Du mit deiner Masturbation. Toleranz. Das ist das Wesen der Zivilisation. Aber du kommst ja aus dem Wald.“

„Ja, ich komme aus dem Wald. Ich brauche keinen Jäger, kein zivilisiertes Rindvieh.“

Leon nahm die Autobahnauffahrt, fuhr an eines der Häuschen, zahlte die Maud und schloss das Dach. Die Luft über der Autobahn flirrte vor Hitze. Plötzlich waren wir in einer windstillen, klimatisierten Kapsel eingeschlossen, in einer anderen Welt. Ich glaubte fest daran, dass wir Leons Mutter heute treffen würden. Das war ja der Sinn unserer Suche. Deshalb hatten wir den Wagen gemietet, die Maud bezahlt. Nur aus diesem Grund verzichteten wir jetzt auf Sonne und Wind, schlossen uns in die Kapsel ein und fuhren immer weiter geradeaus zum Meer.

„Wie sieht deine Mutter aus?“

„Sehr einfach“, sagte Leon. „Sehr schön. Sie ist blond, nicht hellblond, aber blond, ihr Haar ist etwas rötlich. Sie trug die Haare immer kurz, wahrscheinlich hat sie Jeans an und flache Sandalen.“

„Und Schmuck?“

„Höchstens kleine Sachen, Perlen oder so.“

„Und Schminke?“

„Sie hat einen Lippenstift. Ich erinnere mich, wie sie ihn auftrug. Sie brauchte keinen Spiegel. Sie trug ihn im Café auf, im Zug, manchmal im Kino, auch wenn es dunkel war. Es war eine weiche, matte Farbe, hell, vielleicht wie…Erdbeeren. Wie dein Lippenstift.“

„Wann hast du sie zuletzt gesehen?“

Leon überholte, hupte und swingte zwischen den Spuren hin und her, dass mir schwindlig wurde. „Ist vielleicht fünfzehn Jahre her.“

„Fünfzehn Jahre?!“

„Wir sollten nach Sopot fahren“, schlug er vor. „In den Sommerferien ist sie oft mit uns dort gewesen.“

„Sie wird sich verändert haben. Hast du ein Bild?“

„Sie verändert sich nicht“, sagte Leon. „Sie hat sich nie verändert.“

„Lass uns anhalten“, bat ich. Leon fuhr an der nächsten Raststätte ab. Er rollte den Wagen in eine Parklücke, pappte die Locken in die Stirn und sah mich an. „Du bist blass! Ist alles in Ordnung?“

Ich klappte den Spiegel nach unten. „Ich bin nicht blass. Ich sehe genausso aus wie immer.“ Er fragte noch dreimal, ob es mir wirklich gut geht. Er öffnete mir die Wagentür, legte seinen Arm um meine Schulter. Er war noch nie so zuvorkommend, so höflich gewesen. Fünfzehn Jahre! „Hast du ein schlechtes Gewissen“, fragte ich.

„Wieso? Nein.“

Ich setzte mich auf das Geländer vor dem Bistro und trank den Espresso. Sofort fühlte ich mich frischer. Drüben auf der Autobahn fetzte ein Wagen nach dem anderen vorbei. Die Erde bebte. Die Rosen vor dem Bistro schwankten. Ich freute mich auf Leons Mutter. Sie zu suchen fühlte sich nicht anders an als zum Kaffeetrinken zu ihr zu fahren. Es war die Vorstellung, dass es sie gab, eine schmale, ältere Dame mit kurzen Haaren, flachen Sandalen, einer Perlenkette und einem erdbeerfarbenen Lippenstift, und dass ich ihr zum ersten Mal gegenüber stehen würde. Das ist das großartige, wenn man sich kennenlernt: Man gewinnt nicht nur einen Menschen dazu, sondern eine ganze Familie.

Leon kam von der Toilette. Er nahm meinen Becher und schleckte den Zuckersatz vom Boden. „Ich hatte nicht mehr den Mut, zu ihr zu fahren“, sagte er. „Du hast mir den Mut zurück gegeben.“

Plötzlich war vom Parkplatz ein Knall zu hören. Kurz darauf ein zweiter. Es klang wie Schüsse. Leon stürzte zum Parkplatz. Ich folgte ihm. Der Jäger stand drüben an der Auffahrt, grinste und hob einen Stinkefinger. Leon stürzte ihm nach, doch er stieg lässig in seinen grauen Lieferwagen und machte sich davon. „Ich zeige dich an, du miese, kleine Ratte.“ Leon boxte auf das Dach unseres Wagens. Beide Hinterreifen waren platt.

„Ich wusste es“, zeterte Leon. „Wieso haben wir hier angehalten?“

Ich sah die platten Reifen, aber ich hatte keine Angst, nicht die Spur. Ich war glücklich, und dieses Glück war so groß, dass mir nichts Schlimmes mehr passieren konnte. So lange ich lebte, nicht.

Wir setzten uns auf das Geländer vor dem Bistro, knabberten Kekse und warteten. Leon tänzelte auf und ab. Er stieß mit den Fußspitzen gegen imaginäre Wände, die ihn zum Umkehren zwangen. Der Käfig in seinem Kopf bildete den Raum um ihn. Die Wände verrückten ihre Position nicht. Ein kleiner, untersetzter Polizist kam vom Parkplatz herüber gewackelt. Er zerrte an der Knopfleiste seiner Uniformjacke. Wahrscheinlich war sein Unterhemd nass geschwitzt. Er hieß uns mit einer Kopfbewegung in das Bistro zu gehen. Er tupfte den Schweiß von den Wangen. Er zog einen zerknautschten Notizblock aus seiner Brusttasche und ließ sich den Hergang der Tat schildern. Er nuschelte. Wir hatten die Nummer des grauen Lieferwagens so schnell nicht lesen können. Wir wussten nicht, wie der Jäger hieß, nur den Ort, in dem er lebte. Der Ort hieß Wda. Wir müssten dorthin zurück fahren, um Ihnen das Haus des Jägers zu zeigen, sagte Leon. Es war nicht so weit von der Autobahn entfernt. Der Polizist wollte wissen, was passiert ist, was wir dem Jäger getan haben. „Wir haben ihm nichts getan“, sagte Leon.

Wir rumpelten in dem stickigen Polizeiwagen zurück nach Wda. Der Jäger war nicht zu Hause. Wir gingen mit dem Polizisten im Gasthaus etwas essen. Als wir zurück an das Gehöft kamen, war das Tor noch immer verschlossen. Der Polizist rüttelte daran. Nichts.

„Warten wir“, sagte er. Wir setzten uns in den Polizeiwagen.

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