Kathrins Notiz-Blog 17. November 09

© Illustration Liane Heinze

Gestern Abend nach dem Essen erzählte Leon Jolanda, wie es war, als er so alt war wie sie, als er fort gegangen ist von Zuhause, mit nichts in der Tasche außer seinen Trommeln und seinem Traum.

„Wieso denkt ihr nur an die Karriere und an das Geld. Wo sind eure Wünsche, eure Träume?“, fragte Leon.

Jolanda ließ die Arme zu beiden Seiten ihres Stuhles baumeln. „Wen meinst du mit ‚ihr’?“ Sie wartete Leons Antwort nicht ab. „Falls du mich im majästetis pluralis ansprichst;  ich habe einen Wunsch: Ich möchte ein Kind haben.“

„Ein Kind.“ Leon hob den Blick und die Hände beschwörend in Richtung der Decke.

„Du musst doch erst einmal raus, die Welt entdecken.“

Jolanda sagte, dass es überhaupt kein Problem mehr ist, mit Kindern zu reisen, weil es in jedem Zug Mutter-Kind-Abteile gibt und in den Flugzeugen sogar kleine Hängematten für Babys. Sie habe auch keine Angst vor Afrika und Indien, weil die Menschen dort sowieso viel kinderfreundlicher seien als hier.

Leon wieherte wie ein erschrecktes Pferd. „Sei doch einmal planlos!“, rief er. „Bis jetzt bist du dein ganzes Leben lang brav jeden Morgen zur Schule getrottet. Jetzt kannst du raus. Los. Und morgens nicht wissen, wo du abends ankommst.“

„Ist nicht so meine Art zu reisen“, sagte Jolanda.

Leon sagte, dass er von Jolanda enttäuscht sei, dass er von ihrer Generation mehr Widerstand erwartet hätte, einen revolutionären Geist und Poesie.

Jolanda fragte, wieso er Revolution und Poesie nicht selbst macht.

Leon sagte, sein ganzes Leben sei Revolution und Poesie. Jeder neue Tag.

Jolanda sagte, Leon sei auf dem Niveau eines Sechzehnjährigen stehen geblieben.

Leon sagte, Jolanda rede wie eine alte Frau.

Jolanda knallte die Küchentür.

Leon sagte, dass Jolanda eine typische neue Spießerin sei.

Ich setzte Wasser für Tee auf und aß ein Stück Schokolade nach dem anderen, weil ich so nervös war. Ich finde, dass sowohl Leon als auch Jolanda Recht haben. Ich finde, dass das Leben nicht einfach falsch oder richtig ist, sondern meistens beides gleichzeitig.

Jolanda steckte den Kopf herein. Sie sagte, sie sei jetzt mit Sören verabredet.

Leon sagte, er habe ihr nicht weh tun wollen.

Jolanda entschuldigte sich für ihre Respektlosigkeit.

Mir war schlecht von der Schokolade.

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