Kathrins Notiz-Blog 18. Februar 10

© Illustration Liane Heinze

Während meine Bewerbungen an Möbelhäuser und Innenarchitekten durch das Faxgerät rutschten, sah ich Leon zu, wie er das Eis vor der Garage weg hackte. Seine rote Mütze saß wie ein Zwergenhut auf seinen Locken.

Am Tag zuvor hatte er Ersatz für den abgebrochenen Zahn bekommen. Das erste Mal habe ich ihn gefragt, was mit dem Zahn passiert ist.

„Nichts“, sagte er. „Er ist abgebrochen.“

„Aber wie?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich wollte ich eine Schraube damit lockern.“

Wenn Leon mir ausweicht, ist es wie auf diesen Bildern aus der Zeit nach dem Krieg, auf denen Menschen in Wohnungen zu sehen sind, denen eine Wand fehlt. Jeder kann sehen, wie sie ihre Betten schütteln und Strumpfhalter überziehen. Wenn Leon mir ausweicht, ist es, als bräche eine Wand in meinem Herzen weg, so dass der Wind hindurch bläst und alle Leute meinen nackten Schmerz sehen können.

Das Telefon klingelte. Ein Mann meldete sich. Seine Stimme klang jung und distanziert. Sie seien drei Architekten und zwei Innenarchitekten in einem gemeinsamen Büro und wenn ich wolle, könne ich vorbei kommen und es mir ansehen.

Ich stürzte mit der Nachricht in den Hof. Leon war völlig aus dem Häuschen. „Siehst du, es hat geklappt. Jetzt geht es los.“ Er nahm die rote Mütze ab und pappte sich die Locken in die Stirn. Er strahlte mit seiner kompletten Zahnreihe. Ich küsste ihn und leckte seine Zähne.

Der Kunstzahn fühlt sich anders an, dichter und irgendwie auch wärmer. Ich werde nie erfahren, was mit seinem Zahn passiert ist. Ich werde niemals alles von ihm wissen.

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