Kathrins Notiz-Blog 28. Juni 10

© Illustration Liane Heinze

Die Oper war großartig. In der Pause spendierte der Optiker ein Glas Sekt und zitierte sämtliche Feuilletons über die Inszenierung. Er musste sich den ganzen Nachmittag via Google vorbereitet haben. „Aber wie gefällt es Ihnen? Was ist Ihre Meinung?“ Diese Frage brachte ihn aus der Fassung. Er wurde rot. Das reizte mich, ihn noch mehr zu quälen. Ich entdeckte einen sadistischen Zug an mir. „Das wichtigste ist doch, berührt zu werden“, sagte ich. Er fing sich wieder und zitierte einen Intellektuellen über die Kraft der Bühne.

Morgen würde er mir sagen, dass er sich das mit dem Laden noch mal überlegt hat. Dabei hatte ich schon Ideen. Die Skizzen steckten in meiner Tasche. Ich hatte sie ihm in der Nacht zeigen wollen, oder nach unserem gemeinsamen Frühstück. Das hatte sich erledigt. Ich trug sie wieder mit nach Hause. Meinen ersten Auftrag hatte ich verpatzt.

Ich ließ mich erleichtert auf das Bett fallen. Ich war allein zu Hause. Es war kurz nach Mitternacht. Ich dachte an Leon, den ich seit Tagen nicht erreicht hatte. Ich trank Wein und tanzte durch die Wohnung. Gegen vier erreichte ich ihn endlich.

„Was ist passiert?“, fragte er.

„Das wollte ich dich fragen. Wieso ist dein Telefon seit Tagen ausgeschaltet?“

„Der Akku war leer.“

„Achso.“

„Was ist los?“ bohrte Leon. „Du klingst verloren.“

„Ich habe mir Sorgen gemacht.“

„Kathrin!“ Er dehnte meinen Namen wie eine Stange Lakritz. „Ich bin nicht aus der Welt. Ich bin in Verviers. Wie gesagt: Mein Akku war leer.“

„Und wieso ist er jetzt wieder voll?“

„Heute habe ich ein Kabel gekauft.“

„Warum hast du nicht angerufen? Du hast doch gesehen, wie oft ich es versucht habe.“

„Ich war in der Stadt unterwegs, dann war es schon spät.“ Er sagte, er müsse jetzt öfter nach Belgien fahren. Es gäbe dort wirklich eine Menge zu entdecken.

Wir schwiegen. Ich lauschte in die Stille. Nach einigen Sekunden begannen wir gleichzeitig zu sprechen, brachen beide wieder ab und begannen dann wieder gleichzeitig.

„Sag du!“

„Nein, du.“

„Du hast dein Handy aufgeladen und mich stundenlang nicht angerufen.“

„Ich habe das Handy zum Laden im Hotel gelassen. Ich hatte es gar nicht mit in der Stadt. Als ich zurückkam, war es kurz nach zwölf, ich dachte, du schläfst vielleicht schon. Wieso bist du noch wach?“

„Ich habe gerade von meiner Beerdigung geträumt. Darüber bin ich wieder aufgewacht.“

„War es so schlimm?“

„Zuerst nicht. Sie spielten Jaques Offenbach. Aber die Luft im Sarg war schlecht. Ich hatte Angst zu ersticken.“

„Hmmm!“

Wieder lauschte ich in das Schweigen.

„Ich liebe dich“, sagte Leon. Es klang so feierlich, dass ich alle Angst verlor und ihm beinahe von dem Abend mit dem Optiker erzählt hätte und dass ich meinen ersten Auftrag verpatzt hatte.

Aber schließlich war er allein in einem belgischen Hotel in einer Stadt, die niemand kennt außer den Menschen, die dort leben. Das war schlimm genug.

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