Sir, ich habe auf Sie gewartet!

Berliner Zeitung

Der Fotograf Thomas Sandberg erinnert sich daran, wie er Peter Ustinov fotografieren sollte und ihn nicht fand


© Foto Thomas Sandberg

Ustinov gibt im Theater in Hannover ein Autogramm; Sandberg hat es fotografiert.

Es war ein ungemütlicher, kalter Sonntag im März des Jahres 1994, als ich im Auftrag der englischen Tageszeitung The Independent nach Hannover fuhr, um Sir Peter Ustinov zu fotografieren. Um elf Uhr waren wir in seinem Hotel verabredet. Ustinov tourte gerade mit einer Unterhaltungsshow durch Deutschland. Zwei Abende vorher war er in München aufgetreten.

„Peter Ustinov wohnt nicht hier“, sagte der Mann an der Rezeption. Ich glaubte ihm kein Wort. Es war doch ausgeschlossen, dass die Kollegin in der Hamburger Agentur, die den Auftrag vermittelt hatte, mir die falsche Adresse genannt hatte. Ich beschloss, es später noch einmal zu versuchen und verzog mich in ein Café, das dem Hotel direkt gegenüber lag. Das Café war an diesem Sonntagvormittag fast leer. Die Trostlosigkeit hatte sich wie kalter Rauch darin festgesetzt. Es war wie die ganze Gegend an der Hildesheimer Straße nicht einmal hässlich zu nennen. Diese Häuser, denen man nicht erlaubte zu altern, sondern immer wieder sauber angestrichen hatte, erzeugten in mir ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit. Sie brauchen keinen Fotografen, dachte ich, denn ein Foto will die Spuren des Alterns, die verlorene Zeit, festhalten. Ich rauchte, trank Kaffee, rauchte wieder und hing meinen Zweifeln nach. Das Hotel drüben war modern, vier oder fünf Sterne, nicht schlecht also, aber der ausruckslose Bau erschien mir einem Gast wie Peter Ustinov völlig unangemessen. Ich fragte mich, worauf ich eigentlich noch wartete. Ganz offensichtlich war in der Absprache etwas schief gelaufen. Aber es war ein Sonntag. Ich konnte in der Agentur nicht rückfragen.

Zu dieser Zeit arbeitete ich bereits für deutsche und internationale Magazine. Als die Kollegin aus der Focus-Agentur in Hamburg angerufen hatte, war ich zuerst nicht bereit gewesen, den Auftrag anzunehmen, denn die Arbeit für Tageszeitungen ist für freie Fotografen finanziell nicht besonders attraktiv. Allein die Reisekosten drohten das Honorar aufzufressen. Andererseits: Wann würde ich wieder die großartige Gelegenheit haben, Peter Ustinov zu fotografieren? Jeder hat ein paar Schauspieler, die er besonders mag. Bei mir sind das Laurence Olivier, Alec Guinness und ja – eben Peter Ustinov. Ich liebe ihn in Topkapi und als Kommissar Poirot in den Agatha-Christie-Verfilmungen. Weil ich ein wirklicher Verehrer seiner Kunst bin, nur deshalb habe ich schließlich zugesagt.

Nach zwei Stunden ging ich rüber in das Hotel und fragte den Mann am Empfang, ob er etwas von Ustinov gehört hätte. Etwas genervt schaute er nach. Da hätte es eine Buchung gegeben, sagte er, aber Ustinov sei nicht angereist. Mein Misstrauen blieb. Warum sollte sich dieser glatte, uniformierte Rezeptionist überhaupt mit meiner Fragerei befassen? In seinen Augen war ich nur ein Fotograf.

Ich fuhr zum Flughafen. Zuerst fragte ich nach dem Flieger aus München, dann aus London. Die Stewardessen schauten mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Peter Ustinov war in keiner Maschine gewesen. Ich fiel in ein Loch aus Selbstzweifeln. Es war nicht einmal die Angst zu versagen. Ich hatte bereits versagt. Ich hatte ihn nicht gefunden. Der Tag war gelaufen.

Aber ich tat, was jeder Fotograf, der seine Arbeit ernst nimmt, auch unter den widrigsten Umständen tut: Ich blieb und wartete. Ich hatte eine letzte, kleine Chance. Den Spielort wusste ich und ich hatte auch in Erfahrung gebracht, dass die Show nicht abgesagt war. Die Stadthalle in Hannover ist ein rotundenartiger Bau aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Autos ziehen im Kreis ringsherum. Ungefähr eine Stunde vor Beginn der Show stellte ich mich an den Bühneneingang. Mit mir wartete eine Traube von Autogrammjägern. Die sahen nicht aus, als seien sie alle Ustinov-Fans. Die meisten machten wahrscheinlich Geschäfte mit Autogrammkarten. Ich fürchtete, dass die Autogrammhändler mir auch noch die letzte Gelegenheit vermasselten. Eine halbe Stunde später fuhr ein Auto vor. Vom Beifahrersitz sprang ein junger Mann im grauen Abendanzug und öffnete Ustinov die Tür des Fonds. Ein weiterer, älterer Herr stieg auf der anderen Seite aus. Alle drei kamen schnell auf uns zu, Ustinov in schwarzem Anzug und Fliege. Ich stand direkt an der Eingangstür. Als er nahe genug war, schrie ich: „Sir! Ich habe den ganzen Tag auf Sie gewartet! Wo waren Sie?“ Ich hatte zunächst auf Englisch geschrien, dann, als mir eingefallen war, dass er perfekt deutsch spricht, weiter auf Deutsch. Dieses Gebrüll war wirklich unhöflich, aber Ustinov muss die Verzweiflung darin wahrgenommen haben. Er reagierte keineswegs empört, sondern gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. „Ich war den ganzen Tag im Hotel“, sagte er mit einem gelassenen Lächeln. „Aber wo?“, fragte ich, immer noch völlig aufgebracht. Er nannte den Namen. Es war natürlich ein anderes.

Ustinov betrat nur kurz die Garderobe, dann ging er zur Bühne. Er setzte sich auf eine Art Barhocker und begann vor sich hin zu brabbeln. Ich bin nicht sicher, ob das überhaupt Worte waren, die er von sich gab, oder nur Laute, um seine Lippen aufzuwärmen. Wenn ich fotografiere, höre ich nicht wirklich zu. Die Beleuchter richteten das Licht ein. Und plötzlich erschien eine junge Frau in einem netten, kleinen Rock. Sie war eine der Garderobenfrauen. Sie hatte ein Plakat zum Signieren mitgebracht. Ein echter Fan. Ich kniete mich vor die beiden. Ihr Gesicht brauchte ich nicht, aber ihre Beine im Minirock neben dem alten Ustinov, wie er seine Unterschrift auf das Plakat setzt, gefielen mir.

In der Pause konnte ich Ustinov kurz in seiner Garderobe besuchen. Er saß an einem Tischchen, auf dem Mineralwasserflaschen und ein altes Tastentelefon standen. Das Interieur passte hervorragend zu meinen traditionellen schwarz-weiß-Fotos. Ustinov sah meine Leica und erzählte von einem berühmten japanischen Fotografen, der auch mit Leica fotografiert und zu ihm gesagt hatte: „I dont like these japanese shit, prefere german cameras!“ Ustinov imitierte seinen Akzent. Wir lachten. Dann begleitete mich der Assistent wieder nach draußen. Ustinov brauche noch etwas Ruhe. Ich hatte nicht mehr als zehn Minuten mit ihm verbracht.

In der Woche darauf rief mich der Bild-Chef des Wochenendmagazins des Independent, Colin Jacobson, an und bedankte sich für die tollen Fotos. Sie hätten beschlossen, eine längere Magazin-Geschichte daraus zu machen. Ich bekam sogar noch ein ganz gutes Honorar. Ich bedankte mich, dass er meinen „Old School“ – Fotos in seinem berühmten Magazin einen Platz einräumte.

Old School sage ich, weil diese Art der Reportage-Fotografie damals in deutschen Magazinen schon nicht mehr gefragt war. Wenige Stunden, bevor ich Ustinov in Hannover fotografiert habe, hatte ein Kollege von mir, mit dem ich heute persönlich befreundet bin, ihn in München getroffen. Sein Foto erschien in Farbe auf der Doppelseite eines bekannten Magazins. Peter Ustinov sitzt in einem Studio und hält sich einen Lorbeerkranz über den Kopf. Ein typisches Beispiel für die neue inszenierte Fotografie. Ich mochte dieses Foto nicht, weil es am Schreibtisch entworfen wurde. Ich glaube nicht, dass es in der Fotografie einen solchen Weg vom Gedanken ins Bild gibt. Die Wirklichkeit hat weit mehr zu bieten, als ich mir am Schreibtisch ausdenken kann. Als Fotograf habe ich die Oberfläche, das, was der Typ aufgrund seiner Körperlichkeit, seines Gesichts, seiner ganzen Person kommuniziert. Ich brauche den übergeordneten Gedanken eines Redakteurs oder Autors nicht. Was mir da vorgeführt werden soll, überlagert das Vorhandene nur, macht es unzugänglich und führt dazu, dass wir das genaue Hinsehen verlernen. Denn der Lorbeerkranz über Ustinovs Haupt ist doch schon vorhanden. Man muss da nicht so plump nachhelfen.

Ich erzähle die Geschichte oft meinen Studenten an der OSTKREUZ-Fotoschule. Einmal sagte ein Student, Erfolg sei planbar. Ja, vielleicht, wenn man ohne Wagnis, ohne Risiko, allein einem gedanklichen Konzept folgt. Aber ein gutes Zeitschriftenfoto zu finden ist eine Form der Kunst, also höchst riskant. Der Fotoreporter berichtet auf persönliche Weise, was er erlebt, ebenso wie Kisch, Döblin oder Polgar es mit Worten getan haben. Es war damals mein Glück, dass die Briten ein bisschen konservativer sind.

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *