Geister und Insekten

Inge Flieger

Installation von Astrid Weichelt, Abformungen aus Büttenpapier, 2016 / Foto: © Inge Flieger

B E D R O H T E  A R T

Eine Ausstellung von Michaela Hartmann und Astrid Weichelt
Laudatio am 17. Juni 2016 im Friedhofsmuseum Berlin

Der Titel „Bedrohte Art“ drängt Gedanken an verschwundene Tier- und Pflanzenarten auf, an Vergiftetes und Ausgerottetes, an respektlos misshandelte Natur. Möglicherweise auch daran, dass wir Menschen als biologische Art bedroht sind.

Falls Sie bereits durch die Ausstellung der Malerin Michaela Hartmann und der Objekt-Künstlerin Astrid Weichelt gegangen sind, werden sie keine Anklage unseres zerstörerischen Lebensstils gefunden haben, überhaupt nichts, was auf Bedrohung hinweist. Oder vielleicht doch.

http://www.astrid-weichelt.de

http://home.arcor.de/k.schiffler/index2.htm

Die Wolken- und Landschaftsbilder von Michaela Hartmann sind wie weit geöffnete Fenster. Es ist wie ein Aufatmen, in diesen großen Himmel zu schauen. Oder aus der schützenden grünen Baumkrone zu blicken, ins Gegenlicht. Da droht keine Zerstörung, nicht einmal in den Gedanken der Künstlerin. Wenn sie malt, mit Ölfarben, lässt sie sich aus der Großstadt tragen. Sie nimmt sich Zeit für ihre Bilder. Sie sagt, sie arbeite langsam und sie brauche einen geschützten Raum dafür. Sie mag es überhaupt nicht, beim Malen, im Prozess, gestört zu werden, nicht nur, weil die angerührten Farben dann eintrocknen, sondern auch, weil der Energiefluss unterbrochen wird, den sie braucht, um den Entwurf im Kopf mit der Leinwand in Einklang zu bringen. Mitunter trägt sie mehrere Schichten Farbe auf, zerstört das Alte zugunsten des Neuen, bis sie mit dem Bild zufrieden ist. Malen ist für Michaela Hartmann eine so eigene, so nahe Handlung, dass sie es nicht mit den Schülern in den Kunstkursen in der Freien Schule in Pankow teilen kann.

In ihren Bildern gibt es weder Menschen noch Tiere, also nichts, was Lärm macht. Die Bewegungen dieser ruhigen Landschaften gehen immer vom Betrachter weg zum Horizont, in die Ferne, in die Weite, oder wie in dem großen Schilf-Bild oben im ersten Stock, durch das Schilf hindurch an einen geheimen Ort. Dieses sehnsuchtsvolle Sich-weg-wünschen macht den Reiz ihrer Bilder aus. Darin finden wir uns wieder, besonders wir Großstädter, als bedrohte Art, die hin und wieder dringend der Ruhe und Einsamkeit bedarf.

Michaela Hartmann ist 1960 in Berlin geboren, in Westberlin, in Steglitz. Sie hat ihre Kindheit also in der eingemauerten Stadt verbracht, aber sie sagt, dass sie immer ein Großstadtkind war und sich niemals eingesperrt gefühlt hat.

Nach dem Abitur rieten ihr die Eltern zu einer „richtigen“ Ausbildung. So studierte sie zunächst Kunstgeschichte, Ethnologie und Sinologie an der FU Berlin, bis sie sich eines Tages, in einem Moment, in dem sie sich von Lernstoff und Job völlig überlastet fühlte, weil da doch immer die Sehnsucht nach der freien Zeit, dem freien Kopf für das Malen war. „Ich wollte das immer machen“, erzählt sie. In diesem Moment hielt sie inne und fragte sich: Was tue ich hier eigentlich? Fortan widmete sie sich nur noch ihren Bewerbungsmappen. 1989, da war sie 29 Jahre alt, begann sie an der Kunstakademie Düsseldorf Malerei zu studieren und wurde 1993 die Meisterschülerin von Professor Michael Buthe. Als die Mauer in Berlin fiel, war sie gerade nicht hier. Aber sie kehrte zurück und entdeckte die Landschaft Brandenburgs. Damals empfand sie diese Landschaft als rau, aber sie liebte die Weite des Landes. So fand sie zu ihrem Thema.

Die Objekte, die sie mitgebracht hat, bilden dazu einen spielerischen Kontrast. Aus alten Brillengläsern und diversem Technikmüll schafft sie eine enorme Biodiversität aus Fliegen, Schmetterlingen, Käfern und anderen Insekten, die sie in wollige Gespinste aus dünnen Drähten setzt. Jede Art ist ihr wichtig. Jede Art ist besonders. In all diesen Flügelwesen steckt eine enorme Intelligenz, wenn man zur Arbeit der Künstlerin noch die Intelligenz addiert, die in ihren Bestandteilen steckt: Computerchips, Kabel, Glühlampen, SIM-Karten und vieles mehr.

Ebenso wie von ihren Gemälden geht auch von diesen verspielten Wesen Leichtigkeit aus.

An dieser Stelle, mit diesem Wort –Leichtigkeit- könnte ich mich zum Zusammenhang mit dem Titel der Ausstellung äußern. Aber ich überlasse es Ihnen, ihrer freien Assoziation.

Michaela Hartmann beteiligte sich an zahlreichen Gruppenausstellungen in Berlin und Düsseldorf und hatte auch Einzelausstellungen. Im letzten Jahr zeigte sie ihre Arbeiten mit anderen Künstlern in der Ausstellung „Der Garten – grüne Hölle oder Paradies?!“ in Lassan in Mecklenburg-Vorpommern.

Astrid Weichelt hat die Papier-Installationen geschaffen, die sie hier überall sehen. Vielleicht kommen Ihnen die Putten, die trauernden Gesichter, die Blüten und Ornamente bekannt vor. Zum großen Teil befinden sie sich hier auf dem Friedhof. Aber sie sind überall: in alten Häusern, an Denkmälern, Pforten und Zäunen. Wir sind von solchen Zeichen umgeben. Sie gehören zu unseren Alltagstraditionen. Astrid Weichelt formt sie mit Büttenpapier ab. Mehrere nasse Schichten Papier legt sie um die Formen und lässt sie auf den Objekten trocknen. Ihre Abformungen passen immer zum Ausstellungsort, führen den Blick des Betrachters zu diesem Ort hin, auf eine sehr besondere Weise. Wenn ich über den Friedhof gehe, lese ich die Namen auf den Grabsteinen. Ich schaue, wie alt die Leute geworden sind. Frische Blumen fallen mir auf. Ich interessiere mich auch für den Zustand der Gräber. Aber erst Astrid Weichelt hat mich auf den Schmetterling im Grabstein aufmerksam gemacht und auf die Mohnkapsel. Beides sind Symbole des Todes. Der Schmetterling galt in der Romantik als Zeichen der Auferstehungshoffnung, wegen seiner Transformationsstadien Larve-Puppe-Schmetterling. Er symbolisierte gleichsam die von der Materie befreite Seele. Mohnkapseln auf Gräbern kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mode. Der Mohn als Schlaf- und Betäubungsmittel symbolisierte den Todesschlaf, aber in einer noch älteren Überlieferung ist er auch auch ein Zeichen für ein freudvolles Weiterleben nach dem Tod. (Quelle: http://dark-romance-photographie-und-poesie.de/grabsteinsymbolik/)

Die Künstlerin formt die Engelsfiguren von der großen Familiengruft, die der berühmte preußische Architekt Schinkel für eine befreundete Familie entworfen hat, ab. Aber dies ist keine Lehrstunde über vergangene Begräbniskulte. Astrid Weichelt schätzt diese Details als Künstlerin und spielt mit ihnen.

Indem sie die Objekte mit dem weißen Büttenpapier abformt, setzt sie diese in einen neuen Kontext. Sie ermöglicht, dass wir sie anders betrachten können. Plötzlich wird Starres, Stabiles weich und fragil. Aus Schwarz wird Weiß. Beständiges wird zu Vergänglichem. Die Putten stürzen von der Himmelsleiter. Sie werden zu einer „bedrohten Art“. Und das sind sie ja auch. Die alten Götter sind bedeutungslos geworden. Und mit ihnen verliert auch die Begräbniskultur, wie die Friedhöfe sie repräsentieren, an Bedeutung und Kraft. Die Götter und Traditionen liegen längst in Trümmern, zerfetzt wie die Häute der Wesen, Devotionalien und Symbole, die Astrid Weichelt in dieser weichen, weißen Haut abformt und auf diese Weise BEWAHRT. Das natürliche Weiß des Bütten hat etwas Kindliches, Unschuldiges. Das weiche Papier bricht das Pathos. Wir erleben die Figuren im Moment ihres Wandels und ihrer Vergänglichkeit. Das macht es leichter, uns mit ihrer Geschichte zu versöhnen. Astrid Weichelt sagte mir, dass sie gern mit sogenannten armen Materialien arbeitet, die auch vorgefundene sein können wie die Dachgitter zum Beispiel, die sie zu Himmelsleitern umgedeutet hat (im oberen Stock zu sehen) und das Plastikgewebe, in dem sich die Engel verheddern.

Papier ist der Stoff, der unser kulturelles Gedächtnis symbolisiert kann, denn die Geschichte steht auf Papier geschrieben, immer noch, obwohl die Bücher nach und nach digitalisiert werden. Astrid Weichelt schreibt die Geschichte nicht auf das Papier, sie formt sie darin ab.

Die Technik des Abformens kommt übrigens aus der Archäologie. Archäologen sprechen vom Abklatschen. So fertigten sie Reproduktionen, als es noch keine Fotografie gab.

Astrid Weichelt hat diese Technik im Jahr 1999 für sich entdeckt. Damals bewarb sie sich für eine künstlerische Arbeit auf der BUGA in Magdeburg. Sie suchte nach einer Idee.

Als sie eines Tages nachdenkend im Tiergarten spazieren ging, entdeckte sie im Gestrüpp zwei Skulpturen. Es waren Figuren aus Sandstein, die die Flüsse Elbe und Oder darstellten. Sie gehörten zu einer Gruppe von insgesamt vier Fluss-Figuren, nämlich auch noch Rhein und Weichsel. Mit der Abformung eben dieser Oder- und Elbefiguren gewann sie den Wettbewerb.

Zuvor hatte Weichelt, geboren 1958 in Freiberg in Sachsen, entsprechend ihrer Ausbildung hauptsächlich in Metall gearbeitet. Sie legte 1984 an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle, im Fachbereich Metallplastik ihr Diplom ab und ist seitdem als freie Künstlerin in Berlin tätig. Sie beteiligte sich an vielen Ausstellungen, hauptsächlich in Berlin, aber auch in Leipzig, Bremen, Kiel und vielen anderen Orten und bestritt auch viele Einzelausstellungen, zuletzt im Mai diesen Jahres in der Ausstellung „Maß und Mitte“ in der Schinkelkirche in Petzow.

Ihr Interesse an der Geschichte der preußischen Architektur und –Geschichte mag mit ausschlaggebend für ihre Sujets sein. Sie kann stundenlang von der Begabung, dem ästhetischen Anspruch und dem großen Wissen Karl Friedrich Schinkels schwärmen und kennt alle preußischen Prinzen und Prinzessinnen in der richtigen Reihenfolge. Der preußische Klassizismus ist der Pool, in dem sie badet. Sie ist aber keine Chronistin, sondern eignet sich die historischen Figuren und Symbole als Künstlerin in einem neuen Bedeutungsrahmen an.

Jede Ausstellung ist immer auch ein Gesamtkunstwerk, an dem der Ort beteiligt ist.

Deshalb ist nicht nur den beiden Künstlerinnen, sondern ebenso den engagierten Menschen der ag friedhofsmuseum e.V. zu danken, die diesen Ort schützen und für die moderne Kunst aufbereitet haben, eine gute Öffentlichkeitsarbeit dafür machen – und das alles ehrenamtlich!

http://friedhofsmuseum.de

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *