Kunst ist eine Haltung

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Lukas Troberg „Drips“ 2013. Aluminium pulverbeschichtet. Gesehen am gegenwärtigen Standort der Galerie Lage Egal, auf einer „schwierigen“ Wand. (http://www.lage-egal.de) 

Wenn ich Künstler*innen im Atelier besuche, sehe ich manchmal Arbeiten, die sich mir nicht auf den ersten Blick erschließen. Erst wenn ich mit den Autor*innen ins Gespräch darüber komme, finde ich einen Zugang. Manchmal fasziniert mich die Haltung einer Künstlerin, die sich auf die Art und Weise, wie sie arbeitet auswirkt, stärker als ihr Werk. Letztendlich kann ich das aber nicht mehr voneinander trennen. Ich beginne, auch das Werk zu lieben, wenn ich im Gespräch Sensitivität und Ernsthaftigkeit spüre, und diese Unrast, die für die künstlerische Suche so typisch ist, ebenso wie eine gewisse Unsicherheit, ein Vibrieren zwischen dem Drang zu arbeiten und dem In-Frage-stellen der eigenen Arbeit. Diese starke innere Bewegtheit müssen Künstler*innen aushalten. Und dann kommt es vor, dass ihr fertiges Werk den Eindruck macht, als sei es ganz selbstverständlich und leicht in die Welt gekommen, als hätte jeder das machen können. Dabei ist es gerade diese Leichtigkeit, die so schwer zu erreichen ist.

Wie kann ich die Haltung der Künstler*innen, die mir so wesentlich für ihre Kunst erscheint, charakterisieren? Ich behaupte, dass alles, was mit dieser Haltung getan wird, Kunst ist. Ein Gemüsehändler ist in der Regel kein Künstler, jedenfalls ist Gemüseverkaufen keine Kunst, aber es ist vorstellbar, aus dem Verkauf von Gemüse eine Kunst zu machen, eine Performance oder Intervention beispielsweise. Obwohl ich einen Gemüsehändler kannte, den ich allen Ernstes als Künstler empfand. Das ist lange her, es war noch in der DDR. Ich war jugendlich und respektlos. Wie alle Gemüsehändler in der DDR hatte auch er nicht gerade ein üppiges Angebot, aber er machte nicht im Geringsten den Eindruck von Mangel.  Ich kannte nicht viele Menschen, die ihrer Arbeit mit dieser Würde und Vornehmheit nachgingen. Er musste ein Künstler sein, da war ich sicher.

Ich kenne eine große Künstlerin, die ein paar Wochen in einem Lebensmittelladen gearbeitet hat, um ein bisschen Geld zu verdienen. Sie ging mit Begeisterung an diese Arbeit. Aber bald musste sie aufgeben. Sie war gescheitert, weil sie an die Arbeit im Lebensmittelgeschäft mit der gleichen Haltung gegangen war wie an ihre künstlerische Arbeit, mit derselben Kreativität und permanenten Präsenz. Sie betrieb den Job als Performance. Sie ist eine Vollzeit-Künstlerin. Sie bringt es nicht fertig, keine Künstlerin zu sein. Ihre Wohnung ist zugleich Atelier, Galerie und Bühne und meist öffentlich zugänglich. Eine anstrengende Existenzform. Täglich routiniert Lebensmittel zu verkaufen verträgt sich damit nicht. Routine ist ein Feind der Kunst, auch wenn manchmal gesagt wird, eine Schauspieler*in oder Musiker*in hätte Routine und sei deshalb so gut. Aber das ist nicht in dem Sinne Kunst wie das Phänomen, um das es in diesem Text geht.

Es gibt große Künstler*innen, die erfolgreich im Lebensmittelladen arbeiten können, weil sie den Spagat schaffen, Kunst zu machen UND routiniert zu arbeiten. Das Beispiel der Künstlerin oben soll lediglich veranschaulichen, wo ich die Schwierigkeit zwischen alltäglicher Routinearbeit und der Existenz als Künstler*in sehe.

Ich erinnere mich an eine Finissage. Der Künstler, dessen Ausstellung zu Ende ging, war anwesend. Er stand neben der Tür. Er hatte seine Hände im Rücken verschränkt, wie Aufseher in einem Museum es oft tun oder Diener, die sich diskret im Hintergrund halten, um im richtigen Moment zur Stelle zu sein. Ich entdeckte ihn erst, als ich mich nach einem ersten Blick in den Raum zu ihm umschaute. Als wir uns begrüßt hatten, trat er auf mich zu und sagte einige Sätze zum Konzept der Ausstellung und zu seinen Arbeiten. Es kamen andere Gäste und er widmete sich ihnen. Ich hätte in diesem Moment das Gefühl haben können, stehengelassen zu werden. Hatte ich aber nicht. Seine freundlichen, unaufdringlichen Anmerkungen hatten genau das richtige Maß gehabt.

Ich vermute, dass Kunst viel mit dem richtigen Maß zu tun hat. Eine Künstlerin kann laut oder leise, auffällig, provokant oder zurückhaltend sein, sie kann nerven, widerlich sein oder verzaubern. Sie darf alles, wenn dies das Maß für das ist, was sie abbilden, darstellen oder ausdrücken möchte. Das Maß zu finden und zu halten, ist vielleicht weniger eine Frage der Sensibilität als vielmehr der Konzentration. Der Künstler auf der Finissage war vollkommen in der Gegenwart. Er war auf den Gesprächs-Moment konzentriert. Als hinge alles davon ab.

Kürzlich ging ich zu einem Konzert mit Lesung in einem italienischen Eiscafé in Berlin-Mitte. Einer der Musiker hatte mich eingeladen, ein Freund. Ich kam zu früh, durfte aber bleiben und den Vorbereitungen zuschauen. Die Besitzer des Eisladens hatten für den Abend einen Mann engagiert, der sich um die Veranstaltung kümmern sollte. Ich sah diesem jungen Mann dabei zu, wie er hin und her und auf und ab lief, um Stühle für das Publikum aufzustellen und ein kaputtes Kabel auszuwechseln. Später suchte er den richtigen Winkel für die Leselampe, so dass niemand im Publikum geblendet wäre, die Schauspielerin aber genügend Licht zum Lesen hätte. Er lief nach Wasser und Wein für die Künstler*innen. Er diente dem Ensemble. Mit Hingabe. Mir war völlig klar, dass er selbst auch ein Künstler sein musste, nicht, weil er einen verwegenen Hut auf den Locken trug. Es war die Haltung, mit der er der Kunst an diesem Abend diente. Als sei das Eiscafé für wenige Stunden ein heiliger Ort.

Später fragte ich ihn und erfuhr, dass er Musiker sei, Jazzmusiker und in Wien mit der Sängerin Linda Sharrock auftrete.

Der Eisverkauf im Café ging trotz des Abendprogramms wie gewohnt weiter. Der Lärm war vor allem deshalb störend, weil wir nicht daran gewöhnt sind, Gedichten und Musik zu lauschen, während Kühlfächer rumpeln, Maschinen zischen und Leute schwatzen. Aber die Künstler*innen -und da schließe ich den jungen Jazzmusiker mit ein, obwohl er an diesem Abend nicht spielte- hielten den Tempel der Kunst wie ein Zelt inmitten des Lärms aufgespannt. An diesem Abend beschloss ich, diesen Essay zu schreiben, der Frage nachzugehen, wie dieser Tempel entstehen und gehalten werden kann, selbst in einem Eiscafé. Gewissenhaftigkeit ist Teil der Haltung -im Sinne von Halten- des Tempels. Das Wort hat eine religiöse Dimension, aber das trifft es: Für Künstler*innen ist jedes Detail ihrer Arbeit heilig, jede noch so kleine Verrichtung, jedes Wort, jede Linie, jeder Schritt, und alle Beteiligten. Sie überlassen nichts dem Zufall, aber sie laden den Zufall ein, ihr Gast zu sein. Sie schätzen ihn als Katalysator und Reibungsfläche, als Überraschungsbringer. Sie spielen mit ihm, integrieren ihn, beherrschen ihn. Es gibt ungünstige Zufälle. Aber vielleicht sind es gerade diese, an denen die Kraft der Kunst sich offenbart.

In der Galerie Lage Egal gibt es eine „schwierige“ Wand. Es ist eine Ziegelwand, aber keine alte. Sie wurde neu gesetzt, weil Ziegelwände gerade in Mode sind. Lage Egal hat keinen festen Ausstellungsort. Der Name der Galerie ist Programm. Die Räume werden stets nur auf Zeit bespielt. Der Galerist Pierre Granoux ist selbst auch ein erfolgreicher Bildender Künstler.  Das Programm der Galerie ist auf unspektakuläre Weise edel. Pierre Granoux überlässt nichts dem Zufall. Jedes Detail in den Räumen ist wichtig. Umso mehr ringen er und seine Partnerin mit der „schwierigen“ Wand. Sie ist nun einmal da. Sie dürfen sie nicht überstreichen und keine zweite Wand davor stellen. Mir wäre sie überhaupt nicht aufgefallen, wenn Dominique Granoux, die Partnerin von Pierre Granoux mir nicht erzählt hätte, dass es in jeder ihrer Ausstellungen eine Arbeit gibt, die sich auf erstaunliche Weise mit der Wand verträgt. Jedes Mal sind sie aufs Neue überrascht.

Fortsetzung folgt.

 

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