Ich lebe auf einer Insel

Der Schriftsteller Artur Becker, geboren in Polen, lebt seit 25 Jahren in Deutschland, ist immer noch hin – und hergerissen und hat den Plural für Zuhause erfunden: Zuhäuser

Es ist ein Montagmorgen. Der Schriftsteller Artur Becker steht in seiner Küche vor der Espresso-Maschine und schaut zu, wie der Kaffee in die Tasse tröpfelt. Seine Frau ist zur Arbeit gegangen. Der sechzehnjährige Sohn hat sich auf sein Zimmer zurückgezogen. »Sieht nicht so aus, als würde ›Der Lippenstift‹ ein Bestseller werden«, sagt Becker. »Der Lippenstift meiner Mutter«, sein neuester Roman, ist in diesem Herbst erschienen. Artur Becker erzählt darin von seiner Kindheit in dem ostpolnischen Städtchen Bartoszyce, das im Buch den Namen Dolina Roz trägt.

Vorhin hat er im Internet einen schmalen Verriss seines Romans in einer großen Tageszeitung gelesen. Der Kritiker schreibt, Beckers Romane seien Kitsch. »Wissen Sie, ich habe seit Jahren das Gefühl, ich lebe auf einer Insel«, sagt er. Der Schriftsteller Artur Becker wurde 1968 in Polen geboren. Seit fünfundzwanzig Jahren lebt er in Deutschland, in Verden an der Aller, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bremen.

»Der Eskapismus«, sagt er. »Es ist richtig. Ich fliehe in meinen Büchern vor der Wirklichkeit. Das hat mit dem Verlust der sogenannten Heimat, der Kindheit und Jugend zu tun. So kommen meine Bücher zustande, und doch glaube ich wie Isaac B. Singer, Welten retten zu müssen, die es nicht mehr gibt.«

Im letzten Jahr erhielt Becker den Adelbert-von-Chamisso-Preis, mit dem Autoren geehrt werden, die auf Deutsch schreiben, obwohl das nicht ihre Muttersprache ist. Deutsch zu schreiben war eine schwierige, eine existentielle Entscheidung für Artur Becker. Er traf sie nur vier Jahre nach seiner Einreise. Er hatte bereits in Polen Gedichte und Essays veröffentlicht. Aber als er 1985 sechzehnjährig nach Deutschland ging, war er noch zu jung und unbekannt, um daran anknüpfen zu können.

Erzählen musste er. So blieb ihm nur, sich in der deutschen Literaturszene zu etablieren. »Ich wollte ein polnischer Dichter werden«, sagt er. »Ich wollte nicht nach Deutschland. Ich habe mich dagegen gewehrt. Ich war wütend auf die Verhältnisse in Bartoszyce, auf den hässlichen Sowjetismus und den  primitiven Katholizismus in der Provinz. Ich fühlte mich als Rebell, als Rockstar und war gleichzeitig sehr glücklich. Mein Mädchen lebte in Poznan.« Das Mädchen aus Poznan, Magdalena, folgte Becker einige Jahre später nach Verden an der Aller und ist heute seine Frau. Sie arbeitet als Pädagogin für behinderte Kinder. Immer wieder wird Becker gefragt, warum er nicht in ein literarisches Zentrum Deutschlands geht, nach Berlin oder nach Frankfurt. Doch er will hier nicht weg. »Ich bin so viel unterwegs«, sagt er. Da ist es praktisch, dass er in Verden gleich am Bahnhof wohnt. Seine Eltern leben auch hier. Seine Mutter gab an der Volkshochschule Polnischunterricht. Sein Vater arbeitete in der Firma seiner deutschen Verwandten. Hier und im nahen Bremen, wo Becker Slawistik und Germanistik studierte, wuchs er in die literarische Szene, hielt er seine ersten Lesungen. Der Bremer STINT-Verlag gab Gedichtbände und seinen ersten Roman »Dadajsee« heraus, der prompt den Preis des Deutschen Schriftstellerverbandes gewann. Mit seinem ersten Lektor Bernd Gosau aus dem STINT-Verlag verbindet ihn bis heute eine enge Freundschaft. Die Band »Les Rabiates« hat seine Lyrik vertont.

Becker spricht längst nicht mehr über den Schmerz, den ihm die deutsche Sprache anfangs bereitet hat. 1998 schrieb er im Gedicht »Jesus und Marx von der ESSO-Tankstelle«: »Weil ich in dieser gottverfluchten Sprache schreiben muß / In dieser scheiß Sprache gottverdammten Sprache … In dieser Frikadellen Pommes Bratwurstbudensprache / In dieser Wörter Wörterbuchsprache / Dich ich so hasse hasse hasse …«

Artur Becker ist inzwischen angekommen im Literaturbetrieb der Deutschen und kann als »Pole vom Dienst« über Nacht Essays liefern. Wenn der seltene Fall eintritt, dass die Tagesschau über das Nachbarland Polen berichtet, sind die Kommentare von Artur Becker in den Medien gefragt. Er äußert sich zu Polen und Erika Steinbach, zu Polen und der deutschen Regierung, zu Polen vor den Wahlen und zum Flugzeugabsturz von Smolensk. Kürzlich diskutierte er im ZDF-Nachtstudio mit anderen Gästen über die kulturelle Entwicklung Osteuropas.

»Es ist bestimmt so, dass ich eine Rolle angenommen habe und spiele«, sagt er heute. »Manchmal ist es, als ob ich ein T-Shirt mit dem polnischen Adler trage und damit durch die Gegend laufe, ein anderes Mal halte ich mich für einen guten Repräsentanten der Bundesrepublik, der für diese moderne, kunterbunte Gesellschaft steht.«  Mit Handkuss und Anreden wie »Verehrteste« spielt er den großbürgerlich-liberalen Polen. Von wegen T-Shirt: Becker ist einer der letzten Intellektuellen, der in der deutschen Öffentlichkeit mit Krawatte zu besichtigen ist. An der rechten Hand trägt er einen silbernen Siegelring mit dem polnischen Adler. Seine Frau hat ihn als kleinen Provinzler beschimpft deswegen, der sich mit diesem Kitsch groß tun müsse. »In der Ukraine kam ein junger Mann nach einer Lesung und warnte mich, ich könne auf dem Heimweg verprügelt werden. Und einmal hat mich eine Frau in einem Café gefragt, ob ich adliger Abstammung bin.« Er streckt seine Hand aus, blickt auf den Ring. »Übrigens würde ich Ihnen empfehlen, Silber immer in Polen zu kaufen. Es ist dort billiger als in Deutschland und, wie ich finde, besser verarbeitet.«

Der deutsche Dichter mit dem polnischen Adler auf der Hand – wo ist er zu Hause? Was ist seine Identität? Er fühle sich ganz klar als Pole, sagt er. Durch und durch. Mit seiner Frau und Sohn Philip spricht Becker polnisch. Deutsch, findet er, taugt weder für das Schlafzimmer noch für die Küche. Es ist seine Dienstsprache. Von seinem Schreibtisch in der Diaspora aus treibt Becker Wurzeln in die polnische Literaturgeschichte, zu Czeslaw Milosz, Bruno Schulz und Isaac B. Singer. Dort, in der Landschaft der Masuren und in den Armen von Magdalena ist er zu Hause. Der Schreibtisch steht nach wie vor im Exil. Becker besteht auf dem Wort Exil, da es die politischen Verhältnisse gewesen seien, die seinen Eltern das Leben in Polen unerträglich machten. Nach jeder Deutschlandreise sei der Vater vom Geheimdienst verhört worden. Auch die Mutter, die in Danzig studierte und Freunde unter den polnischen Dissidenten gehabt habe, hätte mehr und mehr unter Druck gestanden, so dass der Weg nach Deutschland, wo der Vater Verwandte hatte, schließlich unausweichlich geblieben sei.

Wie geht das: polnisch fühlen und deutsch schreiben? »Das geht eigentlich nicht«, sagt Becker, als würde es ihm heute Morgen in der Küche zum ersten Mal klar. »Das geht überhaupt nicht. Aber so ist unsere Zeit. Unsere Zuhäuser …« Er blickt kurz fragend auf. »Sagt man so?« Ist es im 10. Jahr des 21. Jahrhunderts nicht an der Zeit, dass ein Exilant den Plural des Wortes »Zuhause« erfindet? »Unsere Zuhäuser sind so fragil geworden. Selbst wenn jemand nach 1989 in Plauen geblieben ist oder in Cottbus, ist er mit einer neuen Identität und Wirklichkeit konfrontiert. Er hat eine doppelte Staatsbürgerschaft. Natürlich ist mein Zuhause in Deutschland. Aber ich habe auch ein Zuhause in Masuren.« Immer wieder taucht in Beckers Romanen der Pole aus Masuren auf, der nach Deutschland ging, nach Bremen.

Der Erzähler Artur Becker lässt die Gesellschaft an seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Identitätssuche teilhaben. Er bedient sich fiktiver Figuren, um seine existentiellen Fragen zu behandeln. Immer wieder stellt er die Frage: Was ist ein Pole? Was ist ein Pole heute in Deutschland, in Europa? Wer bin ich? Seinen letzten Studienaufenthalt in Venedig nutzte er, um zu lesen, was berühmte Italiener über die Polen gesagt haben und zitiert jetzt gern Casanova. »Er hat sehr richtig festgestellt, dass die Polen talentierte, gebildete Menschen sind, aber Schwierigkeiten haben, eine gemeinsame Linie zu finden, wenn es um wichtige Dinge geht.«

In seinem siebten Roman nun also, »Der Lippenstift meiner Mutter«, zeigt Becker die sonderbaren Bewohner des Städtchens Dolina Róż aus der Sicht des fünfzehnjährigen Bartek, der dort aufwächst. Damit nicht wieder alle wie bei den vorangegangenen Romanen fragen, wie autobiografisch das Ganze nun sei, erklärt Becker gleich zu Beginn des Buches, dass dies kein autobiografischer Roman sei, obwohl man lebende und verstorbene Personen aus der Umgebung des Dichters wiedererkennen mag. Trotzdem haben wieder alle gefragt. Denn Becker verheimlicht nicht, dass ihm seine Heimat, das ostpolnische Städtchen Bartoszyce, als literarische Vorlage diente.

Vor seiner Lesung im Deutschen Theater in Berlin sagt Becker: »Als ich anfing, über Masuren zu schreiben, entdeckte ich immer mehr, von Haus zu Haus, von Familie zu Familie, immer neue Geschichten und dachte: Das alles muss noch erzählt werden. Wer erzählt es sonst?« Die Handlung des Romans bleibt jedoch  auf den unspektakulären Provinzalltag beschränkt. Obwohl die Geschichte Polens in Dolina Róż immer präsent ist, bleiben die aufregenden Entwicklungen der Achtzigerjahre, in denen »Der Lippenstift meiner Mutter« spielt, leider bedeutungslos, selbst für die Jugendlichen.

»Sicher ist meine Sprache ganz anders als die von zeitgenössischen Muttersprachlern.« Becker hält inne. Angesichts seiner Literatur ist nicht ganz klar, in welche Richtung dieser Satz zielt. »Wobei immer wieder gesagt wird, was für ein geschliffenes Deutsch ich spreche …«Selbst nach dem Chamisso-Preis bleibt eine Spur Verunsicherung. „Sie meinen: Sehr eigensinnig, das Ganze. Absurd vielleicht im Sinne der polnischen Erzähltradition von Mickiewicz, Gombrowicz und so weiter?“

Kein geschliffenes Deutsch ist es, dass Becker spricht. Er redet schnell und gewandt, mit einem polnischen Akzent, der nach Genuss und Spiel klingt. Er liest mit rundem Rücken und rundem Bauch, die welligen Haare aus dem runden Gesicht gestrichen. Nur seine starken Brauen sind nicht rund. Sie zucken wie spitze Zirkumflexe in die Stirn, wenn er über sein Lieblingsthema, die polnische Geschichte, referiert. Es ist Deutsch in Öl.

»Ich bin auf jeden Fall mustergültig integriert.« Er sagt das ganz im Ernst, obwohl man es für Zynismus halten könnte, wenn ein Intellektueller, der täglich die deutsche und polnische Presse liest, ein Slawist und Deutschland-Kenner, ein Germanist und Polen-Kenner, also ein Glücksfall für dieses Land, eine Phrase auf sich bezieht, mit der andere sich anmaßen, Gemüsehändler und Taxifahrer zu bewerten.

Ein Stück vom Himmel

Hier kann für Virtuosen und Dirigenten der Weg nach oben beginnen: Die Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin gehört zu den renommiertesten Musikhochschulen. 2010 feiert sie ihr 60-jähriges Bestehen.


© Foto Ernst Fesseler

„Der Himmel hängt voller Geigen.“ So sagt man in Deutschland, wenn das Leben süß und leicht ist. Der Himmel über Berlin hängt nicht voller Geigen. Die Luft ist meist klar, doch es weht ein rauer Wind. Baulärm steht am Gendarmenmarkt in der Luft. Und doch: auch Musik. Inmitten des Luxusquartiers, das rings um den Gendarmenmarkt entstanden ist, liegt direkt hinter dem berühmten Konzerthaus die Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Die Signatur Eislers aus roten Leuchtröhren über dem Eingang, die Fahrradständer vor dem Haus, die jungen Frauen und Männer, die an den Plastiktischen im Foyer Automatenkaffee trinken, das Durcheinander der Instrumente und Stimmen – „Die Eisler“ setzt einen Kontrapunkt zu den weiß gedeckten Terrassen der Restaurants und Bars an der Charlottenstraße, zu den Edelläden und den vielen Touristen in diesem Viertel.

Jedes Jahr starten 150 Absolventen von hier aus ins Berufsmusikerleben – unter ihnen Stars wie die Cellistin Sol Gabetta. Die Hälfte der Studierenden kommt aus dem Ausland. So auch die Meisterschülerin Anna Alàs i Jové aus Spanien, eine Mezzosopranistin, und Adrian Pavlov aus Bulgarien, der Komposition und Dirigieren studiert. Beide sind auf dem Sprung in die Professionalität. In dieser entscheidenden Phase profitieren sie von den Verbindungen ihrer Lehrer zu den Konzertsälen, Opern und Theatern der Stadt. Zu ihnen gehören so bekannte Künstler wie Gidon Kremer und Thomas Quasthoff. Nikolaus Harnoncourt, Daniel Barenboim oder Zubin Metha haben Orchester – Workshops und Masterclasses geleitet.

Anna Alàs i Jové arbeitet an der Interpretation Alter Musik. Adrian Pavlov, Komponist und Dirigent, vernetzt sich gerade mit der Neue-Musik-Szene Berlins. Anna Alàs i Jové ging nach Berlin, um bei Wolfram Rieger und Anneliese Fried zu studieren. In diesem Jahr gewann sie den zweiten Preis beim Internationalen Gesangwettbewerbs für Barockoper „Pietro Antonio Cesti“. Jetzt hat sie einen Vertrag mit der Staatsoper in der Tasche. Im Herbst wird sie in einer Oper für Kinder singen. Adrian Pavlov wird im Oktober im Berliner Theater HAU 2 eine Kurzoper von Boris Blacher dirigieren. Es ist das elfte k.o.-Projekt (k.o. steht für Kurzoper), das ausschließlich von Studierenden der „Eisler“ und der Universität der Künste inszeniert wird. Professor Claus Unzen, der Leiter des Studienganges Regie an der „Eisler“, betreut die Projektreihe gemeinsam mit Berliner Theaterschaffenden. „Was nützt es, wenn die Studenten nur innerhalb der Hochschule inszenieren und diese Stücke vor den wohlwollenden Eltern aufführen?“, sagt er. „Sie sollten so früh wie möglich lernen, die Kritik des Publikums und der Profis auszuhalten.“

Große Musiker sind oft bescheiden, sogar demütig. Vielleicht liegt es daran, dass sie mit ihrer Kunst dem Himmel, den Göttern am nächsten kommen. Die beiden jungen Musiker sind erfüllt von Dankbarkeit ihren Lehrern gegenüber. Sie möchten das ausdrücken. Es soll in diesem Artikel stehen. Dabei gäbe es „Die Eisler“ beinahe nicht mehr. Als die Berliner sich zu Beginn der Neunzigerjahre daran machten, die geteilte Stadt wieder zu vereinen, stand sie auf der Streichliste. Es gab ja auch noch die Hochschule im Westen, die heutige Universität der Künste. Zu wenig deutete damals darauf hin, dass sich ausgerechnet die vernarbte Frontstadt des Kalten Krieges zum kreativen Zentrum Europas entwickeln würde. Aber die damalige Rektorin Annerose Schmidt verteidigte „Die Eisler“ erfolgreich. Vielleicht hatte sie die Götter auf ihrer Seite. Apropos: Wer war eigentlich dieser Eisler, der vor den Nazis flüchten musste und von den Kleingeistern der Stalin-Ära angefeindet wurde? Inzwischen ist es das Haus am Gendarmenmarkt, dessen Ruhm auf den fast vergessenen Komponisten neugierig macht. Anna Alàs i Jové wusste vor ihrer Ankunft nur, dass er ein Schüler Schönbergs war. Adrian Pavlov hat sich mit den Werken Eislers beschäftigt, schon lange, bevor er nach Berlin kam. Er schätzt es, dass die Hochschule anlässlich ihres 60jährigen Bestehens in diesem Herbst eine Auseinandersetzung mit dem Künstler führen wird. Seit 1993 schreibt sie jährlich den Eisler-Preis in den Kategorien Komposition und Interpretation unter Berliner Studierenden aus. Adrian Pavlov hat ihn 2010 bereits zum fünften Mal bekommen.

Der Lärm aus der Charlottenstraße dringt durch das geöffnete Fenster ins Büro des Rektors Jörg-Peter Weigle. Der Wind klappert mit den Lamellen des Vorhangs. Auf die Frage, was „Die Eisler“ von den 26 anderen deutschen Musikhochschulen unterscheidet, weist er in Richtung Fenster. „Drei Opernhäuser, fünf Orchester, die freie Szene, Berlin als Theaterhauptstadt, die Museumsinsel. Ausgezeichnete Lehrer, die fest im internationalen, künstlerischen Leben stehen, unsere Verbindungen zur Philharmonie und zum Konzerthaus…“ Die Aufzählung wird aus Platzgründen hier beendet. Erwähnt sei noch, dass Sir Simon Rattle schon mehrmals das Sinfonieorchester der Schule dirigiert hat. Rattles Sohn Alexander ist Klarinettist und macht gerade sein Diplom an der „Eisler“.

Neben dem Sinfonieorchester beherbergt die Schule übrigens ein Kammer – und ein Studienorchester, einen Chor und ein Sinfonisches Blasorchester, das Ensemble Eisler Brass für Blechblasinstrumente und Schlagzeug und das ECHO Ensemble für Neue Musik.

Professor Weigle ist selbst „Eisler“ – Absolvent. Er studierte in den Siebzigerjahren Chorleitung und Dirigieren. „Der Unterrichtsstil, wie wir ihn kennengelernt haben, dem Meister alles nachzumachen, der ist weitgehend verschwunden. Heute steht das Finden der eigenen Persönlichkeit, einer eigenen Interpretation im Zentrum der Ausbildung.“

Um den Weg aufs Dach und sein Stück vom Himmel zu finden, braucht es auch in Berlin immer mehr Kreativität. „Ich möchte mich weiter entwickeln, Spaß mit meiner Arbeit haben“, sagt Anna Alàs i Jové. „Aber weit planen können wir nicht.“

„Als Dirigent hatte ich in letzter Zeit hatte ich viele Einladungen von Neue-Musik- Ensembles“, erzählt Adrian Pavlov. „Es gibt immer Möglichkeiten. Ich arbeite auch als Pianist. Ich lebe für die Musik und kann mir gar nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu tun.“

Kathrins Notiz-Blog 14. November 10

© Illustration Liane Heinze

Am Donnerstag rief Leon an und sagte, dass er an diesem Wochenende nicht kommen werde. Er habe Jan sechs Fahrräder abgekauft und möchte sie gleich von Amsterdam aus über seinen Webshop weiter verkaufen. Dann brauche er die Räder nicht erst nach Berlin schicken.

„Dann stehen sie in der Wohnung nicht im Weg. Sie sind zu wertvoll, um sie in der Garage unterzubringen.“

„Kein Problem. Du weißt, ich bin gern allein.“

„Du kannst ungestört lernen“, sagt Leon.

„Ja.“

„Oder möchtest du herkommen?“

„Nach Amsterdam?“

„Das Hotel ist nett“, sagt Leon. „Sie machen ein gutes Frühstück. Man kann es sich auf das Zimmer kommen lassen.“

„Du warst schon dort?“

„Ja.“

Der stille Gang des Hotels. Ein blaugrauer Teppichboden, über den ein goldener Servierwagen rollt. Der Page klopft an unser Zimmer und serviert das Frühstück.

Leon sagt: „Es ist gerade wahnsinnig anstrengend. Ich habe Kopfschmerzen. Ich liege angezogen im Bett. Ich glaube, ich werde krank.“

„Hast du Fieber?“

„Ich habe nicht gemessen.“

Leon allein auf dem weißen Bett. Das Zimmer ist klein und einfach. Er liegt im Dunkeln. Nur sein Laptop surrt und beleuchtet kalt einen Winkel des Bettzeugs. Sein Mund ist schmerzverzerrt und schwarz wie das Mundloch eines Sterbenden.

„Soll ich kommen?“ frage ich.

„Ja, bitte. Komm“, sagt Leon.

„Könntest du…ich meine, teilen wir uns die Fahrtkosten? Es ist ziemlich teuer bis Amsterdam.“ Leon stöhnt. „Immer wieder das“, sagt er. „Das wird nie aufhören.“

Letzte Nacht fiel kein Lichtschein auf unseren Raumteiler. Die Wasserfarben blieben stumm. Ich lag lange wach. Dann träumte ich, dass Leons Hotelzimmer Räder hat und sich wie ein Eisenbahnwagen auf Schienen, immer weiter von mir entfernt. Neben ihm im Bett saß eine Frau, deren Gesicht ich nicht sehen konnte, aber ich hörte ihren Schrei. Sie schrie, dass Leon stirbt. Ich wollte los laufen, dem Wagen hinterher, aber ich klebte an dem Bahnsteig fest. Ich konnte mich nicht rühren.

Gegen Morgen, kurz bevor ich erwachte, war Leon in meinem Traum und hielt mich fest und tröstete mich. Es ist nichts geschehen, sagte er. Gar nichts ist geschehen. Er hielt meinen Kopf und strich mir über das Haar.

In dieser Umarmung blieb ich den ganzen Tag. Und ich bin darin noch immer. Gegen vier Uhr, als ich nach dem Brunch bei Jolandas Großeltern in der späten Wärme mein Fahrrad durch die Straßen schob, als die Fassaden vor den klaren Himmel traten wie Theaterkulissen und die Lichter der Stadt aufflammten, erinnerte ich mich plötzlich daran, einmal gewünscht zu haben, dass Leon eine andere Frau trifft und nicht zu mir zurück kommt. Ich musste weinen, aber ich war glücklich, weil nichts geschehen war.

Kathrins Notiz-Blog 7. November 10

© Illustration Liane Heinze

Am Mittwoch habe ich mir eine Wohnung in der Rheinsberger Straße angeschaut. Es ist mir ernst. Ich werde mich von Leon trennen.

Letztes Wochenende war Jan aus Amsterdam hier, neuerdings der wichtigste Mensch in Leons Leben. Er unterhält ein Lager mit Retrobikes, die er in den Vereinigten Staaten einkauft. Als Leon Jans Lager zum ersten Mal betreten hat, ist ihm ein Martinshorn aus der Stirn gewachsen. Seit Leon mit dem Blaulicht auf der Stirn umher läuft, schläft er noch weniger. Mir bleibt nichts anderes übrig, als unter die Decke zu kriechen und meinen Kopf zwischen die Knie zu schieben, um nichts zu hören und zu sehen. Bequem ist das nicht.

Jan ist groß und schlank und fröhlich, aber seine Augen sind klein und seine Lider geschwollen, so dass ich nicht in ihn hinein blicken konnte, als er mich begrüßte. Er war auf der Durchreise von Warschau nach Amsterdam. Männer wie Jan sind vermutlich immer auf der Durchreise. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er irgendwo langsam aufgewachsen ist und dabei Käfer beobachtet und in Bilderbüchern vor und zurück geblättert hat. Männer wie Jan sprechen ja auch nicht über ihre Kindheit. Und das hat einen Grund: Sie wurden nie geboren. Sie sind am Straßenrand aus einem stachligen Gewächs mit einem Knall aufgebrochen und los gelaufen. Auf der Durchreise hat Jan polnisch, englisch und deutsch gelernt.

Bei seiner Ankunft hatte Jan in Überschallgeschwindigkeit ein Tiefdruckgebiet durchbrochen und eine warme Luftwelle aus dem südpolnischen Raum hinter sich her gerissen, die bis zu seiner Abreise in Berlin verharrte. Wir nutzten die Wärme und grillten vor der Garage. Auch Leons Geschäftspartner Frank und seine Frau Martina waren da. Ich hatte Martina noch nie zuvor gesehen. Ich versuchte es mit einem Gespräch über die Energiepolitik. Die Männer hatten ja ihr Thema. Martina sah so aus, als ob sie in ihrem Schrebergarten ein privates Windrad betreibt. Sie kommentierte die Energiepolitik aber nur mit: „Schöne Scheiße.“, dann war das Thema erledigt. Ich versuchte es mit dem Herbst. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Herbst je so geleuchtet und die Blätter so herrlich geraschelt haben. Martina war das aber nicht aufgefallen. Ich fragte, was sie so macht. Sie sagte, sie mache gerade nichts. Ich wurde müde.

Am nächsten Morgen standen zwei volle blaue Müllsäcke in der Küche, in denen unsortiert Teller und Gläser, abgenagte Knochen, Stiele und Strünke steckten. Leon und Jan waren schon in Richtung Amsterdam los geknattert.

Mir wurde klar, dass ich Leon nie wirklich geliebt habe.

In meiner alten Wohnung lebt Jolanda jetzt mit Jakob. Es ist eine gemütliche Vorstellung, dass die beiden dort sind. Ich möchte auch gar nicht zurück. Es wäre ein Schritt in die falsche Richtung. Wenn man eine Beziehung beendet, sollte man irgendwo neu beginnen.

Ich stand im Gewühl der Wohnungsbesichtiger im dritten Stock in der Rheinsberger Straße, dort, wo sie in den Wedding mündet und spürte meine Angst. Blaue Polstermöbel. Ein langer, dunkler Korridor. Der Blick auf graue Neubaufassaden auf der gegenüberliegenden Seite. Das Gefühl, in einer Schlucht zu stecken. Dies war kein guter Ort für einen Neuanfang.

Ich ging zurück nach Hause. Ich schlich. Der Regen fiel mir in den Nacken. Bei dem Altwarenhändler in der Schwedter Straße blieb ich stehen und betrachtete wieder den golden schimmernden Buddha im Fenster, dessen Kleid mit vielen Steinen besetzt ist. Er breitet die Spitzen seines Rocks mit seinen schmalen Fingern aus, erhaben über den kitschigen Kronleuchter über seinem Haupt und den Servierwagen aus Plastik mit den Siebzigerjahre-Tassen neben ihm. Einmal habe ich den Händler nach dem Preis gefragt. Seitdem habe ich Angst, dass einer der neuen Bewohner der Townhouses in der Schwedter Straße auf die Idee kommen könnte, er wäre tatsächlich wertvoll und ihn kauft. Ich muss ihn nicht besitzen, aber ich würde ihn vermissen, wenn er nicht mehr dort steht.

Zuhause warf ich die zwei blauen Säcke mit den Gläsern, Tellern und den Kriebsen und Stielen in die Mülltonne. Auch meine Liebe zu Leon war nicht mehr als ein abgenagter Knochen.

Kathrins Notiz-Blog 28. Oktober 10

© Illustration Liane Heinze

„Du hast nicht angerufen. Ich dachte, es würde dich interessieren, was für eine Note ich habe. Aber du hast nicht angerufen.“

Leon blickte nicht von seiner Arbeit nicht auf. Er montierte ein Schutzblech. Er trug eine geringelte Wollmütze über den Locken. „Doch“, sagte er. „Ich wollte es wissen. Ich habe auf dich gewartet.“ Er zog eine Mutter langsam fest. Dann setzte er den Schraubenschlüssel an der nächsten an.

„Hast du nicht“, schrie ich. „Wenn man auf jemanden wartet, dreht man die Heizung auf, zündet Kerzen an und kocht etwas.“ Ich sprang von der Werkbank, floh ins Haus, verletzte mich an der Pedale eines Rennrades von dem Kunden, der gerade den Hof betrat, aber das sah ich erst später. In diesem Moment fühlte ich nichts. Mein Weinen klang wie ein Lachen. Wenn das Weinen wie ein Lachen klingt, fühlt man nichts mehr. Meine Teetasse lag zerbrochen in der Garage. Ich warf die Wohnungstür hinter mir zu und dann blieb die Zeit stehen.

„Was ist los?“ Leon stand in der Tür.

„Lass mich in Ruhe.“

„Ich möchte mit dir reden“, sagte er.

Jedes an mich gerichtete Wort, erst recht seine Berührung, waren unerträglich. „Geh weg.“

Ich saß in der Küche auf dem Fensterbrett, zusammen geschnürt wie ein Päckchen. Ich musste den ganzen Nachmittag so gesessen haben, denn als ich ruhiger wurde, kroch der Abend in den Hof. Ich schaute nach unten. Die Garage war verschlossen. Leon war nicht da.

Ich wusch mein Gesicht und setzte mich vor den Fernseher. Ich wusste nicht mehr, was ich sah. Es war unwichtig. Später kam Leon und stellte eine Gepäcktasche in die Küche und packte aus: Spaghetti, Parmesan, Sardellen, Kapern, Oliven und Petersilie. „Na komm“, sagte er. „Wir kochen.“ Und setzte den großen Topf mit Wasser auf. Ich zerdrückte die Sardellen und Kapern auf einem Teller und schnitt die Oliven und die Petersilie.

„Ich habe eine Eins bekommen“, sagte ich.