Berliner Notiz-Blog 16. Januar 2008

Der Mann in der dünnen Jacke läuft mit hoch gezogenen Schultern durch den eisigen Regen bis zur U-Bahn-Station Weinmeisterstraße. Es ist Samstagmorgen, acht Uhr. Die Straßen in Mitte sind noch grau und verlassen.

Der Mann trippelt die Stufen hinab. Auf dem U-Bahnhof ist es so still wie in einer Kathedrale. Der Bäckerladen, sonst eine kleine Insel aus Licht, gefüllt mit frisch gebackenen Brötchen und Croissants, ist mit einer Jalousie verrammelt. Die Schritte des Mannes hallen in dem leeren Gewölbe.

Auf dem Bahnsteig hockt eine verschrumpelte, auffällig gekleidete Gestalt neben dem Fahrkartenautomaten. Sie wird erdrückt von einem Hut, auf dem sich schillernde Stofflagen und allerlei Trödel häufen: Plastikfrüchte und Kunstblumen, Bommeln und Federn, sogar Teile von Fahrrädern. Graue Haare fusseln darunter hervor. Die müden Augen des Alten stehen im seltsamen Kontrast zu seinem Kostüm. Er sitzt völlig reglos, blickt erst auf, als der Durchnässte von draußen neben ihm auftaucht. Der Alte mustert den anderen. „Regnets draußen?“ fragt er apathisch mit heller, brüchiger Stimme.

„Es gießt seit einer Stunde.“ Der andere schüttelt sich den Eisregen aus dem Haar. „Und?“ fragt er.

Der mit dem Hut schüttelt langsam den Kopf. „Noch nüscht.“

Der durchnässte Mann bleibt neben der Bank stehen und zieht den Rotz hoch. Er hält die Schultern noch immer bis an die Ohren gezogen, die Hände in den Hosentaschen versenkt. Sie schweigen.

„Ich habe nächste Woche nicht viel zu tun“, sagt der mit dem Trödel. „Ein paar Modenschauen, eine in Quedlinburg.“

„Im Harz?“ Der andere schnieft. „Da musst du aber gut einkaufen vorher. Da kriegste nüscht.“

„Doch, da kriegste was“, entgegnet der Trödelhaufen. „Ist aber schwierig.“

„Das ist ehemalige DDR“, sagt der Durchnässte. „Ich war mal in Saalfeld. Da gabs nüscht. Da stand ich da. Ich sag’s dir.“ Sie schweigen wieder. Oben dröhnt ein Auto vorbei.

„Deine blonden Freunde lassen sich Zeit“, sagt der Fröstelnde.

„Ich warte seit zwei Stunden“, antwortet der Trödel.

Ein Zug donnert in den Bahnhof. Zwei, drei Nachtschwärmer kippen aus den Türen, stemmen sich gegen den Luftzug der abfahrenden Bahn. Sie nehmen den Ausgang Münzstraße. Dort sind die Clubs, die am Wochenende durchmachen.

Dann herrscht wieder Kirchenstille. Die beiden Männer sitzen nebeneinander auf der Bank. Der Trödelhaufen starrt apathisch vor sich hin. Der andere fröstelt noch immer.

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