Berliner Notiz-Blog 10. November 08

Über den Bordlautsprecher wird bekannt gegeben, dass sich der ICE aus Hamburg wegen „vandalistischer Angriffe von Castorgegnern“ um zirka 45 Minuten verspätet. Ein älterer Herr flucht verhalten. „Typisch Osten“, schimpft er. Am Bahnhof Zoo habe es so etwas nicht gegeben. Er zieht seinen Kofferrolli unentschlossen auf der unteren Bahnhofsetage hin und her. Die glamourösen Läden sind weiter oben, wo die Züge nach Köln und Bonn abfahren. Hier unten geht es nach Prag und Budapest und ja, auch nach Wien.

Aber er will ja gar nichts kaufen. Er ist sparsam. In seinem glatten Gesicht steht, dass er gut und genügsam lebt. Missmutig wendet er sich dem Kaisers zu, postiert sein Gepäck unter einem der Bistrotische und bestellt im Backshop einen Kaffee.

Ein Schwarzer hält sich am Tresen neben der Kasse fest. „Obama ist Afrika. Yeahh…“ lallt er und erzählt jedem, was alle längst wissen, dass Obama vor einigen Tagen zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Dem älteren Herrn ist der Betrunkene peinlich. Etwas ungeschickt balanciert er seinen Kaffeepot vom Tresen zum Bistrotisch hinüber. „Der hat doch nicht nur Alkohol geladen“, raunt er einer Frau in seinem Alter zu, die ihren Koffer neben seinen gestellt hat. Die Frau sagt, dass die Schwarzen jetzt rassistisch werden. „Dazu haben sie auch allen Grund“, bellt ein struppiger Franzose vom Nachbartisch.

„Die kommen doch alle nur deswegen hierher.“ Der ältere Herr streckt seine Hand in Richtung des Franzosen und reibt zwei Finger aneinander.

„Ach und weswegen sind die Europäer nach Afrika gegangen?“ raunzt der Franzose zurück. Er tunkt ein riesiges Croissant in seine Kaffeetasse. Statt den triefenden Teiglappen in den Mund zu schieben, beginnt er mit einem Referat über die dramatischen Folgen des Kolonialismus. Der Kaffee aus seinem Croissant tropft derweil auf die Tischplatte. Der ältere Herr starrt auf die Kaffeepfütze, aus der sich ein kleines Rinnsal löst, das auf den Redner zu fließt. „Da!“, warnt er, aber der Franzose hört ihn nicht. Als er bei der Finanzkrise ankommt –er macht ziemlich große Zeitsprünge -die Weltgeschichte ist bei ihm eine Fünf-Minuten-Sache – saugt sein Jackett den Kaffee wie ein Löschblatt auf.
Der ältere Herr sagt, er habe früher bei der Bank gearbeitet. Er habe niemanden zu riskanten Geldanlagen überredet. Er sei nicht Schuld an der Krise. „Jeder ist Schuld“, sagt der Franzose düster. „Wir alle.“

Der Schwarze löst sich vom Tresen und schlittert in Richtung der Bistrotische. „Obama ist Afrika“, wiederholt er. Der Franzose klopft ihm auf die Schulter. „Ganz ruhig“, sagt er. Er sagt das auch zu sich selbst. Er ist aufgebracht, weil dieser Bankangestellte seiner kurzen Weltgeschichte nicht folgen konnte und er noch einmal von vorn und weiter ausholen muss und nur noch wenig Zeit dafür hat, denn irgendwann wird die Polizei die Atomkraftgegner weg geräumt haben und dann wird sich die Bistrorunde im Kaisers auflösen und im Zug nach den besten Plätzen drängeln.

Der Schwarze erzählt jetzt einem jungen Mann mit Rastalocken, dass Obama Präsident ist und Afrika, also Afrika Präsident ist. Der schaut kurz von seinem Buch auf, lächelt den Störer an und versucht dann, weiter zu lesen.

Das Personal des Backshops fordert den Schwarzen auf zu gehen. „Habe ich Ärger gemacht?“ zischt der. Er breitet die Arme aus, kippt nach hinten, sein Einkauf -ein Fleischsalat und eine längst geleerte, kleine Schnapsflasche- fallen zu Boden, die Flasche zerbricht. Der Sicherheitsmann an der Tür fängt ihn auf. „Du gehst unseren Kunden auf die Nerven“, sagt eine Verkäuferin. „Hau jetzt ab. Geh nach Hause!“

Die Kaffeetrinker an den Bistrotischen tunken ihre Nasen in die Tassen und heften ihre Blicke auf die grau gemusterten Tischplatten. Der Schwarze hält sich am Tisch des Franzosen und am Tisch des Jungen mit den Rastalocken fest. „Ist okay“, sagt der Franzose und klopft ihm auf die Schulter wie man einem Pferd beruhigend auf die Flanken klopft. „Ich gehe erst, wenn Adolf Hitler kommt“, knurrt der Betrunkene.

Als die Polizei kommt, lässt er sich widerstandslos mit ausgebreiteten Armen aus dem Laden führen. Alle atmen auf, so deutlich, dass kleine Wellen ihren weißen Kaffee kräuseln.

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