Kathrins Notiz-Blog 20. Juni 09

© Illustration Liane Heinze

Vom Bett aus sah ich ihn in der Küche hin und her tänzeln. Er war nackt bis auf einen dunkelblauen Anorak, den er um die Hüften geknotet trug. Er trug eine taillierte Kaffeemaschine. Er schien etwas zu suchen, Streichhölzer oder den Herd.

Er ist nicht von hier. Diese Wohnung hat er sich schnell besorgt, weil er mir gegenüber so tun will, als gehöre er dazu. Es stehen keine Möbel in den Zimmern, nur drüben, an der Wand gegenüber dem Bett, hockt ein Schlagzeug.

Seine Beine wölben sich fest unter den Leisten. Es ist kein Fett daran, nichts zum Zwicken. Die Locken darauf sind rötlich. Er hat gesagt, dass er es nicht mag, wenn die Frau oben sitzt. Ich sei die Erste, mit der es aufregend gut war. Vielleicht sagt er das jeder Frau. Man will immer für jemanden DER oder DIE Erste sein. Das weiß er. Weiß er es? Wahrscheinlich sagt es ihm sein Instinkt. Er ist ein Fabeltier, ein Faun. Ich erkenne es an seinem tänzelndem Schritt, den fliehenden Schultern und daran, wie er die Locken in die Stirn presst, als wollte er sie glätten. Er muss in einem Baum leben, wahrscheinlich dort, wo wir uns vor zwei Tagen im Regionalzug getroffen haben, als ich vom Erdbeerfeld kam. Er behauptete, auf einer Radtour vom Regen überrascht worden zu sein.
Ich bin hinüber zu den Trommeln geschlichen und habe die feine Kette bewegt, die auf einem der Becken lag. Sie machte ein Geräusch wie Sand, der durch Papier rieselt. Die Dielen wärmten meine Fußsohlen.

Ich mag Erste Nächte, weil sie überhaupt nichts Feierliches haben und den Alltag trotzdem für eine Zeit außer Betrieb setzen. Erste Nächte enthalten ein Versprechen, das nie eingelöst werden muss.

Ich ging zu dem Faun in die Küche, strich ihm um die Taille, küsste seinen Nacken. Er drehte sich überrascht um, drückte die dunklen Locken fahrig in die Stirn. Seine grünen Augen stehen übrigens etwas vor und rutschen seitlich aus dem schmalen Gesicht. Vorn fehlt ihm ein halber Zahn.

„Was ist?“, flüsterte er. Er legte die Arme um mich. „Es kann jeden Moment jemand kommen, dem die Kette abgesprungen ist oder der Lenker gebrochen.“ Er wies mit dem Kopf zum Fenster, auf die hellblauen Garagentüren im Hof. „Jetzt im Sommer kommen die Ersten manchmal schon um acht.“

Auch die Küche ist fast leer. Aber er trennt den Müll in rosa Plastiktüten. Er gibt sich wirklich große Mühe, nicht aufzufallen.

Wir tranken den Kaffee im Stehen. Er schaute immer wieder in den Hof. Er presste die Locken in die Stirn und zog den abgerutschten Anorak wieder hinauf zu den Hüften.

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