Archiv Oktober 2011

Kathrins Notiz-Blog 28. Oktober 11

© Illustration Liane Heinze

„Ich kann jeden Tag eine andere Wohnung einrichten, aber nicht mein eigenes Leben.“

Koljas Mutter nickt mir zu mit einem Lächeln, von dem ich nicht weiß, ob es Anerkennung ist für die Wohnungen oder Gewissheit, dass ich das mit dem Leben auch noch hinbekomme. Ich sitze gleich links, wenn man in das Haus tritt, auf dem Sofa, unter den Büchern. Im Kamin glühen noch ein paar Holzstücke. Koljas Mutter trägt wieder das wollene Tuch mit den langen Fransen. Sie hat es fester um sich geschlungen im Laufe meiner Erzählung. Sie sitzt mir zugeneigt mit diesem freundlichen, konzentrierten Blick. Ihr kurzes, lockiges Haar ist vor den Ohrmuscheln zu akkuraten, spitz zulaufenden Locken geschnitten.

„Ich wollte Sie wiedersehen, weil ich glaube, dass Sie solche Gefühlszustände kennen“, sage ich.

Sie nickt. „Ich freue mich, dass Sie wiedergekommen sind.“ Sie hat Kaffee gekocht. Der Apfelkuchen, den sie dazu serviert, ist selbst gebacken.

„Ich verstehe Ihre Verunsicherung“, sagt sie. „Manchmal spürt man nur, dass etwas nicht stimmt, man will das nicht wahrhaben, man hört nicht auf das eigene Gefühl, man macht weiter…aber irgendwann weiß man, dass es Zeit ist zu gehen.“

„Wann?“

„Das ist schwierig. Manchmal wartet man zu lange.“

Wann ist ‚zu lange’?“

Sie schaut aus dem Fenster. Ihr Blick ist plötzlich nüchtern, fast kalt. Sie holt Luft. Dann kehrt sie schnell zurück, wieder freundlich. “Ist Ihnen warm genug?”

Ich nicke, aber sie steht trotzdem auf und wirft ein paar Holzscheite in den Kamin.

„Zu lange“, wiederholt sie. Sie schaut in das Feuer. „Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Sie tun auch richtig daran, auf die Liebe zu vertrauen, zu hoffen…an etwas zu glauben, das Sie miteinander verbindet. Tun Sie nichts überstürzt!“

Sie setzt sich wieder in den Sessel. Die Holzscheite krachen auseinander.

„Wenn man jemanden verlässt, verliert man so viele Dinge. Es ist, als ob man die Verankerung aus seinem Herzen fetzt“, sage ich.

„Denken Sie an sich. Passen Sie auf sich auf.“

Wie passt man auf sich auf, will ich sie fragen, aber ich schlucke die Frage hinunter.

„Vertrauen Sie Leon?“

„Ich weiß nicht…doch, ich glaube schon, in dem Sinne, dass er mir nichts vormacht. Aber er ist nicht gerade der Sicherheitsfaktor meines Lebens, falls Sie das meinen.“

„Es wäre gut, wenn Sie irgendwo etwas Ruhe finden könnten, einen Platz für sich“, sagt Koljas Mutter. „Einen Raum, in dem sie beginnen, aufzuräumen, zuerst Ihren Kopf, danach Ihr Herz, so lange, bis Sie sich völlig bei sich fühlen.“ Als sie das sagt,fühle ich mich wieder wie als Teenager, unbehauen, mit diesem naiven Ausdruck,  für den ich mich schämte und dann rutschten mir die Lippen aus wie kurz vor dem Weinen und ich wurde rot.

„Möchten Sie noch etwas Kaffee?“ Koljas Mutter schenkt aus der blau-weißen Kanne nach. Als sie die Kanne wieder absetzt, sagt sie: „Ich habe auch einmal einen Mann verlassen. Er hat mich immer wieder angelogen, aber es hat lange gedauert, bis ich es gespürt habe. Dann habe ich gegen das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, weiter gelebt und so getan, als wäre alles in Ordnung. Ich habe mich nicht getraut, Fragen zu stellen. Ich hatte Angst vor der Wahrheit. Davon bin ich krank geworden.” Sie zieht das Fransentuch enger um die Schulter.

„Wie lange ist das her?“, frage ich.

„Dreizehn Jahre. Ich war fünfzig.“

“Aber Sie sind gegangen.”

Sie nickt. “Ich war noch sehr schwach. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Kräfte gesammelt hatte.”

„Haben Sie sich nie wieder verliebt?“

„Doch“, sagt sie. „Einmal.“

„Ich habe ein bisschen Angst vor dem Alleinsein“, sage ich.

„Sie sind nicht allein“, sagt Koljas Mutter. Dasselbe, was ich vor ein paar Tagen zu Jolanda gesagt habe.

Später legt sie den Fransenschal ab und kocht uns Reis und brät Gemüse an. Sie entschuldigt sich für das einfache Essen. Vielleicht hätte ich längst gehen sollen, aber ich mag noch nicht gehen. “Machen Sie sich keine Mühe”, sage ich.  Sie schickt mich in den Garten Kräuter zu holen. Ich möchte am liebsten hier bleiben, wenigstens für diese Nacht, und morgen in Ruhe zurück nach Berlin fahren, nach dem Frühstück. Die Kühle im Garten ist weich. Es ist finster, aber als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, finde ich Rosmarin und Salbei.

Melancholie? Am besten die mit 71 Prozent

Anderswo darf man öffentlich und in Gesellschaft weinen und grübeln. In Deutschland stehen Melancholiker unter Trübsinns-Verdacht

Herbst auf dem Asphalt, Berlin Oktober 2011

Der Baum im Hof leuchtet jeden Tag ein bisschen mehr. Je eher die Sonne hinter dem Dach gegenüber verschwindet, desto goldener strahlt sein Laub in der Dämmerung.

Ich sitze windgeschützt auf dem Balkon und hänge dem Sommer nach, mit einem Gefühl, für das mir nur das altmodische Wort „wehmütig“ einfällt. Ich sehe wieder die Abschiedsszene auf dem Flughafen, eine letzte, kleine Unterhaltung im Café und unsere Umarmung.

Am liebsten würde ich die Einladung zur Party jetzt absagen und den Abend allein mit meiner bittersüßen Herbststimmung verbringen. 71% Melancholie in kleinen Bissen – so mag ich sie am liebsten.  Was soll ich als Grund vorgeben: Eine Erkältung? Zahnschmerzen? Wenn ich sage, dass ich einfach nicht in der Stimmung bin und lieber allein sein will, geraten wieder alle in Panik: „Was ist los? Bist du depressiv? Weinst du etwa?“ Mit anschwellenden Martinshörnern in der Stimme. Sie sehen mich bereits auf der psychosomatischen Intensivstation, nackt bis auf ein blaues Hemdchen, blass, angedockt an aufhellende Substanzen.

Nichts scheint unsere Gesellschaft mehr in Panik zu versetzen als ein bisschen Traurigkeit. Ein Mensch, der freiwillig Einsamkeit und Stille sucht, wird argwöhnisch beobachtet wie ein auffälliger Pickel. Viele Psychologen gebrauchen das Wort Melancholie inzwischen, um eine Art Vorhölle zur Depression zu beschreiben. Sie gehen von einem Mangel des Neurotransmitters Serotonin aus und empfehlen dagegen buntes Licht und Schokolade.

Mir fehlt aber nichts. Von Zeit zu Zeit lasse ich mich gern in diese Stimmung fallen. Der Schriftsteller Wilhelm Genazino nennt die Melancholie „das Zielgefühl glücklicher Menschen“, zumindest dann, wenn einer so viel Glück hat, dass er es nicht mehr aushält. Diese Art des „obszönen Glücks“ sei „begeistert über jeden melancholischen Überfall“, schreibt Genazino. Voila! Um den schamhaft Glücklichen zu begeistern, stehen jede Menge Überfallkommandos bereit. Man braucht nur einmal die Nachrichten hören.

Ein Kinderpsychologe sagte mir, dass nur glückliche Kinder herzzerreißend weinen und schreien können. Und genau so ist es mit der Melancholie. Sie ist über eine Nabelschnur mit dem Glück verbunden.

In wenigen Minuten wird die Sonne hinter dem Dach verschwinden. Ich schiebe mir Kopfhörer auf und höre Mariza „Meu Fado Meu“. Mariza ist eine portugiesische Fadista, eine Interpretin des Fado. Sie ist in Mosambik geboren und in Portugal aufgewachsen. Ihre Stimmlage ist ein warmes Alt. Eigentlich ist es nicht überraschend, dass selbst das Traurigsein mehr Spaß macht, je weiter man in den Süden reist. Es sieht auch besser aus. Mariza ist eine ungewöhnlich schöne, zierliche Frau mit eisblond gefärbten, kurzen Haaren. Den Fado könne man nicht lernen, sagt sie und meint, dass er mehr ist als ein Rhythmus, ein gutes Gedicht und eine schöne Stimme. Der portugiesische Fado ist eine Haltung, die sich überall im Alltag ausdrückt: Sie meint das Hingegebensein an das Schicksal, die Trauer über das Unabwendbare, das sterben üben nach einem Abschied oder dem Ende einer Liebe. Mit dieser Trauer bleibt man aber nicht allein. Man zelebriert sie in Gesellschaft, abends beim Tanz.

Auch in der Türkei treffen sich die Menschen am Abend in den Cafés, um sich ihrer Melancholie hinzugeben. Das Phänomen des „Hüzün“, so der Name der türkischen Melancholie, beschäftigte den Schriftsteller Orhan Pamuk, als er seine Erinnerungen an Istanbul schrieb. „Wenn man dieses Gefühl, das von allen Ecken und Winkeln und Menschen ausgeht und sich über die Stadt verströmt, erst einmal tief in sich aufgesogen hat und es wirken lässt, dann wird man irgendwann, wohin man auch blickt, in der Lage sein, es förmlich zu sehen so wie man an kalten Wintermorgen, wenn plötzlich die Sonne durchbricht, über den Wassern des Bosporus zitternd einen hauchdünnen Dunst aufsteigen sieht. Hüzün, das ist nicht die von einer Einzelperson empfundene Melancholie, sondern das von Millionen Menschen zugleich verspürte schwarze Gefühl, der Hüzün einer ganzen Stadt, ein Gefühl, das stolz verinnerlicht und Tag für Tag gemeinschaftlich erlebt wird.“ Wäre ich jetzt in Istanbul, würde ich meinen Balkon verlassen und durch die Straßen streifen, mich irgendwo in ein Café setzen und mit Fremden über meinen Abschiedsschmerz reden. Man würde mir zuhören und nicken, mir einen Raki reichen und ein bisschen mit mir weinen. Niemand käme auf die Idee, mein Problem lösen zu wollen, weil jedem doch klar wäre, dass das nicht funktioniert. Das unterscheidet unsere Kulturen. Viele Leistungsträger der deutschen Gesellschaft glauben, dass ein Lösungsansatz von ihnen erwartet wird, wenn man ihnen von einem traurigen Abschied erzählt. Sie sind verzweifelt. „Ich weiß auch nicht, wie ich dir helfen kann.“ Deshalb mögen sie keine Geschichten, in denen Gefühle vorkommen. Weil Gefühle schlecht zu händeln sind. Dass nur dasitzen und zuhören eine Hilfe sein kann, haben sie nie gelernt. Das Dilemma begann schon in ihrer Kindheit, wenn der scheußlichste Moment des Tages gekommen war, wenn sie nach dem Zähneputzen endgültig im Bett verschwinden sollten und wie alle glücklichen Kinder darüber zu greinen begannen. Dann argumentierten und verhandelten Mama und Papa, sangen und klingelten und wedelten mit Plüsch und Lieblingsbüchern. Statt den kleinen Menschen in die Arme zu nehmen und ein bisschen mit ihm zu klagen: „Ich weiß ja, wie schlimm es ist, allein ins Bett zu müssen.“

Diesen frühkindlichen Schmerz, das Verhandeln und Argumentieren, das Wegwedeln und Rumklingeln, geben sie nun als Erwachsene weiter. Mitunter beschränken sie sich auch auf knappe Belehrungen: „Vergiss es! Bringt nichts!“ Die türkische Kaffeehaus-Gesellschaft würde das natürlich auch denken, aber niemand wäre so verletzend, es auszusprechen. Möglicherweise bekäme ich stattdessen ein zärtliches Angebot, das über die Trennung hinweg helfen könnte. In der Hüzün-Gesellschaft, begleitet von Arabesque-Musik, so klebrig und süß wie ein Baklava, wäre ich geborgen.

In Deutschland haben wir immerhin den Tango, welchen ungefähr achtzig Prozent aller Studierenden ausüben, was für ihre Zukunft hoffen lässt. Der argentinische Tango ist jedoch eine harte Schule der Melancholie. Er ist vertonte Pein, geschätzte 85 % Melancholie mit einem hohen Wut-Anteil. Es heißt, die europäischen Auswanderer hätten ihn erfunden, um ihre Enttäuschung und ihr Heimweh auszudrücken.

Wir sind nicht wenige, aber wir leben im Untergrund. Manchmal treffe ich auf meinen nächtlichen Spaziergängen Gleichgesinnte. Ich sehe es an ihren Blicken, die mich offen gedeckt mustern, hin und her gerissen zwischen Sehnsucht und Rückzug. Ich erkenne sie daran, wie sie die gespiegelte Stadt auf dem nassen Asphalt betrachten oder irgendwo stehenbleiben und nach den Sternen gucken, wie sie nachdenklich ihre Zigarette drehen und immer wieder die Asche verkrümeln. Wir gehen im Abseits der gängigen Überzeugung, dass Glück machbar ist und wir alle Ziele erreichen können. Wir glauben nicht, was die Titel in den Esoterik – und Wellness – Abteilungen der Buchläden suggerieren, dass wir unsere Ängste und unsere Beziehungen in den Griff kriegen, dass es mit dem jugendlichen Körper auch jenseits der Menopause noch klappt und wir später selbstverständlich unseren Krebs besiegen, wenn wir nur den richtigen Coach und Therapeuten und Selbstfinder finden und joggen und Yoga treiben.

Nun stehen wir unter Generalverdacht, Spaß und gute Laune zu verderben und das Wirtschaftswachstum zu bremsen. Das Dilemma des Melancholikers hat in unserer Kultur eine tiefe Wurzel. Sie reicht bis zur Antike. Diesmal sind nicht nur die Mediengesellschaft und der Neoliberalismus Schuld. Diese beiden sind ein Fliegenschiss gegen das Mittelalter. Damals galt Melancholie als Todsünde. Hildegard von Bingen schrieb: „In der Tat hauchte dem Adam beim Sündenfall der Teufel die Melancholie ein, die den Menschen lau und ungläubig macht.“ Erst der Humanismus der Renaissance besann sich wieder auf die antike Deutung der Melancholie. Der Arzt Hippokrates hatte den Namen geprägt, der übersetzt „schwarze Galle“ heißt. Er glaubte, ein Überschuss des dunklen, bitteren Körpersaftes führe zu Gedankenschwere und Trägheit. Sokrates hingegen hatte beobachtet, dass alle großen Denker Melancholiker seien. Die Renaissance war dann die Geburtsstunde der „edlen Melancholie“, die für den Forscherdrang und das schöpferische Prinzip stand. Der Florentiner Marsilio Ficion verfasste ein erstes Gesundheitsbuch für den zur Schwermut neigenden Denker. Er empfahl Massagen, gesunde Ernährung und viel Musik.

In dieser Zeit entstand Dürers berühmter Kupferstich „Melencholia I“. Dieses Bild, aus dem sich die humanistische Debatte über das melancholische Temperament heraus lesen lässt, hat unser kulturelles Verständnis der Melancholie codiert. Das Blatt zeigt einen nachdenklichen Engel, der vor einem Gebäude sitzt. Der Engel hält einen Zirkel in der Hand. Die anderen Werkzeuge: Hobel, Lineal, Nägel, Zange und Säge weisen darauf hin, dass Dürer den Moment des Innehaltens gemeint hat, einen Augenblick des Zweifels, der Grübelei. Die vergehende Zeit, der Tod, sind durch ein Stundenglas, eine Sterbeglocke und ein magisches Quadrat mit den Sterbedaten von Dürers Mutter symbolisiert. Ein kleiner Putto leistet dem Engel Gesellschaft und ein magerer Hund, der auch ein Schaf sein könnte. Das Bild wirft bis heute Fragen auf. Wieso nannte Dürer es „Melencholia I“ und nicht „Melancholia I“? Was bedeutet die Eins? Ist es überhaupt eine Eins? Oder ein großes I wie Irae, was soviel heißt wie „es geht weiter“? Am dunklen Himmel im Hintergrund blitzt unter dem Regenbogen ein Komet auf. Es ist eine Anspielung auf die Apokalypse. Man erwartete für das Jahr 1500 den Weltuntergang. Ein Komet war beobachtet worden, von dem die Astronomen glaubten, er würde auf die Erde stürzen.

Lars von Trier lässt grüßen. In seinem neuen Film ist es ein Planet namens „Melancholia“, der auf die Erde zurast. Nun, sehr optimistisch liest sich die europäische Kulturgeschichte der Melancholie nicht. Kaum ist das Missverständnis mit der Todsünde geklärt, wird ihr die Apokalypse angehängt.

Lars von Trier hält Melancholie übrigens für einen Bestandteil jeder guten Kunst. Der Maler Clemens Gröszer, ein Profi, was Melancholie und Apokalypse betrifft, nennt die Melancholie die Erfahrung einer Grenze, an der eine schöpferische Triebkraft in eine neue Richtung los bricht.

In den Achtzigerjahren entstand seine „Marin à cholie I“, die Frau mit der Plastiktüte auf dem Kopf. Damals arbeitete Gröszer in einem Atelier mit Blick auf die Berliner Mauer. Ihn beschäftigten der Untergang der DDR und die atomare Bedrohung. Marin à cholie sitzt nackt, nur mit Seidenstrümpfen bekleidet, in einem unfertigen Plattenbau und spielt gedankenverloren mit einer Glaskugel. Das Motiv der Marin à cholie begleitet Gröszers Schaffen. In weiteren Versionen geht es um Themen wie  Umweltzerstörung, Konsum, der 11. September, Krieg, Tod und Gewalt. Zur Zeit arbeitet der Künstler an der 13. Marin à cholie. Gröszer glaubt, dass es das Nachdenken über die Welt ist, das den Melancholiker auszeichnet, eine gewisse Wachheit. Der Melancholiker kann nicht wegschauen.

Irae – geht es weiter? Aber wie? Ich habe mich übrigens entschlossen, doch noch zur Party zu gehen. Nicht, weil mir das Thema am Ende zu dunkel geworden ist. Im Gegenteil: Melancholie ist Sehnsucht.

Ach, du machst Elternzeit?

Berliner Zeitung

Der Filmregisseur Robert Thalheim war auf dem Weg zum Spielplatz, als ihn eine kurze Begegnung schwer verunsicherte

Foto: © Ali Ghandtschi

Der Tag begann wie immer. Ich räumte das Frühstücksgeschirr weg und packte Karl für unseren Spaziergang warm ein. Mein Sohn Karl war sechs Monate alt und ich war gerade in der Elternzeit. Als Karl geboren wurde, war für meine Frau und mich klar, dass wir uns die Elternzeit teilen. In unserem Freundeskreis gab es noch keine Kinder, niemand konnte uns von seinen Erfahrungen erzählen, aber die allgemeine, gesellschaftliche Stimmung war so, dass man dachte: Das machen jetzt alle.

Meine Frau arbeitet als freie Literaturübersetzerin und Dramaturgin. Ich hatte meinen Film „Am Ende kommen Touristen“ fertig, der gerade  in die Kinos kam. Das passte gut. In dem halben Jahr Elternzeit wollte ich, immer wenn Karl schläft, an meinem nächsten Drehbuch arbeiten.

Es wurde nichts mit dem Drehbuch. Meine Frau hatte kurz nach der Geburt einen Übersetzungsauftrag angenommen. Damit sie in Ruhe arbeiten konnte, drehte ich täglich mit dem Kinderwagen eine Runde in Pankow, klapperte den Kiezladen und die zwei Spielplätze im Park ab, dann lief ich wieder zurück und kochte für uns frisches Essen. Wenn Karl mal eine halbe Stunde schlief, schlief ich auch. An Arbeit war nicht zu denken.

Es war Herbst geworden. Ich trat aus dem Haus und überlegte, ob ich die kleine Runde durch den Bürgerpark oder die große bis zum Schlosspark mache. Obwohl es ein ungemütlicher, stürmischer Tag war, entschied ich mich für die große Runde, weil sie am Einkaufscenter vorbeiführte. Ich hatte mir angewöhnt, immer mal bei Tchibo zu schauen, ob es ein nettes, praktisches Angebot für die Familie gibt.

Am Einkaufscenter lief mir ein alter Bekannter über den Weg. Wir kannten uns aus Uni-Zeiten und hatten uns schon länger nicht gesehen. Er schien es eilig zu haben, aber als er mich sah, blickte er kurz auf die Uhr und kam fröhlich auf mich zu. Er sah gut aus. Er trug ein tolles Jackett und lässige Turnschuhe. Sogar eine Hornbrille hatte er sich zugelegt. Seine ganze Erscheinung strahlte Erfolg aus. Ich wusste, dass er seit einigen Jahren eine eigene Firma hatte. Unser Treffen war kurz, es reichte gerade, kleine Neuigkeiten auszutauschen: „He, was machst du? Läuft ja super bei dir! Du bist der kommende Star des deutschen Kinos! Woran arbeitest du denn jetzt? – Ach, du machst Elternzeit! Ist ja toll, dass du die Zeit hast!“ Sein Blick streifte kurz den Kinderwagen, ich glaubte,  plötzlich eine gewisse Betroffenheit in seiner Haltung zu spüren. Eine Befangenheit, wie man sie  im Umgang mit Behinderten oder Schwerkranken manchmal beobachtet. Als sei der Kinderwagen eine Gehhilfe, an der ich mich da festhielt. „Ist total blöd, aber ich sehe mein Kind nur am Wochenende“, sagte mein Bekannter, hab einfach die Zeit nicht. Die Firma geht gerade wahnsinnig ab.“

Ich nickte verunsichert. Er entschuldigte sich mit einem wichtigen Treffen, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, als wollte er sagen, „das geht schon vorbei“, und lief los.

Ich hatte plötzlich keine Lust mehr, nach den Angeboten bei Tchibo zu gucken. Ich habe es ja nicht eilig, dachte ich und schlurfte weiter den gewohnten Weg, beim Center um die Ecke, am ersten Spielplatz, wo die älteren Kinder spielen, vorbei, weiter in Richtung Kleinkindspielplatz am Schlosspark. Wie gewohnt trank ich im Kiezladen einen Kaffee – nicht mal die hübsche Verkäuferin hatte Dienst – und warf einen Blick in die Zeitung.

Die kurze Begegnung ließ mich nicht los. Ich fragte mich, wieso sie mich derart verunsicherte. Woran maß ich denn meinen Erfolg? Ich dachte doch nicht wie mein Vater, der glaubte, bei mir müsse es beruflich ziemlich mies laufen, weil ich ein halbes Jahr zu Hause blieb? Was war los mit mir, dass mich dieses Zusammentreffen derart umhaute? Ich hatte es doch gewollt, eine zeitlang so zu leben. Diese Zeit mit Karl war mir wichtig. Sie würde nie wieder kommen. Es war wunderbar, ihn auf dem Spielplatz zu beobachten. Zu bedauern sind Väter, die sich diese Zeit nicht nahmen.

Ich war doch mit meinem Film auf den Festspielen in Cannes, dachte ich, als ich am Rand des Spielplatzes saß und Karl im Sand buddelte. Ich hatte meinen Traum, Filme zu machen, erfolgreich verwirklicht. Alles läuft gut, sagte ich mir, aber das Mantra zeigte wenig Wirkung. Der männliche Restehrgeiz aus 1000 Jahren Rollenaufteilung löste Gedankenketten aus, die ich nicht mehr unter Kontrolle bekam. Half ich meinem Sohn wirklich, wenn ich jetzt so viel Zeit mit ihm verbrachte? Was, wenn ich später, in seiner Jugendzeit, depressiv sein würde, weil das Talent des deutschen Filmes in der entscheidenden Phase, wo er seine großen Stoffe hätte schreiben müssen, Spucke abgewischt und Sandburgen gebaut hatte?

Ich saß da und begann, auch ökonomische Bedenken zu entwickeln. Wovon sollte der Kleine später einmal leben? Wäre die Stunde im Sandkasten nicht besser in ein Drehbuch investiert, mit dem ich den nächsten Erfolg lande, damit ich ihm später eine brillante Ausbildung finanzieren kann? War die tolle Vaterbindung, die in den zuständigen Zeitschriften eingefordert wurde, wirklich so viel wichtiger? Und das Modell meiner Eltern, das ich immer abgelehnt hatte – war es denn nicht sehr gut gewesen für unsere Familie? Meine Mutter war lange Hausfrau geblieben. Mein Vater hatte in seiner Firma so weit aufsteigen können, dass wir uns finanziell niemals Sorgen machen brauchten. Mein Bruder und ich hatten in Ruhe studieren können. Trotzdem wollte ich es immer anders machen. Aber führte der Traum, Filme zu machen, durch kein Dienstverhältnis eingeschränkt zu sein, frei und wild zu leben, nicht geradewegs in eine neue ökonomische Unfreiheit? Während ich im Sandkasten saß, unrasiert und ungeduscht und wieder einmal feststellte, dass ich die Trinkflasche zu Hause vergessen hatte, zogen andere Typen an mir vorbei, bauten ihre Firmen auf und diskutierten bis in die Nacht ihre Projekte. Man ist viel mit sich allein auf dem Spielplatz.

Als ich nach Hause kam, fand ich meine Frau schwer beschäftigt vor. Irgendwie verstand ich jetzt die Hausfrauen, die man aus der Literatur und aus Filmen kennt, zum Beispiel aus der amerikanischen Serie Mad Men, die in den Sechzigerjahren spielt. Sie sitzen zu Hause mit ihren Gedanken über das Leben und ihren kleinen Kindern und warten darauf, dass ihre Männer endlich von der Arbeit kommen. Genauso saß auch ich gerade mit Karl in der Küche. Das Essen war fertig und ich wartete, weil es bei meiner Frau noch etwas dauerte.

Das ist jetzt vier Jahre her. Die „Elternzeit“ hat im Grunde nicht aufgehört, nur dass jetzt eben auch wieder die Arbeit dazugekommen ist. Ich habe die Kinderwagenrunden nicht bereut, nicht einmal diesen Tag. Ich möchte nichts davon hergeben, auch meine Zweifel nicht. Trotzdem hat es sich ergeben, dass meine Frau jetzt beim zweiten Kind die Elternzeit erstmal allein nimmt. Vielleicht hat es etwas mit diesem Tag vor vier Jahren zu tun. Ich bereite gerade zwei Filme vor. Diese Arbeit ist mir wichtig. Dazu kommt, dass ihr Zeitvertrag am Theater mit der Geburt des Kindes ausläuft. Nach der Elternzeit wird sie sich neu bewerben müssen. Rutschen wir jetzt doch wieder in die klassischen Rollen?

Inzwischen gibt es in unserem Freundeskreis mehr Kinder. Die meisten Väter sind Sonntagsväter, die die Woche über Karriere machen, während die Frauen zurückstecken. Ich will das eigentlich nicht. Ich möchte immer noch so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringen. Aber Kinder bleiben ein Risiko in der Berufswelt. Das ist ein Dilemma. Ich werde einen Film darüber drehen. Vielleicht, während meine Frau zuhause auf die Kinder aufpasst.