Unterm Regenbogen

Berliner Zeitung

Diese Anzeige stand im Sommer in der taz:

ARNO

war fast 28 Jahre lang

in der Fahrradwerkstatt, im Wohnhaus, im Café und in der Baugruppe bei und mit uns. 

Jetzt ist er für immer von uns gegangen und wird doch für immer bei uns bleiben. 

Auf Dich, Arno…

Deine FreundInnen und KollegInnen aus der Regenbogenfabrik. 

Achims Sticker vom 1. FC Kaiserslautern sind so vergilbt wie die Fotos an der Wand. Ein Foto zeigt Arno. Er ist jung darauf. Arno trägt das glatte, lange Haar in der Mitte gescheitelt und zu einem Zopf gebunden. Sein Gesicht ist schmal, die Augen sind hell. Wasserblau. Achim trägt auch einen Zopf, doch sein Haar ist störrisch und grau. Er sieht ein bisschen aus wie Hagrid, der Halbriese aus Hogwart. Massig, bärtig. Seine Stimme ist brummig, ein Typ, dem man sofort ein weiches Herz unterstellt. Man glaubt, Tränen in seinen braunen Augen zu sehen, wenn er von Arno spricht. Achim Sand ist 53 Jahre alt. Sein Freund Arno Hoffmann starb in diesem Jahr mit 55 Jahren.

Auf einem anderen Bild an Achims Wand bereitet Arno Rahmschnitzel mit Lauchgemüse. Der Lauch war extra für Achim. „Arno glaubte, dass ich Lauch mag“, sagt Achim. „Bis ich mir nach vielen Rahmschnitzeln mit Lauchgemüse ein Herz fasste und Arno die Wahrheit sagte: Ich verabscheue Lauch. Arno brach vor Lachen fast zusammen.“

Arno und Achim arbeiteten zusammen in der Baugruppe der Kreuzberger Regenbogenfabrik. Die Regenbogenfabrik ist eines der alternativen, sozialen Projekte, die in den achtziger Jahren in Kreuzberg entstanden. Es gibt heute auf dem Gelände eine Kita, ein Kino, Seminarräume, einen Fahrradverleih mit Werkstatt, Tischlerei, Kantine, Café, eine Kuchenbäckerei. Und ein Hostel. Bis auf einen kleinen Senatszuschuss zum Betrieb der Kita und einigen Beschäftigungsmaßnahmen vom Jobcenter trägt sich das Projekt selbst.

Achim zeigt ein Foto, auf dem Arno einen Bagger steuert. „Das war 2007, da haben wir die alte Remise für den Neubau des Hostels ausgemistet“, erklärt Achim. Die Bäume werfen Schatten in das Zimmer im Seitenflügel der Kreuzberger Regenbogenfabrik, in dem Achim wohnt. Die frisch verputzte Wand des Hostels auf der anderen Seite des Hofes reflektiert das Sonnenlicht. „Diese Wand haben wir noch zusammen hochgezogen, vor zwei Jahren“, sagt Achim. Er nennt Arno den Filigranen, weil er auf dem Bau immer dort eingesetzt wurde, wo es auf Genauigkeit ankam.

Arno und Achim sind in Zweibrücken in der Pfalz aufgewachsen. Sie besuchten die gleiche Schule. Achim wurde Autoschlosser, Arno Dreher. Nach der Ausbildung schraubten sie am Fließband der gleichen Firma Türen für Wohnwagen zusammen. Arno ging zum Bund. Achim flüchtete nach Berlin, als der Einberufungsbefehl im Briefkasten lag.

Achim beobachtete damals die Besetzung der heruntergekommenen, leer stehenden Chemiefabrik Albert Carl in der Lausitzer Straße in Kreuzberg. Das war 1981. Die Besetzter nannten sie dann Regenbogenfabrik. Achim arbeitete in einer Fahrradwerkstatt im Kiez. Aus Solidarität mit den Besetzern verlegten sie ihre Werkstatt auf das Gelände der Regenbogenfabrik.

Arno lebte damals noch in der Pfalz, er besuchte seinen Freund gelegentlich in Berlin. Bei einem der Besuche verliebte sich Arno in ein Mädchen, wenig später zog er zu ihr nach Berlin. In der Regenbogen-Fahrradwerkstatt gab es ausreichend Arbeit für ihn. Arno fing dort an. Später ging er mit Achim in die Baugruppe.

Einmal hatte Arno seine Bleibe in der Regenbogenfabrik verlassen. Er zog zu einer Frau, die er kennengelernt hatte, in eine Wohnung im Wedding, mit Schrankwand, Kanarienvögeln und Nachtspeicheröfen. Gemeinsam zogen sie die neunjährige Tochter von Arnos Lebensgefährtin auf. Arno brauchte Geld. Er gab seinen Job in der Regenbogenfabrik auf und fing bei einer Baufirma an.

Die Freundschaft zwischen Arno und Achim blieb. Achim kam regelmäßig zum Fußballgucken vorbei. Arnos Frau erkrankte an Krebs, er pflegte sie in ihrem Elternhaus bis zu ihrem Tode. Achim schaute regelmäßig nach dem Freund. Arno kümmerte sich nach dem Tod der Mutter weiter um die Tochter, er bereitete Rahmschnitzel für sie, beriet sie in Beziehungsfragen, sorgte für die Französisch-Nachhilfe und bezahlte ihre Ausbildung. Er hielt die Nachtspeicheröfen am Heizen, bis das Mädchen sich verabschiedete und zu seinem Freund nach Hamburg zog. Arno zog, das war 1996, zurück in die Regenbogenfabrik und arbeitete weiter mit Achim in der Baugruppe.

An einem Tag im Mai 2007 kippte Arno auf der Baustelle um. Achim fuhr mit seinem Freund ins Krankenhaus. Stundenlang wartete er, bis Arno mit den Röntgenaufnahmen unter dem Arm von den Untersuchungen zurückkam. „Ich habe einen Tumor im Kopf, die Ärzte sagen, ich kann noch zwei Jahre damit leben, hat Arno nur gesagt“, erinnert sich Achim. Achim nahm ihn einfach in die Arme. Sie hatten nie viele Worte gemacht.

Arno hat dann nicht mehr gearbeitet, aber er blieb in der Regenbogenfabrik. „Wir glaubten, Arno wäre die Ausnahme, der eine von hundert, der durchkommt“, sagt Achim. Arno kam nicht durch. Als es zu Ende ging, zog er zurück in die Pfalz. Zwei Jahre nach der Krebsdiagnose ist er in seinem Elternhaus in Zweibrücken gestorben.

Im Café der Rgenbogenfabrik haben sich an diesem Sommertag Freunde von Arno versammelt. Es ist ein Raum mit groben Dielen, auf denen schwere, nackte Eichentische stehenm, er ähnelt eher einer Kneipe und es wird hier wohl auch mehr Bier als Kaffee getrunken. Marion ist gekommen, Arnos erste Freundin in Berlin. Ihr trotziger Blick und die kurzen, dunklen Haare erinnern noch an das Mädchen auf einem der Fotos an Achims Wand. Auch Uta Doro ist da, die letzte Lebensgefährtin von Arno, eine kleine Frau Mitte Fünfzig mit hoch angesetzten, dunklen Zöpfen und einer runden Brille, die hier alle nur „Citrone“ nennen. Mit ein paar Mitgliedern von Arnos Baugruppe sitzen sie um den großen runden Tisch. Tabakpäckchen und Papier liegen bereit, das Fenster ist weit geöffnet.

Es wird an diesem Abend in der Regenbogenfabrik viel geraucht und viel Bier getrunken. Geschichten machen die Runde, von früher, als Arno noch gesund war. Lustige Geschichten aus einer vergangenen Zeit. „Eines Nachts, als Arno und Achim wieder mal kein Ende fanden im Café, hab ich Arno einfach eingeladen, bei mir zu schlafen“, gibt Citrone zum besten. „Ich hab ihn einkassiert. Man musste ihn vor Tatsachen stellen, sonst passierte ja nichts. Einen Monat später wurde Arno krank.“

Arnos Freunde am Tisch erzählen von gemeinsamen Ausflügen an die Nordsee und in den Spreewald, von gemeinsamen Fußballabenden und Grillfesten. Die meisten Erinnerungen an Arno haben mit viel Bier zu tun.

„Wir waren doch jeden Abend auf der Piste“, sagt Marion. Sie erzählt von ihren Streifzügen durch die Kreuzberger Kneipen, von Rausschmissen und Beschimpfungen durch die „Spießer“. Das war in den Achtzigerjahren ihre Revolution.

Ein älteres Mitglied der Baugruppe erzählt von Arnos Motivationskünsten. „Los Achim, noch ’ne Stunde, hat er oft auf der Baustelle seinem Freund zugeredet. Danach gehen wir ins Café. Das half.“ Die Tischrunde lacht, Achim knackt das vierte Bier. „Achim und Arno kamen nach den langen Nächten hier im Café ständig zu spät“, erinnert sich der Anleiter der Baugruppe, ein Sozialpädagoge. „Man konnte sich den Mund fusslig reden.“

Citrone ist in den letzten zwei Jahren an Arnos Seite geblieben. Achim hatte sich noch mit Arno in seiner Heimatstadt verabredet, aber es war dann zu spät. Zu Arnos Beerdigung in der Pfalz sind sie alle gefahren. Achim hat da schon nicht mehr in der Baugruppe gearbeitet. Er sagt, er habe gesundheitliche Probleme bekommen. Seitdem ist er arbeitslos.

Berliner Notiz-Blog 8. September 09

Die Zahl der Kinder, die in Deutschland von Armut bedroht sind, nimmt immer mehr zu. Deutschland liegt in der Liste der industrialisierten Länder, die es nicht auf die Reihe bekommen, sich um ihre Kinder zu kümmern, ganz weit vorn. Irgendetwas stimmt nicht in diesem Land.

Am liebsten würde ich aus der Herde des „Wählerviehs“ ausscheren. Endlich. Geht aber nicht. Denn da ist immer noch die NPD, gegen die man anwählen muss. Jetzt habe ich begriffen, warum die Nazis in Deutschland nicht endlich verboten werden.

Damit wir, der verantwortungsbewusste Rest des Landes, an die Wahlurnen geht. Man erpresst uns!!

Wir sind moralisch gezwungen, mit unserer Stimme Personen, die Banken retten, aber Kinder im Stich lassen, Dienstwagen, Chauffeure, Einfluss und das beste Essen zu sichern. Und selbst brav weiter zu hungern. Wie lange lassen wir uns das noch bieten?

Die Zahl der Selbständigen, die Hartz IV beantragen müssen, hat sich seit 2004 verdoppelt. Das heißt, das nicht nur Menschen ohne Arbeit oder mit zu wenig Arbeit von Hartz IV leben, sondern auch die Unternehmen. Denn würden die Unternehmer richtige Löhne zahlen, müsste kein Selbständiger Sozialhilfe beantragen. Man kann also sagen, dass das ganze Land an Hartz IV nuckelt. Das ganze Land nuckelt und schweigt. Prost!

Berliner Notiz-Blog 7. September 09

Im September sind alle wieder zurück. Wir treffen uns, reden von den Ferien, gönnen uns in den milden Nächten noch einen Nachschlag vom Sommer. Nie sehen die Leute so gut aus wie jetzt.

Ich habe mir im letzten Monat ein paar freie Tage gegönnt, war zwischendurch hier, aber meine Aufenthalte im Büro waren wie die Löcher in einem Schweizer Käse. Es zählte nur das Drumherum: Die Touren mit meinem neuen Mountainbike im Harz, Schwimmen gehen, die Tage mit Sam, dem Sohn von meinem Freund Philippe, der jedes Jahr seine Sommerferien in Berlin verbringt und für den Rest des Jahres in Guyana lebt.

In unserem Office haben zwei Neue angefangen. Johanna, eine Grafik-Designerin und Bippo, ein Journalist. Er hat von einer zweimonatigen Recherche in Ruanda Kaffee mitgebracht. Also haben wir mit ruandischen Kaffee angestoßen. Für einen kurzen Moment, als unsere Tassen aneinander stießen, waren wir verbunden, ein SommerEnd-Team, bevor jeder an seinen Schreibtisch zurück kehrte und allein für sich wieder seinen Job tat, wie bisher, eine zufällige Gemeinschaft von Einzelkämpfern, die kaum etwas voneinander wissen, ständig bedroht von Geldmangel, auch der Angst, sich diesen schönen Arbeitsplatz in der Nähe der Spree nicht mehr leisten zu können.

Auf ein gutes, neues Jahr, hätte ich beinahe gesagt, wirklich, ich fände den Jahreswechsel am 1. September passender als zu Silvester. Man könnte am Strand feiern und wäre nicht so erledigt von Weihnachten.

Einfach, unkompliziert, heiter und bald

Das Magazin - Logo

„Mit dem Sommerheft habt Ihr mich mitten ins Herz getroffen, diese Traumwelt…! Bei Kathrin Schrader fühlte ich mich ertappt und seelenverwandt – liegt das am Namen?…“ Kathrin Rochow, Darmstadt 

Jetzt gibt es ein neues Magazin, mit großartigen Texten von Judka Strittmatter, Maxi Leinkauf, Regina Scheer und vielen anderen…

© Illustration Liane Heinze

Einfach, unkompliziert, heiter und bald

Single-Frau trifft Single-Mann; beide haben ihre Obsession

Die Türen der U-Bahn schnappen zu. Das Spiel beginnt. Mit wenigen Blicken erfasse ich die Kandidaten im Wagon, vier, fünf übermüdete Männer, die sich gleichgültig dem Rhythmus der Metro überlassen. Keine schönen Männer. Männer, denen das Leben übel mitspielt, die erst in den Morgenstunden vor dem Fernseher oder neben einer Frau in den erlösenden Schlaf fallen, Männer, die ins Waschbecken pinkeln und sich selten die Zähne putzen.

Nicht immer entscheide ich mich für den unattraktivsten, möglicherweise aber für den, der mich am wenigsten reizt. Es verblüfft mich, Männer zu sehen, von denen nicht die geringste Provokation, kein bisschen Sex, ausgeht.

Jeden Morgen geschieht das Gleiche. Wir beide sind die einzigen Überlebenden des Endes der Welt. Nachdem ich tagelang durch eine verlassene Landschaft geirrt bin, treffe ich ihn. Heute ist es der Mann mit dem geordnet-ernsten Blick und den dünnen Lippen aus der Sitzreihe gegenüber. Seine Brillengläser sind schmal wie die Standart-Versionen von Excel-Zellen. Er trägt spitz nach oben gegeelte Ponyfransen und ein graues Sweatshirt mit ausgebeulten Taschen.

Eines Abends entdecke ich seine gebeugte Silhouette am Horizont. Die Ponyfransen ragen in den Sonnenuntergang. Wir gehen aufeinander zu, betrachten uns misstrauisch. Er macht ein Feuer. Wir braten Fische und vermissen das Salz. Wir tauschen uns knapp darüber aus, was als nächstes zu tun ist. Dann finden wir kein Thema mehr. Logisch. Schon vor dem Ende der Welt hätten wir uns miteinander gelangweilt. Jetzt ist noch viel weniger los.

Ich beobachte den Kandidaten in der Sitzreihe gegenüber aus den Augenwinkeln. Er bemerkt es nicht, döst weiter vor sich hin. Nach wenigen Tagen kommt der Moment, auf den das quälende Spiel hinaus läuft. Wir müssen uns lieben, so verlangt es das Protokoll meiner selbstzerstörerischen Fantasie, denn wir sind ja der letzte Mann und die letzte Frau.

Warum teste ich täglich aufs Neue, ob ich jeden, wirklich jeden, lieben könnte? Manchmal, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe, wenn der Tunnel zu donnern beginnt und ein heftiger Wind dem Zug voraus eilt, hoffe ich, dass diesmal kein Kandidat in der Metro sein möge. Vergeblich. Ich fahre auf der falschen Linie.

Kaum draußen an der frischen Morgenluft, rollen attraktive Männer auf Treppen an mir vorüber. Sie stehen im Coffeeshop zum Greifen nah in der Schlange vor und hinter mir. Sie schlendern vorbei und flirten. Sobald Sonne und Wind mich streicheln, bin ich überzeugt, dass es einfach sein wird, unkompliziert, heiter und schon bald.

Meine Freundin Lilo sucht im Internet. Sie klickt sich durch lange Listen, in denen vom Betriebssystem über den Lieblings-Fernsehkoch, die stärksten und schwächsten Chakren bis zur bevorzugten Stellung alle Dinge des täglichen Lebens abgespeichert werden. Dann rechnet der Computer den passenden Mann für sie aus. Bisher hat er noch keinen Kandidaten für Lilo gefunden. Schon wieder dieses Wort: Kandidat. Ist es passend für einen Menschen, den man einmal lieben könnte? Oder bezeichnet es nicht eher Personen, die man im Arbeitsspeicher festhält und weiter sortiert und vergleicht?

Am nächsten Morgen klammert ein schlauchdünner Typ mit Augenschatten an der Haltestange neben der Tür. Ich berge ihn aus einem Trümmerhaufen. Meine Hände sind blutig, meine Schuhe aufgerieben an den Kanten der zerfetzten Steine. Er stützt sich auf mich. So wanken wir ohne ein Wort aus der Stadt. Draußen sinken wir auf eine Wiese. Er liegt auf mir. Er nimmt mir die Luft. Mein Herz rast. Ich gerate in Panik.

Die Psychologin lächelt übergewichtig von ihrem Thron herab, entspannt wie ein Buddha. „Sie sollten prüfen, ob Sie sich durch die Erwartungshaltung der Gesellschaft nicht zu stark belastet fühlen. Ihre Eltern, Kollegen und Freunde gehen davon aus, dass ihr Freund kultiviert und gebildet sein sollte. Aber vielleicht sind Ihnen andere Dinge wichtiger.“

„Welche Dinge?“

„Sexuelle Praktiken, Machtspiele und so weiter.“

„Das könnte ich alles anklicken: Hochschulabschluss, Interesse an Oper und Bondage, gern auch anal…“

Der Buddha gerät für einen Moment ins Wanken. „Und warum klicken Sie nicht?“

„Es ist mir unheimlich, wie ein Stück Pizza aus der Mikrowelle, das innen heiß, aber außen noch kalt ist. Die intimsten Dinge eines Menschen möchte ich nicht wissen, bevor ich ihn getroffen habe. Ich möchte mich von außen nach innen vorarbeiten.“

Als ich die Praxis verlasse, habe ich nicht einmal ein Pillenrezept gegen Zwangsvorstellungen. Solange ich ruhig schlafen kann, sieht die Psychologin keinen Handlungsbedarf.

In der Suppenbar beobachte ich die Leute um mich herum. Ihr Leben scheint völlig normal zu verlaufen. Oder sind es nur die Küchen-Geräusche und das kollektive Kratzen der Löffel auf dem Grund der Schalen, die diesen Eindruck erwecken?

Der Mann neben mir klemmt seit zehn Minuten hinter seiner Zeitung. Ich wollte da auch noch einen Blick rein werfen, bevor meine Pause zu Ende geht. Ich lasse mir mit der Süßkartoffel-Erdnuss-Suppe extra viel Zeit. Der ist bis zu den Knien in die Zeitung gehüllt. Nur einmal, als er umblättert, taucht strubbeliges, blondes Haar dahinter auf. Ich gehe zur Toilette. Er liest immer noch. Ich schreibe eine Karte an Lilo. Die Zeitung kann ich vergessen. Ich räume das Geschirr weg.

In dem Moment, als ich die Bar verlasse und einen Gruß über die Schulter werfe, geschieht es. Die Zeitung sinkt. Sein Gesicht schwebt wie los gelöst darüber. Er strahlt. Dieses Lächeln ist so weit. Es vereint jedes Dorf zwischen Cote d’Azur und Antarktis. Es führt die komplizierte klick-me-or-not-Welt der Singles ad absurdum. Ich sehe eine dunkel gerahmte Brille und eine weiße Zahnreihe. Ich hafte an diesem Gesicht, dessen Auftritt so kurios ist. Wie ein Feuerwerk, das zu früh zündet, schießt mein Lächeln in unbekannte Richtungen. Ich werde rot. Endlich fällt die Tür ins Schloss.

Das Rad meiner Fantasie schnurrt. Bis er die Zeitung zusammen gefaltet und aus der Hand gelegt hat, bis er die Karte an Lilo bemerkt, die ich auf dem Tisch liegen gelassen habe, in den Mantel fährt und mir nachläuft, habe ich mit ihm gekocht und gegessen, eine Nacht in seinen Armen verbracht und ihn im Literatur-Salon als meinen Begleiter vorgestellt.

Seine Mantelschöße wehen wie Tragflächen. Er schwenkt die Karte. „Oh, danke.“ Wir stehen uns gegenüber und lächeln, und können beide nicht damit aufhören. „Bist du morgen wieder hier?“ Er nickt.

„Dann, bis morgen.“

„Bis morgen.“

Ich gehe weiter, stolpere, schaue mich um, ob er es gesehen hat, aber er ist schon fort.

Nur er weiß, wie ich aussehe, wenn mir das Lächeln entgleitet. Ich selbst werde es nie sehen können. Eigentlich ungerecht. Auf den nächsten hundert Metern wälzen wir uns im warmen Sand am Meer. Am Abend im Hotelzimmer erzählen wir uns wieder einmal, wie wir uns kennen gelernt haben. Er sagt: „Ich vergesse nie dein Grinsen, als du die Bar betreten hast.“ Ich sage: „Das war, als ich gegangen bin.“ Er sagt: „Nein, du kamst herein.“ Es ist unser erster Streit.

Plötzlich, in der Drehtür zum Bürogebäude, attraktive Männer in den Glaskammern vor und hinter mir, aber sie sind mir jetzt gleichgültig, erinnere ich mich an den Eindruck, ich spiegele mich in ihm, vorhin auf der Straße. Als hätte ich etwas erkannt, das ich nicht mit Worten benennen kann, über mich. Im Licht durchfluteten Foyer bleibe ich stehen. Satte Leute schleppen sich an mir vorbei zu den Aufzügen und ich stehe in einem Sonnenfleck wie erleuchtet. Es geht nämlich gar nicht um Betriebssysteme, Köche und Chakren. Es geht darum, herauszufinden, wer man ist. Was nur zu zweit möglich ist. Indem man sich in dem anderen spiegelt. Diese Erkenntnis hebt mich an. He Leute, habt ihr das gewusst? möchte ich den verdauenden Menschen im Aufzug zurufen.

Am nächsten Tag löffeln wir unsere Brokkoli-Gorgonzola, als seien wir dazu bestimmt, miteinander Suppe zu essen. Täglich. Wir reden wenig. Ich zwinge mich, meine Erwartungen zu dämpfen. Kann ein Single so unbefangen lächeln? Ist er nicht auf der sicheren Seite? Ich wage nicht zu fragen.

„Noch einen Kaffee?“ Meine Pause ist um. Trotzdem ja. Ich erzähle ihm von meinen U-Bahn-Fantasien. Er klebt an meinen Lippen wie ein kleiner Junge an einem Spielzeugautomaten. Schließlich sagt er: „Ich erlebe etwas ähnliches. In unser Museum kommen manchmal Schulklassen. Die Mädchen wissen nicht, dass ich von der Weltraumbehörde beauftragt bin, mit einer Frau meiner Wahl den Planeten Umathar im Sonnensystem Alpha Maioris zu bevölkern. Ich kann mich zwischen den Mädchen nicht entscheiden. Sie gefallen mir alle nicht. Die Weltraumbehörde droht, den Auftrag an einen anderen Wissenschaftler zu vergeben.“

„Das ist doch…das hast du dir eben ausgedacht. Du machst dich über mich lustig.“

Er legt die rechte Hand aufs Herz. „Aber nein. Ich schwöre. Das… das…kann man sich doch nicht ausdenken.“

Schon wieder breitet sich mein Grinsen wie Wildwuchs aus. Wenn das wahr ist? Ich danke Umathar, der seine Bahnen um Alpha Maioris zieht und für immer und alle Ewigkeiten unbewohnt bleiben wird, weil ich nun weiß, dass er ein emotional ausgehungerter Single ist wie ich.

„Diese Fantasie habe ich oft“, sagt er euphorisch. „Manchmal auch draußen auf der Straße, wenn eine Gruppe durchschnittlicher Frauen auf mich zukommt.“

„Kandidatinnen“, sage ich. Ich nippe an meinem Kaffee und stelle mir vor, wie schrecklich es wäre, eine seiner Kandidatinnen zu sein.

„Was hältst du davon, wenn wir diese Aufbruchs – und Endzeitpläne etwas zurückstellen?“, fragt er.

„An welchen Zeitraum denkst du?“

„Sagen wir…“ Er greift nach der Karte. „…Bis zur Möhren-Mango. Ist morgen im Angebot.“ Er klappt die Karte zusammen.

„Wenn es mir morgen früh in der U-Bahn gelingt, keinen Kandidaten zu wählen, dann…“

„…dann versuchen wir es ab morgen vorläufig für immer.“ Er blickt ernst. Seine Augen sind blaugrau. Um seine Mundwinkel zuckt ein Schmunzeln. Er macht sich über mich lustig. Der Kaffee knirscht in meiner Kehle. Ich werde rot.

„…dann bleibt es mir zukünftig erspart, eine Viertelstunde eher aufzustehen und statt der U-Bahn das Fahrrad zu nehmen, wollte ich sagen.“

„Ich empfehle mich als wirksame Therapie gegen Radtouren.“ Er deutet einen Diener an. Das strubbelige Geflecht seiner Haare ist dicht. Ich habe Lust, hinein zu greifen.

„Danke.“

„Keine Ursache.“

„Und du?“, frage ich.

„Ich schaffe das schon“, sagt er. „Bei mir ist alles noch frisch. Kein Zwang. Ich bin erst vor zwei Monaten von der Weltraumbehörde ausgewählt worden.“

„Das tut mir leid.“

„Es geht schon. Tut nicht mehr weh.“ Er trommelt mit seinen Fingern auf den Tisch.

Ich habe meine Mittagspause gigantisch überzogen. „Ich muss los.“

„Ich habe noch Zeit bis zur nächsten Führung“, sagt er.

„Klärst du das mit der Weltraumbehörde heute schon?“, frage ich.

„Sofort“, sagt er.

„Na dann…“

„Hast du auch nichts vergessen?“ Er schaut unter den Tisch.

„Und wenn schon“, sage ich.

Er hält mir die Tür auf. Mein Lächeln spiegelt sich in seinen Augen, noch unsicher, ob es so einfach, unkompliziert und heiter sein kann. Und schon jetzt.