Kathrins Notiz-Blog 21. Oktober 09

© Illustration Liane Heinze

Leon tanzt nicht. „Komm!“ Ich nahm seine Hände, wollte ihn auf die Tanzfläche ziehen. Er schüttelte mich ab wie ein Insekt.

Mein Freund Bertram hatte den Club an seinem Geburtstag gemietet. Zwei georgische Jungs mit glatt gescheitelten, glänzenden Haar, wie Zwillinge in weißen Hemden und schwarzen Hosen, legten auf. Keiner von uns war in der Lage, bei dieser Musik sitzen zu bleiben. Leon blieb als einziger an der verlassenen Tafel zurück. Farbige Lichter tupften die Tanzfläche. Ludwig, Bertrams Lebensgefährte, warf die Beine wie ein Kosak abwechselnd in die Luft. Es sah angestrengt aus. Sein Hemd klebte am Rücken. Ich hatte ihn noch niemals so ausgelassen erlebt. Ludwig treibt die Langeweile von Geburtstagsgesellschaften gewöhnlich auf die Spitze. Letztes Jahr hatte er aus einem längst vergessenen Roman eines unbekannten russischen Dichters vorgelesen. Er hatte das Buch hinter dem Heizungsrohr in seiner Bibliothek gefunden.

Die beiden DJs stiegen auf den Tisch. Neben dem Mischpult präsentierten sie ihre blank geputzten, spitzen Schuhe. Ich schaute zu Leon. Er sah alt aus. Ich ekelte mich vor seinem Mund, der in Abscheu erstarrt war. Aber ich konnte nicht verhindern, dass ich uns plötzlich mit seinen Augen sah. Die wippenden Brüste der Mädchen fand ich peinlich, lächerlich, wie Bertram vor Ludwig auf den Knien rutschte, der verkrampft die Beine hoch riss, während ihm der Schweiß aus den Haaren lief.

„Er ist nicht gut für dich“, sagte Jolanda heute Morgen in der Küche, als Leon gerade raus gegangen war, um Croissants zu kaufen. „Du bist mies drauf.“ Jolandas Haare waren noch strubblig von der Nacht. Um die Schultern trug sie das bunte Fransentuch, das ich auch schon getragen hatte, Mitte der Achtziger. Ein Freund aus Westberlin hatte es gestrickt, damals, als alle strickten, als es schick war, bei Freunden seine Wolle auszupacken und Tee auf dem Fußboden zu trinken.

„Er ist unbequem. Ich liebe Herausforderungen“, sagte ich. Ich setzte mich auf die Ofenbank am Fenster und mahlte die Kaffeebohnen. Ich war müde. „Ich habe viel durch ihn gelernt.“

„Was denn?“, fragte Jolanda.

„Über Häuser aus Pappe.“

„Und?“, fragte Jolanda.

„Ein Haus aus Pappe ist…“

„Was?“

„Es ist…nicht mehr da, es kann in einem Fluss davon treiben, der Wind kann es nehmen, und zurück bleiben nur ein paar Pusteblumen, es hatte keinen Keller, keinen Boden, kein böses Geheimnis. Ich glaube, Leon ist wie dieses Haus, er ist einfach, ehrlich, er kann sich nicht verstellen, nicht anpassen, nicht lügen. Er ist wie er ist.“

Kathrins Notiz-Blog 26. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Wir sind nicht nach Sopot gefahren. Wir sind nach Berlin zurückgekehrt. Ich sitze in der Küche, Jolanda ist gerade zur Schule gegangen. Ich habe mich entschlossen, heute zu Hause zu bleiben und Worte zu finden für das, was in den letzten Tagen geschehen ist.

Wir haben den Jäger noch einmal gesehen. Am nächsten Morgen war er wieder auf seinem Hof. Bevor er sich umbrachte, hat er uns Geld für neue Reifen gegeben. Danach musste ich für zwei Tage ins Krankenhaus. Die Ärzte waren der Meinung, ich stünde unter Schock, aber das stimmte nicht. Natürlich ist es schockierend dabei zuzusehen, wie jemand sich erschießt, vergleichbar mit der Ohnmacht, die man empfindet, wenn auf der Gegenspur ein zerknülltes Auto liegt und man sich zwangsweise die Menschen vorstellt, die darin saßen, Menschen, die es nun nicht mehr gibt, von einer Sekunde zur anderen. Aber die Traurigkeit und die Schuldgefühle kamen später.

Der Jäger hatte am Küchentisch gesessen, als wir eingetreten waren, der kleine, müde Polizist, Leon und ich. Der Hase war verschwunden. Der Jäger hielt den Kopf so tief gesenkt, dass sein Gesicht unter der Mütze aus Tweed verschwunden war. Die Mütze zuckte. Seine Schultern zuckten. Er weinte. Auf dem Tisch lagen Geldscheine. Ich erinnere mich, dass ich Leons Hand nahm, dass sie kühl war und dass er ebenso überrascht wie vor einigen Wochen, als ich ihn nach unserer ersten Nacht in den Nacken geküsst hatte, fragte: „Was ist?“

Ich hatte Leons Hand los gelassen und war einen kleinen Schritt auf den Jäger zugegangen. Ein Impuls trieb mich, ihn zu berühren, aber dann erschien es mir unpassend, und ich blieb in seiner Nähe stehen. Auf dem Küchenbuffet stand ein Transistorradio. Es steckte in einer Hülle aus grünem Leder. Frank Sinatra sang: „It was a very good year“. Ich fragte: „Haben Sie Kinder?“ Unter der Mütze tauchte sein Gesicht auf. Ich erinnere mich an das intensive Blau der Augen. Sie funkelten aus einer schwindelerregenden Tiefe hinter den Wangenknochen hervor. Der Mund war schwarz, als hätte man Erde hinein gestopft. Er murmelte: „Sie kommen nicht mehr.“ Er hatte getrunken. Ich sagte: „Wie alt sind ihre Kinder?“ und ich sah noch, dass der kleine, runde Polizist mich seltsam anschaute, und ich fürchtete, etwas Blödes gesagt zu haben. Danach explodierte alles. Das ist das Ende, dachte ich. Ich dachte an Jolanda. Ich war sicher, dass ich gleich sterben würde.

Kurz danach kamen sehr viele Menschen in der Küche des Jägers. Jemand legte mir eine Decke um die Schultern und führte mich zu einem Krankenwagen. Leon saß neben mir und hielt meine Hand. „Wie kommen wir jetzt nach Sopot?“, sagte ich. „Mach dir keine Sorgen“, sagte Leon. „Wir kommen schon dorthin.“

Am Nachmittag ließ er mich allein im Krankenhaus, weil er sich um das Auto kümmern musste. Ich wollte ihn begleiten, aber die Ärzte sagten, es wäre besser, wenn ich noch einen Tag bliebe. Ich sehnte mich nach Jolanda.

„Möchtest du nach Hause?“, fragte ich Leon.

Er sagte: „Ich habe kein Zuhause.“ Die Traurigkeit in seiner Stimme erschreckte mich. Er hockte auf meinem Bett, er lag halb auf dem Deckbett, betrachtete es und strich mit der flachen Hand darüber. Es war mir ja von Anfang an klar gewesen, dass die karg möblierte Wohnung nicht sein Zuhause ist, aber bisher hatte er wenigstens so getan. Ich sagte: „Ich dachte, du liebst mich.“

„Ich liebe dich“, sagte Leon.

„Wer liebt, hat ein Zuhause.“

Leon schüttelte den Kopf. Ich schaute aus dem Fenster und ich erinnere mich, dass ich erstaunt war, weil sich die Sträucher und Bäume seltsam langsam bewegten, wie in Zeitlupe. Ich hatte noch nie so langsame Bäume gesehen.

Kathrins Notiz-Blog 17. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Wir haben einen ganzen Nachmittag am Flussufer verbracht. Wir lagen auf den Kieseln am Ufer in der Sonne.

Die Bäume wurzeln unsicher am Fluss. Ihre Zweige schwanken auf den Wellen. Sie suchen Halt auf dem Wasser. Sie suchen Halt am Himmel. Sie suchen Halt aneinander. Sie haben nichts als ihr Holz. Die Schiffe ziehen vorüber. Als ich die Bäume am Fluss sah, wusste ich, dass wir weiter nach Leons Mutter suchen müssen.

Leon vergrub seine nackten Füße im Sand.

„Vielleicht ist sie bei Paul?“

Er schüttelte den Kopf. Eines war uns klar: Sie würde nie wieder zu dem Mann zurückkehren, der ein kleines, zähes Geräusch mit seinem Bart machte.

„Lass uns zur Ostsee fahren. Sie liebt das Meer“, sagte Leon.

Wir brachen sofort auf. Während Leon einen Wagen besorgte, rief ich Jolanda an. Sie kicherte. Jemand kitzelte sie, während sie telefonierte. Im Hintergrund krakeelten ihre Freunde. „Wir lernen.“ Sie gluckste.

„Ist ein Brief vom Arbeitsamt gekommen?“

„Ist mir nicht aufgefallen.“

„Was heißt ‚aufgefallen’? Etwas Unauffälligeres als einen Brief vom Arbeitsamt kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Unauffällig und  böse.“

Jolanda schnaufte. „Warte, ich schau in den Zeitungen nach.“

Ich hörte Papier rascheln und Musik. Plötzlich sehnte ich mich nach ihr. Es macht mich glücklich, wenn Jolanda kichert. Es ist kein Klein-Mädchen-Gegacker. Ihr Kichern hat Raum und Wärme. Wenn Jolanda kichert, muss ich immer an diese weichen, dunklen Gummitiere denken, die man zwischen den Zähnen halten und langziehen kann. Ihr Kichern macht süchtig.

„Keine Sorge. Nix gekommen.“

Wir fuhren mit offenem Dach zwischen Rapsfeldern hindurch. Der Wind peitschte die Haare gegen die Wangen. Leon steuerte den Wagen. Ich legte meine Hand in seinen Nacken. Wir sprachen nichts. Wir waren angekommen, auf dieser Fahrt, auf dieser Landstraße, auf dieser Suche.

Spät am Abend fanden wir ein Zimmer in einem Gehöft in einer kleinen Ortschaft. Auf dem Hof lebte ein Mann allein. Auf seinem Küchentisch lag ein toter Hase.

Er reichte uns den Schlüssel. Wir krochen in das kalte Bett. Leon zog meinen Po an seinen Bauch. Ich betrachtete die Sterne über der Halbgardine aus Spitze und wartete auf den Schlaf. Mein Herz pulste gegen das Laken.

Ich wollte schauen, was der Mann in der Küche machte und wand mich vorsichtig aus Leons Armen. Er war sofort wach, wie immer, wenn ich meinen Po von seinem Bauch löse. „Was ist?“

„Kann nicht schlafen.“ Ich öffnete die Zimmertür und blickte hinaus in den Hof. Alle Fenster waren dunkel. Hinter einem der vielen Fenster hockte der Mann, wahrscheinlich schlaflos. Der Hase auf dem Tisch kühlte indessen weiter aus.

„Jetzt kann ich auch nicht mehr schlafen“, jammerte Leon.

„Na komm, es wird gehen.“ Ich huschte zurück ins Bett, platzierte meinen Po wieder an der richtigen Stelle und wartete. Leon schnarchte leise.

„War sie Tänzerin?“, fragte ich.

„Sie war Hochseilartistin.“

„Im Zirkus?“

„Ja.“

„Sie hatte einen Wagen?“

„Schlaf jetzt.“

Kathrins Notiz-Blog 13. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Immer, wenn Jolanda und ich keine Lust zum kochen haben, gehen wir in den Orient-Tresen unten im Haus. Heute hatte ich mich mit Jolanda verabredet, weil wir uns in letzter Zeit so selten sehen. Ich weiß gar nicht mehr, was bei ihr los ist, wie es in der Schule läuft und ob sie Sören noch liebt. Nachmittags ist der Laden meist leer. Während ich auf sie wartete, plauderte ich mit dem Verkäufer über das Wetter. Der Verkäufer war erstaunt, dass ich „schon“ ein Kind habe, dabei kennt er Jolanda und mich, seit wir hier im Haus wohnen. Vielleicht hielt er uns bisher für Schwestern. Es kommt öfter vor, dass uns jemand für Schwestern hält.

Jolanda sieht mir ähnlich. Sie sagt, wir hätten wissende Steinkauz-Augen. Ich habe mir im Internet Steinkäuze angeschaut und kann das nicht bestätigen. Wenn Jolanda einen Raum betritt, greifen alle Anwesenden heimlich in ihre Taschen und prüfen, ob sie ihre Ausweise dabei haben. Jolanda schaut und bewegt sich schon jetzt wie eine Detektivin. Lautlos, aber extrem auffällig. Wenn sie einen Raum betritt, spürt man sofort ihre Spannung, ihren Konflikt, alles über die Anwesenden heraus finden zu wollen, ohne auch nur das geringste von sich selbst preiszugeben. Als Jolanda endlich kam und ihre Schultasche auf die Holzbank warf, glaubte der Kurde hinter dem Tresen nicht, dass sie meine Tochter ist. „Es ist wahr.“ Ich hob zum Schwur zwei Finger. Er wurde ernst. Er schüttelte den Kopf und wandte sich beleidigt ab. Wir hörten ihn in der Küche diskutieren. Dann kam sein Kollege nach vorn, um unsere Falafel aus dem Öl zu fischen.

„Vielleicht sollten wir in Zukunft überall sagen, dass wir Schwestern sind, damit niemand denkt, wir wollen ihn auf den Arm nehmen.“

„Kein Problem“, sagte Jolanda.

Sie wies mich darauf hin, dass sie gleich mit Sören im Milchgesicht zum Lernen verabredet wäre. Es bedeutete, dass ich mich kurz fassen sollte.

„Warum bist du schon wieder so ungeduldig? Ich wollte nur hören, wie es dir geht und dir sagen, dass ich für ein paar Tage mit Leon verreise.“

Jolanda blitzte vor Begeisterung über den Rand des Fladenbrotes.

„Kann ich mich auf dich verlassen?“

Sie verdrehte die Augen. „Nein, ich mache mir noch in die Hosen.“

„Du müsstest mich sofort anrufen, falls ein Brief vom Jobcenter kommt.“

„Kein Problem.“

Es schien Jolanda nicht zu interessieren, wohin wir fahren, wie weit ich mich von Zuhause entfernen würde, das heißt, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass ich unverhofft wieder auftauchte. „Wir besuchen Leons Mutter“, sagte ich.

„Schön.“

„Sie lebt in in Polen, in einer kleinen Stadt nicht weit von Torun.“

Jolanda nickte. „Mach dir keine Sorgen. Ich halte hier die Stellung.“ Sie mampfte ihre Falafel und hielt die Kurden in der Küche im Auge.

„Findest du es beleidigend, wenn jemand sagt: Ich verstehe dich?“

„Hä?“

„Ich meine, kannst du dir vorstellen, dass jemand gar nicht W I L L, dass ein anderer ihn versteht?“

Jolanda ließ das Fladenbrot sinken. Sie starrte in den Raum. Ihr Mund stand offen. „Wir sagen doch andauernd: Verstehe. Verstehe. Das ist genauso eine Floskel wie die Frage: Wie gehts? obwohl uns das gar nicht interessiert. Natürlich verstehen wir gar nichts, da können wir hundertmal sagen: Verstehe. Wenn Leon seinen Schmerz ernst nimmt, geht ihm das auf die Nerven, klar.“

„Ich sage nicht andauernd: Verstehe! Verstehe! Ich habe gesagt: ‚Ich verstehe dich‘, und ich verstand ihn in diesem Moment wirklich.“
„Dann glaubt er dir eben nicht. Kann ich verstehen.“
„Wieso?“
„Weil es Dinge gibt, die du nicht verstehst.“

Ich hatte in diesem Moment keine Lust auf eine kritische Analyse meiner Erziehung. Zu diesem Zweck hat sie mit ihren Freundinnen eine Art Geheimbund gegründet. Was dort geschieht, weiß ich nicht so genau, außer, dass sie süße, alkoholfreie Cocktails saugen, und Schritt für Schritt ihre Kindheit aufarbeiten, indem sie die Fehler ihrer Eltern auswerten.

Kathrins Notiz-Blog 6. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Gestern erzählte Leon, dass er in einem Haus aus Pappe geboren wurde, am Rand einer unbedeutenden Stadt. Dort hatte er mit seiner Mutter und seinem Bruder Paul gewohnt. Wenn die Kinder in der Schule Leon oder Paul kommen sahen, spotteten sie: ‚In meim Salon im Karton wächst der Schwomm.’

Leon hatte sich geschworen, das Haus aus Pappe und die unbedeutende Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Mit sechzehn Jahren gründete er die Band Blamage. So hatte er begonnen, seine Flucht vorzubereiten. Blamage zog übers Land. Eines Tages waren sie nach Berlin gekommen. Leon gefiel es hier. „Das Publikum war neugieriger, offener.“ Er hatte die Jungs und die Sängerin von Blamage überreden können zu bleiben. Leon war noch nicht volljährig, als er eine Arbeit als Koch fand. Allerdings kochte er selten. Die meiste Zeit spülte er Geschirr. Leon schrieb seiner Mutter einen Brief. Er lud sie nach Berlin ein. Sie hörte ihren Sohn in den Clubs spielen, reiste aber bald wieder ab. Sie fand seine Musik zum Tanzen nicht geeignet.

„Wann spielst du für mich?“, fragte ich.

„Gleich“, sagte Leon. Es klang müde. Er hatte sich auf den Dielen neben dem Schlagzeug lang gemacht.

„Ich würde das Haus aus Pappe gern sehen“, sagte ich.

„Es steht nicht mehr“, sagte Leon. „Sie haben es weg gerissen und einen Parkplatz dorthin gebaut, und Plattenbauten.“

„Schade. Und deine Mutter? Und Paul?“

„Meine Mutter lebt noch dort, in einem Plattenbau. Paul ist auch weggegangen. Alles hat sich verändert. Meine Kindheit wurde platt gemacht.“

„Niemand kann dir die Kindheit nehmen. Sie ist da. Du hast sie erlebt. Sie ist in dir drinnen. Und du teilst die Erinnerungen mit Paul und deiner Mutter.“

„Du weißt nicht, wie es ist, in einem Haus aus Pappe zu leben“, sagte Leon. „Man erinnert sich nicht gern.“

Ich wusste nicht zu antworten. Ich verstand jetzt Leons Unsicherheit, sein Gefühl, nirgendwohin zu gehören. „Ich habe in einem Haus aus Stein gelebt, aber denk nicht, dass das immer einfach war. Trotzdem: Ich kann verstehen, dass die Erinnerung dich nicht nur glücklich macht, dass du manchmal traurig und wütend bist und dich benachteiligt fühlst. Ich kann das verstehen.“

„Du kannst es nicht verstehen. Du hast nichts erlebt. Du weißt nichts“, sagte Leon. Getroffen! Die Kugel durchbohrte meinen Magen. Ich habe mir niemals ein einfaches Leben gewünscht. Ich habe immer nur eins gewollt: Das Leben kennenlernen. Die Dinge verstehen.
Ich schnappte meine Tasche und ließ ihn da unten neben seinen Trommeln liegen. „Lass mich in Ruhe, ja.  Ich habe keine Lust auf dein beschissenes trauriges Papp-Dasein und deine Schulden.“ Weg war ich.

Ich war froh, dass Jolanda nicht zu Hause war, dass niemand Fragen stellte und alles vorbei war. Von der Straße wehte Lärm aus den Restaurants und Bars. Ich brauche diesen Lärm, ich habe ihn nie so sehr gebraucht wie gestern Abend. Ich brauchte den Sommer, die Hitze und die Leute auf der Straße, die vor Fröhlichkeit kreischten. Ich hatte genug von Leons Schwermut.

Spät in der Nacht rief Jolanda aus dem Ausland an, um mir zu sagen, dass sie bei Sören übernachtet. Sie fragte, ob ich allein bin. „Der erste Streit?“

„Es geht nicht“, sagte ich.

„Verstehe“, sagte sie. „Bleib entspannt.“

Leon klingelte gegen vier. Ich zuckerte ihm die letzten Erdbeeren. Er aß sie mit den Fingern. Im Stehen.

„Liebst du mich?“, fragte Leon.

Ich nickte, aber ich schaute ihn nicht an dabei.

„Glaubst du, dass wir es schaffen, respektvoll miteinander umzugehen?“ Er nahm meine Hand und streichelte sie und machte sie ganz klebrig. Ich nickte wieder. „Bitte sag nie mehr, du könntest mich verstehen. Das ist wie eine Beleidigung, weil du mich nicht verstehen kannst. Es ist eine Lüge.“