Kathrins Notiz-Blog 23. Juni 11

© Illustration Liane Heinze

Leon hat Witterung mit der Assamblea aufgenommen. Er trabt am Rand der Versammlung auf und ab. Er pappt seine Locken in die Stirn, unentschlossen, ob er die diskutierenden Dreißigjährigen revolutionär oder einfach nur übermütig finden soll.

Als wir abends auf der Werkbank in der Garage eine Pizza aus der Schachtel knabberten, schaute er plötzlich auf und sah mich an: „Ich bin alt. Ich bin nichts Besonderes.“ Es war ein schmerzvolles Bekenntnis, als würde er sagen, dass er soeben Gift genommen hat. Die vorstehenden Augen, die der Fahrtwind im Laufe der Jahre immer weiter aus dem schmalen Gesicht getrieben hatte, sackten nach unten. Sein Mund hing wie ein blasser Faden im Gestrüpp seines Kinns. Ich begann zu reden. Ich redete und redete. Das Gespenst musste fort. Ich konnte jetzt nicht nachdenken. Ich handelte. Ich redete. Ich sagte: „Das ist nicht wahr. Du bist besonders. Du hast jeden Tag zehn neue Ideen. Du hast innerhalb eines Jahres ein Geschäft entwickelt. Du bist der beharrlichste, begeisterungsfähigste und passionierteste Mensch, den ich kenne.“ Vincent saß wie versteinert. „Du hast dich überarbeitet, daher die Depressionen.“ Er hörte mich nicht.

„Du brauchst einen anderen Mann, einen Künstler, einen Intellektuellen“, sagte er.

„Du bist ein Künstler. Du hast in einem Baum gelebt. Du hast unvergleichliche Erfahrungen. Du hast Zugang zu deinen Instinkten. Du bist Musiker.“

„Ich weiß, ich bin eine Art Haustier“, sagte Leon.

„Wie großmütig, Platz für einen anderen zu machen, der besser zu mir passt! Dann geh doch. Hau ab!“ Ich wischte die Pizzaschachtel mit der flachen Hand von der Werkbank. Sie zerbröckelte auf dem Boden. Ich flüchtete ins Haus. Die Wohnung schien mir klein und elend, ich musste raus, weit weg. Ich stürmte die Treppe hinunter. Ohne über mein Ziel nachzudenken, riss ich das Fahrrad aus dem Ständer und fuhr los. Nach einer halben Stunde kam ich auf dem Bahnhof Lichtenberg an. Wie von selbst hatte ich diese Richtung eingeschlagen. Es ging auf acht. Bis zum nächsten Zug nach Kostrzyn waren noch zwanzig Minuten Zeit. Ich kaufte Gummibärchen und aß wie besessen, während ich nachdachte und mir die Begegnung mit Koljas Mutter vorstellte.

Um diese Zeit war der Zug fast leer. Ich fiel aus der Zeit, spürte die Länge der Fahrt nicht, kann mich kaum erinnern, wie ich aus dem Zug und auf das Fahrrad stieg. Erst, als ich vor dem Haus stand, fand ich zurück in die Gegenwart.

Im Wohnzimmer und in der Küche brannte Licht, aber es war niemand zu sehen. Aus dem Wohnzimmer rieselte Licht auf die Terrasse, auf der jetzt Gartenmöbel standen. An einem Spalier neben der Eingangstür neigten sich schwere Rosenblüten.

Ich nahm meinen Mut zusammen und klingelte am Gartentor. Zuerst war im Lichtrahmen der Tür nur die große, schlanke Silhouette von Koljas Mutter zu sehen. Sie trat heraus in den Garten. Sie lief in schmalen Schritten. Ihr Gang war trotz der flachen Sandalen elegant. Sie trug ein Umschlagtuch mit Fransen. Die Fransen pendelten leicht im Rhythmus ihrer Schritte. Ihr Gesicht löste sich aus dem Dunkel. Wie Scheinwerfer waren ihre neugierigen, dunklen Augen auf mich gerichtet. Das Haar trug sie extrem kurz geschnitten, wie, um den großen Augen noch mehr Platz zu lassen.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte ich. „Ich bin eine Kollegin von Kolja.“ Ich nannte meinen Namen.

„Ja?“ Sie öffnete das Gartentor und ließ mich nicht aus den Augen.

„Ich war den ganzen Tag hier unterwegs. Ich habe eine Radtour gemacht. Jetzt, auf dem Rückweg, dachte ich, dass Kolja mit seiner Frau und dem Baby vielleicht hier draußen ist. Ich dachte, ich klingle einfach mal. Hätte ja sein können, ist doch eine gute Umgebung kurz nach der Entbindung: grün und ruhig, erholsam. Es war nur eine Idee, entschuldigen Sie bitte.“

„Kommen Sie doch einen Moment herein“, bat Koljas Mutter.

„Nein, nein, danke, ich muss heute noch zurück nach Berlin und es ist schon spät.“

Sie schaute auf ihre kleine, rechteckige Armbanduhr. „Sie haben noch eine gute Stunde bis zum nächsten Zug.“

Ich hielt die Luft an. „Also gut.“

Ich lehnte mein Fahrrad an den Gartenzaun und folgte ihr über die Wiese ins Haus. Sofort, als ich es betrat, wärmte mich die Erinnerung an die drei Tage, die ich allein hier verbracht hatte.

„Möchten Sie einen Tee?“

„Gern.“

Es lief kein Fernseher und ich konnte keine Arbeit entdecken, bei der ich sie gestört hatte.
Sie nahm eine geblümte Kanne aus dem Küchenschrank und wählte Teebeutel aus einer alten Keksdose. Sie bewegte sich geschmeidig und selbstbewusst, mit der aufrechten, disziplinierten Haltung einer Tänzerin. Ich erkundigte mich nach dem Baby. Koljas Mutter ließ die Teekanne stehen und wandte sich mir zu. „Sie hat so ein ausdrucksstarkes Gesicht“, sagte sie. „Es steht schon so viel über sie darin geschrieben. Ich glaube, sie ist ein heiterer Mensch.“

„Wie Kolja“, sagte ich.

Das herzliche Lächeln ihrer Augen traf mich so unvermittelt stark, dass ich einen winzigen Moment lang daran zweifelte, aber ich musste ihr glauben. Nichts war künstlich an ihrem Ausdruck. Trotzdem fühlte ich mich wie auf einer Bühne. „Ja“, sagte sie. „Ella hat ganz bestimmt Koljas Witz.“ Sie goss den Tee auf. „Sie sind Architektin?“, fragte sie. Ich erzählte von dem Praktikum in Koljas Büro und von meinem Studium.

„Sie sind noch jung“, sagte sie.

„Zwei Jahre älter als Kolja,“ sagte ich.

„Das ist ja kaum zu glauben“, sagte sie temperamentvoll. „Dann haben Sie mit vierzig Jahren ein Studium angefangen. Das finde ich großartig.“ Ihre Natürlichkeit wirkte fein durchdacht. Sie war jemand, der nichts dem Zufall überließ, selbst unangemeldete Besuche.

Als wir uns gegenüber saßen – sie im Sessel, ich auf dem Sofa – schien es mir, als ob sie mich amüsiert betrachtete. „Ihr Haus hat sehr viel Charme“, sagte ich. „Kolja hat es uns einmal gezeigt, als wir einen Büroausflug zum See gemacht haben, im Winter. Er hat uns hier einen Kaffee gekocht.“ Hatte Kolja sich vor ihr über mich lustig gemacht?

Sie reichte mir die Teetasse und hüllte sich ganz in das wollene Umschlagtuch mit den langen Fransen. „Sie haben einen sehr wichtigen Beruf gewählt“, sagte sie und blickte ernsthaft wie eine Lehrerin. „Sie arbeiten ja nicht nur mit Wohnungen, sondern auch mit Menschen, nicht wahr? Sie vertrauen sich Ihnen an. Sie vertrauen Ihnen ihre Wohnungen an. Die Gestaltung einer Wohnung ist doch essentiell wichtig. Sicher erfahren Sie bei dieser Arbeit viel über Menschen.“

„Gewissermaßen bin ich eine Schneiderin für die dritte Haut, die Wohnung, ja. Sie haben Recht, es sind die Menschen, die mich an dieser Arbeit am meisten interessieren.“ Ich staunte, mich das sagen zu hören, denn dieser Aspekt meiner Arbeit war mir noch nicht bewusst gewesen.

Ihre Nähe machte schwerelos. Schon war ich bereit, alles über Kolja und mich zu erzählen. Aber ich hielt mich zurück, erzählte von Jolanda, den Erdbeerfeldern und Leon.

„Sie werden ihren Weg gehen, weil sie ein offenes Herz haben“, sagte sie.

„Wie meinen Sie das?“

„Mit vierzig Jahren haben doch viele schon Vorurteile. Sie glauben, die ganze Welt zu kennen. Das macht die Leute alt. Aber Ihr Geist ist frisch. Sie wagen neue Wege. Sie glauben an sich.“

„Oh, nicht immer“, sagte ich.

„Zweifel sind auch wichtig. Ohne Unzufriedenheit kommen wir ja nicht weiter. Aber wenn die Unzufriedenheit dazu führt, dass wir an uns arbeiten, sollten wir uns glücklich schätzen.“

Ich blickte in meine Teetasse. „Kolja hat mir sehr geholfen“, sagte ich. „Vielleicht hätte ich nicht gewagt, das Studium zu beginnen, wenn ich ihn nicht getroffen hätte. Er hat mir Mut gemacht. Man braucht Leute, die einem Mut machen.“ Sie lehnte sich zufrieden in ihrem Sessel zurück. „Kolja bedeutet mir viel“, sagte ich. Sie blickte mich an. Ihre Augen scannten mich, fanden den wahren Grund meines Besuches.

Ich verabschiedete mich spät. Ich musste den letzten Zug nach Berlin erreichen. Sie bot mir nicht an, bei sich zu übernachten. Sie sagte, sie würde sich freuen, mich wiederzusehen. Ich hatte erwartet, dass sie mich umarmt, aber sie blieb distinguiert, eine Dame, die ihre Herzlichkeit dosiert einsetzte.

„Bitte grüßen Sie Kolja“, sagte ich.

Immer noch schwerelos, flog ich im Mondlicht über das grobe Pflaster der Landstraße zurück zum Bahnhof. Ich spürte nicht, dass ich fror. Wieder fiel ich aus der Zeit. Der Zug rauschte langsam durch das Land. In Berlin fand ich zurück in die Nacht, fragte mich, ob Leon auf mich gewartet hatte. Ach Worte! Warum hatte ich ihn nicht in den Arm genommen und seinen Mund wieder weich geküsst? Die Stadt war lauwarm und laut und staubig. Leon schlief. Das Mondlicht funkelte in unserem Wandschirm. Ich zog mich schnell aus, schlüpfte ins Bett drückte mich dicht an ihn.

Kathrins Notiz-Blog 14. Juni 11

© Illustration Liane Heinze

Ich mag die Worte RICHTIG und FALSCH nicht, aber wenn ein Mensch geboren wird, darf man nicht traurig sein. Es ist falsch. Es ist schief. Kolja soll es nicht spüren. Er strahlt am Telefon. Seine Tochter heißt Ella. „Sie sieht mir ähnlich“, sagt er stolz und jetzt muss ich sogar grinsen, schadenfroh, weil ich mich an Jolandas Geburt erinnere. „Das wird sich ändern“, sage ich.

Ich suche einen Platz für meine Traurigkeit. Vielleicht wäre alles nicht so schlimm, wenn ich nicht entdeckt hätte, dass auch Leon in Verviers ein zweites Leben führt. Vielleicht ist es sogar sein wahres Leben und ich erfülle hier nur noch die Funktion einer Basis-Station.

Auf den Stufen des Alten Museum treffe ich auf die spanische Versammlung der Demonstranten gegen den Ausverkauf Europas, die Assamblea. Ich setze mich zu ihnen, lausche den Reden, lasse sie mir übersetzen. Statt zu klatschen, wedeln die Mitglieder der Assamblea schnell mit den Händen. Die Rede ist von einfachen Dingen. Ein junger Mann sagt, dass es in dieser Diktatur des Geldes nicht mehr möglich sei, das zu leben, was uns in unserem Menschsein ausmacht, unsere Individualität, Schwachheiten, Nachdenklichkeit und die Fähigkeit zu träumen. „Wir möchten eine Zukunft in Frieden“, sagt eine junge Frau. „Wir möchten genügend zu essen haben, arbeiten und tanzen und Kinder haben.“ Ich wedele mit den Händen. Ein Mann aus Griechenland erzählt von den brutalen Übergriffen der Polizei in Athen. Er sagt, die griechische Polizei sei die grausamste des Kontinents. Kranke Migranten trauten sich nicht in medizinische Behandlung, aus Angst davor, aus dem Land verjagt zu werden. Eine amerikanische Touristin erzählt von den Demonstrationen in den Staaten. Händewedeln.

Es ist warm und lange hell. Die Assamblea endet erst mit Einbruch der Dunkelheit. Zieht ein Gewitterregen auf, flüchten wir unter das Vordach des Museums. Zwischen den antiken Säulen wird weiter über den Zustand und die Zukunft Europas geredet. Ich setze mich zu Füßen einer Säule und blicke über den Lustgarten. Ich denke an Ella und meine Traurigkeit wird süß wie eine überreife Erdbeere.

Kathrins Notiz-Blog 12. Mai 2011

© Illustration Liane Heinze

Nachdem Kolja gegangen war, spürte ich eine schmerzhafte Sehnsucht nach Leon, kein schlechtes Gewissen, aber den Wunsch, mit ihm zu sein, weil er niemals ging, sondern jeden Abend anrief, egal, ob er in Amsterdam war oder in Brüssel oder in irgendeinem belgischen Dorf. Weil er mich brauchte. Ich rief Leon an. Er war nicht mehr in Amsterdam. Er war weiter gefahren, nach Verviers.

Eine ganze Nacht lang war ich unterwegs, bevor der Zug morgens durch eine enge Felsenschlucht und wenig später in dem kleinen, quirligen Bahnhof von Verviers einfuhr. Leon auf dem Bahnsteig hatte Ringe unter den Augen. Sein Hemd war schief geknöpft. Ich musste auf der Plattform des Zuges warten, denn eine starke, in ein safrangelbes Gewand gewickelte Frau brauchte fast den gesamten Aufenthalt des Zuges, um Lederkoffer und karierte Gepäckbeutel aus dem Zug zu reichen, ein riesiger Berg an Gepäck. Ihr Mann auf dem Bahnsteig nahm sie entgegen und baute den Berg draußen wieder auf. Daneben warteten ihre Kinder. Ich überlegte, ob ich die Frau um den Mann, die Kinder und das Gepäck, um diese Fülle von Leben, an der sie schleppte, beneidete.

Leon pappte die Locken in die Stirn, küsste mich fahrig und zog mich rasch hinter sich her. „So!“, sagte er vor dem Bahnhof und räusperte sich mehrmals nervös. Das erste Mal reiste ich zu ihm, wenige Stunden nachdem ich mit Kolja geschlafen hatte, doch sofort übernahm er unseren gewohnten Rhythmus. Leon schien die Veränderung an mir nicht wahrzunehmen.

Wir erreichten ein kleines Hotel an einem belebten Boulevard. Die Dame an der Rezeption lächelte Leon freundlich an. Sie begrüßte ihn schon von weitem mit Namen. Das Gesicht unter der gelackten Frisur bekam einen warmen Ausdruck, als empfange sie in ihrem Reihenhäuschen zu Weihnachten einen lieben Gast. Sie löste sich schlank von der Wand am Tresen und reichte Leon den Schlüssel, ohne mich anzuschauen. Leon erwiderte ihre Freundlichkeit nicht. Er nahm den Schlüssel und zog mich hastig weiter zum Aufzug.

Ich stellte meine Tasche im Zimmer ab. Die Sonne war verschwunden. Die Gardinen erzeugten ein kalkiges Licht im Raum. Ein herannahendes Gewitter verdichtete die Luft.

Leons Hand fühlte sich schwer und warm an. Ich legte sie an meine Wange. „Was ist?“, flüsterte er. Ich schüttelte den Kopf. „Gar nichts.“ Er setzte sich auf die Bettkante und schaute mich endlich an. Seine Hände lagen auf meinem Po, aber er hielt die Distanz und betrachtete mich weiter. Jetzt fiel ihm auf, dass ich verändert war. „Du siehst müde aus“, sagte er. „Steht dir gut, diese Erschöpfung.“ Es war aber nicht die Erschöpfung, sondern die wieder gewonnene Fähigkeit, in alle Himmelsrichtungen zu denken.

Ich begleitete ihn zu einem Fahrradhändler auf ein kleines Dorf. Während die Männer arbeiteten, lag ich draußen auf der Wiese und versuchte, Jun’ichiro Tanizakis „Lob des Schattens“ weiter zu lesen. Immer wieder schweiften meine Augen in der schwülen Wärme ab, durch einen Wald aus Grashalmen und Gänseblümchen blickte ich auf den grauen Putz des Hauses hinter der verlassenenen Dorfstraße. Ich dachte an die Frau am Tresen. Immer wieder lief der Film ihrer rätselhaften Freundlichkeit bei unserer Ankunft im Hotel vor meinen Augen ab und wie Leon ihr auswich. Ich war sicher, dass er nichts mit ihr hatte und dennoch eifersüchtig.

Am Abend spazierten den Boulevard hinauf. Wir gingen in ein kleines, orientalisch eingerichtetes Bistro, das Pommes Frites in zirka vierhundert Variationen anbot. Während wir die Pommes aßen, lief im Radio eine Ostermesse. Leon begann, auf die Heuchelei des Papstes zu schimpfen, der immer noch Kondome verbot. Die Pommesbäcker hinter dem Tresen gaben ihm Recht. Man wisse ja, dass die Ringe der Kinderschänder bis in den Vatikan reichen, murmelte ein rothaariger, blasser Mann in den Fünfzigern neben uns in seinen heißen Frittenberg. Die Polizei sei bestochen, sonst würde man die Verbrecher doch endlich finden, rief ein kleiner, kugliger Mann aus der Ecke. Es habe doch schon so viele gegeben, die denen auf der Spur gewesen seien. Schließlich mischten sich alle in das Gespräch. Katholische und muslimische Belgier schimpften gemeinsam mit Leon auf den Papst. Draußen begann es heftig zu regnen. Der Regen trommelte auf die Markise. Autoreifen schmatzen hell über den Asphalt. Das Bistro verwandelte sich in eine helle, von den Frittiermaschinen aufgewärmte Insel.

„Habe ich es dir nicht gesagt?“ Leon tänzelte mit einer Zeitung auf dem Kopf die Straße hinab. Er hatte mir sein Jackett gegen die kühle Regenluft gegeben. „So etwas wirst du in Berlin nie erleben.“ Ich wusste jetzt, warum ich auf die Frau am Tresen eifersüchtig war. Die Atmosphäre dieser Stadt passte Leon wie angegossen. Klatschnass kamen wir im Hotel an und krochen unter die heiße Dusche. Ich fürchtete, dass das Neonlicht im Badezimmer mich bloß stellen, dass Leon jetzt sehen würde, was geschehen war, aber er dampfte und stöhnte, seifte und schrubbte an sich und mir herum, eine Tortur, die jede Spur verwischte. Niemals würde ich ihn überrachen können. Er war der launenhaftere von uns.

Kathrins Notiz-Blog 2. März 11

© Illustration Liane Heinze

Ich bin danach noch in dem Haus geblieben. Kolja fuhr zurück nach Berlin, zu seiner Frau.

Ich glaubte, dass Leon an meiner Stimme hört, dass etwas geschehen ist. Ich stand im Garten und blickte in einen Sternenhimmel, der so dicht und nah war, dass ich fürchtete, hineinzustürzen. Unmöglich, unter diesem Himmel zu stehen und ihm nicht von den Sternen zu erzählen. Ich ging ins Haus und schloss die Terrassentür.

Leon erkundigte sich nach der Post, nach Anrufen. Er fragte, ob ich das Paket geöffnet habe. Er erzählte von dem Fahrradhändler in der kleinen, belgischen Stadt, bei dem er schon vor einem halben Jahr so viele Dinge entdeckt hätte, und dass er wieder in dem extrem hellhörigen Hotel wohnte. Er sagte, ich müsse mir die Stadt unbedingt anschauen. Sie sei arm, aber viel lebendiger und temperamentvoller als Berlin. Und wärmer, besonders nachts. Er redete und redete. Er erzählte viel mehr als sonst. Wollte er verhindern, dass ich zu Wort kam, weil meine Stimme ihn beunruhigte? Ich würde ihn niemals im Stich lassen. Sein Kindheitshaus aus Pappe war zerstampft worden, während Kolja mir das Haus seiner Kindheit einfach so überlassen konnte, für zwei Tage, komplett, mit Kamin und Büchern und Wiese und Sternen. Es war eine große Ungerechtigkeit.

„Ich liebe dich“, sagte ich. „Wann kommst du?“ Er antwortete nicht.

Kathrins Notiz-Blog 23. September 10

© Illustration Liane Heinze

Leon hat mir den Rücken zugewandt. Es ist das erste Mal, dass er sich nachts von mir abwendet, statt wie gewohnt meinen Po an seinen Bauch zu ziehen und dann alle freien Stellen zwischen unseren Körpern luftdicht abzuschließen.

Ich bin aufgestanden, aber er ist davon nicht erwacht. Sonst spürte er sogar im Tiefschlaf, wenn ich versuchte, mich aus seiner Umarmung zu lösen. Er wurde unruhig, umklammerte mich, hielt sich an mir fest.

Es ist eine mondlose Nacht. Ich taste mich in die Küche, zum Fenster, schiebe mich auf dem Fensterbrett in den Rahmen, die nackten Sohlen gegen die Wand gepresst. Ich weine nicht. Ich war darauf gefasst. Aus unserer Beziehung ist endgültig die Luft raus. Leon hat mich vergessen. Er vergisst mich schon lange, beim Einkaufen. Er vergisst, mit mir zu kochen und wenn ich es allein tue, weil mein Magen weh tut und ich nicht länger warten kann, lässt er das Essen kalt werden. Er vergisst, dass ich studiere, Hausaufgaben habe, Pläne für meine Selbständigkeit mache. Er vergisst meinen Vorschlag, mal wieder in die Sauna zu gehen, jetzt, da der Sommer vorbei ist und es draußen kühler wird. Und nun hat er sogar meinen Po vergessen. Dieses Verschmelzen unserer Körper in der Dunkelheit war es, das mich bis jetzt gehalten hat. Ich will schon lange gehen, weil ich mich vergessen und verloren fühle, aber wenn ich nachts in seinen Armen daran denke, ist es, als ob mir jemand bei lebendigem Leib das Herz heraus reißt.

Ich taste mich zurück, lege mich wieder neben Leon, aber meine Gedanken werden nicht ruhig, sie wandern durch die Jahre mit ihm, suchen den Tag, an dem das Vergessen begann. Wieder stehe ich auf, schleiche zum Küchenfenster, blicke hinaus in den dunklen Garten.

Ich könnte morgen nach Jerichow fahren. Das ist schon lange mein Wunsch. Das hängt mit meinen Großeltern zusammen. Sie hießen wie die kleine Stadt in der Altmark: Jerichow. Opa und Oma Jerichow haben sich geliebt, ein ganzes Leben lang. Als ich klein war, lebten wir in einem Haus. Ruhige Tage, in denen mein Großvater pfeifend in Keller und Garten unterwegs war und die kleinen, harten Schritte meiner Großmutter, treppauf, treppab, den Rhythmus des Alltags bestimmten. Sie haben einander nie vergessen. Eines Nachts, viele Jahre nach dem Tod meines Großvaters, ich war inzwischen erwachsen, bin ich aus einem Club nach Hause gekommen und im Zimmer meiner Großmutter brannte noch Licht. Die Tür stand halb offen. Sie saß im warmen Licht der Schreibtischlampe an ihrem Sekretär und schrieb in ein kleines Buch. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf und sprach mit jemandem. Es musste mein Großvater sein. Ich sah es an ihrem gelösten, mädchenhaften Ausdruck. Wahrscheinlich saß er auf dem Klavierhocker an seinem Flügel. Ich konnte ihn nicht sehen, weil die Tür nur halb geöffnet war. Vor zwei Jahren ist auch Großmutter ihm an den unbekannten Ort gefolgt. In ihrem Sekretär fand ich einen ganzen Stapel der kleinen Liebeschroniken aus jenen Nächten. Ich bewahre sie in meinem Kleiderschrank auf.

Meine Großeltern waren nie in Jerichow. Der Ort hat sie nicht interessiert. Aber ich denke an sie, wenn ich diesen Namen höre. Er hat einen warmen Klang und eine satte, erdige Farbe. Namen verbinden. Sie hinterlassen Spuren und wecken Erinnerungen. Ich sehne mich nach etwas Vertrautem, einem Trost.

In der Morgendämmerung hole ich den karierten Wanderrucksack aus der Abstellkammer. Bald darauf erscheint Leon mit kleinen Augen. Er zerrt das T-Shirt über seinen Penis. Als hätte er vergessen, dass ich die Frau bin, die jede Nacht neben ihm liegt.

„Was ist denn los?“ fragt er.

„Ich fahre nach Jerichow“, sage ich.

„Ich komme mit“, sagt Leon. Zuerst will ich protestieren. Ich halte ihn für unwürdig, diesen Ort zu betreten. Er hat kein Recht auf Jerichow. Der Name gehört mir, meinen Großeltern, die einander nie vergessen haben. Aber dann denke ich, dass es doch schön wäre, noch eine gemeinsame Abschiedstour zu unternehmen.

Das Besondere an der Altmark ist der Horizont, eine leuchtende Linie, die über dem Land zu schweben scheint. Die Wolken hängen tief über den endlosen Wiesen. Die Elbe fließt träge und schwer in ihrem Bett. Schrebergärten, Kuhherden und Menschen schrumpfen in den Wiesen, aber alles, was sich über diesen Horizont erhebt, wirkt stark: Die Windräder und Greifvögel, eine Brücke und die Türme des still gelegten Kraftwerks. Wir wedeln auf unseren Rädern dicht hintereinander, bleiben manchmal stehen, um zu schauen und sprechen kaum. Wenn Leon mich vergisst, schreie ich gegen den starken Wind, aber kurz vor Tangermünde reicht meine Kraft zum Rufen nicht mehr aus. Die Entfernung zwischen uns wächst. Wir verlieren uns.

Ich fahre allein durch die kleinen Straßen von Tangermünde, halte Ausschau nach Leon, aber er ist nicht da. Am Marktplatz kaufe ich ein Caramel-Eis und radele weiter, bis sich vor mir wieder der Horizont ausbreitet. Die zwei spitzen Türme der romanischen Kirche von Jerichow ragen im Dunst darüber hinaus. Ich lehne mein Fahrrad an einen Feldstein und lasse mich daneben ins Gras sinken. Kurze Zeit darauf bremst Leon neben mir. Sein Gesicht ist schmutzig, als hätte er sich in Staub und Sand gewälzt. „Wo warst du?“ fragt er.

„Du warst plötzlich weg, hast mich nicht mehr gehört, dich nicht mehr nach mir umgesehen, mich einfach vergessen.“

„Quatsch! Ich habe dich überall gesucht.“ Er nimmt den Helm ab und wischt sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. „Ich bin die halbe Strecke zurückgefahren“, sagt er.

„Dann müssen wir dicht aneinander vorbei gefahren sein“, sage ich und denke, dass das typisch ist für Paare, die aneinander vorbei leben.

Leon packt das Picknick aus seinem Rucksack. Er wirft mir die kleinen Schachteln vor die Füße. Ich habe sie heute Morgen mit Sandwiches, Karotten und Gurken gefüllt. Natürlich habe ich auch kleine Süßigkeiten eingepackt, wie immer, auch Servietten und eine Thermoskanne mit starkem Kaffee. Wir hocken uns im Schneidersitz auf die Regenjacken und essen.

„Okay, wir haben uns also wiedergefunden“, sage ich. „Zuhause finden wir uns nicht wieder. Seit wann ist das so, dass du mich einfach vergisst?“

„Was?“ Leon sieht auf. Der Schweiß hat kleine Flussbetten in seinem staubigen Gesicht hinterlassen. „Wie kommst du darauf? Ich habe dich noch nie vergessen.“

„Gestern hast du dich von mir abgewandt vor dem Einschlafen.“

„Ich habe gerade den Kopf sehr voll. Es passiert so viel.“

„Und warum sprichst du nicht darüber?“, frage ich. „Früher haben wir über alles gesprochen. Ich möchte nicht, dass wir aneinander vorbei leben. Wann hast du das letzte Mal nach mir gefragt?“

„Wann hast du denn das letzte Mal nach mir gefragt?“, sagt Leon.

Ich beiße mir auf die Unterlippe. Mist! Ich greife nach einem Schokoriegel. „Früher haben wir zusammen gekocht. Wir sind zusammen einkaufen gegangen oder in die Sauna. Jetzt habe ich gar keine Gelegenheit mehr, nach dir zu fragen. Wenn du nach Hause kommst, verkriechst du dich sofort in der Garage.“

„ Weil ich sehe, dass du in der Küche sitzt und lernst oder Modelle bastelst. Ich will dich nicht stören“, sagt er.

„Du lügst“, sage ich. „Du schaust nicht in die Küche. So weit kommst du gar nicht. Du gehst sofort in die Garage. Du siehst nicht einmal, ob ich Kuchen gekauft oder etwas zu essen gemacht habe. Es interessiert dich nicht. Du bist gar nicht da. Wo bist du eigentlich? In den belgischen Fahrradläden?“

„Ich bin nirgendwo“, sagt Leon. Er blickt irgendwie dramatisch. Ich greife nach dem nächsten Schokoriegel. „Ich bin ein Umherirrender“, sagt er.

„Was soll das heißen?“

„Ich weiß nicht, wohin ich gehöre.“

„Was?“

„Es stimmt, ich gehe nicht in die Küche, weil du mir am Telefon bereits gesagt hast, dass du lernst, arbeitest, Modelle baust, eine Prüfung vorbereitest oder einen Wettbewerb….“

„Das ist nicht wahr“, sage ich. „Du übertreibst maßlos. Du versuchst mir die Schuld an zuhängen. Das ist eine ganz fiese Nummer.“

„Dieses Hin und Her zwischen Belgien und Berlin, das hat viel ausgelöst in mir. Ich habe begonnen, über mich nachzudenken. Mir wird gerade vieles klar. Über mich.“

„Das sind doch nicht deine Worte“, sage ich. „Ich kenne dich. Das sind die Worte einer Frau. Oder machst du etwa eine Therapie?“

Leon springt auf. „Ich brauche doch keinen Therapeuten.“ Er trabt in den Stoppeln auf und ab.

„Mit wem sprichst du denn über dich?“ frage ich.

„Mit niemandem.“ Er pappt sich die Locken in die Stirn. „Ist noch Schokolade da?“

„Nein, alles weg.“

„So“, sagt er.

„Übrigens werde ich mich von dir trennen. Ich sage es dir lieber gleich. Ich habe jemanden kennen gelernt.“

„Spinnst du?“ Leons Gesicht ist plötzlich gefroren, seine vorstehenden Augen klein und starr. Auf seinen Lippen hockt ein verächtliches Wort. Er spricht es aus, leise. Das Wort zischt wie ein halb geöffnetes Ventil. Er läuft durch die Stoppeln, hin und her. Ich fange an zu weinen. Ich kann ihn nicht verletzen, ohne mir selbst weh zu tun. Ich heule wie ein Gespenst, klemme meinen Kopf zwischen die Knie. Ich will diesen Schmerz nicht mehr, diese absolute Nähe, diesen luftdichten Verschluss zwischen uns.

„Warum kehrst du mir den Rücken zu?“ schreie ich. Keine Antwort. Es ist ganz still. Ich springe auf. Leon ist noch da. Er steht im Feld und starrt rüber nach Jerichow.

Ich springe ihn fast an, wie eine Katze. Wie in Zeitlupe legt er seine Arme um mich. Ich küsse sein staubiges Gesicht. „Es gibt niemanden. Es ist gar nichts. Ich bin nur mal mit jemandem ausgegangen letzte Woche. Ich wollte es dir schon die ganze Zeit erzählen. Ich will kein Geheimnis vor dir haben, aber es gab keine einzige Gelegenheit zu reden.“

Wir halten uns umklammert wie Schiffbrüchige. „Ich bleibe bei dir“, sage ich. Zwischen unseren Wangen sammeln sich staubige Tränen. Es ist das erste Mal, dass ich ihn verführen muss, ihm zuvorkomme, ihn dringend brauche und ich einen Platz für uns suche. Auf den Regenjacken in den Stoppeln. „Ich bin so froh“, sage ich schließlich. Wir liegen nackt in der Sonne neben dem Feldstein, Bauch an Bauch. „Du siehst, auch ich kann mal den Anfang machen“, sage ich.

„Du kannst immer anfangen“, sagt Leon.

„Das wird nichts, du kommst mir eh wieder zuvor.“

„Ich meine, du kannst auch anfangen zu reden“, sagt er. „Du kannst alles anfangen, was du willst.“

Ich lasse mich neben Leon rollen und blicke in den Himmel. Seltsam. Das war mir gar nicht klar, dass ich alles beginnen kann, wenn ich möchte.

Wir ziehen uns langsam an. Es ist Nachmittag geworden. Wir beschließen, nicht mehr nach Jerichow zu fahren. Es ist zu weit. Wir sind zu erschöpft. Wir steigen auf die Räder und wedeln langsam zurück nach Tangermünde.

Nach Jerichow kann ich immer noch fahren, mit Leon oder allein.