Kathrins Notiz-Blog, 29. September 11
© Illustration Liane Heinze
Ich möchte Leon etwas zum Abschied schenken, ein Buch, das ich liebe, einen Ring als Zeichen, das wir zusammen gehören, auch wenn unsere Wege sich jetzt wieder trennen, einen einmaligen, besonderen Stein zur Erinnerung an eine besondere Zeit…
Er hat einige Male angerufen. Ich laufe die Treppe im Haus hinunter, jemand hat die Schnecke weg geräumt, aber ihre Schleimspur klebt noch auf den Fliesen. Die Sonne flutet in die Straße. Es ist Leben. Ich trete hinaus und versuche Schritt zu halten, wenigstens bis zu dem kleinen Laden an der Ecke. Als ich vor der Kühltruhe stehe, ratlos, welche Pizza ich für Jolanda und mich kaufen soll, ruft Leon wieder an. Diesmal nehme ich an.
„Ich wollte nur fragen, wie es dir geht“, sagt er.
„Geht so“, sage ich.
„Ich komme morgen Abend nach Berlin.“
„Aha.“
Schweigen.
„Wir können zusammen essen und reden.“
„Nein“, sage ich. „Es ist Schluss, ein für allemal, ich tue mir das nicht mehr an.“
„Lass uns noch einmal reden.“
„Ruf an, wenn du hier bist.“ Ich lege auf. Kurz bevor die Tränen kommen.
Die bunten Pizzaschachteln verschwimmen zu einem Aquarell. Ich greife hinein, ziehe etwas Kaltes heraus. Jolanda bittet mich, Erdbeerjoghurt mitzubringen. Erdbeerjoghurt. Ich tupfe die Tränen mit den Fingerspitzen ab. Mein Portemonnaie kippt aus. Eine dünne Frau hilft mir die Münzen aufzulesen, verschwimmt vor meinen Augen. Jogginghosen, enges, weißes Top. „Alles in Ordnung?“ Ihr Gesicht nähert sich meinem. Dunkle Augen. Die Haare aus dem Gesicht. Pferdeschwanz. Ich bin ihr dankbar. Wie wunderbar, dass es Menschen wie sie gibt. Im engen, überfüllten Gang des Früh – und Spät -, des Immerverkauf schlägt meine tiefe Traurigkeit um in eine euphorische Zuneigung zu den gütigen Menschen, die immer nur verschwommen, verwischt in Erscheinung treten.
Ich habe Schwierigkeiten, mich auf die Joghurtbecher zu konzentrieren. „Sie haben nur Vanille und Stracciatella“, melde ich Jolanda. Sie verordnet uns Stracchiatella.
Als das Telefon in meiner Tasche surrt, ich den Tränenschleier weg gedrückt habe und Koljas Namen im Display lese, hat die Frau sich bereits aufgelöst.
„Ich mache mir Sorgen um dich.“ Mit dieser melancholischen Stimme, die manchmal vornehm knarrt wie altes Parkett.
„Achso.” Ich suche immer noch nach der Frau in der Jogginghose. Sie ist wie vom Erdboden verschwunden.
„Wo bist du? Was machst du?“, fragt Kolja.
Ich erzähle ihm von Jolanda.
„Soll ich kommen?“
„Es ist schwierig“, sage ich. „Ich wäre heute lieber mit ihr allein.“
„Morgen?“
„Vielleicht morgen“, sage ich. Aber das ist auch keine Lösung, denke ich laut.
Ich liege wieder in diesem Bett, das direkt über den Cafés und Clubs der Straße zu schweben scheint, dabei trennen mich mindestens sieben Meter von den Partyleuten. Ich frage mich, wie es sein wird, wieder allein zu sein. Vielleicht werde ich es für immer bleiben.
Kann man von der Vergangenheit zehren? Wenn ja, wie viel Kalorien hat die Erinnerung? Vor zwei Jahren im Erdbeerfeld war eine Frau, die mir erzählt hat, wie gut es ihr gegangen ist, als sie noch mit ihrem Freund zusammen gelebt und gearbeitet hat. Dann hat er sie wegen einer anderen verlassen und sie verlor auf einen Schlag ihr Zuhause und ihre Arbeit. Sie habe den Trennungsschmerz transformiert und sei noch einmal richtig durch gestartet, sagte sie. Sie habe eine Boutique eröffnet. Aber nach zwei Jahren sei sie finanziell ruiniert gewesen. Sie sei einmal so schön wie eine Diva gewesen, sagte sie. Sie hielt sich für nicht mehr schön, aber sie war noch immer eine hübsche Frau in ihren Jeans, der abgetragenen Strickjacke und den Gummistiefeln, mit langen Fingernägeln, die vom Erdbeerpflücken schmutzig geworden waren, eine Frau Mitte Fünfzig mit einer warmen Ausstrahlung.
Aber was waren ihre Erinnerungen mehr als die Schleimspur der Schnecke, die unten im Hausflur gestorben ist? Denn wir sind was wir sind. Wir werden nicht attraktiver, erfolgreicher und glücklicher, wenn wir der Vergangenheit nachhängen.
Ich liege da und rühre mich nicht, während der Lärmpegel unter meiner Matratze langsam anschwillt. Ich will nicht an das Alleinsein denken, aber es sind keine anderen Gedanken da. Also stehe ich auf und wandere durch die Wohnung, die nicht mehr meine ist.
Vor der Fensterfront steht jetzt ein langer Arbeitstisch. Ich setze mich auf Jakobs Seite, die aufgeräumt und beinahe leer ist. Auf Jolandas Seite liegen Bücher, Papiere, Hefte und Ordner zu einem gefährlich schiefen Berg gestapelt, dazwischen Kaugummipackungen, Zutaten für Zigaretten, Kopfschmerztabletten. Wie durch ein Wunder kommt der Berg nicht ins Rutschen. Ihr Computer befindet sich wie immer im Standby.
Als der Bildschirm aufflammt, sehe ich, dass sie zwölf ungelesene Mails hat. Ich stöbere nicht in Jolandas Briefen und Ordnern. Ich muss meine Neugier nicht einmal zügeln. Es gibt offenbar Dinge, die ich nicht wissen will. Ich gebe erst Leons Namen, dann meinen bei Google ein. Leon erscheint in Radfahrer und –Sammler-Foren. Es gibt auch Fotos von ihm, Fotos, die ihn auf Touren mit anderen zeigen. Von mir gibt es nichts. Ich schaue nicht nach meinen Mails. Ich möchte aussteigen aus der Wirklichkeit, durch nichts daran erinnert werden, dass ich ein Leben habe, das weiter geführt werden muss. Ich schalte den Computer endlich aus, fahre in meine Jeans, ziehe meinen Trenchcoat über, schleiche mich aus der Wohnung und lasse mich durch die helle, laute Nacht treiben.
![illu-mit-muschel1[1]](http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg)