Kathrins Notiz-Blog 2. März 11

© Illustration Liane Heinze

Ich bin danach noch in dem Haus geblieben. Kolja fuhr zurück nach Berlin, zu seiner Frau.

Ich glaubte, dass Leon an meiner Stimme hört, dass etwas geschehen ist. Ich stand im Garten und blickte in einen Sternenhimmel, der so dicht und nah war, dass ich fürchtete, hineinzustürzen. Unmöglich, unter diesem Himmel zu stehen und ihm nicht von den Sternen zu erzählen. Ich ging ins Haus und schloss die Terrassentür.

Leon erkundigte sich nach der Post, nach Anrufen. Er fragte, ob ich das Paket geöffnet habe. Er erzählte von dem Fahrradhändler in der kleinen, belgischen Stadt, bei dem er schon vor einem halben Jahr so viele Dinge entdeckt hätte, und dass er wieder in dem extrem hellhörigen Hotel wohnte. Er sagte, ich müsse mir die Stadt unbedingt anschauen. Sie sei arm, aber viel lebendiger und temperamentvoller als Berlin. Und wärmer, besonders nachts. Er redete und redete. Er erzählte viel mehr als sonst. Wollte er verhindern, dass ich zu Wort kam, weil meine Stimme ihn beunruhigte? Ich würde ihn niemals im Stich lassen. Sein Kindheitshaus aus Pappe war zerstampft worden, während Kolja mir das Haus seiner Kindheit einfach so überlassen konnte, für zwei Tage, komplett, mit Kamin und Büchern und Wiese und Sternen. Es war eine große Ungerechtigkeit.

„Ich liebe dich“, sagte ich. „Wann kommst du?“ Er antwortete nicht.

Kathrins Notiz-Blog 21. Februar 11

© Illustration Liane Heinze

Zuerst fiel mir Kolja ein. Ich brauchte sofort Hilfe und ich wusste, dass nur Kolja alles aufbieten würde, um sofort eine Lösung zu finden. Also rief ich ihn an.

Die Postverkäuferin hatte den Karton hinter dem Tresen hervor in den überfüllten Kundenraum geschoben. Ich hielt das Monster brav fest. Es durfte nicht auf die Seite kippen. Die Fahrradrahmen darinnen waren mehrere tausend Euro Wert. Das hatte Leon mir morgens am Telefon eingeschärft. Aber er hatte keinen Gedanken darauf verwendet, wie ich das Ding nach Hause transportieren sollte. Ich war nicht in der Lage es anzuheben. Wie hatte er das Paket in Belgien überhaupt zur Post geschleift? Ich wusste an diesem Morgen nicht, wen ich mehr verachtete: Leon, der leichtfüßig durch die Welt tänzelte oder mich, die ich mich mit seinem Mist abrackerte?

Zwanzig Minuten später erstürmte Kolja wie eine Terror-Spezialeinheit die Post. Er trug irgendwelches Zeug mit orange fluoreszierenden Streifen an Armen und Beinen. Er musste das von der BSR geklaut haben. Er sah wütend aus und doppelt so breit wie gewöhnlich. In der Schlange vor den Schaltern öffnete sich wie von Geisterhand ein Durchgang für ihn. Kolja nahm diesen unsäglich schweren Karton auf und trug ihn, ohne dabei lächerlich auszusehen, nach draußen. Er hob ihn in einen kleinen, weißen Lieferwagen, der dort bereit stand. Er gehörte einem Freund von ihm, einem Kunstschmied aus Bernau, der an diesem Tag zufällig in Berlin unterwegs war. Die beiden Männer schleppten die Fahrradrahmen in unsere Wohnung im dritten Stock. Der Schmied verabschiedete sich und ich war mit Kolja allein.

„Was ist Leon eigentlich für ein Mensch? Hat er dich mal angeschaut?“ Kolja strich in seinem Müllfahrer-Kostüm durch unsere Wohnung wie eine depressive Raubkatze. Seine Wut wärmte mir das Herz.

„Er denkt, dass ich irgendwie zurechtkomme. Und er hat Recht. Ich komme irgendwie zurecht.“

Kolja betrachtete Leons Einkäufe aus Luxemburg und Belgien, die seit einem halben Jahr kreuz und quer in der Wohnung herum standen. „Und das ist also eure gemeinsame Wohnung?“

„Du hast nicht das Recht, so penetrant hier herum zu schleichen“, sagte ich. Er stoppte, knurrte. „Es ist offensichtlich, dass du in Leons Leben nicht viel Platz hast.“

Ich saß wie gelähmt auf dem Fahrradpaket. „Du weißt gar nichts“, sagte ich.

Kolja ließ sich neben mir in die Hocke sinken. Er nahm meine Hand und küsste sie. „Entschuldige.“ Ich konnte mich nicht rühren. Auch in mir drinnen rührte sich nichts. „Ich weiß nicht, warum mich das alles so wütend macht“, sagte er. „Wahrscheinlich bist du mir nicht gleichgültig.“ Er sprach leise und zärtlich. Er senkte seinen Kopf vor mir. Er hielt mir seinen Kopf hin wie Katzen das tun, wenn sie gestreichelt werden möchten. „Du weißt es und deshalb hast du mich angerufen“, sagte er.  „Ja“, sagte ich. Ich strich ihm übers Haar. Es war eine gekünstelte Zärtlichkeit. Ich war nicht frei.

Es gibt in dieser Wohnung so gut wie keinen Ort, an dem Leon und ich uns nicht geliebt haben. Jeder Sessel, jeder Stuhl, jedes Gerät, jede Tür ist von ihm markiert. Kolja witterte das. Es nervte ihn.

„Lass uns gehen“, sagte ich.

Wohin?“

„Ins Museum?“, schlug ich vor.

Kolja begann wieder, auf und ab zu laufen. Vor dem Fenster blieb er stehen. „Ich möchte dir etwas zeigen, einen Ort. Jetzt. Du hast doch heute keinen Termin mehr?“

Ich hatte keinen Termin. Auf meinem Schreibtisch lag eine Hausarbeit, die ich Mitte nächster Woche abgeben musste.

Es war ein sonniger Tag. Es war der Februartag, an dem draußen das Licht wieder angeknipst wird. Als ich Leons Wohnung hinter Kolja und mir abschloss, war es zu spät. Vorher hätte ich mich mit meiner Hausarbeit raus reden können, mit dem Zeitdruck an der Uni. Ich hätte mich von Kolja verabschiedet und aufgeatmet und wäre da geblieben, wo ich war: In der Wohnung, in der meine Seele in den letzten Wochen eingestaubt war. Kolja nickte. Er wusste, welche Entscheidung ich gerade getroffen hatte. Meine Angst konnte er nicht nehmen. Wohin würde er mich bringen? Er nahm meine Hand. Seine Hände sind schmaler und weicher als Leons Hände. Mit Leon ist es nicht möglich, Hand in Hand zu gehen. Ich habe es schon einige Male versucht, aber er versteht nicht, dass dieses öffentliche Bekenntnis unmittelbarer und wahrhaftiger ist als ein Ehering. Er hat mich jedes Mal verlegen angeschaut und meine Hand bald wieder los gelassen. Er kann es nicht ertragen, dass jemand ihn festhält.

Wir liefen zur S-Bahn. Kolja hatte offenbar keine Angst, Hand in Hand mit mir durch die Straßen zu laufen, dabei hatte er Freunde in dem Viertel und wohnte selbst nicht weit. Am Ostkreuz stiegen wir um und fuhren weiter zum Bahnhof Lichtenberg.

„Wir nehmen den Zug? Nach Kostrzyn?“

Er nickte und lud mich zu einem Kaffee ein, weil wir noch Zeit hatten. „Du entführst mich hoffentlich nicht in euer Sommerhäuschen?“

„Psst.“ Er legte mir einen Finger auf die Lippen. Das ärgerte mich. Panik wehte mich an. Ich kämpfte gegen einen Fluchtimpuls. „Ich möchte euer Sommerhäuschen nicht sehen.“ Ich beruhigte mich damit, dass ich immer noch fliehen konnte, auch später, jederzeit. Ich war frei, zu tun und zu lassen was ich wollte.

„Keine Angst.“ Kolja streichelte meine Finger. „Ich bringe dich an einen neutralen Ort.“ Das klang, als sei ich ein Flüchtling und er mein Schlepper. Ein passendes Bild, denn ich war wieder einmal eine Migrantin des Herzens, eine Suchende und eine Getriebene…

„Ein neutraler Ort…das klingt schön“, sagte ich.

Im Zug saßen wir zwischen Polen und Deutschen, Menschen mit Büchern und Zeitungen und Einkaufstüten, Pendler und Händler. Es war eine friedliche, eine bürgerliche Atmosphäre. Oder lag das an der kleinen, sauberen Eisenbahn? Ich war oft mit Leon in diesem Zug in die Märkische Schweiz gefahren.

Ich stellte mir die Aufregung vor, die ich haben würde, wenn sich die Beziehung zwischen Kolja und mir weiter entwickeln und ich Leon verlassen müsste. Dann wäre ich die Geliebte eines Familienvaters. Später, nachdem man uns erwischt hätte, würde er immer sagen: Es war nur eine Affäre. Kolja saß mir gegenüber. Er lehnte sich zu mir und hielt meine Hände in seinen Händen und sah dem Fluss meiner Gedanken zu.

In Müncheberg stiegen wir aus. Ich kenne das Bahnhofsgelände auswendig, den Schienenstrang, der schnurgerade durch den knorrigen Sumpfwald in Richtung Osten führt. Im Winter war ich noch niemals hier gewesen. Ich kenne die Bäume nur mit ihrem dichten, hellgrünen Blattwerk, durch das immer ein Wind streicht. Ich kenne die Schienen und den Schotter heiß von der Sommersonne, auch noch am Abend, wenn wir, müde vom Schwimmen und der Sonne, in einer kleinen Familie von Ausflüglern auf den Zug nach Berlin warten. Unwillkürlich hatte ich Lust, Leon anzurufen und ihm zu erzählen, dass ich hier war.

Das kleine Holzhaus liegt abseits des Weges, mitten in den Wiesen. Bis zum See sind es noch einige hundert Meter. Der Garten hält noch Winterschlaf. Hinter der Terrasse waren die Plastikstühle unter einem Vordach übereinander gestellt und mit einer Plane verdeckt. Daneben waren Holzscheite aufgestapelt.

Kolja schloss die Tür auf. Wir standen in einem winzigen Flur, von dem aus man direkt in die Küche und in das Wohnzimmer schauen kann. Das Wohnzimmer ist gemütlich, ausgetreten, ausgelebt. An der einzigen, fensterlosen Wand ein mit Kissen und Decken dekoriertes Sofa unter einem überladenen Bücherbord, dünn gewordene und verblichene Kelim auf den Dielen, die großen Scheiben zum Garten und zur Terrasse, der Kamin – es war ein neutraler Ort, wie Kolja versprochen hatte. Es war jemandes Zuhause. Seit vielen Jahren.

„Gefällt es dir?“, fragte Kolja.

Meine Zustimmung kam wohlig wie ein Schnurren. Das erschreckte mich. Am meisten erschrecke ich wohl selber über meine Sinnlichkeit. Kolja erzählte, dass er in diesem Haus aufgewachsen sei, dass seine Mutter hier noch lebte, allein. Sein Vater sei vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Jetzt sei seine Mutter für ein paar Tage verreist, bis zum Wochenende.

„Wir haben alles für uns allein“, sagte er. Er suchte etwas in der Küche. „Möchtest du Tee?“

„Ja, bitte.“

Kolja setzte einen altertümlichen Teekessel auf, dann lief er nach draußen. Er suchte nach Kohleanzündern für den Kamin. Ich schaute durch das Terrassenfenster auf die sanft gewölbten Wiesen und dachte an das Haus aus Pappe, in dem Leon aufgewachsen und das inzwischen platt gewalzt worden war. Auch das Haus aus Pappe habe mitten in einer Wiese gestanden, hatte Leon erzählt. Es war sehr still. Im Sommer muss es großartig sein. Der Teekessel begann zu pfeifen. In einer Schublade fand ich einige Beutel Earl Grey. Koljas Mutter schien keine Teeliebhaberin zu sein.

„Vielleicht sind sie auf der Toilette“, rief ich in den Garten.

„Hinter der Küche“, rief Kolja zurück.

Auf der Toilette lagen die Feueranzünder neben den Putzsachen aufgestapelt.

Ich präsentierte Kolja lässig ein Paket. „Du hast deine Mutter schon lange nicht mehr besucht, nicht?“

Er schnaufte. „Ich fahre mindestens einmal pro Woche hier raus“, sagte er. „Aber jemand anderes kauft ihr die Feueranzünder. Sie hat mehrere Gehilfen. Du musst wissen, dass sie eine Diva ist.“

Wir füllten den freien Raum vor dem Kamin mit den Decken und Kissen vom Sofa und tranken den Tee. Er schmeckte ein bisschen nach Stroh. Ich ließ ein Stück Zucker hinein fallen. „Sie würde dir gefallen“, sagte Kolja. „Möchtest du ein Foto sehen?“ Er lief zum Bücherbord.

In diesem Moment verschmolz ich mit dem Universum. Mit dem Universum verschmelzen heißt, sich gegen nichts mehr wehren zu müssen. Das letzte Mal habe ich das bei einem Spaziergang am Meer erlebt, in den Ferien. Und nun erlebte ich es hier. Es begann, als Kolja auf Strümpfen hinüber zum Bücherbord lief. Als ob alle Dinge im Raum, auch der Tee, der nach Stroh schmeckte, die Sonne auf der Terrasse, der Schmutz auf den Scheiben und das Feuer im Kamin eine Bestätigung meines Wesens bildeten: Da bist du ja. Du bist doch richtig.

Das Foto zeigte eine zirka siebzig Jahre alte Dame mit hohen Wangenknochen, wie Kolja sie hatte, einer feinen Nase und vollen Lippen. Sie saß auf dem Sofa unter den Büchern. Sie trug eine schlichte Bluse und darüber eine lange Kette. Das Haar hatte sie nach hinten gekämmt und hoch gesteckt.

„Sie ist schön“, sagte ich.

„Sag ich doch: Sie würde dir gefallen.“ Wir schauten beide hinaus. „Dieser Ort ist der schönste, den ich dir anbieten kann“, sagte Kolja.

Er küsste mit geschlossenen Augen, aber ich beobachtete ihn. Während wir unsere Sachen abstreiften und uns weiter küssten, seufzte er. Es war ein helles Geräusch, aber es neigte zu einem Stöhnen, in dem sich Lust und Erleichterung, Sehnsucht und Ankommen ausdrückten. Eine langsame, sinnliche Hingabe. Er ist viel leichter als Leon. Ich folgte dem Spiel, natürlich und unaufgeregt, wie die Landschaft draußen. Das war kein Fremdgehen. Es war die Folge meines Anrufes heute Morgen, die Folge von Koljas Auftritt in der Post und unserer Fahrt hierher, die Folge der Suche nach dem Feueranzünder, die Folge des schlecht gelagerten Tees. Es war wie eine Reihe von Spielsteinen, die nacheinander umgefallen waren. Klack! Klack! Klack!

Nichts an diesem Nachmittag war fremd.

Kathrins Notiz-Blog 25. Januar 11

© Illustration Liane Heinze

Gestern habe ich Kolja im Büro besucht. Er saß allein im Lichtkegel seiner Schreibtischlampe in dem dunklen, leeren Büro. Er sprang nicht wie sonst auf, um mir aus dem Parka zu helfen. Er sagte nichts. Es musste etwas geschehen sein. „Hier!“ Er schnippte mir über seinen Schreibtisch einen Brief entgegen. „Ist heute gekommen.“ Es war ein grauer Brief. Ich brauchte ihn nicht auseinanderzufalten. Ich wusste, es war die Absage an seine Idee.

Er hatte eine Wohnhaussiedlung für sozial schwache Familien vorgeschlagen. Die Familien sollten an der Gestaltung mitwirken. Sein Entwurf sah vor, dass sich die Größe der Räume verändern ließ. Außerdem konnten die Mieter je nach Lebensart entscheiden, ob ihre Badewanne im Schlafzimmer stehen sollte, oder in der Küche oder in einem klassischen Bad. Koljas Konzept hatte auch vorgesehen, dass ich die Bewohner bei der Inneneinrichtung beriet.

„Idioten!“, sagte er. „Statt zu sagen: Los, ihr Hartz-IVler, fangt an, kommt mal raus aus eurem Kasten, schiebt die Wände hin und her und denkt sie neu. Hey, spielt doch mal wieder! Das wird euer Leben ändern. Nein! – Wie sollen wir das verwaltungstechnisch eckig in unsere kleinen Karteikästen kriegen?“ ahmte Kolja die Meckerstimme einer Bürokratin nach.

Er stand endlich auf, mich zu umarmen. Dann schob er sich eine Zigarette zwischen die Zähne und zündete sie mit einer großen Geste an. Er hielt mir die Schachtel hin. Ich bediente mich. Ich hatte schon lange nicht mehr geraucht. Kolja hockte mit hängenden Schultern auf der Ecke seines Schreibtisches, seine Schiebermütze weit aus der Stirn geschoben. Sie hatte eine Druckstelle über dem rechten Ohr hinterlassen.

„Kolja?“

„Mm.“

„Es muss sich was ändern.“

„Revolution? Kommunismus?“ Er blickte auf, grinste, die Zigarette zwischen seinen geraden Zahnreihen. Er schloss die Lippen, um daran zu ziehen und blies den Rauch dann wieder durch die Zähne.

Ich kicherte. Es gab gar nichts zu Lachen. Das heißt, es gibt immer was zu Lachen, gerade, wenn etwas trauriges passiert. Etwas sehr trauriges. Lachen ist Abwehr und Einverständnis zugleich. Im Lachen liegt das Paradoxon unserer Existenz.

Kolja ließ sich rücklings auf den Schreibtisch fallen, so dass nur sein Gesicht im Lichtkegel lag. Er gab dem Lampenschirm einen Schubs. „Haben wir doch schon“, sagte er.

„Blöde, billige Wohnungen für alle.“

„Nicht für alle.“

„Gott sei Dank nicht für alle“, sagte Kolja.

„Wie wäre es mit unseren Wohnungen für alle?“ Ich ließ mich neben ihn sinken. Da lagen wir nun in unserem harten Doppelbett und hatten beide vorerst keinen Job. Kolja drehte sich zu mir, legte seine Hand auf meinen Bauch. Ich nahm einen langen, tiefen Zug.

„Du meinst, wir könnten im Kommunismus ein Geschäft machen?“

Ich musste wieder lachen. „Sag mal, was ist in dem Zeug drin?“ Ich richtete mich auf, schaute aus dem Fenster des Heizhauses durch die kahlen Bäume auf die Sechziger-Jahre-Fassaden gegenüber. Gott, was war diese Stadt im Januar hässlich!

„Kann man mit dir überhaupt kein ordentliches Weltverbesserer-Gespräch führen?“

„Doch“, flüsterte er. „Weiter so. Die Welt wird gerade immer besser.“ Er legte seine Hand auf meinen Rücken.

Ich ließ mich wieder neben ihn fallen. Sein Gesicht war ganz nah. Ich probierte, wie es sich anfühlt, seine Lippen zu küssen, danach, wie es sich anfühlt, wenn sein unrasiertes Gesicht über meine Wange streicht. Dann sprang ich auf. Genug. „Ich muss los.“

Kolja richtete sich langsam auf, als hätte ich ihn aus einem langen Schlaf gerissen. „Du bist doch eben erst gekommen.“

„Du solltest das Projekt auf keinen Fall aufgeben.“ Ich wickelte meinen Schal ungefähr zwanzig Mal um den Hals, damit ich es mir nicht anders überlegte und mich wieder auszog.

Er begleitete mich zur Tür. „Sie ist schwanger“, sagte er.

„Das ist wunderbar. Es ist großartig“, sagte ich. „Du wirst sehen.“

Er nickte.

„Du glaubst mir nicht.“

Er legte seine Hände um meine Taille und zog mich für einen Kuss an sich. Dann riss er die schwere Eisentür vor mir auf. Als ich auf die Straße trat und hungrig nach der kalten Luft schnappte, dachte ich, dass Kolja meine Taille so verstand wie den Griff einer Einkaufstüte, als etwas Funktionales.

ein unveröffentlichtes Interview über die DDR mit Alain Lance

Ich habe Alain Lance im Oktober 2009 getroffen, nachdem er in der französischen Buchhandlung Zadig sein neues Buch „Longtemps l’Allemagne“ vorgestellt hatte, in dem er über seine Begegnung und sein Verhältnis zu Deutschland spricht. Einen großen Teil dieses Buches nimmt Lance Studienzeit in Leipzig ein, die Zeit, als er Volker Braun traf, mit dem er seither eng befreundet ist. Lance übersetze Volker Braun ins Französische, später auch Christa Wolf und Ingo Schulze. In seinem Buch „Longtemps L’Allemagne“ sagt Lance, dass er in den sechziger Jahren die DDR als „sein Deutschland“ entdeckte.

Ich habe Alain Lance getroffen, um mit ihm über die DDR zu sprechen. Anschließend bot ich das Interview vielen Zeitungen an. Leider vergeblich. Ich wollte, dass junge Leute, die ihr Wissen über die DDR nur aus Filmen wie „Good by, Lenin“ und „Das Leben der anderen“ haben -wie ich sie in der Diskussion nach der Lesung in der Buchhandlung Zadig erlebt hatte- sich ein differenzierteres Bild der Geschichte machen können.

Alain Lance studierte Germanistik in Paris und Leipzig. Auf seinen ersten Lyrikband im Jahr 1970 „Les gens perdus deviennent fragiles“ folgten mehrere Veröffentlichungen. 1996 erhielt Lance den Tristan-Tzara-Preis und 2001 den Apollinaire-Preis.  Oft in Zusammenarbeit mit seiner Frau Renate Lance-Otterbein übersetzte und übersetzt er zahlreiche Werke von Volker Braun, Christa Wolf und Ingo Schulze. Von 1985 bis 1994 leitete er die französischen Kulturinstitute in Frankfurt/Main und Saarbrücken. Von 1995 bis 2004 war er Direktor des Maison des écrivains (Haus der Schriftsteller) in Paris.

2009 wurde Alain Lance 70 Jahre alt.

Monsieur Lance, in Ihrem Buch „Longtemps L’Allemagne“ erzählen Sie, dass Sie nach zwei Aufenthalten in der Bunderepublik als junger Mann im Winter 1962 die DDR als „Ihr Deutschland“ entdeckten. Warum die DDR?

Alain Lance: Sie müssen sehen, dass meine Generation geprägt war von der Revolte gegen den Algerienkrieg. Als ich in Leipzig ankam, sah ich algerische Studenten, die Stipendien hatten, um in der DDR zu studieren. Einer von ihnen ist bis heute ein sehr guter Freund von mir. Dann waren da auch afrikanische Studenten und ich fand es gut, dass die DDR diesen neuen unabhängigen Ländern half.

In Frankreich hatte ich während meines Studiums angefangen, Anna Seghers und andere Emigranten zu entdecken. Diese Leute, dachte ich, die aktiv gegen den Faschismus gekämpft haben, werden in diesem Teil Deutschlands geehrt. Und das Gastspiel des Berliner Ensembles in Paris 1960 mit „Arturo Ui“ war für mich ein starkes Erlebnis gewesen. Ich sah natürlich, dass in der DDR nicht alles gut war, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt war usw., aber die unschönen Dinge betrachtete ich sozusagen als Schönheitsfehler, die man eben zeitweilig hinnehmen muss. Wie ich in meinem kleinen Buch schreibe: Wenn man jung ist, und eine frische Politisierung hat, neigt man dazu, die Welt in schwarz und weiß zu teilen.

Im November 1962 gab es in der DDR noch Karten für Butter, Fleisch und Eier. Oder sie waren 1960 oder 1961 wieder eingeführt worden. Im Frühjahr 1963 wurden sie dann nicht mehr gebraucht. Ich fühlte mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass es eine Auswirkung der Mauer sei, dass das ökonomische Ausbluten der DDR nun zu Ende wäre. Es folgte dann ja auch ein ökonomischer Aufschwung.

Es war ja zu dieser Zeit in Frankreich nicht einfach, links zu sein, oder?

Alain Lance: Jein. Im Juli 1962 wurde Algerien unabhängig, der Kolonialkrieg war endlich vorbei, de Gaulle war an der Macht, aber die kommunistische Partei bekam mehr als 20 Prozent der Stimmen, da konnte niemand so tun, als ob sie nicht existiert. Langsam entstand die linke Union. 1965 kandidierte Mitterrand allein, mit einem Minimalprogramm, das den Konsens sowohl der Kommunisten als auch der Sozialisten fand, die ja über viele Jahre verfeindete Brüder waren. Dieser Prozess führte dann zum gemeinsamen Regierungsprogramm der Linken 1972 und zur Wahl Mitterrands ein paar Jahre später.

Hatten Sie in den Sechzigerjahren gar keinen Kontakt zu den linken Autoren in der Bundesrepublik?

Alain Lance: Ich las Mitte der Sechzigerjahre „Billard um halb zehn“ von Böll und Gedichte von Enzensberger. Ich las damals auch die Zeitschrift KONKRET und mit großem Interesse die Chronik von Peter Rühmkorf, aber ich hatte keinen Kontakt zu Gegenwartsautoren, auch nicht zu DDR-Autoren. Das kam erst, als ich die Bekanntschaft mit Volker Braun machte. Wir sind übrigens im selben Jahr geboren. Ein paar Jahre später habe ich Christa Wolf kennengelernt, und später Autoren aus der Bundesrepublik, Günter Herburger und die Autoren um die Münchner Zeitschrift „Kürbiskern“, eine linke Monatszeitschrift. Martin Walser war in dieser Gruppe. Aber das war erst Anfang der Siebzigerjahre.

Wie war Ihre erste Begegnung mit Volker Braun?

Alain Lance: Sehr einfach und sehr freundlich. Das war im November 1964. Ich habe an seine Tür geklopft. „Ich heiße Alain Lance. Ich komme aus Paris. Ich würde gern ein paar Gedichte von Ihnen übersetzen.“ Er war überrascht, bat mich herein. Seine Frau und er luden mich spontan zum Essen ein, die Zeit war knapp, weil sie ein paar Stunden später einen Zug nehmen mussten. Das ist jetzt 45 Jahre her. Wir sind dann in Kontakt geblieben und enge Freunde geworden. 1971 kam er zum ersten Mal für einige Lesungen nach Paris. Sein zweisprachiger Lyrikband war ein Jahr zuvor erschienen. Auf Deutsch hieß er „Provokation für mich“. Der französische Titel lautete „Provokation für mich und andere“. Ich hatte die Einführung geschrieben. 1977 kam ein weiterer Gedichtband von ihm „Gegen die symmetrische Welt“ 1979 wurde sein Stück „Die Kipper“ übersetzt und in Frankreich aufgeführt.

…das Stück, das ursprünglich im Berliner Ensemble Mitte der Sechzigerjahre inszeniert werden sollte, aber erst 1972 in Leipzig aufgeführt werden durfte?

Alain Lance: Ja. Und einige Prosawerke von Volker Braun wurden dann von mir oder anderen Kollegen in Frankreich übersetzt: „Das ungezwungene Leben Kasts“ und „Unvollendete Geschichte“. 1988 erschien in Frankreich „Hinze-Kunze-Roman“, den meine Frau und ich gemeinsam übersetzt haben. Und der Pariser Kleinverlag L’Inventaire hat von 1998 bis 2008 vier Prosa-Bändchen veröffentlicht, u.a. „Bodenloser Satz“ und „Die vier Werkzeugmacher“. Für französischen Lyrikzeitschriften und Anthologien habe ich natürlich auch zahlreiche Gedichte von Volker Braun übersetzt.

Abgesehen davon, dass es Ihnen aus politischen Gründen gefiel, dass die Basis der DDR-Kultur von kommunistischen Remigranten gelegt worden war – brachte Ihre „Entdeckung“ der DDR auch neue Impulse für Ihre literarische Arbeit?

Alain Lance: Ich fand, dass in der DDR-Lyrik das literarische Erbe interessanter, dialektischer integriert wurde, bei Karl Mickel zum Beispiel, aber auch bei Volker Braun. Ich brauchte die Sicht von Leuten wie Volker Braun auf Hölderlin zum Beispiel, um einen anderen Blick auf Hölderlin zu bekommen, bei uns in Frankreich war die Rezeption von Hölderlin einseitig „pontifikal“, oder sogar ein bisschen fragwürdig mit Heidegger. Und gleichzeitig hatte ich Vorbehalte auf die Reduzierung der Kunst auf politische Agitation, wie es manchmal der Fall war bei westdeutschen linken Autoren. Das hatte auch mit dem Sektierertum der kleinen DKP zu tun, die waren katholischer als der Papst. Einige haben diese Vereinfachungen abgelehnt, Uwe Timm zum Beispiel.

Erinnern Sie sich an Gespräche mit Volker Braun über die Entwicklung der DDR?

Alain Lance: Natürlich. Durch ihn verstand ich, dass der real existierende Sozialismus nicht leicht zu leben war, dass es für die Leute in der DDR sehr schwierig oder gar nicht möglich war, Ausreisevisa zu bekommen usw. Der Einmarsch in Prag 1968 war für mich eine wichtige Zäsur.

Volker Braun war mit Rudolf Bahro befreundet. Einmal gab er mir ein Gedicht. Das hieß „Bruno“ wie Giordano Bruno, aber man konnte es auch „Bahro“ lesen. Es beginnt so: Schwieriger Umgang mit dem Abweichler, es hilft nicht, die Instrumente zu zeigen: Er hat sie beschrieben…

Volker Braun hat eine hohe Idee von der Literatur, er ist sehr anspruchsvoll, aber ohne die in der Zunft übliche Eitelkeit oder Egomanie. Wenn eines seiner Stücke nicht aufgeführt wurde oder das Erscheinen eines Buches immer und immer wieder hinaus gezögert wurde, war er nicht persönlich verletzt, sondern betrachtete das als dumme und unproduktive Haltung. Sein Schreiben war auch ein – oft provokativer – Beitrag zur Diskussion im Land. Einmal hatte er aber wirklich die Nase voll. Das war im Sommer 1984, sein neuer Lyrikband lag auf totem Gleis, der „Hinze-Kunze-Roman“, den er bereits 1981 geschrieben hatte, war immer noch nicht erschienen. Wir trafen uns in diesem Sommer in Budapest, wo er mit seiner Frau Urlaub machte. Ich war zur gleichen Zeit nach Ungarn eingeladen worden, weil ich einen ungarischen Autor übersetzen sollte, also nachdichten, nicht übersetzen. Ich spreche ja nicht Ungarisch.

Es war das einzige Mal, wo ich meinen Freund so erlebt habe. Er sagte: „Wenn ich nicht mehr gebraucht werde, wozu bleibe ich in diesem Land?“ Er hat selten oder nie mit dem Gedanken gespielt auszureisen. Es war das einzige Mal, dass ich seine Verzweiflung in diesem Maße spürte.

Es war eben die Entscheidung von Leuten wie Christoph Hein und Christa Wolf. Sie sind geblieben, weil ihre Familie, ihr Leben in der DDR war, aber sie wussten auch, dass sie eine wichtige Rolle spielten, dass sie gebraucht wurden. Ein Essaybändchen von Volker Braun wie „Es genügt nicht die einfache Wahrheit“, in einer hohen Auflage, war damals in ein paar Tagen vergriffen.

Wann sind Sie Christa Wolf zum ersten Mal begegnet?

Alain Lance: Das war im Sommer 1970. Damals wurde sie von anderen französischen Kollegen übersetzt. „Der geteilte Himmel“ erschien in Frankreich bereits 1964. Für das Erscheinen von „Christa T.“ im französischen Verlag Le Seuil kam sie in diesem Spätsommer mit ihrem Mann Gerhard nach Paris. Volker hatte ihr meine Adresse gegeben. Dann rief sie an und ich habe die beiden zu mir eingeladen. Ich hatte ein Abendessen mit Austern und anderen Meeresfrüchten vorbereitet. Das haben sie genossen! Volker Braun schrieb übrigens das Gedicht „Die Austern“, als ich ein paar Jahre später, in Berlin diesmal, einen Austernschmaus organisierte. Mit Wolfs bin ich also in Kontakt geblieben. Zu Silvester 72/73 waren meine Frau und ich bei Wolfs in Kleinmachnow eingeladen. Meine Frau Renate lernte die DDR über den Umweg nach Paris kennen. Es war das erste Mal, dass sie in die DDR fuhr. Viele Westdeutsche, auch fortschrittliche Leute, interessierten sich damals mehr für Frankreich und Italien. Insgesamt haben meine Frau und ich sieben Bücher von Christa Wolf übersetzt.

Ihre anfängliche Begeisterung für die Politik der DDR hatte sich zu dieser Zeit schon ziemlich abgekühlt. Und dann waren Sie unter denen, die gegen die Ausbürgerung Biermanns protestierten, wie Ihre Freunde Christa Wolf und Volker Braun.

Alain Lance: Das war eine seltsame Geschichte für mich. Im November 1976 war ich nach Karlsruhe gefahren, als Beobachter eines französischen Komitees gegen die Berufsverbote in der Bundesrepublik. Ein junger Lehrer wurde entlassen, weil er bei den Kommunalwahlen auf einer Liste der DKP kandidiert hatte. Er hat übrigens in zweiter Instanz gewonnen. Als ich am Abend in Freiburg (mit einer Schwarzwälder Kirschtorte für meine schwangere Frau) in den Zug stieg, um nach Paris zurückzufahren, sah ich eine Schlagzeile: Biermann ausgebürgert. Ich wusste, dass ich für eine gerechte Sache in Karlsruhe gewesen war. Gleichzeitig ahnte ich, dass die DKP diese Ausbürgerung rechtfertigen wird. Damals war ich im Vorstand des Französischen Schriftstellerverbandes. Das waren meist linke Leute. Vladimir Pozner, der alte große Lyriker Guillevic und ich verfassten einen Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung und sammelten rasch die Unterschriften von Dutzenden von Kollegen, darunter Aragon.

Von 1985 bis 1994 leiteten Sie französische Kulturinstitute in Frankfurt/Main und Saarbrücken. Wieso übernahmen Sie nicht die Leitung des französischen Kulturinstituts in Ostberlin in den Achtzigerjahren?

Alain Lance: Eigentlich sollte ich dieses Zentrum eröffnen und leiten. Ich kannte den Mann, der im französischen Außenministerium für die Kulturinstitute zuständig war. Eines Abends, beim Essen, fragte ich ihn nach dem neuen Kulturzentrum in Ostberlin. Ich hatte bereits davon gehört. Er sagte, es ginge vorwärts, aber die Verhandlungen seien schwierig, weil zeitgleich ein DDR-Kulturzentrum in Paris eröffnet werden sollte. Er bot mir sofort an, das neue Kulturzentrum in Ostberlin zu leiten. Das war eine ganz neue Perspektive für mich. Ich war mein Doppelleben gewöhnt. Ich war Deutschlehrer, ich tat meinen Job und wenn die Tür des Gymnasiums hinter mir zugefallen war, dichtete und übersetzte ich.

Schließlich erfuhr ich, dass der französische Botschafter in Ostberlin meiner Ernennung nicht zugestimmt hatte. Der Leiter eines Kulturinstituts wird in Paris ernannt, unter Vorbehalt der Zustimmung des Botschafters an Ort und Stelle. Indirekt war es wohl eine Abrechnung mit dem Mann, der mich ernannt hatte, der im Außenministerium auf dem Abwärtshang war. Meine politische Vergangenheit mag ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Ich hatte zu viele Beziehungen nach Ostdeutschland.

Aber zwei Jahre später bekam ich die Leitung des Kulturinstituts in Frankfurt/Main angeboten. Nach den sechs Jahren am Main bot man mir 1991 die Leitung der beiden Kulturinstitute in Ost – und Westberlin an. Aus zwei Gründen lehnte ich ab. Erstens hatte meine Frau, die in Paris arbeitete, die Nase voll von dem Hin und Her. Zweitens wusste ich, dass eine undankbare Aufgabe auf mich zukommen würde. Ich sollte die beiden Kulturzentren vereinigen. Also Mitarbeiter entlassen. Dieser Kelch ist an mir vorüber gegangen.

Haben Sie 1989 geglaubt, dass eine neue, demokratische DDR möglich ist?

Alain Lance: Ja, das habe ich kurz geglaubt, aber man sah relativ schnell, dass dieser demokratische Impuls in Bananen endet. Das war traurig, ja. (lacht)

Fehlt Ihnen die DDR?

Alain Lance: Nein. Würde ich so etwas behaupten, würde ich ein Missverständnis auslösen: Ach so, Sie wollen die Mauer und die Stasi zurück haben. Das geht nicht. Am Besten hat Volker Braun dieses widerspruchsvolle Gefühl über das Ende der DDR in seinem Gedicht „Das Eigentum“ ausgedrückt. Er schrieb das Gedicht im Sommer 1990. Es erschien fast gleichzeitig in der Zeit und im Neuen Deutschland. Das war die Zeit zwischen Währungsunion und Wiedervereinigung.

Alain Lance holt ein Buch aus dem Bücherschrank. Er liest das Gedicht.

Das Eigentum

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.

KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN

Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.

Es wirft sich weg und seine magre Zierde.

Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.

Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.

Und unverständlich wird mein ganzer Text.

Was ich niemals besaß, wird mir entrissen.

Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.

Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.

Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.

Wann sag ich wieder mein und meine alle.

Ludwig Harig erzählte mir von einer literarischen Veranstaltung in Weimar, Anfang der Neunzigerjahre. Einige Autoren aus Ost und West haben da gelesen. Volker trug dieses Gedicht vor. Nach ein paar Sekunden, erzählte Harig, stieg aus dem Publikum ein Gemurmel, ein Summen. Dutzende Leute kannten das Gedicht auswendig und haben mitgesprochen.

Welche kritischen deutschen Autoren machen Ihnen heute Hoffnung?

Alain Lance: Daniela Dahn. Ingo Schulze.

Dann zeigt er auf den Gedichtband von Volker Braun, aus dem er soeben gelesen hat.

Alain Lance: Und Volker. Er ist heute als Direktor der Literatur-Sektion der Akademie der Künste so unbequem für die herrschende Ideologie der Finanz-Globalisierung wie er es damals gegenüber dem autoritären Staatssozialismus war.

Kathrins Notiz-Blog 1. Januar 2011

© Illustration Liane Heinze

Am ersten Tag des Jahres fühle ich mich wie auf einem Sprungbrett. Unter mir liegt das Jahr wie eine unbekannte Landschaft ausgebreitet. Das Feiern ist zu Ende. Ich wünsche mir eine Verlängerung des kuscheligen Weihnachtsgefühls, nur ein Stück Stollen noch und einen Glühwein, aber nein: Nach dem ersten Januar brennen die Kerzen am Weihnachtsbaum schneller runter als an den Feiertagen und die Gedanken formieren sich bereits für dieses unbekannte Land, das es ab Montag einzunehmen gilt. Wir müssen uns stellen. Springen. Zu der Ernüchterung passt es, dass die stille, glitzernde Schneedecke im Hof seit gestern schmilzt und mit dem Silvestermüll eine katergraue, dickflüssige Lache bildet.

In den vergangenen Wochen saß ich über dem Entwurf eines Fleischerladens, der zu einem Kieztheater umgestaltet werden soll. Ich habe oft eine Pause bei Leon eingelegt. Mit einem Glühwein, die Füße auf dem kleinen, elektrischen Heizkörper, saß ich in seiner Garage auf der Werkbank und schaute zu, wie er Fahrradteile wie kleine Kostbarkeiten aus den Paketen nahm und betrachtete, als hätte er sie nur bestellt, um sich an ihrem Anblick zu ergötzen. Ich beneide Leon darum, dass er so mühelos mit seiner Arbeit verschmilzt, dass Zeit und Kälte unbemerkt an ihm vorüber streichen. Der Ausdruck „alles im Fluss“ geht mir durch den Sinn. Ich hingegen hatte Angst vor meinem Entwurf. Sobald ich mich daran mache, gerate ich ins Schwitzen und entwickele aller zwei Stunden ein anderes Gelüst: Schokolade, Kaffee, Obst, einen Song von Abba, einen Song von Sting, ein bisschen Renaissance, dann wieder Barock. Unzufriedenheit wird mich quälen bis sich die Überzeugung einstellt, dass endlich alles stimmt. Doch ob und wann dieser Moment kommen wird, ist unvorhersehbar.

Die Weihnachtszeit bedeutet Leon nichts. Er mag es nicht, irgendeinen Tag mit Jahr mit Bedeutung zu füllen und mit Erwartung zu überfrachten. Das führt zu Enttäuschung, sagt er. Entweder du fühlst dich gerade gut mit deinem Leben oder nicht. Du kannst nicht sagen: Heute ist Weihnachten, da bin ich fröhlich.

Bei mir ist das anders. Ich freue mich schon auf Weihnachten, wenn im Spätsommer die ersten Paletten mit Spekulatius im Supermarkt auftauchen. Ich kann das nicht erklären. Es ist ein Naturgesetz. Wie die Bäume zu dieser Zeit aufhören, Chlorophyll zu produzieren, gewinnt eine feierliche Melancholie in meinen Gliedern die Oberhand. Spätestens im Oktober singe ich beim Duschen die ersten Weihnachtslieder. Schon vor dem ersten Advent kaufe ich einen Weihnachtsbaum.

Es ist der Baum, sagte ich, um Leon zu erklären, womit ich das schwindende Chlorophyll draußen in mir kompensiere. Er versteht etwas von Bäumen. Vielleicht ist das sogar einer der wenigen gemeinsamen Nenner unserer Seelen: Die Bäume.

Ich ehre die Bäume das ganze Jahr lang, sagte Leon.  Ich brauche kein Weihnachten dafür.

Der Baum und das Kind, sagte ich. Darum geht es. Deshalb auch die Geschenke. Weil die Bäume wachsen und Früchte geben.

Es fällt mir schwer, Leon nichts zu schenken, aber ich halte mich an die Abmachung. Es stört mich nicht, wenn er in der Heiligen Nacht gegen zehn mit ölverschmierten Fingern aus der Garage kommt. Ich habe schließlich auch immer zu tun. Nach den Feiertagen bringt er plötzlich kleine Pakete an. Und dann kann auch ich mich nicht mehr zurückhalten und hole das Parfüm hervor, das ich im Advent für ihn ausgewählt habe.