Berliner Notiz-Blog 13. Mai 2008

Ein Buddha aus hellem Sandstein tritt aus dem Dunkel des Raumes. Das ist kein industrieller Mode-Buddha, wie sie in Jeans – und Pulloverläden in den Auslagen stehen. Dieser stammt aus der Stille eines Tempels. Wenn ich abends an der geschlossenen Galerie vorüber gehe, tönt die Stille in meine Gedanken. Ich bleibe dann stehen und werfe einen Blick an dem Buddha vorbei ins Fenster. Ich muss den Blick an der Scheibe abschirmen, um drinnen etwas zu erkennen. Teppiche von magischer Schönheit hängen an den rohen, unverputzten Wänden. Auf den zerkratzten Dielen liegen Rollen, Bündel, wie hingeworfen. Einige sind zerlöchert. Andere existieren nur noch als Fragment. Aber gerade diese zerrissenen, durchlöcherten Reste sind ergreifend. Als habe man die geretteten Teile uralter, geheimnisvoller Schriftrollen vor sich.

Eines Tages brennt drinnen Licht. Bambusröhren klappern an der Klinke. Auf der Galerie erscheint ein drahtiger Mann, die dunklen Haare zu einem Zopf gebunden. Pascal Michaud studierte Sinologie. China hatte Anfang der Neunzigerjahre gerade begonnen, sich dem Westen zu öffnen, als er seine ersten Teppiche auf Flohmärkten und in alten Bauernhäusern im tibetischen Hochland fand und zu sammeln begann.

Er spricht von den Überlieferungen der Teppiche. Die Weberinnen erzählten Faden für Faden, Zeile für Zeile ihren Alltag, ihre Märchen und Sagen und ihren Glauben.

Viele Bücher wurden seither mit den Deutungen der Teppichmuster gefüllt. Pascal Michaud hat sie gelesen und weiß, dass jeder Experte seine eigene Deutung hat. Die Diskussionen darüber ermüden ihn, genauso wie die Händler, die das Charisma der Teppiche nicht sehen, aber viel Geld damit machen wollen. Es ist schwer geworden, noch alte Teppiche zu finden. Das Geschäft mit alter Handwerkskunst blüht.

Die Teppich-Wollen wurden mit reinen Naturfarben gefärbt. Keine Farbcharge glich der anderen, so sehr sich die Färber damals auch darum bemühten. Aber gerade die winzigen Nuancierungen begründen ihre lebendige Ausstrahlung. Im vermeintlich Unvollkommenen liegt das Geheimnis ihrer Schönheit.

Nachsatz 2010: Wenige Monate, nachdem ich Pascal Michaud besucht habe, wich seine Galerie einem Modegeschäft. Wo die Teppiche ausgestellt waren, hängen jetzt ein paar Hosen und Blusen an Fleischerhaken. Das Scheunenviertel entwickelte sich in den letzten zehn Jahren zu einer der beliebtesten Gegenden Berlins. Edel-Läden und kleine, teure Bistros bestimmen mehr und mehr das Bild der engen Straßen, in denen einst die ärmsten Menschen der Stadt ums Überleben kämpften, nicht immer auf legale Weise. Beinahe jedes freie Grundstück wurde mit Wohnhäusern bebaut, in denen teure Lofts zum Verkauf stehen. Internationale Konzerne mit Marken wie Adidas, Boss oder Lacoste verdrängten kleine, individuelle Händler wie Michaud, um an diesem Standort mit einer Filiale präsent zu sein.

Berliner Notiz-Blog 5. November 2007

Kasimir, der Kaiser der Clochards, braucht dringend einen Arzt. Er sagt, er beginne zu quietschen wie eine alte Klapperkiste. Er ist jetzt über sechzig Jahre alt.  

Er braucht eine Krankenversicherung. Die Krankenversicherung seiner Wahl nimmt ihn aber nicht, weil er keine Einkünfte nachweisen kann.

Wie soll Kasimir seine Einkünfte nachweisen? Er hat doch keinen Quittungsblock in der Tasche. Es passt nicht zu seiner Lebensphilosophie, irgend etwas zu quittieren.

Dabei arbeitet Kasimir mehr als viele andere, denen er abends in den Restaurants seine geklauten Blumen schenkt und die Tröte drücken lässt.

Der Kaiser arbeitet als Bildhauer, Dichter, Performer und Interventionskünstler.

Am Freitagabend hat er mir im Gormans einen Dank geschenkt. Ein Dank von Kasimir ähnelt einem Eurostück. Allerdings ist er viel größer. Ein Dank ist so groß wie ein Bierdeckel. Ein Dank ist ein Bierdeckel aus laminierter Pappe. Mit einem roten Herz in der Mitte.

Zwanzigtausend Dank hat Kasimir gedruckt. Ich bin glücklich, dass ich einen davon besitze.

Eigentlich gebührt Kasimir dieser zwanzigtausendfache Dank. Er lässt uns an seiner Kunst teilhaben, ohne einen Cent dafür zu verlangen.

Es ist doch wohl das Mindeste, sich um die Gesundheit dieses Ehrenbürgers der Stadt zu sorgen.

Vom Störpotenzial alter Fotos

Es geht um die Natur der Fotos.

Sie sollten unberechenbar, mit einem gewissen Störpotential versehen bleiben. Man sollte ihnen erlauben zu verschwinden bis sie eines Tages aus dem Nichts wieder auftauchen. Mit Fusseln dran. Sie müssen erschrecken. Berühren. Der weiße Fleck auf der Seite eines Albums. Die Beunruhigung. Wir müssen der Vergangenheit einräumen, unvermutet über uns hereinzubrechen. Wenn wir gerade von einer Party kommen, zum Beispiel. Sie muss beim Blättern aus den Seiten eines Buches rutschen.

Digitale Fotoalben verbannen das letzte Risiko aus unserem Alltag.

Die Fotos meiner Großeltern befanden sich in der untersten Schublade ihres Sekretärs. Oft saß ich unter der Schreibtischplatte, den Rücken am Ofen und blätterte darin. Schwarz-weiß-Fotos mit hübsch gezackten Rändern. Seidenpapier mit dem Muster von Spinnennetzen. Die Hochzeitsreise nach Wien: Meine Großmutter in einem Seidenhemdchen am Schreibtisch im Gegenlicht des Hotelzimmers. Ihre Körper beim Paddeln und Baden. Ich fühlte mich wie ein Voyeur. Als stöberte ich in ihrer Wäsche.

Ein Foto betrachtete ich immer und immer wieder. Es zeigte meine Großmutter als junges Mädchen an der Ostsee. Sie liegt mit ihren Freunden im Sand. Sie bilden einen Kreis. Die Füße sind der Mittelpunkt. Sie strecken die Arme aus und halten sich an den Händen. Ein Rad mit Speichen. Sie lachen.

Ich überlegte, ob es Glück ist, dass meine Freunde und ich niemals derart uncool vor einer Kamera posieren würden oder Pech, eine unbefangenere Zeit für immer versäumt zu haben.

In einer Holzkiste im Keller entdeckte ich andere Fotos: Mein Großvater im Krieg in einer Nazi-Uniform. Die Postkarten des Gefreiten an seine Frau.

Alle Fotos unserer Familie haben miteinander zu tun. Jedes Leben wurde von denen davor geprägt. Man kann es sehen.

Ile Opaque

Edouard Glissant, der Botschafter der All-Welt (Tout-Monde), fordert für alle Menschen das Recht auf Opazität, das heißt: Das Recht darauf, unverstanden zu bleiben.

Auf der Ile Opaque darf jeder Mensch seine Sprache pflegen, auch wenn nicht alle ihn verstehen, weil ja die Herkunft eines jeden Inselbewohners verschieden ist.

Kein Kiesel am Strand der Ile Opaque gleicht dem anderen. Sie sind undurchsichtig, opak. Das Meer lispelt über die Steine. Es flüstert und singt in allen Sprachen.

Die Übersetzer balancieren auf den Steinen zu ihren Booten. Sie haben gelernt, zu jeder Insel dieser Welt über zu setzen.

Sie tragen die Kiesel der Ile Opaque in die großen Städte. Wo immer jemand verzweifelt, wütend oder sarkastisch den Satz „Ich verstehe dich nicht“ sagt und sich von seinem Geliebten abwendet, legen sie ihm einen Opal unter die Zunge.

Plötzlich haben die Menschen keine Angst mehr vor der Dunkelheit des anderen. Sie tasten nach ihrem Geliebten. Sie spüren sein Herz. Dieser Rhythmus ist ihnen vertraut. So beginnt jedes Lied.