Archiv ‘Portrait’ .

Das Herz, das nicht leuchtet

Berliner Zeitung

Christopher sucht die Liebe und läuft vor ihr davon. Könnte ja das Ende der Kindheit sein

Noch eine letzte Diode, dann ist die zierliche Kette komplett. Christopher setzt den Lötkolben ab. Er montiert die zwei Hälften des Leuchtbuchstaben zusammen. Es ist ein rosa S. Sein Auftraggeber möchte es einer Freundin zum Geburtstag schenken. Es ist der Anfangsbuchstabe ihres Namens. Sarah? Selma? Samantha?

Christopher schiebt eine Haarsträhne, die sich aus seinem dunklen Pferdeschwanz gelöst hat, hinters Ohr.

Gestern stand seine Annonce wieder in der Zeitung. Bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet.

Die Zeit vergeht schnell. Die Jahreszahlen klappern hintereinander weg und nichts geschieht.

Man kann ganz gut allein leben in Berlin. Tut nicht weh. Es gibt Cafés, Clubs, Läden und immer was spannendes im Radio. Trotzdem. Nee, es geht ihm um viel mehr als Sex. Sex kann er an jeder Ecke kaufen. „Ich hätte ein so beschissenes Gefühl, dafür bezahlen zu müssen“, sagt Christopher. „Als ob ich so häßlich bin, dass ich es nicht auch anders haben kann.“

Ist schon ziemlich lange her, dass er Lust hatte, einer Frau das Wort ENGEL aus naturweißem, mattem Plastik auf seinem CNC-Bohrer zu schneiden und anschließend zum Leuchten zu bringen. Dabei ist alles da: Dioden, Kabel. Die Folienrollen und Kunstoffplatten in frischen Farben stapeln sich an den Wänden seiner Werkstatt. Es kann also los gehen. Doch Christophers Herz bleibt ausgeknipst.

Er schlägt das rosa S in Seidenpapier und packt es in einen kleinen Karton. Werbeschilder, Leuchtbuchstaben und – Tafeln – die Aufträge reißen nicht ab. Sie kommen aus ganz Deutschland. Meist von Firmen. Über die Breite zweier unbenutzter Sessel liegt ein halbfertiges Ladenschild. Christopher hebt es auf den Arbeitstisch zwischen die Computer.

Die Frauen, die auf seine Annonce schreiben, schicken gewöhnlich zuerst eine SMS. Er antwortet umgehend. Dann folgt eine weitere SMS. „Dieses Scheiß-Gesimse nervt“, sagt er. „Was soll ich mit einer Frau, die keine Lust hat, mit einem Typen zu reden?“ Einmal hat eine Frau sofort angerufen. Sie haben sich gut verstanden. Sie wollte ihn noch am selben Abend treffen. Christopher ist wieder raus aus dem Bett und losgezogen. „Naja, war nicht so mein Typ.“

Die meisten Frauen langweilen ihn. „Die gehen jeden Tag ins Büro, einmal in der Woche ins Kino, aber eigentlich interessiert sie nichts. Außerdem sind sie gekleidet, als sei es ihnen egal, was sie früh aus dem Schrank zerren. Kein bißchen sexy. Keinen Mut aufzufallen.“

Christopher sticht auch nicht gerade durch Originalität ins Auge. Sweatshirt, Jeans, Stiefel – alles in schwarz. „Ok, das ist jetzt mein Alltagslook, aber wenn ich in einen Club wie das K17 gehe, trage ich schon mal ein Lackhemd.“

In die Gothic-Läden geht er kaum noch. „Da sind doch nur Leute, die sich über ihre Klamotten und Musik definieren, im Grunde auch Spießer.“

Wichtiger findet Christopher, miteinander reden zu können, über die vielen Themen, die ihn beschäftigen: Kultur im weitesten Sinne, nicht die Theater und Museen, sondern die Straße, die Leute, gesellschaftliche Phänomene, Liebe natürlich. Er möchte Radio machen, so rotzig frech wie Thommy Wash, sein Lieblingsmoderator auf Fritz, eine Sendung wie BlueMoon, wo alle anrufen können, reden, diskutieren, lästern. Radio im Web.

Er hält sich für schräg, provokant, zu wenig angepasst. Bei der Zielgruppe käme das nicht gut an. Auch optisch entspreche er eben nicht dem Geschmack der Masse.

Seine Lippen sind schmal, kein Kussmund wie aus der Werbung und auch sonst ist er nicht gerade ein Alphatier, ein normaler Mann also, nicht schöner und nicht weniger sexy als sieben Achtel aller Berliner. Er ist groß und schlank, die vollen Haare sind frisch gewaschen, die Cowboystiefel geputzt. Er ist bereit.

Seine Traumfrau sollte auf keinen Fall älter als dreißig Jahre alt sein, schön und schlank, stilvoll und gebildet. „Warst du jemals in einer Partnerbörse im Internet? Wenn du siehst, wie oft Frauen unter dreißig angeklickt werden, kannst du als Typ nur noch einpacken. Du musst eine junge Frau sein. Dann wirst du überall angemacht.“

Zu spät, sich auf die Seite der Zielgruppe zu stehlen und eine junge Frau zu werden. Christopher ist dreiundvierzig Jahre alt. In der Annonce mogelt er sich jünger. Glaubhaft. Die Geste, mit der er das volle, schwarze Haar aus dem Gesicht wirft, gerät so unbeschwert wie vor zwanzig Jahren.

Er glaubt, dass eine Frau seines Alters nicht zu ihm passt. „Die haben doch längst das ganze Programm hinter sich: Scheidungen, Streit um die Kinder und den Unterhalt.“ Er verzieht leicht angewidert den Mund. „Die tolle Ausstrahlung ist dann weg. Das erste Leben, in dem alles unkompliziert und lustig war, ist ein für allemal vorbei. An dem Spruch: ‚Trau keinem über dreißig‘ ist schon was dran.“

Er selbst ist die Ausnahme. Logisch. Er hat das Programm ja noch nicht einmal in Ansätzen absolviert. Keine seiner Beziehungen hielt länger als ein Vierteljahr. Was dauerhaftes wäre beengend. Es würde nach der Normalität des Programms stinken, das Pippi-Langstrumpf-Gefühl gefährden. „Ich baue mir die Welt, wie sie mir gefällt“, zitiert er. Seine Augen blitzen kindlich.

Der Balkon vor seiner Werkstatt ist ungenutzt, die dünne Schneedecke verharscht. Er geht da nicht raus, guckt den anderen nicht in die Zimmer -er würde entdecken, dass es bei den meisten Singles ganz ähnlich aussieht- er döst nicht über die Dächer, träumt nicht einfach so ins Blaue, etwas Neues, eine Frau in seinem Alter beispielsweise, die sich locker jünger mogeln kann und das Programm noch nicht hinter sich hat.

Er bleibt über die Leuchtbotschaften auf den Schildern gebeugt, schneidet, bohrt, lötet und grübelt sich die Welt, wie sie ihm nicht gefällt.

Das Problem sei, dass sie ihn manchmal für einen großen Jungen hielten. Und wenn sie dann miteinander ausgingen und erlebten, wie schräg und provokant er wirklich drauf sei, dann war’s das eben. „Habe schon öfters gehört, ich sei verletzend.“

Er trifft durchaus spannende Frauen. „Begegnungen, bei denen sofort ein Funke überspringt, ein Wort das andere gibt, wo alles stimmt, ohne dass man sich groß anstrengen muss.“

Es ist noch gar nicht lange her, dass er in einem Club eine Gleichgesinnte kennengelernte, eine von diesen Frauen, die sich nirgends langweilen. Nennen wir sie Lisa. Lisa ist vierunddreißig, aber alle halten sie für fünfundzwanzig. Sie tanzen die ganze Nacht. Lisa sagt, dass sie ihn unbedingt wiedersehen möchte. Am nächsten Tag bestätigt sie es in einer SMS: „Lass uns einen Kaffee trinken, sobald ich wieder in Berlin bin.“

Lisa ist dann nach Thüringen gefahren. Nicht für ein Semester nach New York, auch nicht zu einem Praktikum nach Melbourne. Einen Moment lang blickt Christopher, als hätte er das ganze Programm längst hinter sich. Egal, ob Lisa eine Tante besucht hat oder auf dem Rennsteig wandern ging, die Reise nach Thüringen bestätigt wieder mal das Naturgesetz, dass schöne, sympathische Frauen jede andere Beschäftigung einem Rendezvous mit ihm vorziehen würden. So hat er es festgelegt. Da kann sie funken, solange sie will, er ruft nicht zurück.

Aus Angst vor Enttäuschung? „Habe nicht so gute Erfahrungen mit anrufen gemacht.“ Christopher springt schnell zum nächsten Thema. Könnte ja sein, dass der Gefühlssturm der unerfüllten Erwartungen und verletzten Gefühle wieder losbricht, wenn Mann es sich gerade gemütlich machen will. Frauen sind unberechenbar.

Er trudelt in seinem Schreibtischstuhl hin und her. Über seinem Kopf hängt in lila Leuchtbuchstaben das Wort: SALE.

Christopher hat niemals einen Beruf gelernt. Das Abi schmiss er kurz vor den Prüfungen. Danach machte er sich als Siebdrucker selbständig. Er flüchtete aus seinem Heimatort in Hessen nach Berlin, weil die Jungs in der Vier-Mächte-Stadt vom Wehrdienst befreit waren. In Berlin führt er ein Fotosatzstudio, nach der digitalen Revolution im Druckgewerbe baute er Möbel und verkaufte sie in einem eigenen Laden. Mit den Werbeschildern hat er vor drei Jahren angefangen.

Alle Handwerke hat er sich selbst beigebracht. Und immer allein gearbeitet. „Man muss sich etwas einfallen lassen, um oben zu bleiben. Ich liebe diese Herausforderung. Ich konkurriere gern mit anderen. Das heizt die Phantasie an. – Ach komm, mit Kunden, das ist doch ganz anders als mit Frauen. Man kann das nicht vergleichen. Das ist so daneben wie diese Verkaufs – und Vermarktungsseminare, bei denen sie den Leuten beibringen, sich zu verbiegen, um Kohle zu machen. Lieber fahre ich nur ein kleines Auto und bleibe ich selbst.“

Lisa hat wieder eine SMS geschickt. Er öffnet sein Telefon und klickt sich durch die Kurznachrichten bis zu ihrem Gruß. Er hat sofort geantwortet. „Jetzt lass uns endlich wie normale Menschen kommunizieren. Schick mir doch deine Email-Adresse.“ Er hat Lisa eine Mail geschrieben, sie um ein Date gebeten. „Nichts.“ Sein Gesicht gerät zerknirscht. „Ich will mich da nicht investieren. Eigentlich interessiert sie mich nicht mehr. Wenn jemand immer nur SMS schickt…was ist das für eine Art, miteinander umzugehen?“

Letztes Wochenende hat er im Duncker eine Frau getroffen. Sie haben die ganze Nacht gequatscht. Blieb kaum Zeit für ein zweites Bier. Am Ende sagte sie, dass sie einen Freund hat.

Noch in derselben Nacht hat er ihren Namen in eine Internet-Suchmaschine getippt und ihre Firma mit sämtlichen Telefonnummern gefunden. Er wisse ja, dass er sich von der Sache mit dem Freund nicht abschrecken lassen sollte. Schließlich sei sie allein tanzen gegangen. Vielleicht läuft zwischen den beiden gar nichts mehr. Einen Versuch wäre es wert.

„Ich glaube allerdings, ihr Typ hängt mit in der Firma drin. Was soll ich am Telefon sagen, wenn er rangeht?“

Christopher blickt verunsichert auf das Telefon in seiner Hand. Er wendet es hin und her wie ein heißes Brötchen. „Ich werde ihr eine SMS schicken. Nur ein einziges Wort: Duncker.“

Der Engel an seiner Seite

Edgar Andrés Chauta ist ein besonderer Weihnachtsmann. Er ist niemals ohne seinen Engel unterwegs.

Jeder Weihnachtsmann verdient pro Bescherung achtundzwanzig Euro Cash. Väter und Mütter zahlen das, ohne mit der Wimper zu zucken. Bei den Engeln hingegen fangen sie an zu knausern.

In der Heiligen Rush-Hour 2007 klingeln fast vierhundert Weihnachtsmänner durch die Berliner Wohnstuben. Aber nur 35 Engel haben einen Job an ihrer Seite.

Edgar redet sich den Mund fusselig. „Ein Engel hat eigentlich viel mehr Gesprächsthemen mit den Kindern, wissen Sie. Weil Engel nämlich das ganze Jahr lang arbeiten, wir Weihnachtsmänner dagegen nur im Winter.“
Einige Eltern lassen sich überreden, buchen seinen Engel und zahlen zähneknirschend das Doppelte. Andere sparen am falschen Platz. Den Engel Lena bekommen sie trotzdem gratis dazu. So ungerecht läuft das Christfest in Berlin ab.
Aber was bleibt Edgar übrig? Ohne Lena macht er sich nicht auf den Weg. Sie chauffiert ihn im eigenen Wagen durch die Nacht. „Ich habe keinen Führerschein“, sagt Edgar. Außerdem hilft ihm Lena, die Säcke mit den Geschenken zu tragen. „Du glaubst ja nicht, wie schwer die manchmal sind!“ Die Geste demonstriert zirka das Zweifache seines Körperumfangs. Edgar ist nicht sehr groß und ziemlich schlank. Damit sein weihnachtlicher Auftritt an Gewicht gewinnt, stopft er sich mit Jacken und wattierten Hosen aus. So verpackt schwitzt er in der wabernden Hitze der Kerzen, dass der Schweiß ihm die helle Schminke über seinen Brauen weg zu spülen droht.

Einmal ist es geschehen, dass ihm ein Dreijähriger an den Bart ging. Der Junge wollte wissen, wieso dem Weihnachtsmann am Kinn weiße, über den Augen aber schwarze Haare wachsen. Vater, Mutter und Oma sprangen sofort schützend vor Edgar. Lena verkroch sich prustend hinter den ausgestopften Schultern des Weihnachtsmannes.
Das ist zum Glück nur ein einziges Mal passiert, ganz am Anfang.

Wie man in Deutschland ein erfolgreicher Weihnachtsmann wird, hat Edgar von seinem Bruder Jorge gelernt. Jorge war einige Jahre vor ihm zum Studium der Politikwissenschaften von Bogotá nach Berlin gegangen. Jorge schenkte seinem kleinen Bruder einen roten Plüschmantel und einen weißen Bart und ließ ihn bei den Bescherungen assistieren.
Lena, sie hatte gerade mit dem Studium der Sozialwissenschaften begonnen, war damals wie Edgar neu auf dem Markt.
Als Edgar seinen Sprachkurs beendet und gelernt hatte, sich die Augenbrauen wasserfest zu überschminken, ging Jorge nach Australien und überließ seinem kleinen Bruder das Geschäft. Dass ein Engel an die Seite des Weihnachtsmannes gehört, hat er natürlich auch von Jorge gelernt.

Jetzt ist Edgar sechsundzwanzig Jahre alt. Er ist gerade im Hauptstudium der Politikwissenschaften angekommen.
Er sagt, dass sein Vater verärgert sei, weil das Studium der beiden Jungen so lange dauert. „Seht mich an“, sagte er letzten Sommer, als Jorge und Edgar die Eltern in Bogotá besucht hatten. „Wie weit ich es gebracht habe. In eurem Alter habe ich längst Geld verdient.“ Papa stammt aus einer einfachen Bauernfamilie und hat als einziges Kind studiert. Er ist Rechtsanwalt geworden. Auch Edgars Mama ist Anwältin.

Edgar steht frierend neben dem Kettenkarussell auf dem Weihnachtsmarkt. „Papa versteht nicht, dass wir erst deutsch lernen und anschließend zum Studienkolleg mussten, weil unser Abitur ja in Deutschland nicht anerkannt wurde. Da waren dann schon drei Jahre weg.“
Er blickt der Lichtgirlande der Gondeln melancholisch nach. Er muss sich nicht so große Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen. Mama und Papa überweisen regelmäßig Geld. Im Winter ist der Weihnachtsmann sein einziger Job. Im Sommer arbeitet er hin und wieder in einem Café oder verteilt Werbeflyer.
Edgar kennt andere Weihnachtsmänner, die hart arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren. Sie ackern am Fließband in einer Fabrik, in Läden und Kneipen oder stehen als Werbeplakate auf der Straße. Auch im Winter. Sie sind auf jeden Auftrag angewiesen und können sich keinen schlecht bezahlten Engel an ihrer Seite leisten, mit dem sie den Erlös und die Süßigkeiten fifty-fifty teilen, wie er und Lena.
Wenn Edgar nach den Bescherungen mit Lena ins vorgeheizte Auto plumpst, sich den Bart abreißt und sie Lebkuchen mampfen, ahnt er, dass ein Engel einen gewissen Luxus bedeutet.

In diesem Jahr hätte Edgar sogar einen zweiten Engel haben können. Seine zwölfjährige Tochter Maria-Camilla. Maria-Camilla verbringt ihre Weihnachtsferien in Berlin. Sie brannte darauf, Edgar und Lena zu begleiten. Edgar musste ihr erklären, dass er Ärger mit dem Oberweihnachtsmann bekommt, wenn er sein Team eigenmächtig aufstockt. Es sei eben eine Frage der Versicherungen und Verträge, erklärte er ihr. Weihnachtsmann sei eine ernsthafte Arbeit, so ähnlich wie Rechtsanwalt.
Wenn Egar über die Zeit spricht, als seine Schul-Freundin mit Maria-Camilla schwanger war, wird sein melancholischer Blick unsicher. Hat eine Menge Ärger gegeben damals. Sie waren ja gerade erst vierzehn Jahre alt.
Maria-Camilla lebt abwechselnd bei ihrer Mutter und bei Edgars Eltern. Mama und Papa zahlen die teure katholische Privatschule für ihre Enkelin. Edgar würde gern, dass Maria-Camilla zu ihm nach Berlin kommt, aber die deutschen Behörden haben etwas dagegen, weil er von seinem bisschen Weihnachtsmann und Kneipen – Geld nicht richtig für sie sorgen kann.

In diesem Jahr feiern sie alle zusammen kolumbianische Weihnachten, Maria-Camilla, Edgar, sein Engel Lena, seine Schwester, die in Italien lebt und eine Cousine, die in Spanien studiert. Sie treffen sich alle in Berlin. Nur Jorge ist die Reise bis hierher zu teuer. Mama und Papa auch.
„In Kolumbien beginnt man erst spät am Abend zu feiern“, erzählt Edgar. „Nicht vor einundzwanzig Uhr. Eine Stunde vor Mitternacht ißt die Familie zusammen und dann wird bis in die Morgenstunden gefeiert. In Bogotá findet jedes Jahr zu Weihnachten ein großes Feuerwerk statt.“
Geschenke sind nicht so wichtig. Edgar legt Wert darauf, dass Maria-Camilla das versteht. „Hauptsache, wir sind alle zusammen.“

Ousmane und die Löwen

Berliner Zeitung

Letzte Woche war Ousmane wütend. Corinne Hofmann, die Autorin des Buches „Die weiße Massai“ war zu Gast in einer Talkshow. „Ich bin jetzt fünf Jahre in Deutschland“, sagt Ousmane, „aber ich würde nicht auf die Idee kommen, ein Buch zu schreiben „Der schwarze Deutsche“. Man kann eine Kultur so schnell gar nicht völlig verstehen. Niemals ist sie nach vier Jahren in Kenia eine „weiße Massai“.
Ousmane rief in der Sendung an. Er wollte mit Corinne Hofmann sprechen. „Ich kann Sie gut verstehen“, sagte die Dame am Telefon. „Aber Sie können jetzt nicht auf Sendung.“

Wenn Ousmane davon überzeugt ist, dass etwas richtig oder falsch ist, gibt er so schnell nicht auf. Er diskutiert. Er argumentiert. Er lässt nicht locker.

Es half nichts. Er durfte nicht auf Sendung. Die Dame am Telefon mag sich den Schweiß von der Stirn getupft haben, als sie Ousmane Doudou Diallo endlich wieder losgeworden war.

Ousmane schlitzt die Folienhülle des Gitterwagens im Bio-Supermarkt mit einem Cutter auf und sortiert geschwind Bierflaschen ins Regal. „Die Deutschen streiten nicht gern“, sagt er. „Sie fühlen sich sofort persönlich angegriffen. Es ist schon vorgekommen, dass Leute mich nicht wieder treffen wollten, nur weil ich es gewohnt bin, meinen Standpunkt zu verteidigen.“ In anderen Ländern sei das anders, in Frankreich und Guinea zum Beispiel. Da streiten die Leute gern. Sie lieben Provokationen.

Er knüllt die Folienhaut zusammen und wirft sie auf den leeren Wagen. Ousmane arbeitet gern im Bio-Supermarkt. „Diese Arbeit zu finden war, als hätte ich den Jackpot geknackt“, sagt er. Das Bioteam fördert ihn. Sie dürfen „Schokomann“ zu ihm sagen. Die Kunden behandeln den schwarzen Kassierer besonders höflich.

Und niemand fragt nach Löwen. Als Ousmane vor fünf Jahren nach Deutschland kam, haben ihn erwachsene Menschen manchmal gefragt, ob es da, wo er herkommt, Löwen gibt. Als hätten sie ihr einziges Wissen über Afrika aus einem Bilderbuch für Dreijährige. Diese Fragen haben Ousmanes Gefühl der Fremdheit noch verstärkt.

Ousmane Doudou Diallo ist in Kamsar in Guinea geboren, einer modernen Hafenstadt an der Atlantikküste. Kamsar zählt ungefähr achtzigtausend Einwohner.

Für guineeische Verhältnisse ist seine Herkunft privilegiert. Das Leben in Kamsar, wo die Menschen früher vom Fischfang lebten, wird seit den Siebzigerjahren von der CBG, der Company of Bauxit Guinea, beherrscht. Die Hälfte aller Weltvorräte an Bauxit lagern in Boké, der Präfektur, zu der die Stadt Kamsar gehört. Vom dort aus wird das Bauxit in die ganze Welt verschifft.Ousmanes Eltern arbeiten bei der CBG. Die Angestellten genießen viele Sozialleistungen, die in Afrika unüblich sind, Krankenversicherungen zum Beispiel.

Doch als Ousmane sein Mathematikstudium in der Hauptstadt Conakry abschloss, wusste er, dass es in Guinea keine Zukunft für ihn gibt.

„In Europa hat jeder eine Chance“, sagt Ousmane. Er sortiert Fruchtsäfte und Limonaden ins Regal. „In Guinea findet nur Arbeit, wer einflussreiche Freunde hat.“

Ein Praktikum bei der CBG konnten seine Eltern – die Mutter ist Sekretärin, der Vater Buchhalter – noch vermitteln, doch um ihrem Sohn eine bezahlte Anstellung zu verschaffen, reichte ihr Einfluss nicht aus.

In den letzten Jahren übernahmen zunehmend Schwarze die führenden Positionen bei der CBG. Ousmane sieht den Prozess der sogenannten Afrikanisierung auch kritisch. „Wenn in Afrika jemanden einen guten Job hat, erwartet die Familie, dass er für andere, die weniger haben, sorgt. Auf jeden gut verdienenden Afrikaner kommen ungefähr fünfzig Arbeitslose in der Familie. Die Afrikanisierung könnte eine Chance sein, aber die Leute denken zuerst an sich und ihre Familien und erst danach an die Firma. Viele Sozialleistungen sind in den letzten Jahren abgeschafft worden. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde. Vielleicht würde auch ich in die eigene Tasche arbeiten, um meiner Familie zu helfen.“

Afrikanisierung heißt nicht, dass die CBG nun den Guineesen gehört. Die Gewerkschaften des Landes kämpfen darum, dass ein paar zusätzliche Brotkrumen vom Tisch der internationalen Konzerne fallen und den Menschen im Land zugute kommen, statt dass korrupte Regierungsbeamte sie wegschnappen und in ihren Clans aufteilen.

Im Februar war Ousmane wieder wütend. Die von den guineeischen Gewerkschaften organisierten Generalstreiks waren keiner deutschen Nachrichtensendung eine Meldung wert. Auch dann nicht, als sie sich zu Unruhen ausweiteten, das Militär eingriff und Tote zu beklagen waren. „Gäbe es nicht das französische Fernsehen und das Internet, hätte ich überhaupt nicht erfahren, was bei uns zu Hause los ist.“

Ousmane verfasste einen Brief an die ARD. Deutschland erwarte von den Migranten, dass sie sich für die Kultur und Politik des Landes interessieren. „Aber wann beginnen Sie, sich für Afrika zu interessieren?“

Die ARD antwortete, man plane eine längere Reportage über Westafrika. Einige Wochen später berichtete der „Weltspiegel“ über die Streiks in Guinea.

„Die meisten jungen Afrikaner haben eine völlig falsche Vorstellung von Europa“, sagt Ousmane. „Sie glauben, das Geld liegt hier auf der Straße.“

Er hätte gern Informatik studiert. Die Ausländerbehörde räumt Migranten zwei Jahre ein, um einen Studienplatz zu finden. Als es mit dem Studium nicht sofort klappte und man ihm nahelegte, erst einmal einen Sprachkurs zu besuchen, weinte Ousmane. „So wird das nichts“, sagte sein Freund. „Hier musst du hart sein. Mit Tränen kommst du nicht weit.“

Bewerbungen, Absagen, die Angst vor dem Briefkasten, die Angst vor dem Kontostand. Das Geld, das seine Eltern über viele Jahre für ihn beiseite gelegt hatten, war schnell verbraucht. Die Mutter konnte nicht fassen, wie teuer die Mieten und das Essen in Europa sind.

Kurz vor Ablauf der zwei Jahre beginnt Ousmane ein Mathematik-Studium an der Humboldt-Uni. Jetzt darf er auch eigenes Geld verdienen. Am Wochenende putzt er den Bio-Supermarkt. Später hilft er manchmal an der Kasse aus. Im letzten Jahr brach er sein Studium ab und stieg als Verkäufer ins Biogeschäft ein.

Jetzt ist Ousmane zweiunddreißig Jahre alt und führt ein typisches Berliner Familienleben. Er ist verheiratet. Sein Sohn wird bald drei Jahre alt. Manchmal laden die Schwiegereltern zur Grillparty in den Garten nach Brandenburg ein.

„Ja, schwarze Männer sind Machos“, sagt Ousmane. „In Afrika betreten sie die Küche nicht.“ Er jedoch sei durch das Beispiel seines Vaters bestens auf eine moderne Ehe in Europa vorbereitet worden. „Mein Vater hat manchmal für uns Kinder gekocht. Er musste, weil meine Eltern beide arbeiteten. Es war ihm peinlich vor den Nachbarn, aber mir ist er ein Vorbild geworden. Ich habe kein Problem, für meine Familie zu kochen.“

Neulich sind sie übers Wochenende an die Ostsee gefahren. Das erste Mal. Er hatte Angst. „Wenn du hörst, dass sie dort Schwarze verhauen…Aber nichts ist passiert“, sagt er, erleichtert, fröhlich, wie nach einer bestandenen Prüfung, einer Prüfung für das Land seiner Wahl. Stundenlang seien sie am Strand spazieren gegangen. „Die Leute waren alle superfreundlich.“

Und niemand hat nach Löwen gefragt. Ousmane beobachtet, dass die Gesellschaft sich verändert. Was seinen Sohn betrifft, macht er sich keine Sorgen. „Wenn er in die Schule kommt, wird es in Deutschland kein Thema mehr sein, woher jemandes Eltern kommen und ob einer schwarz oder weiß ist.“

Aber Killés Freunde werden wissen, dass er Großeltern in Kamsar hat und dass dort keine Löwen durch die Straßen laufen, sondern Autos fahren. Wie in Berlin.

 

Zwischen den Welten

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Das Magazin November 2007

Anna aus Armenien kam nach Deutschland. Sie arbeitete als Au-pair-Mädchen, jetzt will sie studieren. Vieles im Alltag ist ihr fremd, und natürlich hat sie Heimweh. Doch an eine schnelle Rückkehr denkt sie nicht

„Weiß jemand von euch, wie alt Yerivan ist?“, fragt Anna, die Lehrerin im armenischen Gemeindehaus. Erwartungsvoll blickt sie die Schüler an. Sie trägt eine weiße Bluse, einen schmalen, schwarzen Rock und Stiefel. Sie lächelt geheimnisvoll wie eine Geschichtenerzählerin, die kurz vor der Pointe die Spannung hält. Ihr Haar ist am Hinterkopf so locker gesteckt, dass die dunkle Masse jeden Moment abzustürzen droht. An ihren Ohren hängen runde, fein ziselierte Silberringe mit Kettchen, die bis zum Kinn reichen.

Sie erzählt ihren Schülern von der Festung Yerivan, die im Jahr 782 vor Christus erbaut wurde. Die kleine Eva war in den Ferien das erste Mal in Armenien. Warand war schon mehrmals dort. „Ich habe den Ararat gesehen“, sagt er. Die Erwähnung des Gebirges Ararat erzeugt einen Moment Stille in dem kleinen Raum. Die Kinder kennen das Land ihrer Eltern nur von gelegentlichen Besuchen. Sie sind in Deutschland geboren. In Berlin.

Deshalb ist deutsch die vertrautere Sprache für sie, aber Anna Schavinyan, die Lehrerin, besteht darauf, dass sie wenigstens einige armenische Sätze bilden. Die Lehrerin ist jung. Einundzwanzig Jahre. Sie hat keine pädagogische Ausbildung. Sie arbeitet dreimal in der Woche als Verkäuferin in einem Seifenladen. Seit gestern weiß sie, dass sie in Deutschland bleiben und hier studieren kann.

Die armenischen Gemeinden zahlen ihr für den Unterricht ein symbolisches Honorar. Anna würde diese Arbeit auch ohne Honorar tun.

Sie spricht gern über Armenien. Es hilft gegen das Heimweh.

Das Gemeindehaus in Berlin Charlottenburg ist der einzige Ort in Berlin, an dem sie sich zu Hause fühlt. Hier spricht alles armenisch, die Menschen und die Bilder an den Wänden, das Foto des Ararat zum Beispiel, wie er aus einem Wolkenschleier wächst. „So sieht man ihn an klaren Tagen von der Hauptstadt Yerivan aus“, erzählt Anna. „Der Ararat gehörte früher zu Westarmenien, liegt aber jetzt auf dem Gebiet der Türkei. Man darf nur mit einer Sondergenehmigung in die Türkei reisen. Der Ararat ist also für die meisten Armenier unerreichbar.“

3,5 Millionen Einwohner zählt Armenien. 8 – 9 Millionen leben seit der Verfolgung und dem Völkermord durch die Türken im Jahre 1915 in der Diaspora.

Armenier sind Christen. Die apostolische, armenische Kirche ist eng mit der griechisch orthodoxen Religion verwandt. Armenien ist das erste Land der Welt, in dem die christliche Kirche zur Staatsreligion ernannt wurde. Ein Plakat im Gemeindesaal erinnert an dieses Ereignis im Jahre 301 nach Christi. „Da saßen die Russen noch auf den Bäumen“, sagt Anna.

Sie findet, dass jeder Armenier, in welchem Land auch immer er lebt, das einzigartige Alphabet kennen sollte, dass ihr Volk seit dieser Zeit verbindet.

Ihr Gesicht ist einfach. Es ist ein armenisches Gesicht mit hohen Wangenknochen, hinter denen die dunklen Augen liegen. Manchmal fragen die Leute, ob sie aus der Türkei kommt. Einige halten sie für eine Italienerin, andere tippen auf Südamerika. Woher? Armenien? Staunen. Kaum, dass jemand weiß, wo Armenien liegt.

Noch kann Anna nicht sagen, ob sie nach dem Studium in Deutschland bleiben möchte. Sie findet die Deutschen kühl, zu distanziert. Der Gedanke, für immer nach Armenien zurück zu kehren, behagt ihr allerdings auch nicht. Sie wägt die Kulturen gegeneinander ab, grübelt, ist unschlüssig. Aber es gibt wichtige Dinge, die sie nur entweder armenisch oder westlich entscheiden kann. Die Liebe. Die Männer laufen ihr scharenweise nach. Das ist nicht das Problem. Aber in Armenien ist es üblich, erst dann mit einem Mann zu schlafen, wenn man weiß, dass man heiraten wird. „Ich finde die freiere westliche Moral schon in Ordnung, aber ich fühle mich darin fremd. Ich bin nun einmal anders erzogen.“ Sie zieht die Schultern hoch. Da passt etwas nicht, ist zu eng, schnürt ihr das Herz ein. Die eine Kultur ist es nicht mehr, die andere noch nicht. Was nun? Sie wartet ab. Sie hebt sich auf. Sie wird sich jetzt auf ihr Studium konzentrieren.

Das armenische Abitur berechtigt nicht zu einem Studium an einer deutschen Universität. Dennoch wird Anna ab Oktober den Bachelor-Studiengang Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität belegen.

„Mir ist kein Fall eines armenischen Studenten bekannt, der ein Studium in Deutschland begonnen hat“, sagt Azad Ordukhanyan, Leiter des Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e.V. in Bochum. „Ich frage mich, wie Anna das gemacht hat.“ Der Verein betreut zirka zweitausend armenische Studenten und Doktoranden in Deutschland. Die meisten haben ihr Studium in anderen Ländern begonnen und führen es hier fort. So gestattet es die deutsche Hochschulordnung den ausländischen Bewerbern.

Ihre Ansage am Telefon ist kühl und knapp. Sie wird sich um zwanzig Minuten verspäten. Sie verspätet sich häufig. Doch immer sagt sie ihre Verspätungen rechtzeitig an und hält sie dann pünktlich ein.

Ihr Telefon ist rund und rosa und mit geschwungenen Ornamenten verziert. Das Telefon ist bedeutend für sie, denn sie lässt sich nicht von ihren Verabredungen dirigieren. Sie dirigiert ihre Verabredungen selbst, schiebt sie vor und zurück, ordnet sie in den Rhythmus ihres Alltags. Sie hat viel zu tun. Die Arbeit im Seifenladen, Babysitten, so oft wie möglich. Alles schlecht bezahlte Jobs. Sie hält sich gerade so über Wasser.

Verabredungen im Café leistet sie sich nicht. Sie wird zu Hause kochen.

Auf halber Treppe zwischen den Zimmeretagen des Studentenwohnheims liegen die Gemeinschaftsküchen. Eine breite Fensterfront geht hinaus in den Garten. Die Bäume wachsen bis an die Scheiben.

Anna blickt in das Grün. Sie wirkt klein in dieser großen, schattigen Küche. Sie könnte eine junge, armenische Frau sein, deren Gedanken sich hauptsächlich darum drehen, was sie für ihre große Familie kocht.

Heute wird sie einen Gata backen, den traditionellen, armenischen Kuchen, den die Großmütter an Festtagen zubereiten. Während sie den Teig aus dem Papier nimmt und ausrollt, beginnt sie zu erzählen, auf östliche Weise, in einem ruhigen Fluss, langsam, ausführlich und so genau, dass es leicht fällt, zuzuhören.

In der Studienberatung der Universität Potsdam hat Anna Doktor Birgit Bismark getroffen. Doktor Bismark hat sich ans Telefon gehängt und jede Regel und Vorschrift in die Knie argumentiert, damit Anna sich für das Studienkolleg bewerben durfte, den Vorbereitungskurs für ein Studium an einer deutschen Hochschule.

Nach der Aufnahmeprüfung erhielt Anna den Bescheid, dass sie durchgefallen sei. Sie, die den Werther, Heines Liebeslieder und Die weiße Rose auf deutsch gelesen und die Lorelei auswendig aufsagen kann, die immer nur deutsch gelernt hat, nicht nur in der Schule, sondern auch abends bei einer Privatlehrerin.

Eigentlich hatte sie kein deutsch lernen wollen. Niemand wollte es. Aber in diesem Jahr stand Deutsch als zweite Fremdsprache nun einmal auf dem Programm. Es gab Proteste der Eltern. Vergeblich. Die Schulleitung blieb dabei: Dieser Jahrgang lernt deutsch.

Dabei hat diese Fremdsprache in Armenien eine lange Tradition. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es einen intensiven Kulturaustausch zwischen beiden Ländern.

Später fand Anna Gefallen daran, gewann sogar die Deutsch-Olympiade in ihrer Heimatstadt Alaverdi.

„So ein Stapel Papiere.“ Annas Hand schwebt gut einen Meter über dem Küchentisch. Zeugnisse, Urkunden und Zertifikate, Originale und Kopien der Originale, Übersetzungen und Kopien der Übersetzungen, alle notariell beglaubigt, Beweise, die sie vor der Aufnahmeprüfung vorlegen musste.

Die Absage erwies sich natürlich als Irrtum. Anna konnte am Studienkolleg teilnehmen, bekam einen Studentenausweis und einen Platz im Studentenwohnheim. Sie war so gut, dass sie den Vorkurs überspringen konnte. „Die Lehrerin nannte mich ‚Anna mit dem großen Mund‘, weil ich alles wusste.“ Sie lacht.

„Früher habe ich viel geweint“, sagt sie. „Ich konnte immer weinen. Ich musste nur an etwas trauriges denken und schon flossen die Tränen. Jetzt kann ich das nicht mehr.“

Mit dem Nudelholz zerdrückt sie Hasel – und Walnüsse zwischen zwei Lagen Backpapier.

Studieren in Armenien ist teuer. Annas Vater, ein Bauingenieur, arbeitet als Kraftfahrer bei einem staatlichen Transportunternehmen, bei dem auch Annas Mutter als Buchhalterin und die Großmutter als Lagerverwalterin arbeiten. Sie ernähren vier Kinder, Annas Geschwister. „Nach dem Krieg haben viele keine Arbeit mehr in ihren Berufen gefunden“, sagt Anna. Der Krieg mit Aserbaidshan um die Region Karabach in den Neunziger Jahren hat ihre Kindheit geprägt. „Manchmal gab es tagelang kein Wasser und keinen Strom.“

Achthundert Dollar im Jahr kostet ein Studium an einer der privaten Universitäten. Die kostenlosen staatlichen Studienplätze, gerade für Sprachstudien, gehen zum großen Teil gegen Bestechungsgelder weg.

Anna rollt die Füllung in den Blätterteig, teilt ihn in kleine Stücken und drückt die Ränder mit einer Gabel zusammen.

„Die Großmütter in Armenien arbeiten mehrere Tage an diesem Teig.“ In Berlin gibt es ihn tiefgefroren im Supermarkt. „Ist natürlich nicht so gut wie Zuhause.“ Nicht nur der Gata sei in Armenien besser. Die Großmütter seien es auch. „Sie sind warmherziger mit ihren Enkeln.“ Anna hat die deutsche Familie als Au-Pair beobachtet. „Als die Tante zu Besuch kam, haben sie sich nicht einmal umarmt.“ Später habe sie allerdings auch andere, herzlichere Familien kennengelernt. Trotzdem: Deutschland bleibt die Feinfrost-Version des Lebens. In Deutschland muss man vorher anrufen, wenn man jemanden besuchen will. In Deutschland werden die Portionen abgezählt, wenn Gäste geladen sind. Man schaut aufs Geld, sogar beim Feiern. Das alles wäre undenkbar in Armenien.

Aber sie will sich mit diesem Land arrangieren. Nur hier hat sie die Möglichkeit zu studieren. Und studieren möchte sie auf jeden Fall. Eins hat sie verstanden: Man darf nicht bitter werden, nur, weil das Leben manchmal nicht mit den eigenen Erwartungen übereinstimmt.

Nachts ist sie allein mit dem Heimweh, in das sich die Sehnsucht nach Liebe mischt.

In ihrem kleinen Zimmer, unter dem Himmelbett aus lila Tüll, hat sie einen Schleier versteckt. Sie legt ihn auf ihr Haar, drückt die Taste des Recorders auf dem Schreibtisch und tanzt in kleinen Schritten zum melancholischen Klang der armenischen Musik. Sie breitet die Arme in Schlangenbewegungen aus, soweit es der schmale Raum zulässt.

Rudin, ihr Zimmernachbar aus Bangladesh, dem sie gelegentlich Deutschunterricht gibt, ist in sie verliebt, aber er ist nicht der Richtige, auch nicht die jungen armenischen Männer in der Gemeinde, die in Deutschland nur „geduldet“ sind und nicht arbeiten und nicht einmal am Wochenende aus Berlin raus dürfen.

Den Gata wird sie morgen abend mit zu Adelheid nehmen, ihrer Freundin, die sie scherzhaft „Mutti“ nennt. Adelheid Schardt hatte Jugendliche, vornehmlich ausländische Jugendliche, eingeladen, Berliner Trümmerfrauen zu interviewen und zu fotografieren. Die Fotos und Teile der Interviews wurden später auf eine Hauswand projiziert. Die Passanten konnten sie am Abend im Vorübergehen ansehen und lesen.

Anna hat es Spaß gemacht. Seitdem kann sie sich vorstellen, Journalistin zu werden.

Sie lässt ein paar Stück Gata für Rudin und Nina, das Mädchen aus Litauen, auf einem Teller in ihrem Zimmer zurück.

Bei Adelheid ist sie immer willkommen. Natürlich ruft sie vorher an. In diesem Fall findet Anna das auch in Ordnung. Schließlich hat Adelheid eine Menge zu tun, ist nicht immer zu Hause.

Sie werden Tee trinken und über die Neuigkeiten reden. Adelheid hatte von Anfang an diese herzliche, unkomplizierte Art. Mit ihr fühlt es sich selbstverständlich und vertraut an. Fast wie mit Armeniern.

Liebe auf den ersten Satz

Berliner Zeitung

Berliner Zeitung 22. Oktober 2007

Rina, eine jüdische Philosophin in Berlin, ist der deutschen Sprache früh verfallen. Jetzt kennt sie auch deutsche Tücken.

In wenigen Tagen ist es endlich soweit. Rina wird in den Geburtsort Friedrich Nietzsches fahren, ein kleines Dorf in der Nähe von Leipzig. Röcken.

Röcken wollte sie schon während ihrer ersten Reise nach Deutschland besuchen, kam dann aber einfach nicht aus Berlin raus, weil hier so viel los war.

Noch früher, als sie in ihrer Heimatstadt Tel-Aviv deutsch zu lernen begann, träumte sie bereits davon, auf den Spuren ihres Lieblingsphilosophen unterwegs zu sein.

Mit Nietzsche hat ihre Leidenschaft für die Philosophie und die deutsche Sprache begonnen. Sie war zwölf Jahre alt, als sie das erstemal Nietzsche las, damals noch in ihrer Muttersprache Hebräisch. Es war Liebe auf den ersten Satz.

Jetzt hat Rina einige Semester Philosophie an der Technischen Universität Berlin hinter sich. Ihre jugendliche Schwärmerei für die deutsche Kulturnation hat sich relativiert. „Anfangs glaubte ich, in Deutschland sitzen alle mit einem Goethe im Café. Ich war wirklich erstaunt, Leute zu treffen, die sich gar nicht für Literatur interessieren.“

Rina hat ein bisschen Angst vor der Fahrt nach Röcken. „Meinst du, ich kann als Jüdin allein dahin fahren?“

Der Ort zählt etwas mehr als sechshundert Einwohner. Ein Nest. Kleiner als Mügeln und gar nicht so weit davon entfernt.

Die „Freunde von Röcken“, ein gemeinnütziger Verein, der sich darum kümmert, dass Nietzsches Geburtshaus nicht weiter verfällt, stammen nicht aus der Gegend.

Rina ist sehr weiß. Dass sie Jüdin ist, sieht man ihr nicht an der Nasenspitze an. Zumindest hat ihr das ein Kommilitone neulich versichert. „Jüdin? Komisch, du siehst gar nicht so aus. Mund und Nase, alles ganz normal.“

Es sind diese Bemerkungen, die Rina verunsichern. Natürlich hat sie als Jugendliche vom Antisemitismus in Europa gehört. Ihn zu erleben, ist aber noch etwas anderes.

Niemals hätte sie geglaubt, Angst zu bekommen. Sie will die Angst auch gar nicht wahrhaben. Sie spricht verwundert über ihre Erlebnisse. Sie lacht darüber. Sie wisse ja, dass sie hier sicher sei. Nicht umsonst genieße Berlin in Israel mittlerweile den Ruf, die beste europäische Stadt für Juden zu sein.

Doch dann entschuldigt sie sich dafür, dass sie ihr Foto lieber nicht in der Zeitung haben will und wenn, dann nur mit dieser großen Sonnenbrille. Und ihren vollständigen Namen möchte sie lieber auch nicht veröffentlichen. „Es ist nur…ich bin nicht sicher, weißt du.“

Die Beunruhigung wird immer wieder genährt. Einmal war sie zu einer Gesellschaft geladen. Als der Gastgeber sie fragte, ob sie Jüdin sei, da sie doch aus Israel komme und Rina diese Frage wie gewohnt in ihrer natürlichen Selbstverständlichkeit bejahte, richteten sich plötzlich alle Blicke auf sie. „Keiner sagte mehr etwas. Es war auf einmal ganz still. Es dauerte bestimmt eine Minute, bis sie sich wieder gefangen hatten und weiter redeten.“

Sie könnte noch viele ähnliche Geschichten erzählen, möchte aber nicht. Das sei doch alles nicht der Rede wert. „Es ist eben schwierig in Europa.“ Punkt. Ihre Angst bezeichnet sie als irrational.

In umgekehrter Weise gleicht sie ihren deutschen Altersgenossen, die einen normalen Umgang mit dem deutschen Nationalgefühl fordern. Man müsse nicht immer und immer wieder den Holocaust herauf beschwören. Das sei doch nun wirklich lange genug her.

Im Unterschied zu ihren Altersgenossen in Deutschland sind es aber nicht die unbekannten Urgroßeltern, die von Verfolgung betroffen waren, sondern Rinas eigene Eltern.

„Ich bin froh, dass du das mal erlebst“, sagt die Mutter am Telefon. „Damit du weißt, was für ein Glück es ist, dass du deine Kindheit in Israel verbringen und ganz selbstverständlich jüdisch sein konntest.“

Rinas Familie stammt aus der Bukowina und Galizien, Regionen, die heute auf dem Gebiet der Ukraine und Rumäniens liegen. Ihre Eltern verließen Rumänien in den Siebzigerjahren. Rina wurde 1983 in Tel Aviv geboren.

Auf jeder Party trifft sie mindestens einen, der die Lösung des Nahostkonfliktes in der Tasche hat. Israelis und Palästinenser müssten einfach mehr zusammen reden, das Patentrezept Nummer eins, quillt Rina inzwischen zu den Ohren raus. Es gibt aber auch skurrilere Vorschläge. Neulich äußerte einer die Idee einer Volksbefragung, nach der man aus dem Mittelwert der Meinungen weitere politische Maßnahmen ableiten sollte.

Rina findet es gut, in Israel aufgewachsen zu sein. Schade sei nur, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist.

Nach wie vor ist Deutsch für sie die schönste Sprache der Welt. Sie spricht es so gut, dass man den winzigen Restsatz ihres Akzents eher für einen leichten Dialekt hält, eine vergessene Sprache von weiter her, aus dem Osten, aus einer vergangenen Zeit, als jiddisch und deutsch noch dicht beisammen lebten.

Rina liebt es, Wörter zu entdecken. Sie schmeckt die Worte. Ihre Stimme klingt ruhig und dunkel. „Seit ich das erste Mal auf der Ausländerbehörde war, warte ich auf eine Gelegenheit, das Wort ‚etwaige‘ zu benutzen.“

Mit einem Freund aus ihrer WG betreibt sie ein Schwäbisch-Hebräisches Sprachtandem. Wie die Schwaben die Dinge verniedlichen, das erinnert sie an Jiddisch. Unter den deutschen Dialekten entzücken sie besonders Schwäbisch und Sächsisch. Sie wundert sich, dass so viele Sachsen in Berlin offenbar ein Problem mit ihrer sprachlichen Herkunft haben. Selbst auf ihre ausdrückliche Bitte tun sie sich schwer damit, ein bisschen sächsisch zu reden. „Es ist doch so ein wunderschöner Dialekt. Nietzsche muss sächsisch gesprochen haben.“

In Israel hat sie Jiddisch-Kurse besucht, gemeinsam mit Leuten aus aller Welt, unter anderem mit einem vietnamesischen Ehepaar, das jetzt zu Hause nur noch jiddisch spricht. Sie tun es, damit die Sprache nicht stirbt. Ihr Kind soll jiddisch als Muttersprache lernen.

Der sinnliche Schmelz aus Mittelhochdeutsch und Hebräisch, mit slawischen und aramäischen Einflüssen freilich, zeige doch die kulturelle Nähe von Juden und Deutschen, meint Rina, eine Mischung, in der sie sich Zuhause fühlt.

Kurz nach dem kulturellen Höhepunkt ihres Aufenthalts in Deutschland, der Fahrt nach Röcken, wird sie das Land vorerst verlassen. Ihre Doktorarbeit schreibt sie in den USA. Die amerikanische Dissertation sei in Fachkreisen anerkannter, weil sie mit einem aktiveren Studienprozess verbunden ist als in Deutschland.

Was danach kommen wird, weiß Rina noch nicht. Sie hat keine Präferenzen, was ihr Fach betrifft. Im Hinblick auf die Sprache ist sie allerdings sicher: „Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Land zu leben, in dem kein Deutsch gesprochen wird.“

Dass Deutschland so viele Philosophen hervorgebracht hat, sieht sie in der Sprache begründet. „Eine Sprache, in der man ‚dasselbe‘ und ‚das Gleiche‘ unterscheidet, musste die Sprache der Philosophie werden.“

Doch warum ausgerechnet Nietzsche? „Er war ein Dichter“, sagt Rina. „Außerdem ist es gar nicht wahr, dass seine Philosophie zur Nazi-Ideologie passt. Nur, weil Hitler sich einmal mit seiner Schwester getroffen hat. In Wirklichkeit war Nietzsche das Gegenteil von einem Antisemiten. Er war ein Anti-Antisemit.“

Vielleicht wäre es gut gegen die „irrationale Angst“, wenn sie nicht allein nach Röcken fahren würde. Sie könnte zum Beispiel ihren Leipziger Freund mitnehmen, den sie sowieso auf dieser Reise besucht. „Mein Freund ist aber auch Jude“, resigniert sie. „Allerdings kommt er aus England. Er hat blaue Augen.“ Das könne für den Aufenthalt in Röcken möglicherweise von Vorteil sein.