Berliner Notiz-Blog 20. Oktober 2007

Mehrere Zeitungen schreiben heute, dass uns Gesichter, die Angst ausdrücken, sofort auffallen. Schneller als zufriedene Gesichter. Die Evolution habe das so eingerichtet.

Die zwei Frauen an der Kasse sehen sich beunruhigt um. Sie haben volle Einkaufstaschen, eine Plastiktüte vom Bio-Supermarkt nebenan ist dabei.

Sie suchen etwas. Sie gehen in Gedanken ihre Einkaufstour noch einmal ab, schauen in die Taschen. Sie sehen nicht ängstlich aus, aber besorgt. Vielleicht wundern sie sich auch nur, wo das ganze Geld geblieben ist. Eine der Frauen trägt eine Wollmütze über dem dunklen Haar. Sie hat braune Augen. Die andere hat volles, honigblondes Haar und Falten, interessante Falten. Man folgt der Spur dieser Falten, stellt sich ihr Gesicht vor, wie es früher war. Diese Frauen sind um die Fünfzig. Sie sind schön.

Ich weiß jetzt, warum ich fünfzigjährige Frauen so neugierig anschaue. In dem Film „Drei Farben Rot“ sagt Jean-Louis Trintignant als greiser, verbitterter Richter zu Irène Jacob, dass er sie im Traum gesehen habe. Er sagt, sie sei glücklich gewesen. Sie fragt ihn, wann und er sagt, sie sei ungefähr fünfzig gewesen. Als ich den Film sah, war ich Mitte Zwanzig, so alt wie Irène Jacob und ich dachte darüber nach, ob auch ich mit fünfzig glücklich sein könnte, ob ich jemanden finden würde, der mich liebt. Ich glaube, man kann sehr glücklich sein mit fünfzig. Oder sehr unglücklich. Mit fünfzig ziehen die Leute Bilanz und sie spüren, was sie versäumt haben. Sie spüren, dass es für einige Projekte unwiderruflich zu spät ist. Trotzdem glaube ich, dass es leichter ist, fünfzig zu werden als vierzig. Vierzig ist wie der letzte Paukenschlag. Jetzt musst du dich beeilen, Mädel. Denn eh du dich versehen hast, eins, fix, drei, bist du fünfzig und musst Bilanz ziehen.

Der Mann vor mir hat zwei Flaschen billigen Wein gekauft, zwölf Flaschen Bier und Tabak und Papier zum Drehen. Er sieht älter aus als er vermutlich ist. Unter seinem Anorak wölbt sich ein Bauchansatz.

Ich frage mich, ob es Leute gibt, die gar nicht an ihre Gesundheit denken, die einfach trinken und rauchen und sich sagen: Egal wie lange. Ist eh nix wert, dieses Leben. Also trinken und rauchen wir, um schneller hier raus zu kommen. So ähnlich!

Während ich durch die Regalreihen schleiche und mich vor den Inhaltsangaben ekele und mich gleichzeitig wegen meines Snobismus ermahne, den ich mir nicht mehr leisten kann, was dazu führt, dass ich aus purer Nervosität sogar vergesse, wie schädlich Industriezucker ist und Unmengen Schokolade in mich rein schaufele, um am nächsten Tag wieder Mineralstoffe, sekundäres Pflanzendingsbums, Vitamine und Kalorien zu zählen und den Anteil von Omega3 – Fettsäuren in Bio-Ölen zu vergleichen. Ich frage mich, wie sinnvoll es eigentlich ist, den Salat im Bioladen zu kaufen und das Schafskäse-Surrogat für 89 Cent im Supermarkt. Es ist wahrscheinlich, dass die Milch für diesen Käse von Kühen stammt, die mit genmanipulierten Futter und Hormonen voll gestopft wurden und erheblich unter Stress standen. Ich denke darüber nach, während ich meinen Wagen durch die Reihen schiebe. Später, zu Hause, wenn ich den Bio-Salat mit dem Billig-Käse in eine Schüssel schnipsele, denke ich nicht mehr darüber nach.

Aber beim Einkaufen denke ich darüber nach. Was dazu führt, dass ich fast nichts kaufe.

Der Bettler vorm Supermarkt hat mir seine letzten zwei Lakritzschnecken geschenkt. Ich knete sie in meiner Jackentasche. Ich hatte ihm 60 Cent gegeben, mein letztes Bargeld und das rührte ihn so, dass er mir etwas Süßes geben wollte. Ich mag den Bettler, wie er immer auf der Mauer sitzt, mit den Beinen baumelt und den Leuten Dinge zuruft. Wie ein kleiner Junge.

Im Supermarkt-Radio sagen sie, welche Unis beim Exzellenz-Wettbewerb gewonnen haben und was sie nun für Geld bekommen. Das geht in die Millionen. An einigen Universitäten wurden Exzellenz-Cluster gebildet. Mir fällt ein, dass ich zu Hause nachschauen wollte, was Exzellenz-Cluster eigentlich sind, als ich die Meldung in einem Newsletter las und es dann doch vergessen habe.

Ich mache mir Sorgen um die Zähne des Bettlers. Ich frage mich, ob Alkohol gegen die Schmerzen hilft. Ob er sich vielleicht wegen der Zahnschmerzen betrinkt und wie es ist, in der Ausnüchterungszelle aufzuwachen und als erstes wieder die Schmerzen zu spüren. Ob die Polizei ihn dann zu einem Arzt schickt? Was sie machen. Ich meine, man kann einen Menschen mit solchen kaputten Zähnen doch nicht seinem Schmerz überlassen. Vielleicht ist der Bettler hochbegabt. Vielleicht hat es niemand bemerkt, als er ein Kind war. So etwas gibt es. Ich habe mal über Hochbegabte recherchiert und geschrieben. Sie sind sehr gefährdet und wenn sich niemand um sie kümmert, driften sie schnell ab. Logisch! Wenn jemand so schlau ist, alles zu durchschauen, was hier passiert, muss er abdriften.

Ich frage mich, ob der Mann mit den Bier – und Weinflaschen schon mal in der Ausnüchterungszelle war. Ich denke, dass er eine Krankenversicherung hat. Vermutlich ist er arbeitslos. Vielleicht ist er enttäuscht, dass es nicht so schnell geht mit dem Sterben, dass davor ein Krankenhaus steht mit Ärzten, die einen streng anschauen und Schwestern, die schimpfen und arrogante Sprüche klopfen. Und dass das alles weh tut.

Berliner Notiz-Blog 17. Oktober 2007

Die meisten Besucher des Hauptzollamtes in Berlin-Schöneberg sind überrascht, dass es diese Behörde noch gibt. Sie leben in einer Welt, in der Newspaper, Wertpapiere und  Bauanleitungen für Hochgeschwindigkeitszüge per Mausklick um den Globus reisen.

Mit ungläubigen Gesichtern betreten sie die triste Halle, die an ein großes Postamt aus den Sechzigerjahren erinnert, nur ohne Gelb. Einigen friert das Lächeln zu einer verlegenen Maske. Die Pakete, die hier verzollt werden müssen, kommen von außerhalb Europas. Nicht, dass die Leute vergessen hätten, dass es das Ausland noch gibt. Im Gegenteil: Sie kaufen ja täglich dort ein. Sie organisieren online Partys in Tokio, haben Cybersex mit dem Liebhaber in New York, schalten Konferenzen mit Geschäftspartnern in Nairobi. Doch in dieser tristen Schalterhalle fällt der Schlagbaum vor den Weltbürgern.

Es gibt auch andere, Stammkunden, das sind die Sammler und Antiquitätenhändler, die regelmäßig weltweit einkaufen, denen nichts zu teuer ist oder die trotz der Zollgebühren ein gutes Geschäft mit ihren Waren machen, wie der Wilmersdorfer Rentner mit dem weißen Basecap, der Porzellanhunde sammelt. Geduldig wartet er auf der Bank, verwickelt die Leute, die sich zu ihm setzen, ins Gespräch, um ihnen Bilder seiner Sammlung zu zeigen, Vitrinen über Vitrinen mit Porzellanhunden aller Rassen.

Eine junge Frau verliert vorn am Tresen die Fassung, weil das Kleid, das sie bei einer belgischen Firma bestellte, nun aus Hongkong geliefert wird. Jetzt muss sie eine Zollgebühr entrichten, die den Preis des Kleides verdoppelt. Am liebsten würde sie es gar nicht annehmen, aber sie hat sich auf das Kleid gefreut. Sie möchte es jetzt endlich tragen.  Natürlich kann sie reklamieren oder die belgische Firma anzeigen, aber an diesem verregneten Sommermorgen steht sie einem Zollbeamten im blauen Kittel gegenüber, der zu einem schadenfrohen Grinsen angesetzt hat, kein Wort sagt, sie nicht beruhigen kann, keine Alternativen für Fälle wie diesen kennt, mit denen er doch täglich konfrontiert wird. Aber es ist eben nicht sein Job, Alternativen aufzuzeigen, womöglich eine Rechtsberatung durchzuführen oder aufgebrachte Mode-Frauen zu beruhigen, denen die Berliner Läden offenbar nicht ausreichen, so dass sie in der ganzen Welt shoppen gehen müssen. Nein, das ist nicht sein Problem. Seine Aufgabe besteht darin, ein Formular auszufüllen und das Geld zu kassieren. Punkt.

Der Mann in der orangefarbenen Regenjacke kauft Schelllackplatten in Uruguay. Er lehnt mit beiden Armen auf dem Tresen der Paketausgabe und ist empört, weil er erklären muss, warum er Schelllackplatten in Uruguay kauft. „Was geht Sie das an?“ raunzt er. Der Beamte erklärt ihm, dass sich die Höhe der Zollgebühr danach richtet, ob er ein Geschäft mit den Platten mache oder sie für private Zwecke erworben hat. „Private Zwecke“, sagt der Mann in der orangefarbenen Lederjacke und wendet sich wütend von dem Zöllner ab, den Wartenden zu, die hinter ihm von einem Bein aufs andere treten. Sie stehen zwar in einigen Abstand hinter einer aufgemalten Diskretionslinie, aber die aufgebrachten Dialoge am Tresen kann man auch dahinter mitverfolgen.

Nebenan erklärt ein schüchterner Russe dem Graukittel freundlich, warum seine Frau mit deutschen Pendeln nicht arbeiten kann und ihre Lehrmeisterin in Moskau deshalb gebeten hat, ihr russische Pendel zu schicken.

Die Beamten gleichen sich, nicht nur in der Farbe der Kittel, sondern auch in der Art, wie ihr Kopf etwas steif über dem Kragen sitzt. Ihr Gesichtsausdruck wechselt zwischen der Selbstzufriedenheit, als Arm des Gesetzes zu wirken und dem unterwürfig-entschuldigenden Lächeln dafür, dass ihre Arbeit nicht mehr so recht in die Welt der Globalplayer passt.

„Was soll ich jetzt damit machen?“ Der Zöllner schüttelt das Paket mit den Vitaminen in seinen schmächtigen, grauen Armen. Der junge Amerikaner ist dem Zöllner sympathisch. Ganz offensichtlich braucht er die Vitamine, so schmal und fahrig und blass, wie er vor dem Tresen tänzelt, die Augen hinter der Brille vor Schreck weit aufgerissen. Die Einfuhr von Medikamenten, auch von harmlosen Vitaminpillen, ist verboten. „Geben Sie es mir doch einfach“, antwortet der junge Amerikaner. Aber das bringt der Beamte nicht fertig. Er darf nicht. Er ist machtlos gegen die Zollbestimmungen. Der junge Mann stürmt wütend aus dem Amt. Ohne Vitamine. Der Zöllner sackt ein Stück in sich zusammen. Er trägt das Paket nach hinten. Heute Abend werden die Vitamine entsorgt, zusammen mit den Viagra-Paketen.

Vom Störpotenzial alter Fotos

Es geht um die Natur der Fotos.

Sie sollten unberechenbar, mit einem gewissen Störpotential versehen bleiben. Man sollte ihnen erlauben zu verschwinden bis sie eines Tages aus dem Nichts wieder auftauchen. Mit Fusseln dran. Sie müssen erschrecken. Berühren. Der weiße Fleck auf der Seite eines Albums. Die Beunruhigung. Wir müssen der Vergangenheit einräumen, unvermutet über uns hereinzubrechen. Wenn wir gerade von einer Party kommen, zum Beispiel. Sie muss beim Blättern aus den Seiten eines Buches rutschen.

Digitale Fotoalben verbannen das letzte Risiko aus unserem Alltag.

Die Fotos meiner Großeltern befanden sich in der untersten Schublade ihres Sekretärs. Oft saß ich unter der Schreibtischplatte, den Rücken am Ofen und blätterte darin. Schwarz-weiß-Fotos mit hübsch gezackten Rändern. Seidenpapier mit dem Muster von Spinnennetzen. Die Hochzeitsreise nach Wien: Meine Großmutter in einem Seidenhemdchen am Schreibtisch im Gegenlicht des Hotelzimmers. Ihre Körper beim Paddeln und Baden. Ich fühlte mich wie ein Voyeur. Als stöberte ich in ihrer Wäsche.

Ein Foto betrachtete ich immer und immer wieder. Es zeigte meine Großmutter als junges Mädchen an der Ostsee. Sie liegt mit ihren Freunden im Sand. Sie bilden einen Kreis. Die Füße sind der Mittelpunkt. Sie strecken die Arme aus und halten sich an den Händen. Ein Rad mit Speichen. Sie lachen.

Ich überlegte, ob es Glück ist, dass meine Freunde und ich niemals derart uncool vor einer Kamera posieren würden oder Pech, eine unbefangenere Zeit für immer versäumt zu haben.

In einer Holzkiste im Keller entdeckte ich andere Fotos: Mein Großvater im Krieg in einer Nazi-Uniform. Die Postkarten des Gefreiten an seine Frau.

Alle Fotos unserer Familie haben miteinander zu tun. Jedes Leben wurde von denen davor geprägt. Man kann es sehen.

Ile Opaque

Edouard Glissant, der Botschafter der All-Welt (Tout-Monde), fordert für alle Menschen das Recht auf Opazität, das heißt: Das Recht darauf, unverstanden zu bleiben.

Auf der Ile Opaque darf jeder Mensch seine Sprache pflegen, auch wenn nicht alle ihn verstehen, weil ja die Herkunft eines jeden Inselbewohners verschieden ist.

Kein Kiesel am Strand der Ile Opaque gleicht dem anderen. Sie sind undurchsichtig, opak. Das Meer lispelt über die Steine. Es flüstert und singt in allen Sprachen.

Die Übersetzer balancieren auf den Steinen zu ihren Booten. Sie haben gelernt, zu jeder Insel dieser Welt über zu setzen.

Sie tragen die Kiesel der Ile Opaque in die großen Städte. Wo immer jemand verzweifelt, wütend oder sarkastisch den Satz „Ich verstehe dich nicht“ sagt und sich von seinem Geliebten abwendet, legen sie ihm einen Opal unter die Zunge.

Plötzlich haben die Menschen keine Angst mehr vor der Dunkelheit des anderen. Sie tasten nach ihrem Geliebten. Sie spüren sein Herz. Dieser Rhythmus ist ihnen vertraut. So beginnt jedes Lied.

Botschafter der All-Welt: Interview mit Edouard Glissant

Freitag

FREITAG vom 22. September 2006

Das Miteinander von Ureinwohnern, europäischen Einwanderern und den Nachkommen der afrikanischen Sklaven, die in seiner Heimat, den Antillen, neue Kulturen und Sprachen entstehen ließen, nimmt der Autor und Kulturtheoretiker Edouard Glissant zum Vorbild, um eine weltweite „Kreolisierung“ zu postulieren. Kreolisierung“ findet überall dort statt, wo verschiedene Kulturen unvermittelt aufeinandertreffen und Verbindungen eingehen.

Glissant fordert die Öffnung für neue Beziehungsformen und Identitäten. Er kritisiert das lineare, analytisch – zentristische Denken des Westens als unzeitgemäß. Nicht mehr die Abgrenzung vom anderen, die tief verwurzelte Herkunft, aus der sich territoriale Besitzansprüche und die Legitimität des Seins ableiten, sollte die Quelle der Identität des Bürgers der neuen „All-Welt“ (tout-monde) sein, sondern das weit verzweigte, komplexe Rhizom, das Wurzelgeflecht, die Verschmelzung mit den Anderen, selbst dann, wenn diese unverstanden bleiben.

Edouard Glissant lebt auf Martinique und in New York, wo er an der City University of New York lehrt.
Auf Deutsch erschien zuletzt die Aufsatzsammlung „Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit“ 2005. Verlag Wunderhorn.

Edouard Glissant war 2006 Gast des Literaturfestivals Berlin. Er hielt die Eröffnungsansprache.

Interview mit Edouard Glissant am 8. September 2006

Herr Glissant, Sie sprechen von Vorposten des Bewusstseins und der Hoffnung, die den konfliktreichen Prozess der Kreolisierung begleiten. Welche Vorposten sind das?

E.G.: In vielen Gebieten Brasiliens und Mexikos, auch in Afrika beobachte ich den Prozess der Kreolisierung. Zum Beispiel vertiefen sich die Beziehungen zwischen Mali, Senegal und der Elfeinküste mehr und mehr.
New Orleans in den USA ist ebenfalls ein Ort der Mischung und Begegnungen.

Was ist mit New York, der Stadt, in der sie zeitweise leben?

E.G.: In New York spricht man von einer multikulturellen Gesellschaft, aber das ist nicht, was ich mit Kreolisierung meine. Die ethnischen Gruppen existieren nebeneinander. Sie vermischen sich nicht. Es gibt eine Straße, die Chinatown von Little Italy trennt, aber niemand überquert diese Straße.
Noch findet in New York keine Kreolisierung statt. Aber ich bin optimistisch.

Paradoxerweise zeigen uns die aktuellen Ereignisse auf der Welt, dass gerade jene Orte, in denen sich Anfänge einer Mischung, einer Kreolisierung, abzeichnen, Angriffsziel der Fanatiker sind. Sarajevo zum Beispiel oder Beirut.

Warum, glauben Sie, ist das so?

E.G.: Es geschieht dort etwas, das die Rassisten nicht steuern können. Normalerweise sind sie es, die Mischung kreieren. Sie sind es, die den Austausch kreieren. Sie legen fest: Ihr lebt dort und wir leben hier. Aber Kreolisierung entzieht sich ihrer Kontrolle.
Also zielen sie auf diese Orte, zerschlagen sie oder vernachlässigen sie wie New Orleans. Auch das ist typisch.
Das man diese Orte auf die ein oder andere Weise attackiert, zeigt, dass dort etwas sehr lebendiges geschieht.

Dann entzieht sich Kreolisierung also jeder Kontrolle. Das heißt, sie taugt auch nicht als politisches Programm?

E.G.: Kreolisierung ist etwas, das man geschehen lassen muss. Dieser Prozess hat keine Moral. Es werden nicht alle nett und freundlich miteinander umgehen, es gibt positive und negative Aspekte, es wird Rückstöße geben und Fortschritte.

Und keine „Leitkultur“ übernimmt die Führung in diesem Prozess?

E.G.: Das sind alte Ideen, dass eine Kultur der anderen überlegen ist, das sind die Ideen vieler Herrscher in Europa, im Westen.
Es mag Kulturen geben, die mehr technische Vorteile haben, mehr technische Kenntnisse, aber keine Kultur ist der anderen überlegen.

In ihrem Buch „Kultur und Identität“ schreiben sie, das die westliche Kultur auf das Eine und die Einheit gerichtet ist. Und sie sagen, das hätte auch mit den geschlossenen Landschaften des mediterranen Raums zu tun, im Gegensatz zu den geöffneten Landschaften der amerikanischen Küsten.
Was können wir Europäer denn tun, da wir nun einmal mit diesem Meer leben müssen, von dem jener Geist der Sammlung und Konzentration auf das Eine ausgeht?

E.G.: So vereinfacht habe ich das nicht gesagt. Was ich sagen wollte, ist, dass die Kultur des Westens aus der Idee des Einen und der Einheit geboren ist, nicht aus der Idee der Vielheit. Es existierte aber eine Kultur der Vielheit rings um das Mittelmeer, bevor die monotheistische Religion dort ihren Anfang nahm.
Infolge der monotheistischen Religion sind die ursprünglichen Ideen der westlichen Kultur die des Einen, des Einzigen, sie verweigern sich der Vielheit und der Menge. Sie verweigern sich der Mischung und Teilung.
Übrigens ist die westliche Kultur mit sich selbst zerstritten. Der Konflikt mit dem Islamismus ist aus meiner Sicht kein Konflikt zwischen Orient und Okzident, sondern ein typisch westliches Problem. Der Islam ist eine der drei monotheistischen Religionen, eine westliche Religion. Ihr habt da ein Problem im eigenen Haus.

Ob es nun das eigene Haus ist oder das der Nachbarn. Die Frage ist doch: Wie sollten wir mit diesem Konflikt umgehen?

E.G.: Diese Frage dürfen Sie nicht nur mir stellen. Man muss alle fragen, auch die Terroristen: Was glaubst du, ändern zu können, wenn du mit einem Flugzeug in ein Hochhaus rast?
Ich weine, wenn ich den Krieg im Libanon sehe, wenn ich sehe, wie da ein junger Mann oder eine junge Frau sterben. Ich weine um sie.
Wir ändern doch mit diesen Kriegen nicht ihr Bild und ihre Vorstellung von der Welt. Wir dürfen unsere Beziehungen nicht länger mit den Kriegen, wie sie im 20. Jahrhundert geführt wurden, klären.

Heute überqueren Menschen unter großen Gefahren das Mittelmeer, um ein besseres Leben führen zu können, aber Europa schickt sie zurück. Schotten sich die Europäer gegen die Kreolisierung ab?

E.G.: Das kann man so nicht sagen.
Der Grund, warum die Menschen Afrika verlassen, ist doch, dass sie nicht mehr von ihren eigenen Ressourcen leben können und das ist so, weil die Ressourcen Afrikas den internationalen Konzernen phantastische Gewinne bringen.
Die Emigration würde sofort aufhören, wenn die Ressourcen Afrikas den Menschen dort zur Verfügung stünden.
Die Klärung dieses Problem muss heute an allererster Stelle stehen.

Zu Ihren Visionen neuer Beziehungs-Formen gehört das Recht des Menschen auf Opazität. Was genau verstehen Sie darunter?

E.G.: Die Transparenz war immer ein kultureller Anspruch des Westens.
Sie waren bestrebt, andere, ihnen fremde Kulturen auf die Transparenz ihrer eigenen Kultur zu reduzieren.
Man sollte aber akzeptieren, mit anderen zu leben, auch wenn man sie nicht immer versteht.
Den anderen auf die eigene Transparenz, auf sein eigenes Modell zu reduzieren, ist eine Form der Barbarei.
Zu akzeptieren, dass man den anderen nicht vollständig versteht, ist eine Form der Zivilisation.

Schafft das nicht große Unsicherheiten im Umgang miteinander?

E.G.: Aber nein, es ist ein Glück, es ist Poesie, den anderen nicht vollständig zu verstehen. Es ist doch langweilig, wenn ich immer sagen kann: Ich verstehe dich und du verstehst mich. Das grenzt doch aus. Es grenzt nämlich alles aus, was ich nicht verstehe. Deshalb sollte das Recht auf Opazität ein grundlegendes Menschenrecht sein.

Ist also die Forderung nach Integration eine Verletzung dieses Rechts?

E.G.: Das hängt von den Konditionen ab, die man verlangt. Ich denke, man kann Teil einer Gemeinschaft sein, ohne die Werte dieser Gemeinschaft zu teilen. Ich glaube, das dies möglich ist.
Ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen machbar ist, weiß ich nicht, aber ich glaube, dass es möglich ist, miteinander zu leben und unterschiedliche Werte zu haben. Aber das ist eine Hochform der Zivilisation.
Ich weiß nicht, ob die Völker schon in der Lage sind, das zu akzeptieren.

Demnächst gründen Sie in Paris ein Institut der All-Welt (Institut de Tout-Monde). Mit welchem Ziel?

E.G.: Das Institut wird die Notwendigkeit und die Richtigkeit der Idee der Kreolisierung, der Mischung, unterstreichen.
Ein Studienzentrum wird dazu gehören, eine Zeitschrift, ein Theater usw.

Herr Botschafter der All-Welt, ich bedanke mich für dieses Gespräch.