Archiv ‘Berliner Notiz-Blog’ .

Berliner Notiz-Blog 9. Februar 2009

Ich bin dafür, dass der Februar mit sofortiger Wirkung abgeschaltet wird. Ein Tag weniger ist ein halbherziger Versuch, den grauesten aller grauen Monate abzustrafen. Nie sind die Bäume so kahl wie jetzt. Die Straßen glänzen wie im Fieber. Einige Etymologen vermuten sogar einen Zusammenhang zwischen dem Wort „Februar“ und „Fieber“.
Kein Wunder, dass im Februar alle krank sind. Die einbrechende Helligkeit verursacht eine quälende Unruhe. Man glaubt, nach dem Winter wieder durchstarten zu können und Bumm! liegt man auf der Nase. Vom Krankenbett aus bemerke ich, dass die Fensterscheiben undurchsichtig geworden sind. Ich ziehe die Gardine vor und zappe durch die Berlinale. Wieder nicht dabei gewesen! Keinen Film gesehen, kein Autogramm gejagt. Das Wetter ist einfach zu mies. Der Kopf tut weh. Die Nase tropft. Ich rede mir ein, nichts verpasst zu haben. Das Fernsehen zeigt Stars, die in dünnen Kleidchen tapfer über den roten Teppich im Sony-Center eilen. Sie lächeln verfroren in die Menge.
Ich kappe die Antenne, lege mir Teebeutel auf die Augen und stelle den Wecker auf Poesie.

Berliner Notiz-Blog 19. Januar 09

Vor einer Woche lief ein Mann auf dem Schlachtensee Schlittschuh. Er war nicht mehr ganz jung. Er fuhr sicher, obwohl das Eis knubbelig war und –anders als auf den Kunsteisflächen in der Stadt- spiegelglatt.

Er fuhr einige Figuren. Es sah elegant aus. In Berlin sieht man selten Männer auf dem Eis tanzen. In Montreal hab ich Männer auf dem Eis Pirouetten drehen und Walzer tanzen sehen. In Deutschland würden sie riskieren, schwul genannt zu werden.

Vieles, was Männer für Frauen anziehend macht, wird hier schwul genannt. Wenn ein Mann sich für Menschen interessiert, wenn er Sensibilität und Vornehmheit besitzt, wenn er an der Volkshochschule eine Sprache lernt, weil er gern unter Frauen ist, wenn er knallbunte Socken liebt und kocht. Mir fallen Szenen aus Büchern und Filmen der Zwanzigerjahre ein, während ich das schreibe. Es fehlen eben jüdische Männer. Zum Glück bringen einige Einwanderer die „weiblichen“ Eigenschaften für Männer mit.

Ich vermute, dass der Mann auf dem Schlachtensee aus Skandinavien kommt. Vielleicht arbeitet er gerade in Berlin. Es gelang mir nicht, ihn anzulächeln, weil ich bis zur Nase in einem Schal steckte und trotzdem gefrorene Lippen hatte.

Über den See wehte ein eisiger Wind. Er tanzte in der Nähe des Nordufers, auf einer Fläche, die von Schnee frei gefegt worden war und frei von den kleinen Stöckchen, die Hundebesitzer im Spiel überall herum werfen.

Während ich ihm zuschaute, kam ein riesiger, schwarzer Hund auf mich zugelaufen und begann, an meinen Handschuhen zu knabbern. Ich bat die Besitzer, ein Pärchen, ihn aufzufordern, das zu lassen. Der Mann grinste mich an und die Frau sagte: „Er knabbert gern an Handschuhen, wenn man die Hände so hält.“

Wie soll man die Hände denn halten, wenn man über den Schlachtensee spaziert? An der Hosennaht?

Berliner Notiz-Blog 17. November 08

Ich trage einen Rock aus wildem Leder. Seine Rückseite kräuselt beim Gehen wie eine Welle.

Vor vier Jahren kaufte ich ihn in einem Geschäft in der Raumerstraße im Prenzlauer Berg. Vier Berliner Designerinnen teilten sich den Laden. Er befand sich unweit des Künstlerbedarfs an der Ecke Dunckerstraße.

Die Welle entdeckte ich beim Anprobieren. Ich lief vor dem großen Spiegel an der Hinterwand des Ladens auf und ab und stellte mir vor, wie ich von einem Caféhaustisch aufstehen und gehen würde, wie das dunkelbraune Leder weich um meine Beine spielte, so dass der Mann, mit dem ich dort gesessen hatte, zwangsläufig dahin schauen und entdecken müsste, dass er das Beste an mir bisher nicht wahrgenommen oder übersehen hatte, wie er sich sofort nervös nach der Kellnerin umsehen, zahlen und mir nachlaufen würde. Zu spät. Ich war gegangen.

Das Gehen ist eine weibliche Eigenschaft. Wie es die Eigenschaft des Wassers ist zu fließen. Das Label heißt Pisces. Die Designerinnen haben die Gegend verlassen. Auch den Künstlerbedarf an der Ecke gibt es nicht mehr. An dieser Stelle befindet sich jetzt ein Restaurant.

Ich trug diesen Rock an vielen Orten. Ich reiste mit ihm bis ans Mittelmeer.

Im letzten Herbst entdeckte ich einen Fleck auf seiner Vorderseite. Vielleicht hätte ich den Fleck einfach dort lassen sollen. Vielleicht wäre das Leder damit fertig geworden. Aber ich beging den Fehler, sofort Fleckenwasser darauf zu kippen und zu rubbeln. Der Fleck leuchtete nun kreisrund und dunkel in einem diffusen Nebel, der sich auf dem samtweichen Leder ausgebreitet hatte.

Ich brachte ihn zu Klara Li, eine der letzten Zauberinnen im Prenzlauer Berg.

„Das ist ja ein zartes Stück“, sagte Klara Li. Der Rock lag ausgebreitet in ihrer Werkstatt. Wir betrachteten ihn schweigend. Dann machte Klara Li diesen und jenen Vorschlag. Ich verzog jedes Mal das Gesicht.

„Es gibt dieses Märchen von Allerleirauh“, sagte ich. Überrascht schaute Klara Li mich an. Jetzt verstand sie mich und begriff, dass wir einer Herkunft und Sprache sind. Klara Li IST Allerleirauh. Ich hatte sie beim Namen genannt und mich so zu erkennen gegeben. Nun war alles einfach.

Zwei Wochen später wirbelten und kreisten kleine Fetzen Fells und Leders um den Fleck auf meinem Rock. Der Fleck selbst war noch deutlich zu sehen, wie eine Sonne, der Mittelpunkt eines Planetensystems, das Klara Li erschaffen hatte.

Ich zog den Rock an. Erst jetzt entdeckte auch sie die Welle auf seiner Rückseite und sagte: „Ich weiß, warum du den Rock liebst.“ Wir verließen ihr Atelier, um bei den Nachbarn Geld zu wechseln. Allen, die wir auf der Straße trafen, zeigte Klara Li den Rock: Dem mageren, britischen Aushilfsverkäufer im Second Hand nebenan, der türkischen Händlerin gegenüber und dem Künstler Krause.

Klara Li lud mich zu ihrem nächsten Konzert ein. Wir unterhielten uns über Gesang und Noten. Wir entdeckten, dass wir beide gerade dabei waren, Noten zu lernen, Klara Li, weil sie als Sängerin an einen Punkt gelangt war, indem sie tiefer in die Geheimnisse der Musik eindringen wollte, ich, weil ich begonnen hatte, Klavier zu spielen.

Am darauffolgenden Wochenende ging ich in das Konzert von Klara Li. Als letztes Lied sang sie „Morning has broken“ von Cat Stevens. Ihre Interpretation gefiel mir. Ich hatte ihr also erzählt, dass es dieser Song war, den ich am Piano übte, über den ich versuchte, die Welt der Noten zu erschließen. Dann sang sie dieses Lied für mich? Sie lächelte und zwinkerte mir beim Singen zu.

„Habe ich dir erzählt…?“ fragte ich sie nach dem Konzert. Sie schüttelte den Kopf.

Wie seltsam. Ich lief durch die Nacht nach Hause. Beim Gehen spürte ich die Welle gegen meine Knie schlagen. Mein Rock trug jetzt außer der Bezeichnung Pisces im Innern das Signet von Klara Li, auf einem goldenen Lederfetzen über dem Verschluss.

Ich dachte an die Dinge, die uns verbinden. Und nun auch noch dieses Lied.

Berliner Notiz-Blog 10. November 08

Über den Bordlautsprecher wird bekannt gegeben, dass sich der ICE aus Hamburg wegen „vandalistischer Angriffe von Castorgegnern“ um zirka 45 Minuten verspätet. Ein älterer Herr flucht verhalten. „Typisch Osten“, schimpft er. Am Bahnhof Zoo habe es so etwas nicht gegeben. Er zieht seinen Kofferrolli unentschlossen auf der unteren Bahnhofsetage hin und her. Die glamourösen Läden sind weiter oben, wo die Züge nach Köln und Bonn abfahren. Hier unten geht es nach Prag und Budapest und ja, auch nach Wien.

Aber er will ja gar nichts kaufen. Er ist sparsam. In seinem glatten Gesicht steht, dass er gut und genügsam lebt. Missmutig wendet er sich dem Kaisers zu, postiert sein Gepäck unter einem der Bistrotische und bestellt im Backshop einen Kaffee.

Ein Schwarzer hält sich am Tresen neben der Kasse fest. „Obama ist Afrika. Yeahh…“ lallt er und erzählt jedem, was alle längst wissen, dass Obama vor einigen Tagen zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Dem älteren Herrn ist der Betrunkene peinlich. Etwas ungeschickt balanciert er seinen Kaffeepot vom Tresen zum Bistrotisch hinüber. „Der hat doch nicht nur Alkohol geladen“, raunt er einer Frau in seinem Alter zu, die ihren Koffer neben seinen gestellt hat. Die Frau sagt, dass die Schwarzen jetzt rassistisch werden. „Dazu haben sie auch allen Grund“, bellt ein struppiger Franzose vom Nachbartisch.

„Die kommen doch alle nur deswegen hierher.“ Der ältere Herr streckt seine Hand in Richtung des Franzosen und reibt zwei Finger aneinander.

„Ach und weswegen sind die Europäer nach Afrika gegangen?“ raunzt der Franzose zurück. Er tunkt ein riesiges Croissant in seine Kaffeetasse. Statt den triefenden Teiglappen in den Mund zu schieben, beginnt er mit einem Referat über die dramatischen Folgen des Kolonialismus. Der Kaffee aus seinem Croissant tropft derweil auf die Tischplatte. Der ältere Herr starrt auf die Kaffeepfütze, aus der sich ein kleines Rinnsal löst, das auf den Redner zu fließt. „Da!“, warnt er, aber der Franzose hört ihn nicht. Als er bei der Finanzkrise ankommt –er macht ziemlich große Zeitsprünge -die Weltgeschichte ist bei ihm eine Fünf-Minuten-Sache – saugt sein Jackett den Kaffee wie ein Löschblatt auf.
Der ältere Herr sagt, er habe früher bei der Bank gearbeitet. Er habe niemanden zu riskanten Geldanlagen überredet. Er sei nicht Schuld an der Krise. „Jeder ist Schuld“, sagt der Franzose düster. „Wir alle.“

Der Schwarze löst sich vom Tresen und schlittert in Richtung der Bistrotische. „Obama ist Afrika“, wiederholt er. Der Franzose klopft ihm auf die Schulter. „Ganz ruhig“, sagt er. Er sagt das auch zu sich selbst. Er ist aufgebracht, weil dieser Bankangestellte seiner kurzen Weltgeschichte nicht folgen konnte und er noch einmal von vorn und weiter ausholen muss und nur noch wenig Zeit dafür hat, denn irgendwann wird die Polizei die Atomkraftgegner weg geräumt haben und dann wird sich die Bistrorunde im Kaisers auflösen und im Zug nach den besten Plätzen drängeln.

Der Schwarze erzählt jetzt einem jungen Mann mit Rastalocken, dass Obama Präsident ist und Afrika, also Afrika Präsident ist. Der schaut kurz von seinem Buch auf, lächelt den Störer an und versucht dann, weiter zu lesen.

Das Personal des Backshops fordert den Schwarzen auf zu gehen. „Habe ich Ärger gemacht?“ zischt der. Er breitet die Arme aus, kippt nach hinten, sein Einkauf -ein Fleischsalat und eine längst geleerte, kleine Schnapsflasche- fallen zu Boden, die Flasche zerbricht. Der Sicherheitsmann an der Tür fängt ihn auf. „Du gehst unseren Kunden auf die Nerven“, sagt eine Verkäuferin. „Hau jetzt ab. Geh nach Hause!“

Die Kaffeetrinker an den Bistrotischen tunken ihre Nasen in die Tassen und heften ihre Blicke auf die grau gemusterten Tischplatten. Der Schwarze hält sich am Tisch des Franzosen und am Tisch des Jungen mit den Rastalocken fest. „Ist okay“, sagt der Franzose und klopft ihm auf die Schulter wie man einem Pferd beruhigend auf die Flanken klopft. „Ich gehe erst, wenn Adolf Hitler kommt“, knurrt der Betrunkene.

Als die Polizei kommt, lässt er sich widerstandslos mit ausgebreiteten Armen aus dem Laden führen. Alle atmen auf, so deutlich, dass kleine Wellen ihren weißen Kaffee kräuseln.

Berliner Notiz-Blog 1.Oktober 08

Heute bin ich durch den Regen gelaufen. Die Pfützen lagen wie helle Scherben auf dem Asphalt, in denen sich der Himmel spiegelte. Und dann entdeckte ich, dass sich in den vielen kleinen Scherben die ganze Stadt spiegelte. Alles stand Kopf. Einige Bilder habe ich euch mitgebracht.