Der neue Kalender

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Heute habe ich mir einen neuen Kalender gekauft. Reichlich spät. Immerhin organisiere ich jetzt bereits die Lesungen für das zweite Halbjahr 2017 in der Inselgalerie. In meinem digitalen Kalender bin ich mit der Maus auch schon hin und her gesprungen, aber das ist nicht dasselbe. Ich meine den Kalender aus Papier. So groß wie ein Buch. Völlig altmodisch notiere ich handschriftlich meine Termine darin und nutze ihn als Tagebuch und Chronik.

Jedes Jahr zögere ich den Kauf des Kalenders hinaus. Den Sprung ins Neue Jahr zu denken, macht mir Angst. Ich spüre eine leichte Übelkeit, wenn ich mich endlich entschließe, wenn ich es nicht mehr hinauszögern kann, weil ich ihn dringend brauche. Es fühlt sich an, wie wenn du auf einem hohen Berg stehst, hinunterschaust und weißt, dass du jetzt fliegen musst. Weil es kein Zurück gibt in der Zeit.

Seit Wochen bin ich an dem Kalender-Regal in der Buchhandlung vorbei geschlichen, manchmal davor stehengeblieben, um auszuwählen.

Der Kalender ist dünn. Erschreckend dünn. Mein Kalender von diesem Jahr ist auf die vierfache Stärke angeschwollen. Ich kann nicht glauben, dass in diesem schmalen Buch ein ganzes Jahr steckt. Zweimal lese ich das Etikett. Ein drittes Mal: Moleskine. Weekly Notebook. Diary. Planer. Agenda. Carnet Semainier. Hard Cover. Coverture Rigide. 2017. Kein Zweifel. Ein ganzes Jahr. 12 Mondphasen. 365 Tage.

Er ist orange eingebunden und verströmt einen Geruch von Kunststoff, als ich die dünne Plastikhülle entferne. Ich öffne ihn vorsichtig, berühre die freien Seiten. Es ist, als wagte ich die ungeschriebenen Geschichten des neuen Jahres zu berühren, als greife ich der Zeit voraus. Plötzlich quillt der Lärm zukünftiger Tage aus dem Kalender. Ich schließe ihn schnell wieder mit dem Gummibändchen. Die kommenden Tage werden ihn füllen; mit Visitenkarten, Terminkärtchen, Wegbeschreibungen, Flyern, Kassenbons und Erinnerungsschnipseln. Vielleicht auch ein Foto. Eine Zeichnung irgendwo.

Zu jedem Moleskine-Kalender gehören kleine Sticker, mit denen man besondere Ereignisse illustrieren kann: Filmprojektoren, Bücher, Torten, Cocktailgläser, Koffer, Flugzeuge, Computer, lachende und traurige Gesichter. Außerdem Aufkleber mit den Worten: Birthday. Event. Holiday. Und so weiter.

In diesem Jahr sehen sie anders aus. Es gibt keine lachenden Gesichter mehr, stattdessen gehobene Daumen. Mir gefällt das große Papierschiffchen und die Rakete. Welchem Tag werde ich 2017 eine Rakete verleihen? Neu ist das Sheet mit einzelnen Buchstaben. Von jetzt an sind die Ereignisse nicht mehr vorgestanzt, sondern können frei aus den einzelnen Buchstaben gelegt werden. Abschied von…? Reise nach…? Trauer um…? Ist in den Buchstaben vielleicht ein Name verborgen, den ich jetzt noch nicht kenne?

Ich werde den Kalender bald wieder öffnen und in den Fluss der Zeit werfen. Ich werde mit kleinen Schritten beginnen, wie ein Fluss zuerst ein Rinnsal ist, dann ein Bach, der breiter und schneller wird. Wie das Jahr. Wie mein Kalender.

 

 

 

Hüterinnen des Feuers

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mona lisa 2016

Ich bin auf einer Hochzeitsfeier. Es ist ein warmer Abend. Auf der Spree ziehen Boote und Schiffe vorüber. Die Terrasse des Restaurants liegt auf Höhe des Flussspiegels. Es ist, als wären wir selbst auf einem Schiff.

Ich fühle mich ein bisschen verloren. Das Brautpaar ist beschäftigt und die meisten Gäste kenne ich nur flüchtig.

Wenn ich früher in eine Gesellschaft kam, in der ich niemanden kannte, ließ ich mich mit den Erstbesten in ein Gespräch ein und plapperte gegen die Langeweile nichtiger Themen an, bis ich völlig erschöpft war.

Heute gehe ich anders vor. Ich ziehe mich zurück und beobachte die Gesellschaft. Wenn mir jemand gefällt oder etwas hat, das mich neugierig macht, pirsche ich mich an. Weiterlesen

for the sky not to fall

Ein Abend im Europäischen Zentrum der Künste Dresden

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Festspielhaus Hellerau in Dresden

http://www.hellerau.org

Derzeit läuft in Hellerau das Festival Brasilianische Alternativen. Heute erlebte ich dort eine Choreografie von Lia Rodrigues, eine der bedeutendsten brasilianischen Choreografinnen.

Die zehn Tänzer, Männer und Frauen, setzten sich nackt und ohne die schützende Grenze eines Bühnenraumes den Besuchern aus. Sie bahnten sich Wege durch uns, das Publikum, bekleidete und parfümierte Großstädter. Sie suchten unsere Blicke, streiften unsere Haut, hinterließen Spuren darauf aus Kaffee und Gewürzen, braun und rot. Sie robbten, krochen, flatterten zwischen uns hindurch, ihre Wege bahnend. Später sahen wir ihrem Ritual zu. Sie tanzten wie in Trance, verrückt und glücklich. Den Rhythmus erzeugten sie kraftvoll mit den Füßen. Das war die einzige Musik, die an diesem Abend zu hören war.

„Wir tanzen für die, die nicht tanzen können“, sagt Lia Rodrigues über ihre Choreografie. Wer ist das? Die Trauernden, denen die Glieder schwer geworden sind?  Andere, deren Willen ihre Glieder nicht folgen können? Sind es die Gefangenen, denen mit Erschießung gedroht wird, falls sie zu tanzen wagen? Falls sie aufstehen? Denn so beginnt doch jeder Tanz. Auf den eigenen Füßen.

Am Ende der Performance lasen die Künstler ein Statement zur aktuellen Situation in Brasilien. Sie protestierten gegen den Putsch gegen Dilma Rousseff. Es sei ein Schlag gegen die mühsam errungene Demokratie in Brasilien. Nach dem Putsch seien verschiedene Ministerien geschlossen worden, u.a. das Ministerium für die Gleichstellung der Frau, das Ministerium für die Angelegenheiten indigener Völker und das Energie-Ministerium. Für diese also haben sie getanzt: Für die Frauen, für die Indigenen, für die Lebendigkeit, die von den Despoten gefürchtet wird.

Das „Projeto Brasil“ kommt auch nach Berlin, ins HAU, vom 7.-19. Juni. Geht unbedingt hin! Das Hau hat bereits eine kleine Zeitschrift zum „Projeto Brasil“ gedruckt mit interessanten Aufsätzen zur Situation in Brasilien. Der Titel der Tanzperformance „For the sky not to fall“ wurde umgewandelt in „the sky is already falling“.

Es gibt Hoffnung. Eine ist das Festspielhaus Hellerau und sein Intendant Dieter Jaenicke. Er lebte selbst einige Jahre in Brasilien und übersetzte auf dem kleinen anschließenden Empfang alle Reden. Im Publikum waren die Intendanten der anderen Bühnen, zu denen das „Projeto Brasil“ ebenfalls reisen wird, unter ihnen Amelie Deuflhard, die  viele Jahre die Sophiensäle geführt hat und jetzt das Hamburger Theater Kampnagel leitet. Es gab brasilianisches Gebäck, gesponsert vom Kulturministerium der Stadt. Ein Feueralarm beendete die Feier abrupt. Es hieß, in der Küche sei ein Brand ausgebrochen. Vielleicht hat der Koch auch nur eine Zigarette geraucht. Wir mussten das Haus verlassen.

Völlig hingerissen

Wir haben alles, wir brauchen nichts, das Richtige zu schenken ist ohnehin ein kompliziertes Ding. Sind Weihnachtsgeschenke folglich sinnlos? Niemals!
Eleonore Roedel.Katze

Illustration © Eléonore Roedel

Zum Geburtstag habe ich eine dieser Manga-Katzen aus Plastik geschenkt bekommen, die ständig winken. Man sieht sie häufig in Schaufenstern von Asia-Shops. Ich war irritiert, als meine Freundin mir die Katze überreichte. Das konnte eigentlich nur ironisch gemeint sein. Am nächsten Tag trug ich die rote Katze in der Wohnung umher, auf der Suche nach einem Platz, der ausreichend respektvoll ist, an dem sie aber nicht stören würde. Schließlich stellte ich sie im Bad in die weiß geflieste, in die Wand eingelassene Ablage für Klopapierrollen. Ich schaute der Katze eine Weile beim Winken zu und dachte über meine Freundin nach.

Wir hatten uns vor einigen Jahren in der Warteschlange vor einem Theater kennengelernt. Das heißt, es war gar kein Theater gewesen, sondern ein verlassenes Stadtbad, in dem „Das Gastmahl“ von Platon aufgeführt wurde. Weiterlesen

Feuerwerk jetzt!

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Ich bin dafür, den Jahreswechsel in den September vor zu verlegen. Es gibt mehrere gute Gründe dafür. Einer und zugleich der wichtigste ist, dass Silvesterfeiern im September die Welt verbessern würde.

Man sagt, dass revolutionäre Ideen oft in Notsituationen geboren werden, die Erfindung des Feuers beispielsweise oder des Rades. So war es auch in diesem Fall. Mein Freund und ich, wir waren eine Zeitlang gezwungen, jedes Jahr Ende August nach Paris zu fahren, weil eines unserer Kinder die Sommerferien bei uns verbracht hatte und nun wieder nach Hause zu seiner Mutter in ein französisches Übersee-Departement fliegen musste. Es war jedes Jahr ein trauriger Abschied. Wir winkten der Maschine nach, bis sie als kleine zitternde Fata Morgana im Himmel verschwand. Danach schlichen wir über den schmelzenden Teer in den Straßen von Paris und hielten in der verlassenen Stadt nach der halb geöffneten Jalousie eines Eckladens Ausschau, um uns mit großen Wasserflaschen auszurüsten, bevor wir auf der nächsten Parkbank zusammen brachen. Paris im August ist der Ausnahmezustand. Weiterlesen