only a second away

only a second
Foto: © Andrea Vollmer
Der 30. Juni 2015 war eine Sekunde länger als alle anderen Tage diesen Jahres und aller Tage aller Jahre davor. Naja, vielleicht nicht aller, ich vermute, dass es irgendwann schon mal einen Tag gab, der eine Sekunde länger dauerte, aber es muss länger als fünfzehn Jahre her sein. Nur eine Sekunde – und wutsch! Das wars! Meine langjähriges Postfach zerbarst.
Weil ich mich partout nicht an den Aufenthaltsort eines verflossenen Liebhabers erinnern kann, ist es auch nicht mehr wieder herzustellen. Ich habe daraus gelernt, dass es nicht gut ist, beim Anlegen einer Sicherheitsfrage einer augenblicklichen Leidenschaft nachzugeben.
Allerdings würde mir auch der Aufenthaltsort meines damaligen Liebhabers nicht weiterhelfen, weil ich außerdem auch die Nummer meiner vor-vor-vor-vor-vorherigen Kreditkarte nicht mehr im Kopf habe (was für ein mieses Gedächtnis!) Aber da ich tatsächlich alle alten Karten aufhebe – lacht nicht –  wühlte ich also in einem dutzend Bahncards, Bankcards, Bibliothekencards, Presseausweisen etc. – aber die Kreditkarte, die 2002 ungültig geworden war, war nicht mehr darunter.
In den letzten 24 Stunden habe ich alle Mitarbeiter der Apple-Hotline kennengelernt, mit Namen und Temperament, bzw. Coolness- und Sensitivity-Level. Keiner konnte mir helfen.

Ich muss dich mal kurz wegdrücken

Cindy. Schmid.Telefondame

Collage © Cindy Schmid

Es kommt einem vor, als drängelten sich Ladenkassen, Milchkaffeedüsen, Zugtüren und Presslufthämmer immer massiver in den Vordergrund der Gespräche. Oder liegt das daran, dass wir – die Telefongeneration – nur noch miteinander reden, während wir von einem Termin zum anderen durch Straßen und Kaffeeläden hasten?

Auch ich telefoniere unterwegs. Warum sollte das Warten auf den Bus oder im Kaffeeladen nicht genutzt werden, um mit Freunden und Verwandten zu plaudern? Ich trage einen Knopf im Ohr. Auf diese Weise bin ich immer auf Empfang. Im Sommer fahre ich mit dem Knopf im Ohr Fahrrad, im Winter erspart er mir die Fummelei in der Tasche, wenn es klingelt. Ich trage zwei Paar Handschuhe, von denen das zweite so dick ist, dass ich mir damit nicht einmal die Haare aus dem Gesicht schieben kann ohne mir die Pelzmütze vom Kopf zu reißen. Nein, ich lebe nicht am Polarkreis. Aber ich gehöre zur frostempfindlicheren Sorte. Ich brauche Wärme. Ich brauche Zuwendung und Austausch.

Im Büro liegt das Telefon neben dem Laptop. Gerade schreibe ich eine Geschichte, die in einem verschlafenen Fischerdorf spielt. Es ist gar nicht so leicht, sich in einem Gemeinschaftsbüro über einer sechsspurigen Straße in ein verschlafenes Fischerdorf zu versetzen. Eigentlich möchte ich nicht gestört werden, aber es könnte ja etwas passieren. Meine Tochter Jolanda könnte wieder den Haustürschlüssel abbrechen, mein Freund Eric einen Herzinfarkt erleiden. Das Telefon neben dem Laptop ist eine Art Versicherung, dass da draußen alles in Ordnung ist, beziehungsweise ich rechtzeitig zur Stelle und eingreifen kann.

Als ich es mit der ersten Tasse Kaffee endlich in das Fischerdorf geschafft habe, ruft Jolanda an.

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Das Knistern…

…der Seiten

Lesen ist wie Arbeit in einem Bergwerk, aber es erzeugt ein besonderes Geräusch. Das hat mit der Kunst des Umblätterns zu tun, und wer die beherrscht, mit dem kann man auch eine Beziehung führen

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Wird es knistern?

Bücher und Zeitschriften führen ein Leben wie andere Menschen auch. Sie haben einen Körper. Ihr Körper ist aus Papier. Er ist alles andere als totes Holz. In diesem Körper sind Bücher unterwegs. Mal liegen sie oben und mal unten. Sie bilden auch Gruppen und verlassen diese wieder, einige schneller, andere nie. Sie können Staub aufwirbeln, Risse und Quetschungen davontragen und von Milben befallen werden. Deshalb sind es keine appetitlichen Tiere, mit denen Leser verglichen werden: Bücherwurm! Leseratte! Lichtscheue Biester. Im Untergrund mit der Taschenlampe. Ja. Lesen ist wie die Arbeit in einem Bergwerk.

Aber dieses Kratzen und Schaben erzeugt ein feines Geräusch. Das Blättern klingt wie wenn etwas schleift. Wenn jemand in ein Buch oder Magazin versunken ist, durchströmt mich das Gefühl, mein Körper löse sich im Klang des Lesens allmählich auf. Gleichzeitig ist es wie eine zärtliche Berührung. Ich bewege mich nicht mehr. Ich falle aus der Zeit, genussvoll versunken in das Knistern und Rascheln der Seiten. Wird das Buch zugeklappt, ist alles vorbei.

Ich nenne es die Kunst des Umblätterns. Ein Bildschirm kann das nicht. Er flimmert. Er strengt an. Elektronische Bücher sind zwar anders. Sie flimmern nicht. Sie liegen wie eine ruhige, beleuchtete Buchseite in der Hand. Ich habe nichts gegen ebooks. Sie sind großartig für alle, die gern in der Dämmerung im Garten oder auf dem Balkon lesen, eine Erleichterung für Menschen, die mit viel Lesestoff reisen müssen und wunderbar für ältere Leute, denen dicke Wälzer beim Lesen im Bett zu schwer sind. Ihr Versuch zu knistern ist allerdings erbärmlich.

Die Kunst des Umblätterns ist eines der sinnlichen Vergnügen, die allein unmöglich sind. Denn ein anderer muss für mich blättern. Ich kann nicht gleichzeitig lesen und das Knistern der Seiten genießen. Es ist eine Frage der Konzentration. Weiterlesen

Liebe ist das neue Schwarz

love

Die Karte entdecke ich bei meinem ersten Besuch in dem süßen Papierwarengeschäft, das neulich hier aufgemacht hat. „Love is the new black“, steht darauf, in einer Schrift, die sympathisch ungelenk wirkt, als hätte jemand mit zittriger Hand die Buchstaben gemalt oder als hätte ein Kind sie aus Papier ausgeschnitten, die Zunge zwischen den Lippen. Liebe ist das neue Schwarz. Ein rätselhaft schöner Spruch. Er assoziiert die Wiederkehr des Hippie-Gefühls. Liebe hat Konjunktur. Das Wort wird gerade mächtig in der Werbung strapaziert. Es klebt an Schaufensterscheiben und steht in rostigen Lettern zum drauf rumklettern vor einem Theater. In REVOLUTION Weiterlesen