Kathrins Notiz-Blog 26. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Wir sind nicht nach Sopot gefahren. Wir sind nach Berlin zurückgekehrt. Ich sitze in der Küche, Jolanda ist gerade zur Schule gegangen. Ich habe mich entschlossen, heute zu Hause zu bleiben und Worte zu finden für das, was in den letzten Tagen geschehen ist.

Wir haben den Jäger noch einmal gesehen. Am nächsten Morgen war er wieder auf seinem Hof. Bevor er sich umbrachte, hat er uns Geld für neue Reifen gegeben. Danach musste ich für zwei Tage ins Krankenhaus. Die Ärzte waren der Meinung, ich stünde unter Schock, aber das stimmte nicht. Natürlich ist es schockierend dabei zuzusehen, wie jemand sich erschießt, vergleichbar mit der Ohnmacht, die man empfindet, wenn auf der Gegenspur ein zerknülltes Auto liegt und man sich zwangsweise die Menschen vorstellt, die darin saßen, Menschen, die es nun nicht mehr gibt, von einer Sekunde zur anderen. Aber die Traurigkeit und die Schuldgefühle kamen später.

Der Jäger hatte am Küchentisch gesessen, als wir eingetreten waren, der kleine, müde Polizist, Leon und ich. Der Hase war verschwunden. Der Jäger hielt den Kopf so tief gesenkt, dass sein Gesicht unter der Mütze aus Tweed verschwunden war. Die Mütze zuckte. Seine Schultern zuckten. Er weinte. Auf dem Tisch lagen Geldscheine. Ich erinnere mich, dass ich Leons Hand nahm, dass sie kühl war und dass er ebenso überrascht wie vor einigen Wochen, als ich ihn nach unserer ersten Nacht in den Nacken geküsst hatte, fragte: „Was ist?“

Ich hatte Leons Hand los gelassen und war einen kleinen Schritt auf den Jäger zugegangen. Ein Impuls trieb mich, ihn zu berühren, aber dann erschien es mir unpassend, und ich blieb in seiner Nähe stehen. Auf dem Küchenbuffet stand ein Transistorradio. Es steckte in einer Hülle aus grünem Leder. Frank Sinatra sang: „It was a very good year“. Ich fragte: „Haben Sie Kinder?“ Unter der Mütze tauchte sein Gesicht auf. Ich erinnere mich an das intensive Blau der Augen. Sie funkelten aus einer schwindelerregenden Tiefe hinter den Wangenknochen hervor. Der Mund war schwarz, als hätte man Erde hinein gestopft. Er murmelte: „Sie kommen nicht mehr.“ Er hatte getrunken. Ich sagte: „Wie alt sind ihre Kinder?“ und ich sah noch, dass der kleine, runde Polizist mich seltsam anschaute, und ich fürchtete, etwas Blödes gesagt zu haben. Danach explodierte alles. Das ist das Ende, dachte ich. Ich dachte an Jolanda. Ich war sicher, dass ich gleich sterben würde.

Kurz danach kamen sehr viele Menschen in der Küche des Jägers. Jemand legte mir eine Decke um die Schultern und führte mich zu einem Krankenwagen. Leon saß neben mir und hielt meine Hand. „Wie kommen wir jetzt nach Sopot?“, sagte ich. „Mach dir keine Sorgen“, sagte Leon. „Wir kommen schon dorthin.“

Am Nachmittag ließ er mich allein im Krankenhaus, weil er sich um das Auto kümmern musste. Ich wollte ihn begleiten, aber die Ärzte sagten, es wäre besser, wenn ich noch einen Tag bliebe. Ich sehnte mich nach Jolanda.

„Möchtest du nach Hause?“, fragte ich Leon.

Er sagte: „Ich habe kein Zuhause.“ Die Traurigkeit in seiner Stimme erschreckte mich. Er hockte auf meinem Bett, er lag halb auf dem Deckbett, betrachtete es und strich mit der flachen Hand darüber. Es war mir ja von Anfang an klar gewesen, dass die karg möblierte Wohnung nicht sein Zuhause ist, aber bisher hatte er wenigstens so getan. Ich sagte: „Ich dachte, du liebst mich.“

„Ich liebe dich“, sagte Leon.

„Wer liebt, hat ein Zuhause.“

Leon schüttelte den Kopf. Ich schaute aus dem Fenster und ich erinnere mich, dass ich erstaunt war, weil sich die Sträucher und Bäume seltsam langsam bewegten, wie in Zeitlupe. Ich hatte noch nie so langsame Bäume gesehen.

Kathrins Notiz-Blog 19. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Leon hatte seinen Kopf in meinen Schoß gelegt. Der Polizist hatte sich die Mütze über das Gesicht geschoben und war eingeschlafen. Draußen auf der Dorfstraße regte sich nichts. Der Polizist begann zu schnarchen.

Durch die Heckscheibe schien der Mond. Er segelte über den schwarzen Nachthimmel. „Warte“, sagte ich. Ich wollte den Sex in dieser Nacht nicht so gehetzt wie sonst. Ich träume ihn langsamer, spielerischer, gewagter, fantastischer. In dieser Nacht wollte ich Leon die Hast nehmen, mit ihm spielen. Es war eng in dem kleinen Auto, also gingen wir nach draußen auf die Weide, zu den Schafen. Im Mondlicht warfen die Bäume am Rand der Straße Schatten. Grillen zirpten. Wir hatten nichts, keine Decke, keine Jacke. Alle Sachen waren in dem Cabrio, das mit platten Reifen an der Raststätte stand. Das Gras war kühl. Leon sagte, es mache ihm nichts aus. Ich setzte mich auf ihn.

Ich betrachtete Leons Penis im Mondlicht. Ich schaue ihn gern an. Er sieht gebraucht aus. Die Vorhaut ist lang und schlaff und hängt ein bisschen. Sie fühlt sich an wie sehr feines Leder. Ich mag es, wenn das kleine Tier nach einem Kuss erwacht und in meine Richtung wächst, diese gebrauchte Haut ausfüllt und dann abstreift. Das Tier ist krumm. Es verursacht einen kleinen, süßen Schmerz, wenn es in mich eindringt. Irgendwann werde ich dort ebenso krumm sein.

Kathrins Notiz-Blog 18. Juli 09


© Illustration Liane Heinze

Am nächsten Morgen servierte uns der Mann neben dem toten Hasen auf dem Küchentisch einen Kaffee. Er schlurfte in der Küche hin und her. Er schob die Tassen über den langen Tisch in unsere Richtung, so dass auch die Tassen schlurften. Auf seinen Fingern wuchsen dunkle Haare.

“Ist ihre Frau weg gelaufen, weil sie Pelztiere im Haus vergammeln lassen?“, sagte Leon.

Der Jäger hustete. Er räumte weiter Geschirr in einen Schrank.

„Ich hasse Jäger“, fauchte Leon und sah mich an. Ich trat ihm unter dem Tisch auf beide Füße.

“Dann essen Sie kein Fleisch?”, sagte der Mann. Er räusperte sich wieder und hustete, als hätte er sich plötzlich erkältet.

“Niemals Wild”, sagte Leon.

“Die anderen Tiere werden auch getötet”, brummte der Jäger.

“Aber niemand bekommt dabei eine Erektion”, sagte Leon. In diesem Moment wünschte ich, dass die Erde sich auftut und mich verschlingt.

Ich fürchtete um einen weiteren Zahn Leons, als der Mann sich zu ihm umdrehte. Er war kleiner als Leon, aber stämmig. Leon wich zurück. “Verschwinde”, zischte der Jäger. „Pack deine blasse Puppe ein und mach, dass du weg kommst.“

Wir sahen zu, dass wir ins Auto kamen. Leon ließ den Motor aufheulen und brauste vom Hof. Ich zog den Kopf ein.

„Das mit der Erektion war dumm, es war völlig daneben.“

Ist es nicht daneben, nachts durch die Wälder zu ziehen, Tiere zu erschießen und sie dann seinen Gästen vor die Nase zu legen? Das ist Masturbation. Du bist doch die Vegetarierin.“

„Er ist Jäger, na und. Ich bin Vegetarierin und er ist Jäger. Na und? Ist das ein Grund, sich an die Gurgel zu gehen?“

„Du mit deinem Love and Peace….“ Leon lässt das Lenkrad los, hebt die Arme und wiegt sich wie ein Hippie mit Feuerzeugen.

„Du mit deiner Masturbation. Toleranz. Das ist das Wesen der Zivilisation. Aber du kommst ja aus dem Wald.“

„Ja, ich komme aus dem Wald. Ich brauche keinen Jäger, kein zivilisiertes Rindvieh.“

Leon nahm die Autobahnauffahrt, fuhr an eines der Häuschen, zahlte die Maud und schloss das Dach. Die Luft über der Autobahn flirrte vor Hitze. Plötzlich waren wir in einer windstillen, klimatisierten Kapsel eingeschlossen, in einer anderen Welt. Ich glaubte fest daran, dass wir Leons Mutter heute treffen würden. Das war ja der Sinn unserer Suche. Deshalb hatten wir den Wagen gemietet, die Maud bezahlt. Nur aus diesem Grund verzichteten wir jetzt auf Sonne und Wind, schlossen uns in die Kapsel ein und fuhren immer weiter geradeaus zum Meer.

„Wie sieht deine Mutter aus?“

„Sehr einfach“, sagte Leon. „Sehr schön. Sie ist blond, nicht hellblond, aber blond, ihr Haar ist etwas rötlich. Sie trug die Haare immer kurz, wahrscheinlich hat sie Jeans an und flache Sandalen.“

„Und Schmuck?“

„Höchstens kleine Sachen, Perlen oder so.“

„Und Schminke?“

„Sie hat einen Lippenstift. Ich erinnere mich, wie sie ihn auftrug. Sie brauchte keinen Spiegel. Sie trug ihn im Café auf, im Zug, manchmal im Kino, auch wenn es dunkel war. Es war eine weiche, matte Farbe, hell, vielleicht wie…Erdbeeren. Wie dein Lippenstift.“

„Wann hast du sie zuletzt gesehen?“

Leon überholte, hupte und swingte zwischen den Spuren hin und her, dass mir schwindlig wurde. „Ist vielleicht fünfzehn Jahre her.“

„Fünfzehn Jahre?!“

„Wir sollten nach Sopot fahren“, schlug er vor. „In den Sommerferien ist sie oft mit uns dort gewesen.“

„Sie wird sich verändert haben. Hast du ein Bild?“

„Sie verändert sich nicht“, sagte Leon. „Sie hat sich nie verändert.“

„Lass uns anhalten“, bat ich. Leon fuhr an der nächsten Raststätte ab. Er rollte den Wagen in eine Parklücke, pappte die Locken in die Stirn und sah mich an. „Du bist blass! Ist alles in Ordnung?“

Ich klappte den Spiegel nach unten. „Ich bin nicht blass. Ich sehe genausso aus wie immer.“ Er fragte noch dreimal, ob es mir wirklich gut geht. Er öffnete mir die Wagentür, legte seinen Arm um meine Schulter. Er war noch nie so zuvorkommend, so höflich gewesen. Fünfzehn Jahre! „Hast du ein schlechtes Gewissen“, fragte ich.

„Wieso? Nein.“

Ich setzte mich auf das Geländer vor dem Bistro und trank den Espresso. Sofort fühlte ich mich frischer. Drüben auf der Autobahn fetzte ein Wagen nach dem anderen vorbei. Die Erde bebte. Die Rosen vor dem Bistro schwankten. Ich freute mich auf Leons Mutter. Sie zu suchen fühlte sich nicht anders an als zum Kaffeetrinken zu ihr zu fahren. Es war die Vorstellung, dass es sie gab, eine schmale, ältere Dame mit kurzen Haaren, flachen Sandalen, einer Perlenkette und einem erdbeerfarbenen Lippenstift, und dass ich ihr zum ersten Mal gegenüber stehen würde. Das ist das großartige, wenn man sich kennenlernt: Man gewinnt nicht nur einen Menschen dazu, sondern eine ganze Familie.

Leon kam von der Toilette. Er nahm meinen Becher und schleckte den Zuckersatz vom Boden. „Ich hatte nicht mehr den Mut, zu ihr zu fahren“, sagte er. „Du hast mir den Mut zurück gegeben.“

Plötzlich war vom Parkplatz ein Knall zu hören. Kurz darauf ein zweiter. Es klang wie Schüsse. Leon stürzte zum Parkplatz. Ich folgte ihm. Der Jäger stand drüben an der Auffahrt, grinste und hob einen Stinkefinger. Leon stürzte ihm nach, doch er stieg lässig in seinen grauen Lieferwagen und machte sich davon. „Ich zeige dich an, du miese, kleine Ratte.“ Leon boxte auf das Dach unseres Wagens. Beide Hinterreifen waren platt.

„Ich wusste es“, zeterte Leon. „Wieso haben wir hier angehalten?“

Ich sah die platten Reifen, aber ich hatte keine Angst, nicht die Spur. Ich war glücklich, und dieses Glück war so groß, dass mir nichts Schlimmes mehr passieren konnte. So lange ich lebte, nicht.

Wir setzten uns auf das Geländer vor dem Bistro, knabberten Kekse und warteten. Leon tänzelte auf und ab. Er stieß mit den Fußspitzen gegen imaginäre Wände, die ihn zum Umkehren zwangen. Der Käfig in seinem Kopf bildete den Raum um ihn. Die Wände verrückten ihre Position nicht. Ein kleiner, untersetzter Polizist kam vom Parkplatz herüber gewackelt. Er zerrte an der Knopfleiste seiner Uniformjacke. Wahrscheinlich war sein Unterhemd nass geschwitzt. Er hieß uns mit einer Kopfbewegung in das Bistro zu gehen. Er tupfte den Schweiß von den Wangen. Er zog einen zerknautschten Notizblock aus seiner Brusttasche und ließ sich den Hergang der Tat schildern. Er nuschelte. Wir hatten die Nummer des grauen Lieferwagens so schnell nicht lesen können. Wir wussten nicht, wie der Jäger hieß, nur den Ort, in dem er lebte. Der Ort hieß Wda. Wir müssten dorthin zurück fahren, um Ihnen das Haus des Jägers zu zeigen, sagte Leon. Es war nicht so weit von der Autobahn entfernt. Der Polizist wollte wissen, was passiert ist, was wir dem Jäger getan haben. „Wir haben ihm nichts getan“, sagte Leon.

Wir rumpelten in dem stickigen Polizeiwagen zurück nach Wda. Der Jäger war nicht zu Hause. Wir gingen mit dem Polizisten im Gasthaus etwas essen. Als wir zurück an das Gehöft kamen, war das Tor noch immer verschlossen. Der Polizist rüttelte daran. Nichts.

„Warten wir“, sagte er. Wir setzten uns in den Polizeiwagen.

Kathrins Notiz-Blog 17. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Wir haben einen ganzen Nachmittag am Flussufer verbracht. Wir lagen auf den Kieseln am Ufer in der Sonne.

Die Bäume wurzeln unsicher am Fluss. Ihre Zweige schwanken auf den Wellen. Sie suchen Halt auf dem Wasser. Sie suchen Halt am Himmel. Sie suchen Halt aneinander. Sie haben nichts als ihr Holz. Die Schiffe ziehen vorüber. Als ich die Bäume am Fluss sah, wusste ich, dass wir weiter nach Leons Mutter suchen müssen.

Leon vergrub seine nackten Füße im Sand.

„Vielleicht ist sie bei Paul?“

Er schüttelte den Kopf. Eines war uns klar: Sie würde nie wieder zu dem Mann zurückkehren, der ein kleines, zähes Geräusch mit seinem Bart machte.

„Lass uns zur Ostsee fahren. Sie liebt das Meer“, sagte Leon.

Wir brachen sofort auf. Während Leon einen Wagen besorgte, rief ich Jolanda an. Sie kicherte. Jemand kitzelte sie, während sie telefonierte. Im Hintergrund krakeelten ihre Freunde. „Wir lernen.“ Sie gluckste.

„Ist ein Brief vom Arbeitsamt gekommen?“

„Ist mir nicht aufgefallen.“

„Was heißt ‚aufgefallen’? Etwas Unauffälligeres als einen Brief vom Arbeitsamt kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Unauffällig und  böse.“

Jolanda schnaufte. „Warte, ich schau in den Zeitungen nach.“

Ich hörte Papier rascheln und Musik. Plötzlich sehnte ich mich nach ihr. Es macht mich glücklich, wenn Jolanda kichert. Es ist kein Klein-Mädchen-Gegacker. Ihr Kichern hat Raum und Wärme. Wenn Jolanda kichert, muss ich immer an diese weichen, dunklen Gummitiere denken, die man zwischen den Zähnen halten und langziehen kann. Ihr Kichern macht süchtig.

„Keine Sorge. Nix gekommen.“

Wir fuhren mit offenem Dach zwischen Rapsfeldern hindurch. Der Wind peitschte die Haare gegen die Wangen. Leon steuerte den Wagen. Ich legte meine Hand in seinen Nacken. Wir sprachen nichts. Wir waren angekommen, auf dieser Fahrt, auf dieser Landstraße, auf dieser Suche.

Spät am Abend fanden wir ein Zimmer in einem Gehöft in einer kleinen Ortschaft. Auf dem Hof lebte ein Mann allein. Auf seinem Küchentisch lag ein toter Hase.

Er reichte uns den Schlüssel. Wir krochen in das kalte Bett. Leon zog meinen Po an seinen Bauch. Ich betrachtete die Sterne über der Halbgardine aus Spitze und wartete auf den Schlaf. Mein Herz pulste gegen das Laken.

Ich wollte schauen, was der Mann in der Küche machte und wand mich vorsichtig aus Leons Armen. Er war sofort wach, wie immer, wenn ich meinen Po von seinem Bauch löse. „Was ist?“

„Kann nicht schlafen.“ Ich öffnete die Zimmertür und blickte hinaus in den Hof. Alle Fenster waren dunkel. Hinter einem der vielen Fenster hockte der Mann, wahrscheinlich schlaflos. Der Hase auf dem Tisch kühlte indessen weiter aus.

„Jetzt kann ich auch nicht mehr schlafen“, jammerte Leon.

„Na komm, es wird gehen.“ Ich huschte zurück ins Bett, platzierte meinen Po wieder an der richtigen Stelle und wartete. Leon schnarchte leise.

„War sie Tänzerin?“, fragte ich.

„Sie war Hochseilartistin.“

„Im Zirkus?“

„Ja.“

„Sie hatte einen Wagen?“

„Schlaf jetzt.“

Kathrins Notiz-Blog 15. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Die Wände des Aufzugs waren mit bunten Tags besprüht.

Im 7. Stock stiegen wir aus. Der Gang war so eng, dass wir zu zweit geradeso hindurch passten. Ruß verstopfte die Poren der Betonwände. Eine Wohnungstür stand offen. Ein Mann quoll aus dem Rahmen. Er stemmte die Arme in die Tür und blickte uns entgegen. Er kaute auf seinem Oberlippenbart. Das macht ein kleines, zähes Geräusch. „Sie ist nicht da“, sagte er. Leon fragte nicht, wohin seine Mutter gegangen war. Er nickte und trat einen Schritt zurück und stieß mit den Fersen an die Betonwand gegenüber.

Wir liefen in die Stadt und suchten Leons Mutter in den Läden der Hauptstraße. Auf einmal glaubte Leon, sie drüben im Gewühl vor einem Kaufhaus entdeckt zu haben. Er sprang auf die Straße, wand sich zwischen hupenden Autos hindurch. Seine Locken beschrieben einen Zick-Zack-Kurs über den Autodächern. Wenig später war er mit der Menge, die auf den Schlund des Kaufhauses zu trieb, verschmolzen.

Ich folgte ihm an der Ampel über die Straße, wühlte mich durch die schlendernden Einkäufer, rollte durch die Etagen des Kaufhauses. Überall hielt ich nach Leons hastigen Bewegungen Ausschau, suchte in den Gesichtern der Frauen nach seinen leicht vorstehenden, schattigen Augen. Ich fuhr hinauf und wieder hinunter.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als draußen zu warten, an einer Stelle, an der Leon mich finden könnte, vor dem Kaufhaus. Ich setzte mich auf einen Schaufenstersims und schaute, wie die Passanten aneinander vorbei liefen, ohne sich zu berühren, wie sie durch sich hindurch schauten. Als Leon nicht kam, beschlich mich die Angst, bis an das Ende meines Lebens in dieser Menge zu treiben, ohne ihn jemals wiederzusehen, weil er von nun an in der ganzen Welt seine Mutter suchen und mich vergessen würde. Als er vor mir stand, außer Atem, als er Mineralwasser in seine Locken kippte und neben mir auf den Sims fiel, begriff ich, dass er es ist, der mich davor schützt, in der Menge verloren zu gehen, ohne Namen und ohne Gesicht.

Er sagte nichts. Ich griff nach seiner Hand.

„Und früher?“, fragte ich dann. „War sie früher für dich da?“

Er malträtierte die leere Plastikflasche, presste die Luft daraus hervor. „Wenn sie von einer Tournee kam, brachte sie uns Geschenke mit. Der Tisch füllte sich an diesen Abenden mit Dingen, die von weither kamen, aus anderen Städten, in anderen Ländern. Sie duftete. Es war immer derselbe frische Duft, ich glaube, es war das Meer. Wir hatten das Meer noch nie gesehen. Aber wir ahnten, das musste sein Duft sein. Solange sie da war, roch es in dem Haus aus Pappe nach Meer.” Die Plastikflasche brach, als Leon versuchte, sie zusammen zu rollen. „Sie kam nur für wenige Tage, um sich auszuruhen. Sie schlief dann viel. Wir durften sie nicht stören. Wenn sie wieder auf Reisen ging, freuten wir uns auf ihre Heimkehr, wie sie singen und tanzen und duften würde, und auf die Geschenke. Sie jagte die Welt und brachte sie uns als Beute nach Hause.“

Ich legte meinen Kopf an Leons Brust. „Erzähl weiter.“

Leon nestelte an meinem Gürtel. Er schob seine Hand in meine Jeans. „Ich habe Lust auf dich“, sagte er leise. „Komm, ich weiß einen Ort.“

Aber ich wollte da bleiben, an ihn geschmiegt. „Jetzt ist es gut“, sagte ich. „Es gibt keinen besseren Ort.“

„Wie wäre es im Kaufhaus im Aufzug? – Na komm!“ Er stand auf. Er war wie besessen von dieser Idee. Er ließ meine Hand nicht los.

„Na gut: Wir suchen ein offenes Auto.“ Er zog mich fort, tänzelte an den Rand des Bürgersteigs. Er klinkte an einigen geparkten Autos. „Siehst du, das interessiert gar niemanden. Und falls zufälligerweise eins offen ist….“

„Und wenn der Besitzer kommt?“

„Diese Vorstellung macht mich an,“ sagte Leon. Er warf mir vor, nicht genug spontan zu sein und kein bisschen abenteuerlustig.

“Hältst du das für das Leben?”

“Ja, ja, ja”, antwortete er. Gejagt von der Angst, nicht genügend zu leben, nicht in vollem Maß zu lieben. Wie ich. Nur anders.