Kathrins Notiz-Blog 6. April 09

Expecto Patronum 2

Eben bin ich am Wasser entlang geschlendert. Ich habe den Bäumen zugehört, wie sie unsicher am Ufer wurzeln und ihre Arme dicht über dem Wasser ausstrecken. Sie suchen Halt am Himmel. Sie suchen Halt im Fluss. Sie suchen Halt aneinander. Ihre Zweige schwanken schutzlos auf dem Wasser. Ich habe alles verstanden. Sie haben nichts als ihr Holz. Die Schiffe ziehen vorüber. Auf der anderen Seite, im Kies vor den Mauerresten, eine Reihe Birken, ganz kahl noch. Mit ihrer weißen Haut sehen sie aus wie Greise. Und zwischen dem Abfall am Ufer kommen überall kleine Kirschbäume, die jetzt zu blühen beginnen.

Einmal wurde in unserem Garten eine Tanne gefällt. Es hieß, sie bedrohe das Haus. Ich habe geweint, als die Tanne fiel. Wenn ein Baum fällt, verschwindet ein Stück Magie aus der Welt. Wenn ein neuer, junger Baum nachwächst, kehrt sie zurück, doch es dauert Jahre, bis der kleine Baum die Zauberkraft der alten erreicht.

Im Nachbargarten stand eine riesige Birke. Sie ist eine der liebsten Freunde aus meiner Kindheit. Sie beschützte mich. Eine Zeitlang hatte ich Angst. Auch sie sollte gefällt werden, weil ihre Blüten immer zu uns herüber wehten. Meine Mutter schimpfte auf die Blüten und den Ostwind. Aber sie wollte nicht, dass ich wieder weine. Die Erinnerung an die weichen Zweige der Birke reicht für einen starken Patronus-Zauber. Sie steht noch immer im Nachbargarten. Jedes Jahr lädt sie den Staub ihrer Träume bei meinen Eltern ab, wenn der Sommer beginnt. Und der Ostwind ist noch immer pünktlich.

Kathrins Notiz-Blog 2. April 09

Expecto Patronum

Einmal sah ich meiner Großmutter dabei zu, wie sie sich umzog. Als Kind sah ich anderen gern beim an – und ausziehen zu. Ich mochte die Geräusche der Wäsche, wenn sie über Haut glitt. Manche Pullover knisterten im Winter. Mein Bruder riss sich Hemd und Pullover brachial über den Kopf, er warf seine Arme nach allen Seiten, es machte ihn aggressiv, dass er sich jeden Morgen anziehen musste, er hasste diese Handlung, er stopfte sich das Hemd unordentlich in die Hose und zerrte den Pullover nach unten.

Meine Großmutter stand nackt vor dem Kleiderschrank in ihrem Schlafzimmer. Ich hatte noch nie so eine schöne Frau gesehen. Ich war damals etwa acht oder neun Jahre alt, meine Großmutter ungefähr sechzig. Sie war sehr schlank, aber überall ein bisschen rund. Sie hatte schmale Schultern und einen schönen Busen. Ich fand ihn genau richtig, nicht zu groß und nicht zu klein. Die Brustwarzen stimmten genau, nicht größer und so dunkel wie Rosinen.

Ich sehe sie noch immer vor mir. Es ist eines der schönsten Bilder meiner Kindheit. Sie zog einen weißen BH an, der mir viel zu groß und zu spitz für ihre Brüste schien. Sie hob ihre Beine auf die Zehen, um die zarte Haut der Strümpfe an den Knöpfen des Hüftgürtels zu montieren. Manchmal schniefte sie leicht. Das klang wie ein Seufzen. Ich stellte mich in die Tür. Ich fragte, ob sie sich noch einmal ausziehen würde. Ich hätte sie gern noch einmal nackt gesehen. Meine Großmutter war außer sich. Sie schimpfte mit mir und schickte mich fort. Ich verstand ihre Reaktion nicht. Warum zeigte sie nicht, wie schön sie war?

Die Sache mit der Nacktheit verstand ich noch immer nicht, als meine Mutter mir einige Jahre später im Schwimmbad zuflüsterte, ich solle jetzt nicht mehr nackt herum laufen. Die Jungs würden gucken. Ich sah mich um. In unserer Nähe spielten zwei Jungen miteinander haschen. Sie warfen sich gegenseitig ins Wasser. Ich war sicher, dass sie sich überhaupt nicht für mich interessierten. Jungs interessierten sich nicht für Mädchen. Das wusste ich von meinem großen Bruder und seinen Freunden. Sie wollten partout nichts mit mir zu tun haben. Ich schaute an meinem Körper herab. Was gab es da zu verstecken? Ich fühlte mich verunsichert. Schuldig. Mich beschlich die dunkle Ahnung, dass etwas mit mir nicht stimmt.

Kathrins Notiz-Blog 16. März 09

„The hottest ticket in London this weekend is not for a pop singer or a football match but for a conference on communism which brings together some of the world’s leading Marxist academics. The international financial crisis has led to a resurgence of interest in a philosophy that many claimed had been buried with the collapse of the Soviet Union.“ The Guardian

http://www.guardian.co.uk/uk/2009/mar/12/philosophy

So schrieb der Guardian am Donnerstag. Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis das Gespenst wieder umgeht….Es wärmt mir das Herz. Ich öffne ihm die Türen meines Hauses. Komm, geistere darin herum und labe dich an den Träumen einer Rebellin! Ja, ja, du hast richtig gesehen: Ich liege Nacht für Nacht allein im Bett, aber bald sind Slavoj Zizek und Alain Badiou bei mir. Und jetzt Du! Bleibe ein Weilchen, halte mich, auch wenn ich nicht an eine gerechte Gesellschaft glaube. Du doch auch nicht! Es wird sie niemals geben. Aber Du, die feinste Idee der Menschen, ist zurückgekehrt, die von der Gleichheit aller Menschen. Sie ist zu schön, um zu sterben. Und ich kenne Menschen in der Stadt, bei denen Du ebenfalls aus – und eingehst. Es sind nur ein paar Stationen mit der U-Bahn. Grüße sie von mir!

Kathrins Notiz-Blog 31. Dezember 2008

Philippe sagt, er gehöre zur Generation Israel. Sein ganzes Leben lang begleite ihn der Nahost-Konflikt in den Medien. „Jeden Tag“, sagt er. Philippe ist 50 Jahre alt und in Frankreich aufgewachsen. Ich sehe ihn als Kind in der tristen Vorstadtstraße einer nordfranzösischen Stadt Ball spielen. Aus den Fenstern der Erdgeschoß-Wohnungen quellen die Nachrichten.

Ich glaubte, es spiele es keine Rolle mehr, aus welchem Land jemand kommt. Ich meinte, wir wären alle Europäer. Und wenn ich heute, am Silvesterabend, die vielen Briten, Franzosen, Spanier, Dänen und Italiener in Partystimmung Unter den Linden spazieren sehe, fühle ich mich gut in diesem Europa, in dem die Entfernungen zwischen den Hauptstädten auf einen Silvestertrip und eine Einkaufsparty in der Kastanienallee geschmolzen sind.

Israel stürzt uns zurück in die Vergangenheit der Nationalstaaten. Philippe darf auf Israel schimpfen. Ich nicht. Philippe ist Franzose. Es interessiert ihn nicht, wenn jemand ihm deswegen unterstellt, er sei Antisemit. Er weiß, dass er keinen Menschen aufgrund seiner Religion ablehnt.

Ich darf nicht auf Israel schimpfen. Deutsch ist nicht die Sprache, in der man Israel kritisieren darf.

Aber ich darf an dieser Stelle fragen, was der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern in einer Zeit bedeutet, in der sich Nationen, Kulturen, religiöse Riten und Sprachen immer mehr vermischen. Ich habe nur eine Erklärung dafür: Es müssen konservative Kräfte sein, die ein Interesse daran haben, die Spaltung der Welt zu steuern und zu kontrollieren, die um jeden Preis ein Feindbild aufrecht erhalten, als Rechtfertigung für ihre Kriege. Vielleicht hört sich das nach Verschwörungstheorie an. Meinetwegen. Aber warum wurden all jene hingerichtet, die ernsthaft an einer Lösung des Konflikts gearbeitet haben?

Ich frage mich, wieso kein Schrei des Protests von den Juden in der ganzen Welt ausgeht. 2008 las ich das Buch „Israels Irrweg“ von Rolf Verleger. Er schreibt aus der Sicht eines religiösen Juden. Ich bin sehr froh über dieses Buch, weil es ausspricht, was mich solange schon bewegt.

Erst wenn jüdisches Leben und Glauben von der konservativen Art Israels, Konflikten zu begegnen, getrennt werden, ist eine offene, vorurteilsfreie Diskussion über den Nahen Osten möglich. Aber es gibt starke Kräfte, die genau das verhindern wollen.

Für 2009 wünsche ich uns und allen Menschen auf der Welt die Freiheit der Begegnung und der Mischung der Kulturen. Wir müssen die konservative Art der Konfliktlösung durch Krieg und Gewalt weiter bloß stellen.

Kathrins Notiz-Blog 21. Dezember 08

Der folgende Text ist Teil eines längeren Manuskriptes, an dem ich seit einigen Jahren arbeite.
In meinem Buch geht es um jemanden, der aufbricht und fort geht. Ein großer Teil der Geschichte spielt im Winter und es kommen allerlei Schneesorten darin vor. Deswegen halte ich den Winter für die geeignete Jahreszeit, Euch darauf neugierig zu machen. In der letzten Woche schrieb ich über den Start. Heute schreibe ich über das Ankommen.

Pi nimmt mir den Koffer ab. Er hält die Wagentür auf. Bevor er mich zum Hotel bringt, kauft er Äpfel und Toast für mein Frühstück ein. „Und der Tee? Das war Assam mit Milch, nicht wahr?“ Ich nicke. Kein Zweifel. Das ist der Mann, mit dem ich jeden Tag telefoniert habe. Es ist seine Stimme.

In der Stadt liegt Schnee, bergeweise. Räumfahrzeuge saugen den Schnee von Fahrbahn und Bürgersteigen und pusten ihn anschließend gegen die Häuserwände.

Ich bin angekommen. Das bedeutet, dass ich wehrlos bin. Ich kann nichts mehr tun, als mir selbst zuzuschauen. Es ist nicht, weil ich mich auf die Zeit mit Pi freue. Ich bezweifle, dass ich ihn lieben werde. Es ist wegen des Schnees an den Häuserwänden und der Tüte mit den Lebensmitteln auf dem Rücksitz.

Ankommen ist, wie wenn man in frischen Schnee fällt und sich nicht mehr rühren kann. Der Schnee hält. Er gibt nach wie ein Bett. Doch man muss sich schnell wieder hochrappeln, sonst wird es ungemütlich.

So selten und flüchtig sind die Momente des Ankommens. Und doch begeben wir uns wegen dieser kurzen Augenblicke auf Reisen. Stunden- tage – wochen – und jahrelang sind wir unterwegs, um irgendwo anzukommen.