Kathrins Notiz-Blog 23. Mai 09

Auf dem Weg zu dem Interview mit einer Tänzerin erreichte mich ein Anruf der anderen Frau. Sie wollte diesmal einen Preis für meinen Freund aushandeln. Diesmal schenkte ich ihn ihr.

Die Tänzerin trug ein schwarzes Kleid. Das passte wunderbar zu ihren roten Haaren. Dann tanzte sie in der Galerie, in dem weichen Licht. Ich schaute zu, wie sie tanzte und wie der Fotograf Aufnahmen von ihr machte. Wie sie beide um Poesie rangen. Sie hoben mich auf und trugen mich an einen besseren Ort. Ich wollte nie mehr fortgehen.

Dieses Gedicht einer unbekannten Hexe fand ich in einem alten Fotoalbum.

Hexenhexen 2
wie LEICHT ich der welt
fremd bin
wie LÄCHERLICH die strafen, mit denen ihr mal ja mal nein verlangt.
wie ERBÄRMLICH euer HALBER mord.
ICH gebe euch noch hunderttausend jahre mich zu besiegen.

Kathrins Notiz-Blog 20. April 09

In Lehmanns Medizinischer Buchhandlung an der Charité, eine Buchhandlung, deren Regale überwiegend mit Büchern über Knochen, Muskeln und innere Organe sowie den Beschreibungen des Verfalls derselben gefüllt sind, eine Buchhandlung mit sachlich-kühler Ausstrahlung -die meisten dieser Bücher sind in frischen Farben und dem emotionslosen Ausdruck westlicher Medizin gestaltet- empfahl mir die Buchhändlerin ein schmales Taschenbuch aus der kleinen Ecke der Belletristik. „Paradies verloren“ von Cees Nooteboom ist endlich wieder ein Buch!!! Ich hatte vergessen, was Literatur vermag. Es ist lange her, dass ich mich in einem Buch verloren habe, zuletzt passierte mir das vor einigen Jahren mit „Der Eisvogel“ von Uwe Tellkamp, das ich wegen der Schönheit seiner Sprache und der Spannung nicht mehr aus der Hand legen konnte. „Paradies verloren“ von Cees Nooteboom ist die Essenz der Poesie, das Zwischen, Über, Unter und Hinter der Geschichte, das ganze Bild, die Wahrheit, die Bilder allein nicht vermitteln können, weswegen man sich mit Bildern oft so allein fühlt. Das also unterscheidet Literatur von dem, was nur Literatur sein will. Man muss es suchen. Die Poesie versteckt sich in der Menge der Bücher. Sie ist verborgen wie Gold in einem tropischen Fluss.

Kathrins Notiz-Blog 6. April 09

Expecto Patronum 2

Eben bin ich am Wasser entlang geschlendert. Ich habe den Bäumen zugehört, wie sie unsicher am Ufer wurzeln und ihre Arme dicht über dem Wasser ausstrecken. Sie suchen Halt am Himmel. Sie suchen Halt im Fluss. Sie suchen Halt aneinander. Ihre Zweige schwanken schutzlos auf dem Wasser. Ich habe alles verstanden. Sie haben nichts als ihr Holz. Die Schiffe ziehen vorüber. Auf der anderen Seite, im Kies vor den Mauerresten, eine Reihe Birken, ganz kahl noch. Mit ihrer weißen Haut sehen sie aus wie Greise. Und zwischen dem Abfall am Ufer kommen überall kleine Kirschbäume, die jetzt zu blühen beginnen.

Einmal wurde in unserem Garten eine Tanne gefällt. Es hieß, sie bedrohe das Haus. Ich habe geweint, als die Tanne fiel. Wenn ein Baum fällt, verschwindet ein Stück Magie aus der Welt. Wenn ein neuer, junger Baum nachwächst, kehrt sie zurück, doch es dauert Jahre, bis der kleine Baum die Zauberkraft der alten erreicht.

Im Nachbargarten stand eine riesige Birke. Sie ist eine der liebsten Freunde aus meiner Kindheit. Sie beschützte mich. Eine Zeitlang hatte ich Angst. Auch sie sollte gefällt werden, weil ihre Blüten immer zu uns herüber wehten. Meine Mutter schimpfte auf die Blüten und den Ostwind. Aber sie wollte nicht, dass ich wieder weine. Die Erinnerung an die weichen Zweige der Birke reicht für einen starken Patronus-Zauber. Sie steht noch immer im Nachbargarten. Jedes Jahr lädt sie den Staub ihrer Träume bei meinen Eltern ab, wenn der Sommer beginnt. Und der Ostwind ist noch immer pünktlich.

Kathrins Notiz-Blog 2. April 09

Expecto Patronum

Einmal sah ich meiner Großmutter dabei zu, wie sie sich umzog. Als Kind sah ich anderen gern beim an – und ausziehen zu. Ich mochte die Geräusche der Wäsche, wenn sie über Haut glitt. Manche Pullover knisterten im Winter. Mein Bruder riss sich Hemd und Pullover brachial über den Kopf, er warf seine Arme nach allen Seiten, es machte ihn aggressiv, dass er sich jeden Morgen anziehen musste, er hasste diese Handlung, er stopfte sich das Hemd unordentlich in die Hose und zerrte den Pullover nach unten.

Meine Großmutter stand nackt vor dem Kleiderschrank in ihrem Schlafzimmer. Ich hatte noch nie so eine schöne Frau gesehen. Ich war damals etwa acht oder neun Jahre alt, meine Großmutter ungefähr sechzig. Sie war sehr schlank, aber überall ein bisschen rund. Sie hatte schmale Schultern und einen schönen Busen. Ich fand ihn genau richtig, nicht zu groß und nicht zu klein. Die Brustwarzen stimmten genau, nicht größer und so dunkel wie Rosinen.

Ich sehe sie noch immer vor mir. Es ist eines der schönsten Bilder meiner Kindheit. Sie zog einen weißen BH an, der mir viel zu groß und zu spitz für ihre Brüste schien. Sie hob ihre Beine auf die Zehen, um die zarte Haut der Strümpfe an den Knöpfen des Hüftgürtels zu montieren. Manchmal schniefte sie leicht. Das klang wie ein Seufzen. Ich stellte mich in die Tür. Ich fragte, ob sie sich noch einmal ausziehen würde. Ich hätte sie gern noch einmal nackt gesehen. Meine Großmutter war außer sich. Sie schimpfte mit mir und schickte mich fort. Ich verstand ihre Reaktion nicht. Warum zeigte sie nicht, wie schön sie war?

Die Sache mit der Nacktheit verstand ich noch immer nicht, als meine Mutter mir einige Jahre später im Schwimmbad zuflüsterte, ich solle jetzt nicht mehr nackt herum laufen. Die Jungs würden gucken. Ich sah mich um. In unserer Nähe spielten zwei Jungen miteinander haschen. Sie warfen sich gegenseitig ins Wasser. Ich war sicher, dass sie sich überhaupt nicht für mich interessierten. Jungs interessierten sich nicht für Mädchen. Das wusste ich von meinem großen Bruder und seinen Freunden. Sie wollten partout nichts mit mir zu tun haben. Ich schaute an meinem Körper herab. Was gab es da zu verstecken? Ich fühlte mich verunsichert. Schuldig. Mich beschlich die dunkle Ahnung, dass etwas mit mir nicht stimmt.

Kathrins Notiz-Blog 16. März 09

„The hottest ticket in London this weekend is not for a pop singer or a football match but for a conference on communism which brings together some of the world’s leading Marxist academics. The international financial crisis has led to a resurgence of interest in a philosophy that many claimed had been buried with the collapse of the Soviet Union.“ The Guardian

http://www.guardian.co.uk/uk/2009/mar/12/philosophy

So schrieb der Guardian am Donnerstag. Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis das Gespenst wieder umgeht….Es wärmt mir das Herz. Ich öffne ihm die Türen meines Hauses. Komm, geistere darin herum und labe dich an den Träumen einer Rebellin! Ja, ja, du hast richtig gesehen: Ich liege Nacht für Nacht allein im Bett, aber bald sind Slavoj Zizek und Alain Badiou bei mir. Und jetzt Du! Bleibe ein Weilchen, halte mich, auch wenn ich nicht an eine gerechte Gesellschaft glaube. Du doch auch nicht! Es wird sie niemals geben. Aber Du, die feinste Idee der Menschen, ist zurückgekehrt, die von der Gleichheit aller Menschen. Sie ist zu schön, um zu sterben. Und ich kenne Menschen in der Stadt, bei denen Du ebenfalls aus – und eingehst. Es sind nur ein paar Stationen mit der U-Bahn. Grüße sie von mir!