Kathrins Notiz-Blog 21. Dezember 08

Der folgende Text ist Teil eines längeren Manuskriptes, an dem ich seit einigen Jahren arbeite.
In meinem Buch geht es um jemanden, der aufbricht und fort geht. Ein großer Teil der Geschichte spielt im Winter und es kommen allerlei Schneesorten darin vor. Deswegen halte ich den Winter für die geeignete Jahreszeit, Euch darauf neugierig zu machen. In der letzten Woche schrieb ich über den Start. Heute schreibe ich über das Ankommen.

Pi nimmt mir den Koffer ab. Er hält die Wagentür auf. Bevor er mich zum Hotel bringt, kauft er Äpfel und Toast für mein Frühstück ein. „Und der Tee? Das war Assam mit Milch, nicht wahr?“ Ich nicke. Kein Zweifel. Das ist der Mann, mit dem ich jeden Tag telefoniert habe. Es ist seine Stimme.

In der Stadt liegt Schnee, bergeweise. Räumfahrzeuge saugen den Schnee von Fahrbahn und Bürgersteigen und pusten ihn anschließend gegen die Häuserwände.

Ich bin angekommen. Das bedeutet, dass ich wehrlos bin. Ich kann nichts mehr tun, als mir selbst zuzuschauen. Es ist nicht, weil ich mich auf die Zeit mit Pi freue. Ich bezweifle, dass ich ihn lieben werde. Es ist wegen des Schnees an den Häuserwänden und der Tüte mit den Lebensmitteln auf dem Rücksitz.

Ankommen ist, wie wenn man in frischen Schnee fällt und sich nicht mehr rühren kann. Der Schnee hält. Er gibt nach wie ein Bett. Doch man muss sich schnell wieder hochrappeln, sonst wird es ungemütlich.

So selten und flüchtig sind die Momente des Ankommens. Und doch begeben wir uns wegen dieser kurzen Augenblicke auf Reisen. Stunden- tage – wochen – und jahrelang sind wir unterwegs, um irgendwo anzukommen.

Kathrins Notiz-Blog 15. Dezember 08

Der folgende Text ist Teil eines längeren Manuskriptes, an dem ich seit einigen Jahren arbeite.
In meinem Buch geht es um jemanden, der aufbricht und fort geht. Ein großer Teil der Geschichte spielt im Winter und es kommen allerlei Schneesorten darin vor. Deswegen halte ich den Winter für die geeignete Jahreszeit, Euch darauf neugierig zu machen.

Über den Flughafen treiben dicke Schneeflocken. Der Wind jagt sie auf den Rollfeldern vor sich her. Sie peitschten in schrägen Reihen an den Scheiben des Terminals vorüber.

„Sieht nach Verspätung aus“, sagt die Frau neben mir. Sie hat die Beine von sich gestreckt und bewegt die Zehen in den Socken. Ihre Stiefel stehen neben dem Handgepäck. Sie erzählt von ihren Enkeln und wie sie mit ihnen spielen wird, dort, wohin wir fliegen werden, an unserer Destination. Ich fühle mich noch fremd unter den Reisenden. Es ist zu lange her, dass ich unterwegs war. Ich erinnere mich an meine frühere Unbefangenheit auf Bahnhöfen und Flughäfen. Ich bin sicher, dass das Reisen in unserer Natur liegt. Der Mensch ist Nomade.

Zwei Stunden lang wartet das Flugzeug an der Enteisungs-Anlage. Inzwischen ist es dunkel. Der Schnee trudelt durch das milchige Licht des Platzes, auf dem die Maschinen von riesigen Gerüsten aus geduscht werden.

Mit drei Stunden Verspätung rollen wir schließlich zum Start. Das Flugzeug hält inne. Sein Cockpit blickt bis zum Horizont der Rollbahn. Ein Moment der Konzentration. Vielleicht steht es zum ersten Mal an diesem Punkt der Welt. Vielleicht ist es schon einige Male von hier aus gestartet. Zu anderen Destinationen. Dieser Augenblick, in dem das Samenkorn der Ewigkeit liegt. Die leere Bahn.

Plötzlich donnern die Turbinen los. Der Flieger beginnt zu rollen. Die Energie des Starts presst mich in den Sitz. Das Flugzeug rast auf den Horizont zu. Die Unebenheiten des Rollfeldes schütteln seinen Körper. Als es abhebt, treten mir Tränen in die Augen. Die schräge Linie der Erde verschwimmt. Die Stadt am Boden verwandelt sich in ein Aquarell, die Landschaften ringsum.

Der Pilot meldet sich nasal und gut gelaunt. Einige Buchstaben zerplatzen direkt vor seinem Mikrofon. Wir stoßen in den Wolkennebel. Ich zerre an dem Tütchen mit Erdnüssen, das die Stewardess vorhin gebracht hat. Die Tüte rutscht mir aus der Hand. Die Nüsse spritzen über meinen Platz und den meiner Nachbarin. Sie lacht. Ein lautes, freies Lachen. Ich muss mitlachen. Wir stoßen durch die Wolken in den Nachthimmel. Das Wolkenbett bleibt tief unter uns. Die Anweisung für den Gurt erlischt. Ich picke die Nüsse von meinem Tisch. Wir kichern noch immer. Meine Nachbarin öffnet ihre Tüte, sehr fest und geschickt mit diesen sicheren Händen, die außen schwarz und innen fast so weiß wie meine sind. Sie schüttet die Hälfte ihrer Nüsse in meinen Handteller.

Kathrins Notiz-Blog 2. Dezember 08

In der Schule habe ich gelernt, dass jedes Schnee-Kristall eine andere Form hat. Nach dem Unterricht betrachtete ich die Schneeflocken auf meinem Handschuh. Es waren nicht viele, aber sie hatten wirklich jedes seine eigene Gestalt.

Künstlicher Schnee besteht nicht aus Kristallen, sondern aus winzigen Kugeln. Diese haften nicht wie die Kristalle aneinander. Deshalb kann man aus künstlichem Schnee keinen Schneeball formen. Der Mensch ist nicht in der Lage, die einzigartige Struktur des Schnees nachzubauen.
Mittlerweile stehen auf fast allen Skipisten Schneekanonen, weil der natürliche Schnee nicht mehr ausreicht.

Gestern waren der Fotograf Stephan Pramme und ich in einer Schneehalle, einer Art Tropical Island für den Winter. Von der Autobahn aus sahen wir die Halle riesig aus der norddeutschen Ebene ragen. Ihr Dach glich bereits einem Skihang. An der Vorderfront der Halle pappte eine Reihe alpiner Holzhäuschen, eine Hotelanlage für Leute, die nicht bis nach Österreich fahren wollen. Von ihren Balkonen blicken sie in das nebelige mecklenburgische Land. Ich fragte mich, ob jemals ein Mensch an so einem Ort Urlaub macht. Joladihö-DuDödelDu…

Der Hüttenzauber setzte sich im Foyer fort. Polnische Serviererinnen in schlecht sitzenden Dirndln verkauften mieses Essen. Man hatte uns an diesen grausamen Ort geschickt, um Menschen im Schnee zu porträtieren. Hier gab es zwar keinen echten, sondern nur Kunstschnee, doch echter Schnee war an diesem ersten Sonntag im Advent nirgendwo aufzutreiben.

Wir trafen eine Menge sympathischer Leute. Als hätte die Spezies, die den Ort geschaffen hat, nicht das Geringste mit den Benutzern gemein.

Jeder weiß, dass der Mensch ein widersprüchliches Wesen ist, doch räumlich hatte ich das noch nie erfahren. Gewöhnlich passen die Orte zu ihren Bewohnern. Oder Orte und Bewohner passen sich einander an. Zum Beispiel wirken Menschen in einer Kunstgalerie oder im Foyer eines Theaters behutsamer, gebildeter und besser gekleidet als in der Kaufhalle.

Die Schneehalle wurde uns durch die erfreulichen Begegnungen nicht sympathischer. Die Kluft zwischen dem Ort und den aktiven, freundlichen Menschen blieb.

Wie muss man ticken, um dafür zu bezahlen, den Sonntag an einem derart schummrig beleuchteten Ort mit katastrophalem Musikprogramm und schlechtem Essen zu verbringen? Ist Schnee ein Stoff, nach dem man süchtig werden kann? Das wäre ein mildernder Umstand. Sonst würde ich diese Menschen einfach für gefährlich halten.

Kathrins Notiz-Blog 24. November 08

Über Nacht ist Schnee gefallen. Im Haus meiner Eltern, wo ich das Wochenende verbringe, ist es, als hätte jemand ein Licht angeknipst. So muss Gott sich das Energiesparprogramm gedacht haben: Im dämmrigen Oktober leuchten die Blätter. In den dunkelsten Monaten blendet der Schnee.

Schnee weckt Erinnerungen. Schnee ist pure Nostalgie. Wenn es schneit, naht Weihnachten. Schnee beruhigt. Er schluckt den Lärm. Schnee ist vom Aussterben bedroht.

Aus Hamburg kommt jetzt ein Magazin, das sich mit Klima- und Wetter-Fragen beschäftigt. Es heißt: Klima-Magazin. Das ist keine Fachzeitschrift für Meteorologen, sondern ein Publikumsmagazin für ungebildete Leute wie mich.

Ich glaube, dass in ein paar Jahren die Nachrichten mit dem Wetterbericht beginnen werden. Das Wetter wird der Teil der News sein, der unser Leben am stärksten berührt und von dem letztendlich alles andere abhängt: Börsenkurse, Firmenpleiten und politische Konstellationen.

Es schneit noch immer. Die Dächer und Wiesen sind weiß und auf dem Weg zum Friedhof bläst uns ein frischer Wind entgegen.

Gestern habe ich eine müde Wespe aus dem Haus nach draußen entlassen. Wie überwintern Wespen? Sie hätte im Haus doch keine Chance gehabt. Die Kreuzspinne in der Küche hängt noch immer zerknüllt in ihrem Netz. Wir glaubten schon, sie sei tot. Aber am Abend streckte sie ihre Beine aus und postierte sich in der Mitte ihres Gespinstes. Es sind jetzt keine Fliegen mehr im Haus. Wie lange lebt eine Kreuzspinne ohne Nahrung?

Vielleicht ist das ICH nicht mehr als ein brüchiger Chitin-Panzer, ein Gehäuse für die Lebensenergie Chi. Wenn der Panzer bricht, strömt das Chi in den Kosmos zurück und bringt irgendwo neues Leben hervor. Das ICH bleibt abgestreift zurück, wie eine Schlangenhaut im Wald oder eine Muschelschale im Meer. Irgendwann fängt ein Strand der sieben Weltmeere sie auf. Jemand findet sie beim Spazierengehen. Und so geht die Geschichte weiter.

Kathrins Notiz-Blog 11. Oktober 08

Intensivstation 144 I Charité Campus Mitte

Auf der Intensivstation zeigen Monitore die Parameter des Überlebens an: Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Herzschlag.

Ärzte und Pfleger kooperieren in denselben blauen Kitteln mit derselben Professionalität. Sie sind jung. Sie sind schön. Sie erinnern mich an ein früheres Leben, in dem ich mir Figurprobleme einbildete und besorgt war, irgendeinen Frisurentrend zu verpassen. Jetzt führen sie dieses Leben. Sie sind ja nicht makellos. Deswegen schaue ich sie so gern an. Ihre Schönheit ist aus dem Tag gewachsen und aus der Nacht. Sie kommt von der Straße, aus den alltäglichen Verrichtungen, direkt aus dem Leben. Oder wie soll man sie sonst beschreiben?

Ich sehe sie und sehe ihr Leben. Sie schnaufen dieses Leben. Sobald sie in meine Nähe kommen, wird es warm. Sie würden mir nicht glauben, wenn ich ihnen sagte, dass ich noch niemals so viele schöne Menschen gesehen habe wie hier, zwischen den piependen und tutenden Apparaturen und trompetenden Atemmasken.

Als der Pfleger aus der Frühschicht sich verabschiedet hat, stelle ich ihn vor die Haustür seiner Ex-Frau. Er holt seinen Sohn ab. Er nimmt seinen Sohn bei der Hand. Sie laufen die Treppen hinab, steigen ins Auto und fahren an einen See baden. Erst im Auto sprechen sie miteinander.

Einer der Ärzte ist auf der Suche nach Zärtlichkeit. Ich denke ihn mir bei einem Essen mit Freunden. Da ist eine neue Frau. Jemand hat sie mitgebracht. Er verwickelt sie in ein Gespräch. Aber nachts kehrt er allein in seine Wohnung zurück.

Ein anderer Arzt streitet am Abend mit seinem Freund. Der Streit raubt ihm den Schlaf. Sein Freund liegt nicht neben ihm. Gegen vier schlägt er fluchend nach dem Wecker, schleppt sich ins Bad und blickt missmutig in den Spiegel. Im Stehen stürzt er einen Kaffee hinunter. Auf einem Rennrad fliegt er durch die schlaftrunkene Stadt.

Als er auf der Station ankommt, ist mein Blut zu knapp neunzig Prozent mit Sauerstoff gesättigt. Ich bereite meinen ersten Gang zur Toilette vor. Ich muss mich sehr langsam aufrichten, doch selbst dann reicht die Kraft meiner Lunge noch nicht aus. Der Sauerstoff in meinem Körper sackt ab. Ich japse wie ein Straßenköter.

Vor dem Fenster schwanken die Bäume seltsam träge und lautlos. Ich lehne mich noch einmal zurück, bevor ich es erneut versuche. Mir kommen keine besseren Bilder in den Sinn als die aus dem Leben der jungen Mediziner. Ihr Leben ist großartig. Es ist einfach und wunderbar. Aber auch das würden sie mir nicht glauben.