Archiv ‘Reportage’ .

Zielfahnder: Auf der Suche nach der Tupperdose

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In seiner freien Zeit streift Timo durch die Gegend, um an schwer zugänglichen Orten versteckte Mitteilungen zu finden. Er ist ein Geocacher. Er bevorzugt Schwierigkeitsstufe 5, die gefährlichste. 

© Photo: Stephan Pramme

Timo sucht das Codewort. Er ist nicht wegen der morbiden Schönheit des Gebäudes hier.

Timo Schygulla, 27 Jahre, aus Berlin-Reinickendorf, ist gekleidet und ausgerüstet wie für eine Expedition auf einen unbekannten Kontinent. Dabei streift er nur durch Brandenburger Land. Er trägt feste Schuhe und eine Hose mit vielen Taschen, in denen er seine Ausrüstungsgegenstände, GPS-Gerät, Telefon, Taschenlampe, Spiegel und feuerfeste Handschuhe, unterbringen kann. In seinem Rucksack stecken ein Wasserbeutel, aus dem er sich über einen Schlauch direkt bedient, und eine Kletter ausrüstung. Timo ist Geocacher. Er ist auf der Suche nach dem »Cache«, dem Versteck.

Geocaching ist ein relativ neuer Zeitvertreib. Gerade erlebt es einen Boom. Call-Center-Angestellte, Wissenschaftler, Verkäuferinnen, Informatiker, Rentner und Schüler sind unterwegs, um Tupperdosen in die Landschaft zu legen, mit einem Logbuch darin, in das der Finder seinen Namen und einen hübschen Spruch schreiben kann. Außer einem GPS-Gerät braucht man das Internet. Unter der Adresse www.geocaching.com werden die Koordinaten der Verstecke veröffentlicht. Dort wird auch registriert, wie oft jedes Versteck gefunden wurde und von wem. Daraus folgt das Punkte-Ranking der erfolgreichsten Cacher landes- oder weltweit. 860 000 Dosen, von fingerkuppenkleinen »Nanos« bis zu Munitionskisten, liegen auf allen fünf Kontinenten der Erde, einschließlich der Antarktis. Es ist allerdings anzunehmen, dass der prozentuale Anteil der Geocacher in Deutschland höher ist als beispielsweise in Patagonien. Genaue Zahlen gibt es aber nicht. Etwa 500 Geocacher streifen beispielsweise durch den Berliner Raum, schätzen Insider. Kaum noch eine Straße in der City, in der nicht unter einer Parkbank oder in einem Telefonhäuschen eine Dose klebt. Solche einfachen Verstecke sind aber nur der Anfang. »Multicaches« führen über mehrere knifflige Stationen zur Ziel-Dose, von den Cachern »Final« genannt. Der Ort, den Timo heute sucht, liegt 52 Grad, 15 Minuten und 704 Milliminuten nördlicher Breite und 12 Grad, 55 Minuten und 482 Milliminuten östlicher Länge.

Wir stehen vor der Ruine des Chirurgie-Pavillons einer ehemaligen Lungenheilstätte, im Flügel der Frauen. »Vom Eingang müssen wir 300 Meter peilen, direkt in die Mitte des Gebäudes«, sagt Timo. Unsere Schritte knirschen über Schutt und Glas. Ein langer Kreuzgang führt auf das Skelett einer zweiflügeligen, halbrunden Tür zu. Es zieht gewaltig, denn sämtliche Fenster sind zerbrochen. Links des Ganges gehen die ehemaligen Krankenzimmer ab. Die Türen wurden entfernt, weggetragen, wahrscheinlich waren sie schön, wie die Flügeltür am Ende, wie die leeren Fensterrahmen zum Park, deren Anstrich in so filigranen Blättchen vom Untergrund bricht, dass es wie ein Muster wirkt, wie feine Spitze. Die Gebäude wurden im 19. Jahrhundert gebaut. Beelitz-Heilstätten, das Sanatorium, rund 60 Kilometer südwestlich von Berlin, ist ein architektonisches und technisches Meisterwerk seiner Zeit. Nach 300 Metern befinden wir uns kurz hinter der Flügeltür, vor einem leeren Aufzugsschacht. Das Eisengitter rostet, gilbt, grünt. Der Verfall wirkt wie inszeniert. Nur noch Fragmente des geschmiedeten Geländers um den Aufzugsschacht, Blüten, Blätter und gedrehte Stäbe, sind geblieben. Sie wurden zersägt und abgebrochen. Der Aufzug hängt zwei Stock werke höher, eingerostet, wie für die Ewigkeit.

»Wichtig ist eine gute Story«, sagt Timo. Er führt Taschenlampe und Spiegel durch Entlüftungs- und Heizungsschächte und über offen liegende Rohre, um einen Hinweis auf Heinrich zu finden, der in einem der Pavillons von Beelitz-Heilstätten verloren gegangen ist. So weit die Story. Barbie & Bruettler haben den Multicache in Beelitz-Heilstätten gelegt. Geocacher arbeiten mit »Nicknames«. Timos Deckname lautet »Ultralist«. Auf www.geocaching.com ist zu lesen, dass Barbie & Bruettler in Kassel leben und seit 2006 knapp 4000 Funde gemacht haben, meist in hohen Schwierigkeitsstufen. Das Foto im Nutzerprofil zeigt eine rothaarige Schaufensterpuppe in Seidenwäsche. In einem nostalgischen Spiegel neben ihr ist der nackte Oberkörper des dazu gehörenden Schaufenstermannes zu sehen.

Nach 20 Minuten Suche schiebt sich ein Satz, mit schwarzem Edding auf ein Rohr geschrieben, in Timos Spiegel: »Woher kommt das viele Licht? Bin ich etwa noch im grünen OP? Heinrich.« Die Suche nach dem grünen OP führt durch mehrere zugige Gänge, von denen ehemalige Bäder, Toiletten und Krankenzimmer abgehen. »Ein lauschiges Plätzchen zum Vögeln« hat jemand auf die weißen Kacheln über ein Sofa gesprüht, das so aussieht, als hätte es schon mehrere Landregen aufgesogen. Das Dach des Gebäudes ist längst nicht mehr dicht. »In der Bildersafari für den großen Multi ist dieses Bild mit drauf«, sagt Timo. »Allerdings nur als Ablenkung.«

Auf keinen Fall möchte Timo sich ablenken lassen. Er nimmt die Besonderheit dieses Ortes zwar wahr, das Blut auf den blauen und rosa Kacheln, die ausgequetschten Ketchup-Flaschen in den Pfützen auf dem Betonboden, das verrostete Metallbett unter der altertümlichen OP-Lampe mit den blinden Augen, doch anders als die Fotografen und Filmleute, die in Beelitz-Heilstätten das Interieur des Schauders suchen, genießt Timo die besondere Herausforderung seines Caches. Nur das. Schwierigkeitsstufe fünf. Die höchste. Die Symbole auf der Web- site, ein Totenkopf, eine Kletterwand und eine Taschenlampe, sind die Indikatoren der Verstecke, die ihn interessieren. Wie die Figur in einem Computerspiel bewegt er sich in dem alten Krankenhaus. Glatt. Geschickt.

Timo ist Wirtschaftsingenieur, spezialisiert auf Multi-Media-Systeme, das heißt, auf die Anwendungen des Web 2.0 und Enterprise 2.0, also Blogs, Foren und Twitter. »Als Wirtschaftsingenieur hat man einerseits das technische Know-how und andererseits BWL«, erklärt er. Sein Studium hat er er folgreich abgeschlossen. Kürzlich hatte er ein Bewerbungsgespräch bei der Telekom. Es lief gut. Jetzt bereitet er sich auf die Prüfung im Accessmentcenter vor. Timo strahlt Leichtigkeit aus, die Sicherheit desjenigen, der gewohnt ist, dass ihm die Dinge gelingen. Schwer vorstellbar, dass ihm irgendwo ein peinlicher Satz entwischt. Es gibt Menschen, denen die Welt wie maßgeschneidert sitzt. Timo fährt Mountainbike, er paddelt und trainiert jetzt die Jugendgruppe seines Vereins am Tegeler See. Er löst Sudokus, hört die Nachrichten und geht zur Wahl. Seine Freundin Isabel studiert Mathematik. Geocaching langweilt sie. »Sie findet Finden schön«, sagt Timo. »Aber Suchen nicht.« Bei den Stammtisch-Treffen der Berliner Geocacher bleibt Timo alias »Ultralist« vornehm zurückhaltend. Vereinsmeierei ist ihm zuwider. Er mag keine Bier- und Weinseligkeit. Er ist am Austausch von Fakten interessiert.

Geocacher kommen aus allen Altersgruppen und Schichten der Bevölkerung. Es gibt ganze Familien, die cachen gehen, zum Beispiel der Diplomingenieur »Geolink«, seine Hausfrau »Lupini« und ihre gemeinsame Tochter »Midna«. Die Berliner »Gartenzwerge«, ein blasses, in Schwarz gekleidetes Paar, bezeichnen sich als Genusscacher. Was auch immer sie genießen, der gefährliche Multi in Beelitz- Heilstätten gehört sicher nicht dazu. »Jack Sparrow«, ein älterer Herr, der die Welt bereist und eine sagenhafte Punktezahl gesammelt hat, wird von vielen bewundert. Es gibt den Notarzt, der komplett auf einen Nickname verzichtet und sich einfach Jan Wagner nennt, als hätte er gar keine Lust, auch mal jemand anders zu sein als er selbst, und »Moenk«, den Geo-Informatiker, ein Star der Szene, ein Typ wie Timo: sportlich, sympathisch, klug und schön. Unter www.cachetalk.de betreibt er einen Podcast.

Timo hat die nächste Koordinate gefunden. Sie ist mit roter Farbe auf die Unterseite eines Fensterschenkels geschrieben. Die Spur führt hinaus aus der Chirurgie, durch den Park, zu einer gigantischen Ruine, noch immer im Flügel der Frauen. Die Ruine schiebt sich wie ein Kasten aus dem Park, rechts, links, unten und oben von Bäumen umgeben. Wir trauen zunächst unseren Augen nicht, doch dann bestätigt sich dieser erste wunderliche Eindruck: Im zerstörten oberen Stock werk des Gebäudes wachsen hohe Bäume. Ein Gang, verschüttet mit Holzbalken und Schutt, führt auf eine riesige Halle zu, deren Fenster zerstört sind, deren Fußboden von Steinen und Erde bedeckt ist, als wäre der Wald bereits erfolgreich gegen die Mauern vorgerückt. Die marode Treppe führt durch die Stockwerke hinauf in den Wald. Wie kommt ein kompletter Wald mit Nadeln, Moos, Ebereschen, Ahornbäumen und schlanken Kiefern in den vierten Stock eines Hauses? Die Treppe bricht in Höhe der Ebereschen ab. Timo hat keine Idee, wie der Wald hier rauf kam. Interessiert es ihn? Erstaunt es ihn? Gibt es überhaupt etwas, das ihn staunen macht, ihn entsetzt, auf die Palme bringt? War er jemals richtig wütend? Vertauschte Ziffern in Koordinaten hätten ihn schon verärgert, sagt Timo. Möglicherweise schleuderte die Bombe, die das Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstörte, einige Kilo Erde, ein Samenpaket, durch die Luft. Möglicherweise reichte das dem Wald aus, sich hier oben auszubreiten. Egal. Dieses Wissen wird im Multicache nicht abgefragt, ist also nicht von Belang. Hier kommt es lediglich darauf an, ein Loch im Waldboden zu finden, durch das Timo sein Kletterseil über den darunter liegenden, eisernen Balken der großen Halle fädeln kann. Im grünen Mooslicht der großen Halle, vielleicht ein ehemaliger Turn-, Fest- oder Speisesaal, in dem Vorträge über gesunde Lebensweise gehalten oder Konzerte aufgeführt wurden, legt Timo seinen Klettergurt um, befestigt zwei Reepseile an dem dicken Seil, in die er seine Füße stellt, und klettert wie auf einer mobilen Treppe unters Dach. Leicht sieht das aus. Das sind die Momente, die er an diesem Hobby liebt, Momente, in denen sein besonderes Können gefragt ist. Er muss jetzt nicht mehr suchen. Alle Rätsel sind gelöst. Er ist kurz vor dem Ziel. Er entspannt sich beim Klettern. »Es ist die Heraus forderung an Kopf und Können«, sagt er.

Als Nächstes möchte er gern den Cache auf dem Betonschiff in der Wismarer Bucht lösen. »Ich stelle mir das gut vor. Zuerst musst du da rüber paddeln, dann über die Bordwand klettern und dich drüben wieder abseilen.« Er würde auch gern mal nach Nepal reisen. »Die hohen Berge«, sagt er. »Der K2?« Er schüttelt den Kopf. Keine Extreme. Kein zu großes Risiko. Keine Besessenheit.

Wir finden Heinrich im Keller neben einer Metallkiste mit altem Röntgengerät. Natürlich keineLeiche, kein Skelett. Nur eine Tupperdose mit einem Logbuch drin. Außerdem befinden sich in der Dose ein kleines Spielzeugauto, ein leeres Jojo, ein alter Computerstecker, ein Button mit der Aufschrift »No War« und ein Geo-Coin. Diese Münzen stellen in der Szene einen Sammlerwert dar und werden nicht selten geklaut, weswegen von einigen Coins nur Kopien in Umlauf gegeben werden. Den Besitzer eines Coins kann man anhand der Ziffer über das Internet finden. Die amerikanische Firma www.geocaching.com verkauft die Geo-Coins. Die Hersteller der Münzen müssen an Groundspeak Tantiemen für die Vergabe der Nummern zahlen. Weitere Gewinne erzielt Groundspeak durch die Einnahme aus den Premium-Mitgliedschaften. Premium-Mitglieder zahlen für besondere Service-Leistungen und für die Exklusivität einiger Caches.

Wer war Heinrich? Ein langhaariger Kämpfer für den Frieden? Spielte er Jojo, um sich das Rauchen abzugewöhnen? Liebte er Autos? Wann kaufte er seinen ersten Computer? Barbie & Bruettler, die Erfinder von Heinrich, äußern sich dazu nicht. Das Spiel ist hier zu Ende, die Teile in der Dose sind zufällig. Sie bedeuten nichts.

Unterm Regenbogen

Berliner Zeitung

Diese Anzeige stand im Sommer in der taz:

ARNO

war fast 28 Jahre lang

in der Fahrradwerkstatt, im Wohnhaus, im Café und in der Baugruppe bei und mit uns. 

Jetzt ist er für immer von uns gegangen und wird doch für immer bei uns bleiben. 

Auf Dich, Arno…

Deine FreundInnen und KollegInnen aus der Regenbogenfabrik. 

Achims Sticker vom 1. FC Kaiserslautern sind so vergilbt wie die Fotos an der Wand. Ein Foto zeigt Arno. Er ist jung darauf. Arno trägt das glatte, lange Haar in der Mitte gescheitelt und zu einem Zopf gebunden. Sein Gesicht ist schmal, die Augen sind hell. Wasserblau. Achim trägt auch einen Zopf, doch sein Haar ist störrisch und grau. Er sieht ein bisschen aus wie Hagrid, der Halbriese aus Hogwart. Massig, bärtig. Seine Stimme ist brummig, ein Typ, dem man sofort ein weiches Herz unterstellt. Man glaubt, Tränen in seinen braunen Augen zu sehen, wenn er von Arno spricht. Achim Sand ist 53 Jahre alt. Sein Freund Arno Hoffmann starb in diesem Jahr mit 55 Jahren.

Auf einem anderen Bild an Achims Wand bereitet Arno Rahmschnitzel mit Lauchgemüse. Der Lauch war extra für Achim. “Arno glaubte, dass ich Lauch mag”, sagt Achim. “Bis ich mir nach vielen Rahmschnitzeln mit Lauchgemüse ein Herz fasste und Arno die Wahrheit sagte: Ich verabscheue Lauch. Arno brach vor Lachen fast zusammen.”

Arno und Achim arbeiteten zusammen in der Baugruppe der Kreuzberger Regenbogenfabrik. Die Regenbogenfabrik ist eines der alternativen, sozialen Projekte, die in den achtziger Jahren in Kreuzberg entstanden. Es gibt heute auf dem Gelände eine Kita, ein Kino, Seminarräume, einen Fahrradverleih mit Werkstatt, Tischlerei, Kantine, Café, eine Kuchenbäckerei. Und ein Hostel. Bis auf einen kleinen Senatszuschuss zum Betrieb der Kita und einigen Beschäftigungsmaßnahmen vom Jobcenter trägt sich das Projekt selbst.

Achim zeigt ein Foto, auf dem Arno einen Bagger steuert. “Das war 2007, da haben wir die alte Remise für den Neubau des Hostels ausgemistet”, erklärt Achim. Die Bäume werfen Schatten in das Zimmer im Seitenflügel der Kreuzberger Regenbogenfabrik, in dem Achim wohnt. Die frisch verputzte Wand des Hostels auf der anderen Seite des Hofes reflektiert das Sonnenlicht. “Diese Wand haben wir noch zusammen hochgezogen, vor zwei Jahren”, sagt Achim. Er nennt Arno den Filigranen, weil er auf dem Bau immer dort eingesetzt wurde, wo es auf Genauigkeit ankam.

Arno und Achim sind in Zweibrücken in der Pfalz aufgewachsen. Sie besuchten die gleiche Schule. Achim wurde Autoschlosser, Arno Dreher. Nach der Ausbildung schraubten sie am Fließband der gleichen Firma Türen für Wohnwagen zusammen. Arno ging zum Bund. Achim flüchtete nach Berlin, als der Einberufungsbefehl im Briefkasten lag.

Achim beobachtete damals die Besetzung der heruntergekommenen, leer stehenden Chemiefabrik Albert Carl in der Lausitzer Straße in Kreuzberg. Das war 1981. Die Besetzter nannten sie dann Regenbogenfabrik. Achim arbeitete in einer Fahrradwerkstatt im Kiez. Aus Solidarität mit den Besetzern verlegten sie ihre Werkstatt auf das Gelände der Regenbogenfabrik.

Arno lebte damals noch in der Pfalz, er besuchte seinen Freund gelegentlich in Berlin. Bei einem der Besuche verliebte sich Arno in ein Mädchen, wenig später zog er zu ihr nach Berlin. In der Regenbogen-Fahrradwerkstatt gab es ausreichend Arbeit für ihn. Arno fing dort an. Später ging er mit Achim in die Baugruppe.

Einmal hatte Arno seine Bleibe in der Regenbogenfabrik verlassen. Er zog zu einer Frau, die er kennengelernt hatte, in eine Wohnung im Wedding, mit Schrankwand, Kanarienvögeln und Nachtspeicheröfen. Gemeinsam zogen sie die neunjährige Tochter von Arnos Lebensgefährtin auf. Arno brauchte Geld. Er gab seinen Job in der Regenbogenfabrik auf und fing bei einer Baufirma an.

Die Freundschaft zwischen Arno und Achim blieb. Achim kam regelmäßig zum Fußballgucken vorbei. Arnos Frau erkrankte an Krebs, er pflegte sie in ihrem Elternhaus bis zu ihrem Tode. Achim schaute regelmäßig nach dem Freund. Arno kümmerte sich nach dem Tod der Mutter weiter um die Tochter, er bereitete Rahmschnitzel für sie, beriet sie in Beziehungsfragen, sorgte für die Französisch-Nachhilfe und bezahlte ihre Ausbildung. Er hielt die Nachtspeicheröfen am Heizen, bis das Mädchen sich verabschiedete und zu seinem Freund nach Hamburg zog. Arno zog, das war 1996, zurück in die Regenbogenfabrik und arbeitete weiter mit Achim in der Baugruppe.

An einem Tag im Mai 2007 kippte Arno auf der Baustelle um. Achim fuhr mit seinem Freund ins Krankenhaus. Stundenlang wartete er, bis Arno mit den Röntgenaufnahmen unter dem Arm von den Untersuchungen zurückkam. “Ich habe einen Tumor im Kopf, die Ärzte sagen, ich kann noch zwei Jahre damit leben, hat Arno nur gesagt”, erinnert sich Achim. Achim nahm ihn einfach in die Arme. Sie hatten nie viele Worte gemacht.

Arno hat dann nicht mehr gearbeitet, aber er blieb in der Regenbogenfabrik. “Wir glaubten, Arno wäre die Ausnahme, der eine von hundert, der durchkommt”, sagt Achim. Arno kam nicht durch. Als es zu Ende ging, zog er zurück in die Pfalz. Zwei Jahre nach der Krebsdiagnose ist er in seinem Elternhaus in Zweibrücken gestorben.

Im Café der Rgenbogenfabrik haben sich an diesem Sommertag Freunde von Arno versammelt. Es ist ein Raum mit groben Dielen, auf denen schwere, nackte Eichentische stehenm, er ähnelt eher einer Kneipe und es wird hier wohl auch mehr Bier als Kaffee getrunken. Marion ist gekommen, Arnos erste Freundin in Berlin. Ihr trotziger Blick und die kurzen, dunklen Haare erinnern noch an das Mädchen auf einem der Fotos an Achims Wand. Auch Uta Doro ist da, die letzte Lebensgefährtin von Arno, eine kleine Frau Mitte Fünfzig mit hoch angesetzten, dunklen Zöpfen und einer runden Brille, die hier alle nur “Citrone” nennen. Mit ein paar Mitgliedern von Arnos Baugruppe sitzen sie um den großen runden Tisch. Tabakpäckchen und Papier liegen bereit, das Fenster ist weit geöffnet.

Es wird an diesem Abend in der Regenbogenfabrik viel geraucht und viel Bier getrunken. Geschichten machen die Runde, von früher, als Arno noch gesund war. Lustige Geschichten aus einer vergangenen Zeit. “Eines Nachts, als Arno und Achim wieder mal kein Ende fanden im Café, hab ich Arno einfach eingeladen, bei mir zu schlafen”, gibt Citrone zum besten. “Ich hab ihn einkassiert. Man musste ihn vor Tatsachen stellen, sonst passierte ja nichts. Einen Monat später wurde Arno krank.”

Arnos Freunde am Tisch erzählen von gemeinsamen Ausflügen an die Nordsee und in den Spreewald, von gemeinsamen Fußballabenden und Grillfesten. Die meisten Erinnerungen an Arno haben mit viel Bier zu tun.

“Wir waren doch jeden Abend auf der Piste”, sagt Marion. Sie erzählt von ihren Streifzügen durch die Kreuzberger Kneipen, von Rausschmissen und Beschimpfungen durch die “Spießer”. Das war in den Achtzigerjahren ihre Revolution.

Ein älteres Mitglied der Baugruppe erzählt von Arnos Motivationskünsten. “Los Achim, noch ‘ne Stunde, hat er oft auf der Baustelle seinem Freund zugeredet. Danach gehen wir ins Café. Das half.” Die Tischrunde lacht, Achim knackt das vierte Bier. “Achim und Arno kamen nach den langen Nächten hier im Café ständig zu spät”, erinnert sich der Anleiter der Baugruppe, ein Sozialpädagoge. “Man konnte sich den Mund fusslig reden.”

Citrone ist in den letzten zwei Jahren an Arnos Seite geblieben. Achim hatte sich noch mit Arno in seiner Heimatstadt verabredet, aber es war dann zu spät. Zu Arnos Beerdigung in der Pfalz sind sie alle gefahren. Achim hat da schon nicht mehr in der Baugruppe gearbeitet. Er sagt, er habe gesundheitliche Probleme bekommen. Seitdem ist er arbeitslos.

Der Neu-Berliner

Berliner Zeitung

Eine deutsch-jüdische Einwanderungsgeschichte

© Foto Pablo Castagnola

Als Jeremy seine Mutter anrief und sagte, dass er nach Berlin ziehen würde, machte sie sich Sorgen. Amsterdam, wo Jeremy, ein junger Musiker und Komponist, die letzten zwei Jahre gelebt hatte, war okay für einen jungen Juden wie ihn, fand sie. Aber in Berlin, der deutschen Hauptstadt, konnte sie sich ihren Sohn nicht vorstellen.

Ausgerechnet Berlin!

Wie würde er dort klarkommen? Würde er jüdische Kultur, jüdisches Leben vorfinden? Was für Synagogen bot die Stadt? Jeremy ist in Boston aufgewachsen. In dem Stadtteil, in dem seine Eltern noch leben, sind über 60 Prozent der Einwohner Juden. Die Familie war zwar nicht besonders religiös, aber die Feiertage wurden regelmäßig begangen. Jeremy, Anfang dreißig, frisch verheiratet, versicherte seiner Mutter am Telefon in Boston, dass es ihm gut gehe in der Stadt, dass er schon Freunde und hervorragende Musiker getroffen habe, aber sie blieb beunruhigt und suchte die Telefonnummer der einzigen Jüdin, die sie in Berlin kannte, heraus. Es war die Nummer der Schriftstellerin Irene Runge.

Irene Runge und Jeremys Mutter waren sich Mitte der neunziger Jahre auf einem Symposium in Conway begegnet; ein Ort in New Hampshire, an dem sich Idealisten aller wissenschaftlichen Disziplinen im Sommer treffen, um miteinander Gesellschaftsutopien zu diskutieren. Irene Runge hatte bei dem Treffen, zu dem Ost- und Westdeutsche eingeladen waren, in akzentfreiem Englisch über Jüdisches Leben in der DDR referiert und dabei auch einen jüdischen Kulturverein erwähnt, den sie in Berlin leitete. Sie war gleich dran, als Jeremys Mutter anrief – und versprach der Frau in Boston, sich um den Sohn zu kümmern.

Vier Jahre ist das her, und man kann sagen, dass Irene Runge ihr Versprechen eingelöst hat. Jeremy ist gut angekommen in Berlin. Er ist hier sogar ein Stück jüdischer geworden. Obwohl ihn Synogogen eigentlich nicht besonders interessieren, hat er in der Stadt „seine Synagoge“ gefunden.

Jeremy Woodruff ist ein hagerer schlaksiger Mann mit kurzen Jahren, er trägt eine randlose Brille. Seit 2005 lebt er mit seiner Frau Susanne, einer Wienerin, und seinen zwei Kindern in der Nähe des Helmholtzplatzes in einer Erdgeschoss-Wohnung, einfach möbliert, angenehm unaufgeräumt. Ein großzügiger Raum für die Kinder, im Wohnzimmer ein Klavier, keinen Fernseher. In dem hellen Hof hinter der Küche hat Susanne einen kleinen Garten in Töpfen angelegt. Auf dem Küchentisch stehen Müslischachteln und eine Kilo-Packung Grüner Tee. Der Computer-Arbeitsplatz ist in den Flur gepresst.

Vor fünf Jahren war er das erste Mal in Berlin, erzählt er. Er war aus Amsterdam gekommen, um Freunde zu besuchen und entdeckte die Stadt sofort für sich, erzählt Jeremy. Am besten gefiel ihnen das Viertel am Helmholtzplatz. Die meisten Bewohner hier waren in seinem Alter, Er mochte die vielen Fahrräder und Kinderwagen, die niedrigen Mieten und die Vielheit der offenen, kulturellen Szenen. Es war nicht einfach, eine Wohnung in der Gegend zu finden. Bei den Besichtigungsterminen drängelten sich die Interessenten und Jeremys und Susannes Einkommen war nicht konkurrenzfähig. Eine Erdgeschoss-Wohnung war schließlich zu haben und auch bezahlbar. Schon bald nach dem Einzug kam der heute vierjährige Jonathan auf die Welt, später Nina, die jetzt sieben Monate alt ist.

Jeremy hat in Boston, London und Amsterdam Musik studiert. Er unterrichtete und komponierte, mehrere seiner Kompositionen wurden aufgeführt. Er sei von Amsterdam nach Berlin gekommen, weil sich hier die interessanteste Neue-Musik-Szene Europas entwickelt habe, sagt er. Er wollte etwas Neues machen. Kurz nach seiner Ankunft in Berlin hat er eine private Musikschule gegründet, die fakultativen Unterricht an Berliner Schulen anbietet.

Zum Büro seiner Musikschule fährt Jeremy Woodruff jeden Morgen mit dem Fahrrad durch den Thälmann-Park. In den Räumen im Parterre eines unsanierten Gründerzeitbaus sieht es aus wie in vielen Bürogemeinschaften, die Freiberufler im Kiez gegründet haben. Im Flur stehen eingestaubte leere  Flaschen von den Vormietern, in der spartanischen Küche gibt es einen Wasserkocher, im Büro Tische vom Flohmarkt. Auf Jeremys Schreibtisch stapeln sich Kartons mit frisch gedruckten, hochglänzenden Werbebroschüren, in denen das Konzept der Neuen Musikschule Berlin erklärt wird. Zwischen Papieren liegen Grüntee-Beutel verstreut.

An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängen die Einsatzpläne der 20 Musiker, mit denen Jeremy arbeitet und die momentan in zehn Berliner Schulen unterrichten. Sie lehren Klavier und Kontrabass, Gitarre und Cello, Saxophon, Posaune und Schlagzeug. Oder Gesang. Sie kommen aus der ganzen Welt.

Jeremy gründete die private Musikschule vor einem Jahr. Der Unterricht ist nicht teuer. Es gibt Freiplätze für sozial schwache Familien. Mehrere Kinder einer Schule sollen nach Jeremys Idee ein Instrument lernen, so können kleine Schulbands gegründet werden.

Noch verdient Jeremy mit seiner Schule kein Geld. Er spielt Klavier und Saxophon und lebt von privatem Musikunterricht, den er gibt. In den letzten Wochen hat er 370 weitere Grund- und Oberschulen in ganz Berlin angeschrieben. Jeden Tag ruft er einige an, um mit der Schulleitung eine Präsentation zu vereinbaren und Kontakte zu den Elternvertretern herzustellen. „Es geht langsam, aber Berlin ist der richtige Ort für die Idee meiner privaten Musikschule “, erklärt Jeremy. „Hier gibt es noch keine so festen Strukturen wie in anderen Städten.“ Wien zum Beispiel wäre nicht in Frage gekommen, dort gäbe es, lange gewachsen, solche Angebote. An einigen Schulen, eher im Westteil der Stadt, geben Vereine Instrumenten-Unterricht, aber in vielen Schulen fehle ein solches Angebot.

Es gibt viele Geschichten wie Jeremys.  Man könnte auch die eines spanischen, japanischen oder chilenischen Neu-Berliners erzählen, der mit einer Idee in die Stadt gekommen ist, tagsüber versucht, sie Wirklichkeit werden zu lassen und nachmittags mit seinen Kindern auf dem Helmholtzplatz spielt. Der Unterschied ist, dass Jeremy Jude ist.

Nirgendwo hätte er sich jüdischer gefühlt als in Berlin, sagt Jeremy, nicht in Boston, nicht in London und nicht in Amsterdam. Er spüre bei Leuten, mit denen er zu tun hat, oft eine besondere Neugierde. Er betont seine jüdische Herkunft nicht von selbst. Doch wenn sie zur Sprache kommt, werden ihm Fragen gestellt, die er ungewohnt findet: Wieso er ausgerechnet nach Berlin gekommen ist. Ob er denn als Jude gar kein Problem mit Deutschland habe. Was eigentlich jüdisch an ihm sei, wenn er den Sabbath nicht halte, nicht koscher lebe und nicht jeden Freitagabend in die Synagoge gehe.

In Amerika käme kein Mensch darauf, das zu fragen, antwortet Jeremy dann. Dort sei das normal, dort gäbe es für jede Art Jüdischsein eine Synagoge, für linke Juden, für rechte Juden, für Ultraorthodoxe, für Frauen, für Männer, für Familien. Sogar seine progressiven, wenig religiösen Eltern hätten in Boston eine Synagoge für sich gefunden. In Deutschland, sagt Jeremy, wird Judentum sehr auf die Religion reduziert.

Er hat kein Statement zu Deutschland und den Juden parat, aber er wird dem Nächsten, der ihn danach fragt, immer noch eine höfliche Antwort geben. Und dem Übernächsten auch. Er wird auch sagen, dass er nach Berlin gekommen sei, weil ihm die Liberalität und Toleranz hier gefallen.

Jeremy sucht in seinem Büro nach einer passenden Tasche für die Werbebroschüren, die er heute noch in einer Schule in Weißensee auslegen will. Er findet eine Aldi-Tüte voller grauer Theatermasken aus Gummi, „wahrscheinlich von den Vormietern“, sagt er. Jeremy schüttet die Masken auf seinen Schreibtisch und stopft die Broschüren in die Tüte. Zu einem Direktor gehört normalerweise ein Sekretariat, in dem eine Person Briefumschläge und Tüten aller Größen verwaltet. Jeremy hat kein Sekretariat.

„Für mich ist es wichtig, dort, wo ich lebe, andere Juden zu treffen“, sagt Jeremy.  „Ich möchte wissen, mit wem ich das Pessach-Fest oder Chanukkah feiern kann. Das gehört zu meiner Herkunft, zu meiner Tradition, und die verbindet mich mit anderen Juden.“ Für Jeremy ist das ein Stück Heimat.

Vier Jahre ist es her, seit Judith Woodruff, die Jüdin aus Boston, und Irene Runge, die Jüdin aus Berlin, das erste Mal zusammen telefonierten. Jeremy und Irene sind sich seither oft begegnet; der junge Amerikaner, der nach Berlin zog, um sich hier eine berufliche Existenz als Musiker und Musiklehrer aufzubauen, und die Frau, die einst unter ganz anderen Umständen  aus Amerika in diese Stadt kam.

Es ist ein Juniabend, Irene Runge sitzt im Café St. Oberholz in Berlin-Mitte. Jeremy sitzt ihr am Tisch gegenüber. Irene Runge hat es sich auf einem Sofa bequem gemacht, legt die Arme entspannt über die Lehne und wählt laut und wortreich zwischen Cheesecake und Russischem Zupfkuchen.

Auch sie ist einmal von der amerikanischen Ostküste nach Berlin gekommen, um hier zu leben, das ist 60 Jahre her.

Sie ist 1942 in New York geboren. Ihre Eltern, jüdische Kommunisten, gehörten zu den ersten, die vor Hitler flüchteten, zunächst nach Paris, dann in die USA. Der Vater, ein Schriftsteller, führte eine kleine Buchhandlung in der Subway am Times Square. 1949, der Druck McCarthys auf die deutschen Kommunisten im Exil wurde zu groß, kehrten sie nach Deutschland zurück, in die DDR, die in diesem Jahr gegründet wurde.

Irene ist sieben Jahre alt. Zu ihren Eltern kommen oft Gäste: Überlebende der Lager und Zuchthäuser, Leute, die in Spanien gekämpft haben, amerikanische Kommunisten auf der Durchreise in die frühere Heimat Polen, oder Genossen, die während des Krieges in Moskau gelebt haben. Überwiegend sind es Juden. Das Jüdische spielt für die Eltern keine Rolle. Irene wächst ohne eine jüdische Identität auf. Als sie zehn ist, bekommt sie von ihren Eltern ein Radio geschenkt. Heimlich hört sie nachts unter der Bettdecke den amerikanischen Sender AFN. Sie hat Sehnsucht nach New York. Eine Sehnsucht, die sie nie verlieren wird.

Erst als junge Frau beginnt Irene, sich für ihre jüdischen Wurzeln zu interessieren. In der Jüdischen Gemeinde trifft sie andere Emigrantenkinder, wie sie im Exil geboren. Sie teilen die gleichen Erfahrungen und ein ähnliches Lebensgefühl in diesem neuen Deutschland. Wie ihre Eltern halten sie strikt am Antifaschismus fest. Aber sie sehen die Gesellschaft auch zunehmend kritisch. Sie spüren die Enge und wünschen sich mehr Offenheit.

Irene Runge entdeckt erst jetzt das Jüdische, weniger als Religion, weit mehr als einen wichtigen Teil ihrer Identität, der sie in der Geschichte und der Welt auch jenseits des eng gewordenen Landes verortet. Sie  arbeitet als Soziologin an der Humboldt-Universität und sie fährt, ein Privileg, mit ihrem amerikanischen Pass nach New York, wo sie viele Freunde und Bekannte hat. Sie schreibt ihre Erlebnisse auf, gemeinsam mit der Fotografin Sybille Bergemann macht sie 1986 das Buch „Himmelhölle Manhattan“.

In den Achtzigerjahren gründen die jüdischen Emigrantenkinder in Berlin einen Gesprächskreis, sie nennen ihn „Wir für uns“. Sie diskutieren politische Positionen und mögliche Lebensmodelle. In den letzten Tagen der DDR entsteht daraus der Jüdische Kulturverein, Irene Runge ist eines der Gründungsmitglieder. Eine der ersten Initiativen, die sie am Zentralen Runden Tisch der DDR einbringt, ist, die Grenzen für sowjetische Juden zu öffnen. 200 000 von ihnen werden in den folgenden Jahren nach Deutschland kommen und auch vom Jüdischen Kulturverein betreut werden. Erst später folgt Jeremys Generation, auch um die wird sich der Verein kümmern.

„Nach dem Anruf von Jeremys Mutter lud ich ihn und seine Frau zu einem Jüdischen Abend ins Hackesche Hoftheater ein“, erzählt Irene Runge. „Etwa zur gleichen Zeit rief mich auch der Rabbiner Herschel Glick aus London an. Er sagte, dass ihm die vielen jungen jüdischen Leute in Berlin aufgefallen seien, die offenbar einen Bogen um jede Synagoge machen. Er fragte, ob der Jüdische Kulturverein nicht etwas für sie tun könnte.“

Judith Woodruff hatte ihr erzählt, dass Jeremy Musiker ist. „Ich dachte mir, da könnte man ihn ja vielleicht in Goschas Band unterbringen.“ Goschas Band, das ist eine Handvoll russischer Musiker, die damals auf den Chanukka-Bällen des jüdischen Kulturvereins in der Kongreßhalle am Alexanderplatz und anderen Sälen der Stadt Tanzmusik und jüdische Folklore spielten. Dort spielte auch Andrej Hermlin mit seinem Swingband zum Tanz auf, es waren die Neunzigerjahre, die Menschen waren neugierig auf das Jüdische, es war eine Hoch-Zeit des kulturellen jüdischen Lebens in Berlin. Später zeigten sich die Sponsoren nicht mehr so großzügig, das Geld reichte nicht mehr für Chanukka-Bälle. Auch das Hackesche Hoftheater wurde bald aus der Berliner Mitte verdrängt.

Als Irene Runge Jeremy in dem Theater zum ersten Mal sah, war ihr klar, dass er einer von diesen jungen Leuten ist, von denen der Rabbiner aus London gesprochen hatte. „Sie kommen nicht als Juden in die Stadt, nicht so, wie die sowjetischen Einwanderer Anfang der Neunzigerjahre. Sie kommen als Musiker, Schauspieler, Tänzer, Filmemacher.“

Jeremy, das stellte sich schnell heraus, eignete sich nicht als Folkloremusiker in einer jüdischen Band.

„Manche der jungen Leute, die in die Stadt kamen, hatten hier schon Kontakte, andere kaum“, erzählt Irene Runge. „Wir haben überlegt, wie man sie ansprechen und zusammenführen sollte. Kurz darauf kam Judith nach Berlin, um Jeremy zu besuchen. Judith ist eine ungeheuer kraftvolle Frau, die immer genau weiß, wie alles gemacht werden muss. Noch schlimmer als ich.“ Irene Runge erzählte ihr von der Idee eines jüdischen Stammtisches für junge Leute. „Ihr braucht einen Schmoozeday“, wusste Judith Woodruff sofort, „so einen wie in unserer Gemeinde in Boston.“

Jeremy sitzt Irene am Tisch im Café St. Oberholz gegenüber, die langen, dünnen Finger hat er um ein Glas grünen Tee gelegt. Er sei damals im Theater ganz überrascht gewesen, eine Jüdin aus der DDR zu treffen, die perfekt Englisch spricht und in ihrer offenen, unkomplizierten Art eher einen amerikanischen Eindruck auf ihn machte. Erst später erfährt er ihre Geschichte. Irene Runge erzählt ihm vom Jüdschen Kulturverein, Jeremy wird Mitglied, später übernimmt er die Organisation des „Schmoozeday“, den Irene und seine Mutter aus der Taufe gehoben hatten.

„Viele junge Juden kommen, wenn sie neu in Berlin sind und Hilfe brauchen, zu unseren Treffs“, sagt Irene Runge. „Später verschwinden sie wieder. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.“

Meredith gehört zu den Stammgästen.  Die 37-jährige Tänzerin und Choreografin mit den feuerroten Haaren mokiert sich gerade über die trägen Deutschen, die sich ständig auf Subventionen verlassen würden. Irene gibt ihr Recht, Jeremy hört zu und wirkt dabei woanders mit seinen Gedanken, vielleicht komponiert er gerade etwas. Irene hat die Eingangstür im Blick. Als Alina und Sascha hereinkommen, erkennt sie sie sofort als Schmoozer. Alina mit ihren dunklen Augen, dem brünetten Pagenkopf und dem Matrosenshirt, sieht aus wie ein Fräulein aus den zwanziger Jahren.

Der Jurist und die Lehrerin aus Wolgograd sind erst vor einigen Wochen in Deutschland angekommen. Sie sind ins Café gekommen, weil sie Freunde suchen. Sie sprechen perfekt Englisch und kommen schnell mit den anderen ins Gespräch. In Wolgograd, erzählt Alina, sei es praktisch unmöglich geworden, ein normales Leben zu führen. Sie könnten sich dort auch zu zweit, obwohl beide in gut bezahlten Berufen, keine eigene Wohnung leisten.

Später kommt Raquel, sie gehört zu den Stammgästen wie Meredith. „Hi“, sagt sie und holt sich einen Stuhl vom Nachbartisch. Sie hat sich einen Bagel und ein Glas Wasser von unten mitgebracht. Alle trinken  Wasser oder Tee, nur Sascha hat sich ein großes Bier bestellt.

Raquel kam nach dem Studium in New York nach Berlin. Berlin schien ihr die „entspannte und preiswerte“ Alternative zu New York. Raquel hat ein schmales Gesicht, große braune Augen und weiße Haut. Der  Typ, den sich viele Leute unter einer Jüdin vorstellen. Und dann heißt sie auch noch Raquel. Raquel Stern. „Ich möchte nicht immerzu als Jüdin auffallen“, sagt sie. Das war sie von New York nicht gewohnt, wo es viele junge Frauen von ihrem Typ und mit einem jüdischen Namen gibt. „Ich möchte nicht immerzu sagen, dass ich Jüdin bin, mich nicht ständig erklären. Ich möchte ganz normal, in Ruhe hier leben.“

In Berlin, wo Juden überwiegend nur in der Erinnerung vorkommen, empfindet sie die ständige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als bedrückend. „Da ist ein riesiges Loch. Es kommt mir so vor, als ob Berlin nach denen sucht, die fehlen.“ Bevor sie sich entschloss, hier zu leben, war ihr bei einer Stadtführung aufgefallen, WIE jüdisch die Stadt einmal war. Die Bronzeskulptur „Der verlassene Raum“ am Koppenplatz, ein verlassener Küchentisch und zwei Stühle, von denen einer umgekippt ist, rufen Raquels früheste Kindheitserinnerung wach. „Ich sitze bei meinem Vater auf dem Schoß. Wir schauen uns Fotoalben an. Ich bin vier Jahre alt. Mein Vater zeigt mir meine Großeltern und die Großeltern meiner Mutter. Ich frage ihn, wo seine Großeltern sind und er sagt: ‘Sie sind ermordet worden.’“

Raquel hat sich vorgenommen, in Berlin ein Drehbuch für einen Film über jüdisches Leben in Deutschland heute zu schreiben. „Die jüdische Geschichte Deutschlands ist so vielfältig. Das ist doch nicht nur der Holocaust. Darum wird es in meinem Film gehen.“

Die Tänzerin Meredith spricht von der  Holocaustmüdigkeit der Deutschen. Sie möchte über das Thema arbeiten, ihr New Yorker Projekt „unearthing our forebearers“ – die Vorfahren auferstehen lassen – weiterentwickeln. „Unser Körper speichert Erinnerungen, auch die Erinnerungen an die Vorfahren. Ich möchte mit diesen Erinnerungen arbeiten.“

In Berlin entstand die Idee, das Projekt, das sie in New York mit Tänzern aus verschiedenen Teilen der Welt gestaltet hatte, mit den Enkeln und Urenkeln von Holocaust-Überlebenden fortzuführen.

Es tut ihnen gut, hier im Café über die Dinge zu reden. Jeremy und Raquel und Meredith haben unterschiedliche und doch auch ganz ähnliche Erfahrungen in Berlin gemacht. Es ist die Erfahrung, in eine fremde Stadt zu kommen und hier für eine Zeit heimisch zu werden. Das ist es, was sie eine Zeit lang verbindet. Und was auch Irene Runge den jungen Leuten nahe sein läßt; sie hat ja, auch wenn es lange her ist, ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Doch sie sind flüchtige Gäste. Sie versprechen sich beim Auseinandergehen um Mitternacht, dass man sich bald wieder sieht, aber die Stadt ist groß und anstrengend. Sie verlieren sich, jeder geht seinen Weg.

von links: Irene Runge, Sascha Fedotov & Alina Rimmer, Jeremy Woodruff, Meredith Nadler
© Fotos Pablo Castagnola

Aus Jeremys und Irenes erster flüchtiger Bekanntschaft im Hackeschen Hoftheater vor vier Jahren ist eine Freundschaft geworden.
Irene Runge hat wie schon oft zum Essen in ihre Küche eingeladen. Jeremy ist mit seiner Frau Susanne und den Kindern gekommen. Am großen Tisch, auf dem Fisch und Zimmes, Kichererbsenmus und viele andere jüdische Spezialitäten stehen, sitzen Juden aus der ehemaligen DDR, Russland und Amerika, die türkischen Freunde aus Kreuzberg, ein afrikanisches Ehepaar. Linke Intellektuelle meist, lange Weggefährten und neue Bekannte von Irene Runge. Und ihre Enkelin Selma. Es wird viel über das Essen geredet. Irene erzählt von ihrer letzten Reise nach China, New York sei nichts gegen Schanghai, sagt sie.

Das Ende des jüdischen Kulturvereins ist an diesem Abend kein Thema. Aber es  könnte bald bevorstehen, die Mitglieder sind überaltert, es fehlt an Nachwuchs für die ehrenamtliche Arbeit. Und vielleicht auch an Interesse. Besonders gut besucht waren die Veranstaltungen des Vereins in den letzten Jahren nicht mehr. Es sieht so aus, als würde den Verein niemand mehr brauchen. Irene Runge will demnächst noch ein Buch herausgeben, in dem es um die 20 Jahre des Vereins geht. Es wird ein Abschiedsbuch sein.

Jeremys Sohn Jonathan stopft eine Olive nach der anderen in sich hinein, der Vater lässt es geschehen. Er erzählt, dass seine Mutter Judith inzwischen schon einige Male in Berlin war. Mit ihrer Körpergröße, den üppigen roten Haaren, dem Schmuck und den bunten Tüchern um den Hals sei sie unter den distinguierten Großeltern am Helmholtzplatz ziemlich aufgefallen.

Sie hat auch Irene Runge besucht. Die beiden Frauen haben an dem langen Tisch in Irenes Küche gesessen. Sie hat sich davon überzeugt, dass es Jeremy gut geht in Berlin. Dass er „seine Synagoge“ gefunden hat.
Judith Woodruff denkt darüber nach, der Familie hier eine Wohnung zu kaufen.

Afonsos Spur

Berliner Zeitung

Ein junger Mann verschwindet nach einer Clubnacht in Friedrichshain

Die Nacht, in der Afonso Tiago zum letzten Mal gesehen wurde, war kalt, die Spree trug Eis. Es war gegen 3.40 Uhr. Afonso verabschiedete sich von seinem Freund Ivo. Ivo wollte zum Geldautomaten am Ostbahnhof. Afonso nach Hause, in die Forsterstraße in Kreuzberg, auf die andere Seite des Flusses.

Ivo do Carmo ist Portugiese wie Afonso Tiago. Er glaubt, dass Afonso vom Ostbahnhof aus über die Schillingbrücke nach Kreuzberg gelaufen ist. Er lehnt am Geländer der Brücke. Graue Maskenmütze, dunkler Bart, langer Mantel, eine Krawatte über dem Baumwollhemd – er sieht aus wie eine Vorlage für Robert Capas Spanienkämpferporträts. Ein winziges Kreuz zittert an seinem linken Ohr. Afonso sei zu Fuß gegangen, sagt Ivo, da er kein Bargeld dabei hatte.

Der Fluss schwappt träge in Richtung Alexanderplatz. Auf der Kreuzberger Seite führen Stufen hinab zum Wasser. Man braucht nur über die hüfthohe Absperrung klettern.

Die Polizei vermutet, dass Afonso den Heimweg über die Spree abkürzen wollte, auf das Eis gegangen und eingebrochen ist. „Das passt nicht zu Afonso“, sagt Ivo. „Er war kein Abenteurer. Er ist nicht einmal nachts allein durch den Görlitzer Park gelaufen. Er war ein vorsichtiger Mensch, sehr praktisch und direkt, ein Ingenieur eben.“

Afonso und Ivo waren mit zwei Freunden in der „Kantine“, einem Club am Ostbahnhof. Später beschlossen sie, noch ins „Berghain“ rüber zu gehen. Ivo habe Geld gebraucht und sei deshalb zum Ostbahnhof gelaufen. Afonso habe nach Hause gewollt. Er sei absolut sicher, dass ihnen keiner gefolgt sei, sagt Ivo.

Wenn er heute an die Ereignisse dieser Nacht denkt, fällt ihm auf, dass Afonso weniger getrunken hat als es seine Gewohnheit war. Er habe sich lediglich zu drei Bier überreden lassen. „Ich kann nicht sagen, ob er traurig war oder nicht. Afonso war sehr reserviert. Man sah ihm nicht an, was er fühlte.“ Die Polizei hat nach seinen Kontakten aus dem „Berghain“ geforscht. Ivo erinnert sich an eine Frau, die Afonso mal hier getroffen hat. Die Frau war blond. Mehr weiß er nicht über sie, die Polizei hat keine Spur gefunden.

Ivo und Afonso hatten sich im Sommer in einer Bar kennengelernt, kurz nachdem Afonso mit einem Stipendium für ein Praktikum bei „Active Space Technology“, einer wissenschaftlichen Dienstleisterfirma, nach Berlin gekommen war.

„Als ich hörte, dass er verschwunden ist, vermutete ich zuerst eine Frauengeschichte“, erzählt Ivo. „Dann dachte ich, er wäre nach Portugal abgehauen. Ich wusste, dass ihm die Trennung von seiner Freundin schwer gefallen war. Nach dem Praktikum wurde ihm bei seiner Praktikumsfirma eine feste Stelle angeboten. Er hat sich zwar riesig auf eine Zukunft in Berlin gefreut, aber Berlin bedeutete auch die Trennung von seiner Freundin. Sie konnte nicht aus Lissabon weg.“

Die Erinnerungen an den Freund lassen Ivo keine Ruhe. Es gibt so viele weiße Flecken. Ivo merkt, dass er zu wenig weiß. Die Suche nach Afonso wird zur Suche nach einem Menschen, den er kaum kannte.

Die Tür zur Firma „Active Space Technology“ geht von einem gesichtslosen Korridor in einem grauen Neubau in der Wissenschaftsstadt Adlershof ab. Acht Ingenieure und Physiker in Afonsos Alter sitzen in zwei engen Büros vor ihren Computern.

„Ich dachte sofort, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss, ein Unfall“, sagt Ricardo Nadalini, der Geschäftsführer. Er mag zehn Jahre älter sein als seine Mitarbeiter. Er sieht müde aus. Ein Ende seines Oberlippenbartes druselt auseinander. Die Wasserflaschen auf seinem Schreibtisch sind zerknautscht. „Er hat sich immer sofort gemeldet. Er war zuverlässig. Als seine Eltern hier anriefen, haben wir sofort in allen Krankenhäusern der Stadt nachgefragt.“

Der Arbeitsplatz von Afonso ist nicht mehr vorhanden, denn an jenem Montag, an dem er nicht erschien, wurden die Tische auseinander geschraubt und neu sortiert. „Wir räumen häufig um“, erklärt Ricardo Nadalini. „Praktikanten kommen und gehen.“ Afonso sei an der Entwicklung von Instrumenten beteiligt gewesen, die später in Sonden zur Erforschung von Mars und Merkur eingesetzt werden sollten. Dass er wegen seines Insiderwissens entführt wurde, hält Nadalini für ausgeschlossen. „Hier gibt es kein Geheimnis.“

Afonso sei ein normaler Mensch gewesen. Er habe das geliebt, was alle jungen Leute an Berlin lieben: Die Clubs und Bars, die Diskotheken. Ansonsten weiß der Chef nichts über sein Privatleben. „Ich sehe Afonso oft“, sagt er noch. „Das sind kurze Momente, mitten am Tag. Er sieht mich an, wenn er draußen steht und raucht. Immer sind es Blicke, an die ich mich plötzlich erinnere.”

Catarina Tiago, die Schwester von Afonso, ist sofort nach seinem Verschwinden von Lissabon nach Berlin geflogen. Ihr Lebensgefährte Nono Gonzaga begleitet sie. Sie leben bei Nonos Cousin in einer Hinterhofwohnung im Prenzlauer Berg. Die Zimmerwände sind in mediterranen Farben gespachtelt. In einem kleinen Raum steht ein Eichentisch aus einem alten deutschen Wohnzimmer. Catarina sitzt reglos, wie eingeklemmt zwischen Tisch und Stuhl. Nur ihre Finger bewegen sich. Sie dreht eine Zigarette.

Seit zwanzig Tagen ist ihr Bruder bereits verschwunden. Noch immer fehlt jede Spur. „Es ist schwer, sich vorzustellen, wie das Leben danach sein wird“, sagt sie. Und es ist nicht ganz klar, was sie mit ‚danach’ meint. Die Suche oder das Finden oder die Zeit nach Berlin, wenn sie nach Lissabon zurückkehren und ihre Tierarztpraxis weiter führen wird. Ihre Stimme klingt müde. Ihr langes Haar liegt in schweren Streifen auf den Schultern. Der Rhythmus von Wachen und Schlafen, von Hunger, Durst, Essen und Trinken ist dem Rhythmus von Trauer und Hoffnung gewichen.

Wenn ein Mensch stirbt, kann man einen Ort aufsuchen, an dem er ruht. Das ist ein Trost. So merkwürdig es klingt. Wenn ein Mensch verschwindet, gibt es keinen Ort der Ruhe. Als Untoter bleibt er unter denen, die ihn lieben, überlässt sie dem Handel mit dem Tod und dem Handel mit dem Leben. Sie drucken und kleben Plakate. Sie pflastern die Stadt mit den Porträts von Afonso. Die Plakate werden immer mehr und immer größer. Freunde und Bekannte kommen und helfen. Sie streifen nächtelang durch die Finsternis und kleben. „Sehen Sie, er lacht auf jedem Bild.“ Ein sozialer Mensch sei er, jemand, der verantwortlich mit allen umgehe.

Er habe noch nie ein solches Engagement von einer Familie erlebt, sagt Hans-Joachim Blume, Kriminaldirektor der Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes. Zwei- bis dreitausend Erwachsene verschwinden jedes Jahr in Berlin. Beinahe alle werden wieder gefunden. „Wir schauen uns jetzt in Portugal um“, sagt er. „Wir möchten wissen, wen er zuletzt von seinem portugiesischen Handy aus angerufen hat.“ Dass Afonso verreist ist, hält die Polizei für ausgeschlossen. Auf seinem Konto bewegt sich nichts.

Es gäbe eine Besonderheit, sagt Blume. Beide Telefone, das portugiesische und das deutsche Handy, seien zur genau gleichen Zeit vom Netz gegangen, in unmittelbarer Nähe des Ostbahnhofes.

Doch keiner der Passanten, die zwischen den Partybezirken Kreuzberg und Friedrichshain pendelten, keiner der Taxifahrer, habe in dieser Nacht einen Unfall oder ein Verbrechen beobachtet. Keinen Schrei. Keinen Aufprall im Wasser. Nicht das Bersten von Eis. In der Nähe der Schillingbrücke haben die Taucher nichts gefunden. Im Winter seien die Strömungsverhältnisse unklar, so dass man nicht wisse, wo in den vielen Gewässern Berlins man eine nächste Tauchaktion unternehmen könne. „Wir müssen das Frühjahr abwarten“, sagt Hans-Joachim Blume.

Lillys Klavier

Berliner Zeitung

Ein Mädchen aus Schöneberg hat wenig Geld, aber gute Ideen

Wenn Lilly und ihr Bruder Robin morgens aus dem Haus treten, rollen die Blumenverkäuferinnen nebenan die Rosenbüsche und Palmen hinaus auf den Bürgersteig und die Buchhändlerin sucht wie jeden Tag vergeblich einen Parkplatz vor ihrem Geschäft. Lilly und Robin wohnen am Bayerischen Platz in Schöneberg.

Die meisten halten die beiden für Zwillinge. Robin ist nicht einmal ein Jahr älter als Lilly. Sie haben dasselbe blonde Haar, in dem einige Strähnen dunkler und andere heller sind. Und sie haben die gleichen karamellbraunen Augen. Am Nachmittag gehen die Geschwister entweder töpfern oder zum Judo oder in die Musikschule. Robin lernt Schlagzeug, Lilly Klavier spielen.

Eines Tages sagt die Lehrerin, Lilly brauche jetzt ein richtiges Klavier zum Üben. Das Keyboard reiche nicht mehr aus. Am Bayerischen Platz in Schöneberg gehören Klaviere ebenso selbstverständlich in den Alltag neunjähriger Mädchen wie Blumen und Bücher in die Wohnzimmer der Eltern. Doch Lillys Mutter hat gerade keine Arbeit. Das Geld ist knapp.

Lilly möchte deswegen mit keinem Mädchen am Bayerischen Platz tauschen. Sie ist viel zu sehr Abenteurerin, als dass sie sich wünschte, das Geld für ein Klavier einfach von der Sparkasse holen zu können. Ein neues Klavier zu kaufen, wenn man gerade kein Geld hat, das ist eine Herausforderung ganz nach ihrem Geschmack.

Als die Sommerferien zu Ende gehen, macht Lilly sich an die Arbeit. Sie wirft das lange, blonde Haar in den Rücken und zeichnet eine Annonce, die sie am nächsten Tag in verschiedenen Läden und in der Musikschule an die schwarzen Bretter pinnt. Am Abend bäckt sie mit ihrer Mutter einen Pflaumenkuchen und viele Muffins.

Ein Verkaufsstand ist bald gefunden: Das leere Gestell des verlassenen Lebensmittelladens, auf dem noch vor kurzem die Stiegen für Tomaten, Zwiebeln und Salate standen. Lilly und Robin breiten ein Tuch darüber, malen Noten darauf und stellen ihre Ware dorthin. Auf dem Bürgersteig platzieren sie einen bunt bemalten Schuhkarton mit einem breiten Schlitz im Deckel. „Wir sparen für ein Klavier“, steht auf dem Karton. „Selbst gebackene Kuchen“, ruft Lilly den Passanten zu. „Mit frisch geernteten Pflaumen aus dem Oderbruch.“

Einige Leute halten vor dem Stand inne, nicken, lächeln und gehen weiter. Ein älterer Herr läuft mit gesenktem Kopf vorüber. Seine Nase hängt wie ein dicker Tropfen aus dem Gesicht. Plötzlich bleibt er stehen und kommt zurück. Er hebt nur kurz den Kopf und lächelt die Kinder an. Dann steckt er zehn Euro in den Schuhkarton. Seine Hände zittern leicht. Kuchen möchte er nicht nehmen. Er hat gerade keinen Appetit. Später kommen andere Schöneberger, die gern Muffins und Pflaumenkuchen kaufen.

Nach zwei Tagen verliert Robin die Lust an dem Job für seine Schwester. Lilly möchte weitermachen. Die Marktfrau ist für sie nur eine weitere lustige Rolle des Lebens. Lilly zählt das Geld. Achtzig Euro haben sie an zwei Nachmittagen verdient.

Als erstes meldet sich eine ältere Frau auf Lillys Annonce. Sie sagt, sie habe ein Klavier zu verschenken. Doch als Lilly und ihre Mutter zur verabredeten Zeit bei ihr klingeln, öffnet niemand die Tür.

Die Mutter ersteigert ein Klavier auf Ebay. Es wird mit einem zerbrochenen Bein geliefert. Nachts hören sie die Holzwürmer darin kratzen. Lillys Mutter muss einen Anwalt nehmen, um das Klavier wieder los zu werden und ihr Geld zurück zu bekommen.

Im Oktober geschieht etwas Merkwürdiges. Die Dame ein Stockwerk tiefer hat gehört, dass Lilly ein Klavier sucht. „Ich weiß nicht, ob es dir gefallen wird“, sagt sie. „Es ist schon sehr alt.“ Lilly trippelt ungeduldig hinter ihr ins Wohnzimmer. Wegen der schweren Tüllgardinen ist es dämmrig darin, doch der rötlichbraune Deckel des Klaviers und die gedrechselten Beine glänzen wie frisch poliert. „Ich habe mir immer ein altes gewünscht“, sagt Lilly und hält ihre Hände fest, damit sie das Klavier nicht aus Versehen streichelt. Sie ist nicht sicher, ob man ein Klavier, das einem noch nicht gehört, unter den Augen der Besitzerin einfach streicheln darf. Die Nachbarin schlägt den Deckel auf und nimmt das schwarze, blumenbestickte Filztuch von den Tasten. Hier und dort sind sie schon etwas vergilbt. Im Deckel ist der Name des Herstellers in Intarsien eingelegt: Julius Machalet Berlin.

„Darf ich?“ Lilly trippelt.
„Natürlich, probiere es aus.“ Die Nachbarin zieht den Hocker darunter hervor. Lilly rutscht auf dem Hocker hin und her. Dann spielt sie eines ihrer Lieblingsstücke, den ukrainischen Tanz, den sie ganz zu Beginn des Klavierunterrichts gelernt hat.

Sechshundert Euro möchte die Nachbarin für das Klavier haben. Ihre Tochter habe einst darauf gelernt, doch die sei schon lange ausgezogen. Vorher, erzählt die alte Dame, habe das Klavier bei einer Familie im dritten Stock gestanden.

Lilly mag nicht rechnen, wie viel Kuchen sie noch verkaufen müsste, um das Klavier bezahlen zu können. Sie rechnet nicht gern und traut ihren Ergebnissen nicht.

Zum Glück zahlt Oma den Rest. Oma, die von Beruf Sängerin war und mit Opa und einer berühmten Big Band durch die DDR tourte. Nach Opas Tod ist Oma zu ihnen an den Bayerischen Platz gezogen, in eine sehr kleine Wohnung. Sie sagt, sie brauche jetzt nicht mehr so viel Platz. Außerdem habe sie ja noch das Grundstück im Oderbruch. Da fahren Lilly, Robin und ihre Mutter jedes zweite Wochenende hin. Sie toben durch die Wiesen und reiten und musizieren zusammen.

Lillys Mutter ist auch Sängerin. Außerdem spielt sie Gitarre und Singende Säge. Aber das ist nicht ihr Beruf. Sie hat gelernt, Hüte und Kleider und Taschen zu entwerfen und zu nähen. Das Kleid, das Lilly zum Vorspielen in der Musikschule zu Beginn der Sommerferien trug, hat die Mutter genäht. Dazu bekam Lilly neue Schuhe, schwarze Ballerinas, etwas zu groß, aber sie haben Sohlen hinein gelegt. Schließlich sollen die Schuhe im nächsten Jahr noch passen.

Obwohl die Mutter viele Kleider, Hüte und Taschen entwirft und näht, hat sie noch nie in ihrem Beruf gearbeitet. Gleich nach dem Studium half sie in der Arztpraxis ihres Mannes mit. Doch seit sich die Eltern von Lilly und Robin getrennt haben, möchte die Mutter nie mehr in einer Arztpraxis arbeiten. Jetzt lernt sie einen neuen Beruf. Sie wird Eventmanagerin, weil ihr das Organisieren von Festen und Konzerten fast so viel Spaß macht wie das Entwerfen und Nähen von Hüten, Kleidern und Taschen.

Betritt man das alte Haus am Bayerischen Platz, durchquert man einen marmornen Flur mit blank gewienerten Spiegeln und läuft eine gewundene Treppe hinauf. In Lillys Wohnung sieht es aus wie bei Leuten, die am liebsten musizieren, töpfern, schneidern und basteln. Gegenüber dem riesigen Spiegel im Flur stehen ein bunt bemalter Marterpfahl und eine schwarze Kleiderpuppe, die einen Hut mit einem Schleier und einen breiten Gürtel trägt.

An einem Vormittag im November wird das alte Klavier hinauf getragen.

„Wo ist es? Wo ist es?“ Lilly wirft die Schultasche neben den Marterpfahl und stürzt in das Nähzimmer ihrer Mutter. Das Klavier steht an der Wand mit den Familienfotos. Lilly umarmt es zur Begrüßung. Ihre ausgebreiteten Arme reichen nicht ganz über alle Oktaven. Lilly schlägt den Deckel auf. Sie nimmt das blumenbestickte Tuch von den Tasten und beginnt zu spielen. Sie spielt den letzten Satz des 109. Menuetts von Mozart, den sie nicht so gut leiden kann, weil er so schwierig ist. An derselben Stelle wie immer beißt sie die Zähne zusammen und schneidet eine Grimasse. Macht nichts. Das war schon richtig so.