Archiv Juni 2009

Für Leon

“Ich kann nicht aufhören zu schreiben. Ich kann nicht. Und wenn ich sie schreibe, diese Geschichte, dann ist es so, als fände ich Sie wieder…als fände ich die Augenblicke wieder, da ich noch nicht weiß, weder was geschieht noch was geschehen wird…, noch wer Sie sind, noch was mit uns geschehen wird…

Aber ich glaube nicht, dass es unsere Geschichte ist, die ich schreibe. Nach vier Jahren kann sie nicht mehr dieselbe sein…Schon jetzt ist sie nicht mehr dieselbe. Und später wird sie wieder anders sein. Nein…was ich zur Zeit schreibe, ist etwas anderes, in das sie aufgenommen wird, in dem sie sich verlieren wird, etwas vielleicht viel Umfassenderes..Doch sie, unmittelbar, nein, das ist vorbei…das könnte ich nicht mehr…
Sie haben mich nicht angesehen. Ihre Stimme wurde angestrengt. Die Heftigkeit Ihres Blicks ist in einer Art Elend untergegangen. Sie sagen:
Es gibt nichts zu erzählen. Nichts. Es hat nie etwas gegeben.

Manchmal, wenn wir miteinander reden, ist es ebenso schwer wie Sterben. Das ist wahr.

Mir scheint, dass es, wenn es in einem Buch steht, nicht mehr schmerzt…daß es nichts mehr ausmacht. Daß es ausgelöscht ist. Durch die Geschichte, die ich mit Ihnen habe, entdecke ich: Schreiben ist auch das, zweifelsohne: auslöschen. Ersetzen.” Marguerite Duras

Kathrins Notiz-Blog 30. Juni 09

© Illustration Liane Heinze

Auf der Rolltreppe in den Schönhauser-Allee-Arcaden sprang Leon einige Stufen höher und blickte von dort oben prüfend auf mich herab. Er sagte, es sei ein Test, ob er mich aus der Ferne genauso lieben würde wie aus der Nähe.

Er drängelte an den Leuten vorbei, zurück an meine Seite. „Ich bin absolut sicher”, sagte er. „Heiraten wir?”

„Ich würde jetzt gern allein durch die Stadt schlendern und mir dabei zusehen, wie ich an dich denke”, sagte ich. „Ich brauche diesen VON-WEITEM-Test auch.”

„Aber wir sind ständig voneinander getrennt, den ganzen Tag, wenn du in den Erdbeeren bist.“

„Arbeit zählt nicht. Außerdem rufst du jede Stunde an.“

„Du sagst, du liebst meine Anrufe.“

„Ich liebe sie auch.“

„Also?“

„Ich möchte nur einen Tag lang testen, wie es ohne dich ist, um zu schätzen, wie es mit dir ist“, sagte ich.

Leon schlug vor, einen Kaffee zu trinken. Wir gingen in einen Bäckerladen. „Ich verstehe das nicht: Wir lieben uns. Wieso sollten wir uns freiwillig trennen?“, sagte er.

„Und warum läufst du ein paar Stufen höher auf der Rolltreppe?“

„Das ist etwas anderes. Ich trenne mich nicht von dir. Ich lasse dich nicht aus den Augen. Ich sehe dieses Bild von meiner Frau in der Menge der Menschen und dann weiß ich, was du mir bedeutest.”

Diese Geschichte mit Leon geht mir zu schnell. Aber ich bringe es nicht übers Herz, ihm das zu sagen. Ich bin langsam. Ich habe mir ziemlich viel Zeit gelassen, 38 Jahre alt zu werden. Andere Frauen leiten in diesem Alter eine Schule, eine Abteilung in einem Betrieb oder ein Geschäft. Ich bin eine Erdbeerpflückerin. Und gerade jetzt, wo ich den Bewegungsspielraum von 360° brauche, um zu wissen, wie es in meinem Leben nach der Erdbeerernte weitergeht, ist da plötzlich einer, der keine Luft zwischen meinem und seinem Körper lässt.

„Hey, spielen wir, wir lernen uns gerade erst kennen? Du sitzt hier beim Bäcker und ich mache dich an.“ Leons Augen glühten. Als ich seine Hand nahm, zuckte er zurück, sah mich vorwurfsvoll an. Er stand auf und fragte, ob dieser Platz noch frei wäre. „Bitte sehr“, sagte ich, und schlug ein Magazin auf, das in der Nähe lag. Leon saß sehr steif. Er blickte wirklich verunsichert. Er spielte gut. Er fragte, was es Neues gibt. „Hier steht, dass Michael Jackson niemals wirklich lebte.“

„Glauben Sie das?“, sagte Leon.

„Nein, Sie?“

„Ich kenne niemanden, der in vollerem Maße gelebt hat als er. Er hat alles gegeben. Er hat nach den Sternen gegriffen, weil er geliebt werden wollte.“

„Sie sind ein Romantiker.“

„Na und?“, sagte Leon. Er blickte einer Frau in schwarzen High Heels nach.

„Was für arrogante Idioten, zu behaupten, er hätte niemals gelebt.“

„Ich glaube, sie meinen etwas anderes“, sagte ich.

„Wieso meinen eigentlich alle immer alles anders als sie sagen? Wozu haben wir eine Sprache? Muss ich jetzt immer fragen: Meinen Sie das auch so, wie Sie das sagen?“

„Das sind Journalisten“, sagte ich. „Die müssen provozieren.“

„Das ist doch keine Provokation. Die wissen doch gar nicht, was eine Provokation ist. Michael Jackson war provokant.“

„Die meisten Menschen lesen gern, dass berühmte, erfolgreiche Leute eigentlich Opfer von jemandem waren. Das tröstet die Leute. Die Journalisten wissen das, deswegen tun sie immer wieder so, als seien die schönsten, erfolgreichsten und kreativsten Menschen im Grunde arme Schweine.“

„Die können mich mal, diese Presse-Arschlöcher.“ Leon blickte grimmig auf den Asphalt. „Sollen sie sich ihr verlogenes Fischeinwickel-Papier doch hinten reinstecken.“

Ich nahm seine Hand. „Sie gefallen mir. Bitte rufen Sie mich an.“ Ich kritzelte meine Telefonnummer auf seinen Arm.

Ich lief durch die Straßen und sah mir dabei zu, wie ich an Leon denke. Allerdings kam ich zu keinem Ergebnis, weil ich mich ständig nach dem Mann umschaute, den ich eben im Bäckerladen kennengelernt hatte. Als ich die Treppe zu unserer Wohnung empor stieg, hörte ich drinnen das Telefon klingeln. „Sie haben Ihr Handy im Café vergessen, unter dem Fischeinwickelpapier. Darf ich es Ihnen bringen?“ Ich war erleichtert. Er hatte mir schon gefehlt.

Der Neu-Berliner

Berliner Zeitung

Eine deutsch-jüdische Einwanderungsgeschichte

© Foto Pablo Castagnola

Als Jeremy seine Mutter anrief und sagte, dass er nach Berlin ziehen würde, machte sie sich Sorgen. Amsterdam, wo Jeremy, ein junger Musiker und Komponist, die letzten zwei Jahre gelebt hatte, war okay für einen jungen Juden wie ihn, fand sie. Aber in Berlin, der deutschen Hauptstadt, konnte sie sich ihren Sohn nicht vorstellen.

Ausgerechnet Berlin!

Wie würde er dort klarkommen? Würde er jüdische Kultur, jüdisches Leben vorfinden? Was für Synagogen bot die Stadt? Jeremy ist in Boston aufgewachsen. In dem Stadtteil, in dem seine Eltern noch leben, sind über 60 Prozent der Einwohner Juden. Die Familie war zwar nicht besonders religiös, aber die Feiertage wurden regelmäßig begangen. Jeremy, Anfang dreißig, frisch verheiratet, versicherte seiner Mutter am Telefon in Boston, dass es ihm gut gehe in der Stadt, dass er schon Freunde und hervorragende Musiker getroffen habe, aber sie blieb beunruhigt und suchte die Telefonnummer der einzigen Jüdin, die sie in Berlin kannte, heraus. Es war die Nummer der Schriftstellerin Irene Runge.

Irene Runge und Jeremys Mutter waren sich Mitte der neunziger Jahre auf einem Symposium in Conway begegnet; ein Ort in New Hampshire, an dem sich Idealisten aller wissenschaftlichen Disziplinen im Sommer treffen, um miteinander Gesellschaftsutopien zu diskutieren. Irene Runge hatte bei dem Treffen, zu dem Ost- und Westdeutsche eingeladen waren, in akzentfreiem Englisch über Jüdisches Leben in der DDR referiert und dabei auch einen jüdischen Kulturverein erwähnt, den sie in Berlin leitete. Sie war gleich dran, als Jeremys Mutter anrief – und versprach der Frau in Boston, sich um den Sohn zu kümmern.

Vier Jahre ist das her, und man kann sagen, dass Irene Runge ihr Versprechen eingelöst hat. Jeremy ist gut angekommen in Berlin. Er ist hier sogar ein Stück jüdischer geworden. Obwohl ihn Synogogen eigentlich nicht besonders interessieren, hat er in der Stadt „seine Synagoge“ gefunden.

Jeremy Woodruff ist ein hagerer schlaksiger Mann mit kurzen Jahren, er trägt eine randlose Brille. Seit 2005 lebt er mit seiner Frau Susanne, einer Wienerin, und seinen zwei Kindern in der Nähe des Helmholtzplatzes in einer Erdgeschoss-Wohnung, einfach möbliert, angenehm unaufgeräumt. Ein großzügiger Raum für die Kinder, im Wohnzimmer ein Klavier, keinen Fernseher. In dem hellen Hof hinter der Küche hat Susanne einen kleinen Garten in Töpfen angelegt. Auf dem Küchentisch stehen Müslischachteln und eine Kilo-Packung Grüner Tee. Der Computer-Arbeitsplatz ist in den Flur gepresst.

Vor fünf Jahren war er das erste Mal in Berlin, erzählt er. Er war aus Amsterdam gekommen, um Freunde zu besuchen und entdeckte die Stadt sofort für sich, erzählt Jeremy. Am besten gefiel ihnen das Viertel am Helmholtzplatz. Die meisten Bewohner hier waren in seinem Alter, Er mochte die vielen Fahrräder und Kinderwagen, die niedrigen Mieten und die Vielheit der offenen, kulturellen Szenen. Es war nicht einfach, eine Wohnung in der Gegend zu finden. Bei den Besichtigungsterminen drängelten sich die Interessenten und Jeremys und Susannes Einkommen war nicht konkurrenzfähig. Eine Erdgeschoss-Wohnung war schließlich zu haben und auch bezahlbar. Schon bald nach dem Einzug kam der heute vierjährige Jonathan auf die Welt, später Nina, die jetzt sieben Monate alt ist.

Jeremy hat in Boston, London und Amsterdam Musik studiert. Er unterrichtete und komponierte, mehrere seiner Kompositionen wurden aufgeführt. Er sei von Amsterdam nach Berlin gekommen, weil sich hier die interessanteste Neue-Musik-Szene Europas entwickelt habe, sagt er. Er wollte etwas Neues machen. Kurz nach seiner Ankunft in Berlin hat er eine private Musikschule gegründet, die fakultativen Unterricht an Berliner Schulen anbietet.

Zum Büro seiner Musikschule fährt Jeremy Woodruff jeden Morgen mit dem Fahrrad durch den Thälmann-Park. In den Räumen im Parterre eines unsanierten Gründerzeitbaus sieht es aus wie in vielen Bürogemeinschaften, die Freiberufler im Kiez gegründet haben. Im Flur stehen eingestaubte leere  Flaschen von den Vormietern, in der spartanischen Küche gibt es einen Wasserkocher, im Büro Tische vom Flohmarkt. Auf Jeremys Schreibtisch stapeln sich Kartons mit frisch gedruckten, hochglänzenden Werbebroschüren, in denen das Konzept der Neuen Musikschule Berlin erklärt wird. Zwischen Papieren liegen Grüntee-Beutel verstreut.

An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängen die Einsatzpläne der 20 Musiker, mit denen Jeremy arbeitet und die momentan in zehn Berliner Schulen unterrichten. Sie lehren Klavier und Kontrabass, Gitarre und Cello, Saxophon, Posaune und Schlagzeug. Oder Gesang. Sie kommen aus der ganzen Welt.

Jeremy gründete die private Musikschule vor einem Jahr. Der Unterricht ist nicht teuer. Es gibt Freiplätze für sozial schwache Familien. Mehrere Kinder einer Schule sollen nach Jeremys Idee ein Instrument lernen, so können kleine Schulbands gegründet werden.

Noch verdient Jeremy mit seiner Schule kein Geld. Er spielt Klavier und Saxophon und lebt von privatem Musikunterricht, den er gibt. In den letzten Wochen hat er 370 weitere Grund- und Oberschulen in ganz Berlin angeschrieben. Jeden Tag ruft er einige an, um mit der Schulleitung eine Präsentation zu vereinbaren und Kontakte zu den Elternvertretern herzustellen. „Es geht langsam, aber Berlin ist der richtige Ort für die Idee meiner privaten Musikschule “, erklärt Jeremy. „Hier gibt es noch keine so festen Strukturen wie in anderen Städten.“ Wien zum Beispiel wäre nicht in Frage gekommen, dort gäbe es, lange gewachsen, solche Angebote. An einigen Schulen, eher im Westteil der Stadt, geben Vereine Instrumenten-Unterricht, aber in vielen Schulen fehle ein solches Angebot.

Es gibt viele Geschichten wie Jeremys.  Man könnte auch die eines spanischen, japanischen oder chilenischen Neu-Berliners erzählen, der mit einer Idee in die Stadt gekommen ist, tagsüber versucht, sie Wirklichkeit werden zu lassen und nachmittags mit seinen Kindern auf dem Helmholtzplatz spielt. Der Unterschied ist, dass Jeremy Jude ist.

Nirgendwo hätte er sich jüdischer gefühlt als in Berlin, sagt Jeremy, nicht in Boston, nicht in London und nicht in Amsterdam. Er spüre bei Leuten, mit denen er zu tun hat, oft eine besondere Neugierde. Er betont seine jüdische Herkunft nicht von selbst. Doch wenn sie zur Sprache kommt, werden ihm Fragen gestellt, die er ungewohnt findet: Wieso er ausgerechnet nach Berlin gekommen ist. Ob er denn als Jude gar kein Problem mit Deutschland habe. Was eigentlich jüdisch an ihm sei, wenn er den Sabbath nicht halte, nicht koscher lebe und nicht jeden Freitagabend in die Synagoge gehe.

In Amerika käme kein Mensch darauf, das zu fragen, antwortet Jeremy dann. Dort sei das normal, dort gäbe es für jede Art Jüdischsein eine Synagoge, für linke Juden, für rechte Juden, für Ultraorthodoxe, für Frauen, für Männer, für Familien. Sogar seine progressiven, wenig religiösen Eltern hätten in Boston eine Synagoge für sich gefunden. In Deutschland, sagt Jeremy, wird Judentum sehr auf die Religion reduziert.

Er hat kein Statement zu Deutschland und den Juden parat, aber er wird dem Nächsten, der ihn danach fragt, immer noch eine höfliche Antwort geben. Und dem Übernächsten auch. Er wird auch sagen, dass er nach Berlin gekommen sei, weil ihm die Liberalität und Toleranz hier gefallen.

Jeremy sucht in seinem Büro nach einer passenden Tasche für die Werbebroschüren, die er heute noch in einer Schule in Weißensee auslegen will. Er findet eine Aldi-Tüte voller grauer Theatermasken aus Gummi, „wahrscheinlich von den Vormietern“, sagt er. Jeremy schüttet die Masken auf seinen Schreibtisch und stopft die Broschüren in die Tüte. Zu einem Direktor gehört normalerweise ein Sekretariat, in dem eine Person Briefumschläge und Tüten aller Größen verwaltet. Jeremy hat kein Sekretariat.

„Für mich ist es wichtig, dort, wo ich lebe, andere Juden zu treffen“, sagt Jeremy.  „Ich möchte wissen, mit wem ich das Pessach-Fest oder Chanukkah feiern kann. Das gehört zu meiner Herkunft, zu meiner Tradition, und die verbindet mich mit anderen Juden.“ Für Jeremy ist das ein Stück Heimat.

Vier Jahre ist es her, seit Judith Woodruff, die Jüdin aus Boston, und Irene Runge, die Jüdin aus Berlin, das erste Mal zusammen telefonierten. Jeremy und Irene sind sich seither oft begegnet; der junge Amerikaner, der nach Berlin zog, um sich hier eine berufliche Existenz als Musiker und Musiklehrer aufzubauen, und die Frau, die einst unter ganz anderen Umständen  aus Amerika in diese Stadt kam.

Es ist ein Juniabend, Irene Runge sitzt im Café St. Oberholz in Berlin-Mitte. Jeremy sitzt ihr am Tisch gegenüber. Irene Runge hat es sich auf einem Sofa bequem gemacht, legt die Arme entspannt über die Lehne und wählt laut und wortreich zwischen Cheesecake und Russischem Zupfkuchen.

Auch sie ist einmal von der amerikanischen Ostküste nach Berlin gekommen, um hier zu leben, das ist 60 Jahre her.

Sie ist 1942 in New York geboren. Ihre Eltern, jüdische Kommunisten, gehörten zu den ersten, die vor Hitler flüchteten, zunächst nach Paris, dann in die USA. Der Vater, ein Schriftsteller, führte eine kleine Buchhandlung in der Subway am Times Square. 1949, der Druck McCarthys auf die deutschen Kommunisten im Exil wurde zu groß, kehrten sie nach Deutschland zurück, in die DDR, die in diesem Jahr gegründet wurde.

Irene ist sieben Jahre alt. Zu ihren Eltern kommen oft Gäste: Überlebende der Lager und Zuchthäuser, Leute, die in Spanien gekämpft haben, amerikanische Kommunisten auf der Durchreise in die frühere Heimat Polen, oder Genossen, die während des Krieges in Moskau gelebt haben. Überwiegend sind es Juden. Das Jüdische spielt für die Eltern keine Rolle. Irene wächst ohne eine jüdische Identität auf. Als sie zehn ist, bekommt sie von ihren Eltern ein Radio geschenkt. Heimlich hört sie nachts unter der Bettdecke den amerikanischen Sender AFN. Sie hat Sehnsucht nach New York. Eine Sehnsucht, die sie nie verlieren wird.

Erst als junge Frau beginnt Irene, sich für ihre jüdischen Wurzeln zu interessieren. In der Jüdischen Gemeinde trifft sie andere Emigrantenkinder, wie sie im Exil geboren. Sie teilen die gleichen Erfahrungen und ein ähnliches Lebensgefühl in diesem neuen Deutschland. Wie ihre Eltern halten sie strikt am Antifaschismus fest. Aber sie sehen die Gesellschaft auch zunehmend kritisch. Sie spüren die Enge und wünschen sich mehr Offenheit.

Irene Runge entdeckt erst jetzt das Jüdische, weniger als Religion, weit mehr als einen wichtigen Teil ihrer Identität, der sie in der Geschichte und der Welt auch jenseits des eng gewordenen Landes verortet. Sie  arbeitet als Soziologin an der Humboldt-Universität und sie fährt, ein Privileg, mit ihrem amerikanischen Pass nach New York, wo sie viele Freunde und Bekannte hat. Sie schreibt ihre Erlebnisse auf, gemeinsam mit der Fotografin Sybille Bergemann macht sie 1986 das Buch „Himmelhölle Manhattan“.

In den Achtzigerjahren gründen die jüdischen Emigrantenkinder in Berlin einen Gesprächskreis, sie nennen ihn „Wir für uns“. Sie diskutieren politische Positionen und mögliche Lebensmodelle. In den letzten Tagen der DDR entsteht daraus der Jüdische Kulturverein, Irene Runge ist eines der Gründungsmitglieder. Eine der ersten Initiativen, die sie am Zentralen Runden Tisch der DDR einbringt, ist, die Grenzen für sowjetische Juden zu öffnen. 200 000 von ihnen werden in den folgenden Jahren nach Deutschland kommen und auch vom Jüdischen Kulturverein betreut werden. Erst später folgt Jeremys Generation, auch um die wird sich der Verein kümmern.

„Nach dem Anruf von Jeremys Mutter lud ich ihn und seine Frau zu einem Jüdischen Abend ins Hackesche Hoftheater ein“, erzählt Irene Runge. „Etwa zur gleichen Zeit rief mich auch der Rabbiner Herschel Glick aus London an. Er sagte, dass ihm die vielen jungen jüdischen Leute in Berlin aufgefallen seien, die offenbar einen Bogen um jede Synagoge machen. Er fragte, ob der Jüdische Kulturverein nicht etwas für sie tun könnte.“

Judith Woodruff hatte ihr erzählt, dass Jeremy Musiker ist. „Ich dachte mir, da könnte man ihn ja vielleicht in Goschas Band unterbringen.“ Goschas Band, das ist eine Handvoll russischer Musiker, die damals auf den Chanukka-Bällen des jüdischen Kulturvereins in der Kongreßhalle am Alexanderplatz und anderen Sälen der Stadt Tanzmusik und jüdische Folklore spielten. Dort spielte auch Andrej Hermlin mit seinem Swingband zum Tanz auf, es waren die Neunzigerjahre, die Menschen waren neugierig auf das Jüdische, es war eine Hoch-Zeit des kulturellen jüdischen Lebens in Berlin. Später zeigten sich die Sponsoren nicht mehr so großzügig, das Geld reichte nicht mehr für Chanukka-Bälle. Auch das Hackesche Hoftheater wurde bald aus der Berliner Mitte verdrängt.

Als Irene Runge Jeremy in dem Theater zum ersten Mal sah, war ihr klar, dass er einer von diesen jungen Leuten ist, von denen der Rabbiner aus London gesprochen hatte. „Sie kommen nicht als Juden in die Stadt, nicht so, wie die sowjetischen Einwanderer Anfang der Neunzigerjahre. Sie kommen als Musiker, Schauspieler, Tänzer, Filmemacher.“

Jeremy, das stellte sich schnell heraus, eignete sich nicht als Folkloremusiker in einer jüdischen Band.

„Manche der jungen Leute, die in die Stadt kamen, hatten hier schon Kontakte, andere kaum“, erzählt Irene Runge. „Wir haben überlegt, wie man sie ansprechen und zusammenführen sollte. Kurz darauf kam Judith nach Berlin, um Jeremy zu besuchen. Judith ist eine ungeheuer kraftvolle Frau, die immer genau weiß, wie alles gemacht werden muss. Noch schlimmer als ich.“ Irene Runge erzählte ihr von der Idee eines jüdischen Stammtisches für junge Leute. „Ihr braucht einen Schmoozeday“, wusste Judith Woodruff sofort, „so einen wie in unserer Gemeinde in Boston.“

Jeremy sitzt Irene am Tisch im Café St. Oberholz gegenüber, die langen, dünnen Finger hat er um ein Glas grünen Tee gelegt. Er sei damals im Theater ganz überrascht gewesen, eine Jüdin aus der DDR zu treffen, die perfekt Englisch spricht und in ihrer offenen, unkomplizierten Art eher einen amerikanischen Eindruck auf ihn machte. Erst später erfährt er ihre Geschichte. Irene Runge erzählt ihm vom Jüdschen Kulturverein, Jeremy wird Mitglied, später übernimmt er die Organisation des „Schmoozeday“, den Irene und seine Mutter aus der Taufe gehoben hatten.

„Viele junge Juden kommen, wenn sie neu in Berlin sind und Hilfe brauchen, zu unseren Treffs“, sagt Irene Runge. „Später verschwinden sie wieder. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.“

Meredith gehört zu den Stammgästen.  Die 37-jährige Tänzerin und Choreografin mit den feuerroten Haaren mokiert sich gerade über die trägen Deutschen, die sich ständig auf Subventionen verlassen würden. Irene gibt ihr Recht, Jeremy hört zu und wirkt dabei woanders mit seinen Gedanken, vielleicht komponiert er gerade etwas. Irene hat die Eingangstür im Blick. Als Alina und Sascha hereinkommen, erkennt sie sie sofort als Schmoozer. Alina mit ihren dunklen Augen, dem brünetten Pagenkopf und dem Matrosenshirt, sieht aus wie ein Fräulein aus den zwanziger Jahren.

Der Jurist und die Lehrerin aus Wolgograd sind erst vor einigen Wochen in Deutschland angekommen. Sie sind ins Café gekommen, weil sie Freunde suchen. Sie sprechen perfekt Englisch und kommen schnell mit den anderen ins Gespräch. In Wolgograd, erzählt Alina, sei es praktisch unmöglich geworden, ein normales Leben zu führen. Sie könnten sich dort auch zu zweit, obwohl beide in gut bezahlten Berufen, keine eigene Wohnung leisten.

Später kommt Raquel, sie gehört zu den Stammgästen wie Meredith. „Hi“, sagt sie und holt sich einen Stuhl vom Nachbartisch. Sie hat sich einen Bagel und ein Glas Wasser von unten mitgebracht. Alle trinken  Wasser oder Tee, nur Sascha hat sich ein großes Bier bestellt.

Raquel kam nach dem Studium in New York nach Berlin. Berlin schien ihr die „entspannte und preiswerte“ Alternative zu New York. Raquel hat ein schmales Gesicht, große braune Augen und weiße Haut. Der  Typ, den sich viele Leute unter einer Jüdin vorstellen. Und dann heißt sie auch noch Raquel. Raquel Stern. „Ich möchte nicht immerzu als Jüdin auffallen“, sagt sie. Das war sie von New York nicht gewohnt, wo es viele junge Frauen von ihrem Typ und mit einem jüdischen Namen gibt. „Ich möchte nicht immerzu sagen, dass ich Jüdin bin, mich nicht ständig erklären. Ich möchte ganz normal, in Ruhe hier leben.“

In Berlin, wo Juden überwiegend nur in der Erinnerung vorkommen, empfindet sie die ständige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als bedrückend. „Da ist ein riesiges Loch. Es kommt mir so vor, als ob Berlin nach denen sucht, die fehlen.“ Bevor sie sich entschloss, hier zu leben, war ihr bei einer Stadtführung aufgefallen, WIE jüdisch die Stadt einmal war. Die Bronzeskulptur „Der verlassene Raum“ am Koppenplatz, ein verlassener Küchentisch und zwei Stühle, von denen einer umgekippt ist, rufen Raquels früheste Kindheitserinnerung wach. „Ich sitze bei meinem Vater auf dem Schoß. Wir schauen uns Fotoalben an. Ich bin vier Jahre alt. Mein Vater zeigt mir meine Großeltern und die Großeltern meiner Mutter. Ich frage ihn, wo seine Großeltern sind und er sagt: ‘Sie sind ermordet worden.’“

Raquel hat sich vorgenommen, in Berlin ein Drehbuch für einen Film über jüdisches Leben in Deutschland heute zu schreiben. „Die jüdische Geschichte Deutschlands ist so vielfältig. Das ist doch nicht nur der Holocaust. Darum wird es in meinem Film gehen.“

Die Tänzerin Meredith spricht von der  Holocaustmüdigkeit der Deutschen. Sie möchte über das Thema arbeiten, ihr New Yorker Projekt „unearthing our forebearers“ – die Vorfahren auferstehen lassen – weiterentwickeln. „Unser Körper speichert Erinnerungen, auch die Erinnerungen an die Vorfahren. Ich möchte mit diesen Erinnerungen arbeiten.“

In Berlin entstand die Idee, das Projekt, das sie in New York mit Tänzern aus verschiedenen Teilen der Welt gestaltet hatte, mit den Enkeln und Urenkeln von Holocaust-Überlebenden fortzuführen.

Es tut ihnen gut, hier im Café über die Dinge zu reden. Jeremy und Raquel und Meredith haben unterschiedliche und doch auch ganz ähnliche Erfahrungen in Berlin gemacht. Es ist die Erfahrung, in eine fremde Stadt zu kommen und hier für eine Zeit heimisch zu werden. Das ist es, was sie eine Zeit lang verbindet. Und was auch Irene Runge den jungen Leuten nahe sein läßt; sie hat ja, auch wenn es lange her ist, ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Doch sie sind flüchtige Gäste. Sie versprechen sich beim Auseinandergehen um Mitternacht, dass man sich bald wieder sieht, aber die Stadt ist groß und anstrengend. Sie verlieren sich, jeder geht seinen Weg.

von links: Irene Runge, Sascha Fedotov & Alina Rimmer, Jeremy Woodruff, Meredith Nadler
© Fotos Pablo Castagnola

Aus Jeremys und Irenes erster flüchtiger Bekanntschaft im Hackeschen Hoftheater vor vier Jahren ist eine Freundschaft geworden.
Irene Runge hat wie schon oft zum Essen in ihre Küche eingeladen. Jeremy ist mit seiner Frau Susanne und den Kindern gekommen. Am großen Tisch, auf dem Fisch und Zimmes, Kichererbsenmus und viele andere jüdische Spezialitäten stehen, sitzen Juden aus der ehemaligen DDR, Russland und Amerika, die türkischen Freunde aus Kreuzberg, ein afrikanisches Ehepaar. Linke Intellektuelle meist, lange Weggefährten und neue Bekannte von Irene Runge. Und ihre Enkelin Selma. Es wird viel über das Essen geredet. Irene erzählt von ihrer letzten Reise nach China, New York sei nichts gegen Schanghai, sagt sie.

Das Ende des jüdischen Kulturvereins ist an diesem Abend kein Thema. Aber es  könnte bald bevorstehen, die Mitglieder sind überaltert, es fehlt an Nachwuchs für die ehrenamtliche Arbeit. Und vielleicht auch an Interesse. Besonders gut besucht waren die Veranstaltungen des Vereins in den letzten Jahren nicht mehr. Es sieht so aus, als würde den Verein niemand mehr brauchen. Irene Runge will demnächst noch ein Buch herausgeben, in dem es um die 20 Jahre des Vereins geht. Es wird ein Abschiedsbuch sein.

Jeremys Sohn Jonathan stopft eine Olive nach der anderen in sich hinein, der Vater lässt es geschehen. Er erzählt, dass seine Mutter Judith inzwischen schon einige Male in Berlin war. Mit ihrer Körpergröße, den üppigen roten Haaren, dem Schmuck und den bunten Tüchern um den Hals sei sie unter den distinguierten Großeltern am Helmholtzplatz ziemlich aufgefallen.

Sie hat auch Irene Runge besucht. Die beiden Frauen haben an dem langen Tisch in Irenes Küche gesessen. Sie hat sich davon überzeugt, dass es Jeremy gut geht in Berlin. Dass er „seine Synagoge“ gefunden hat.
Judith Woodruff denkt darüber nach, der Familie hier eine Wohnung zu kaufen.

Kathrins Notiz-Blog 28. Juni 09

© Illustration Liane Heinze

Es war ein warmer Abend, grau wie ein Novembertag. Von irgendwo duftete der Wind nach Regen.

„Merkst du, wie die Leute dich anstarren“, sagte Leon, als wir die Schönhauser hoch liefen. „Sie fragen sich, warum eine so schöne Frau mit einem Kerl wie mir herum läuft, mit einem Tier.“ Er drückte wieder seine Locken in die Stirn.

„Du bist kein Tier.“ Ich strich seine Locken wieder aus dem Gesicht. „Das ist kein Fell. Sag mir ehrlich, wo du lebst: Im Humboldthain?“

„Nein.“ Er blieb stehen und schüttelte den Kopf.

„Im Bürgerpark, in einer Weide an der Panke?“

„Wie kommst du darauf?“ Seine grünen Augen stehen etwas vor. Er blickte mich ängstlich an, seine Augen suchten einen Halt in meinem Gesicht.

„Keine Ahnung. Du bist ein bisschen Tier, zur Hälfte, ein Faun.“

An diesem Abend lud er mich in seine Garage ein. Eine Werkbank stand darin, ein Küchenbuffet, wie sie vor hundert Jahren die Wohnküchen der Arbeiterfamilien geschmückt hatten, und jede Menge Kartons und Kisten und Fahrräder. An den Wänden hingen Rahmen. Wie Leon sich in den engen Gängen zwischen der Werkbank und den Kisten und Kartons bewegte, wie er den Rahmen an den Wänden auswich, wie er hinter dem Buffet verschwand und kurz darauf mit zwei Liegestühlen wieder auftauchte, wie er sich bei der Spinne entschuldigte, deren Netz er dabei zerstört hatte, wie er ihr mit nervösen Blicken folgte, als sie gemächlich über den Betonboden krabbelte, und den Raum um sie weiträumig mit den Armen abschirmte – “Vorsicht!“  – „Ich habe keine Angst vor Spinnen.“ – „Aber dass du sie nicht zertrittst.“ –  war klar, dass dies sein Zuhause war, seine dritte Haut, die ihm wie angegossen saß.

In den Kartons entdeckte ich Fahrrad-Trikots aus dem letzten Jahrhundert, original verpackt in knisternden Tüten, Rundstrick in leuchtenden Nationalfarben, Polokragen, Ärmel mit Bündchen, Wappen auf der Brust. Made in Italy. Made in France.

„Was machst du damit?“

„Ich weiß noch nicht.“ Er schaute in die Kartons. Er trat auf der Stelle wie ein junges Pferd. „Hier, das ist für dich.“ Er zog ein winziges Sprinterhöschen aus grüner Baumwolle mit weißen Paspeln hervor, es war nicht verpackt. „Schön, nicht?“ Ich nickte, zog meine Jeans aus und schlüpfte hinein. Es passte. „Steht dir gut“, sagte er.

„Als Kind habe ich alte Kleider gesammelt. Ich habe sie in einer Kiste auf dem Boden aufbewahrt. Mein schönstes Kleid stammte aus dem 19. Jahrhundert. Ein schwingender Rock mit Volant und tausend winzige Haken am Oberteil.“ Leon interessierte sich für die Haken. “Zeig noch einmal: Wie hast du sie geöffnet?”

“Irgendwann war mir meine Sammlung unwichtig geworden, ich hatte sie aus den Augen verloren, meine Eltern haben die Sachen weg geworfen, ohne mich zu fragen. Mir ist es nicht einmal aufgefallen.”

“Ich hasse es, wenn andere entscheiden, was einem wichtig ist”, sagte Leon und erzählte von den Spielsachen, die sein Bruder Paul weg geworfen hatte, als das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatten, platt gemacht worden war. “Meine Mutter hat nie etwas weggeworfen. Sie hatte vor den kleinsten Dingen Respekt.”

Ich erinnere mich, ein Theaterplakat von Jolanda bei einem Umzug weg geworfen zu haben, weil es ganz verblichen war und voller Flusen. Jolanda hat mir das nie verziehen.

“Seltsam, ich erinnere mich wirklich nicht mehr an den Tag, an dem mir aufgefallen ist, dass die Kleider verschwunden sind. Vielleicht waren sie nicht mehr wichtig für mich? Aber sie waren mir doch wichtig. Ich hatte auch einen echten japanischen Papierschirm. Ich habe diesen Schirm sehr gemocht. Seltsam.”

Wir saßen auf der Werkbank zwischen den Rennfahrer-Trikots und – Höschen aus dem letzten Jahrhundert und tranken Erdbeerbowle. Meine Beine sahen käsig aus neben Leons.

„Wann spielst du für mich?“

„Warte.“ Leon sprang von der Werkbank. Er klappte seinen Laptop auf. „Ich werde dir etwas zeigen. Das ist meine Band: Blamage. Er nickte zum Garagentor hin, an dessen Innenseite ein schwarz-weißes Poster seiner Band Blamage hängt. „Diese Aufnahme ist von 1984.“ Er schob die CD in den Computer. „Wir waren so daneben,“ sagte er glücklich und schüttelte den Kopf wie ein Hundertjähriger.

Eine dunkle Frauenstimme rief aus einer tiefen Tiefe, aus einer Verzweiflung. Sie wurde begleitet von einem düsteren Grollen. Die Stimme erzitterte, sie brach, das Grollen blieb und steigerte sich. Das Grollen, das war Leon an seinem Schlagzeug, 1984.

Er hockte im Dunkel der Garage. Seine Augen waren jetzt ruhig. Sie blickten gespannt auf meine Reaktion. Sie schienen aus derselben Tiefe zu blicken, aus der auch die Stimme der Frau kam. Ein seltsames Gefühl beschlich mich, ein Gefühl großer Fremdheit. Oder war das die Einsamkeit? Ich fühlte eine kalte, nasse Höhle sich in mir ausbreiten. Ich begann zu frieren und wollte flüchten. Draußen zwitscherten die Vögel. In der Tiefe der Garage funkelten Leons Augen. In diesem Augenblick fürchtete ich, er könne wahnsinnig sein. „Ist nicht so mein Ding“, sagte ich, schob mich von der Werkbank und lief nach draußen in den Garten. Leon grinste. „Ich zeige dir noch etwas anderes.“ Er wählte ein neues Lied aus. Ich blieb im Garten, warf mich in einen der Liegestühle, schloss die Augen. Ich wäre am liebsten abgehauen. Ich mochte den Abend nicht mehr. Der nächste Song ähnelte dem ersten, war etwas rockiger, aber wieder tönte die Stimme dieser Gefangenen und nahm mich zurück in die Garage, in das kühle Dunkel, in die feuchte Höhle, in die Angst vor Leons Wahnsinn.

„Es macht mir Angst.“

Leon warf die CD aus.

„Es ist gut, es ist stark, es macht mir Angst, ich weiß nicht, warum ich es nicht aushalte. Ich wollte nicht respektlos sein. Es ist immerhin deine Musik, sie interessiert mich….“ Mein Versuch, etwas nettes zu sagen, wirkte wahrscheinlich nicht sehr überzeugend.

„Wir waren so daneben“, sagte Leon wieder. Ich fühlte mich schuldig.

Kathrins Notiz-Blog 27. Juni 09

© Illustration Liane Heinze

Leon kommt jeden Abend. Jeden Abend fragt er, ob er am nächsten Tag wiederkommen darf. Es rührt mich, wie er fragt. Sein abgebrochener Zahn rührt mich und wie er seine Locken glättet. Wie er sich bemüht, mir zuliebe ein urbaner Mensch zu werden.

Wenn Jolanda bei ihrem Freund Sören schläft und wir die kleine Wohnung für uns allein haben, bleibt er über Nacht. Wir schlafen dicht aneinander geschmiegt. Leon duftet nach seinem Baum. Er hält sich an mir fest. Er lässt keinen Spalt Luft zwischen unseren Körpern. Er zieht meinen Po gegen seinen Bauch. Er umschlingt meine Brust mit seinen Armen, hält mich mit seinen Beinen gefangen. Bevor wir einschlafen, steckt er seinen Penis in mich, und dann rühren wir uns nicht mehr. Manchmal spüre ich noch, wie sein Penis weich wird und zwischen meine Schenkel rutscht.