29. Juni 2009, 18:02

Eine deutsch-jüdische Einwanderungsgeschichte

© Foto Pablo Castagnola
Als Jeremy seine Mutter anrief und sagte, dass er nach Berlin ziehen würde, machte sie sich Sorgen. Amsterdam, wo Jeremy, ein junger Musiker und Komponist, die letzten zwei Jahre gelebt hatte, war okay für einen jungen Juden wie ihn, fand sie. Aber in Berlin, der deutschen Hauptstadt, konnte sie sich ihren Sohn nicht vorstellen.
Ausgerechnet Berlin!
Wie würde er dort klarkommen? Würde er jüdische Kultur, jüdisches Leben vorfinden? Was für Synagogen bot die Stadt? Jeremy ist in Boston aufgewachsen. In dem Stadtteil, in dem seine Eltern noch leben, sind über 60 Prozent der Einwohner Juden. Die Familie war zwar nicht besonders religiös, aber die Feiertage wurden regelmäßig begangen. Jeremy, Anfang dreißig, frisch verheiratet, versicherte seiner Mutter am Telefon in Boston, dass es ihm gut gehe in der Stadt, dass er schon Freunde und hervorragende Musiker getroffen habe, aber sie blieb beunruhigt und suchte die Telefonnummer der einzigen Jüdin, die sie in Berlin kannte, heraus. Es war die Nummer der Schriftstellerin Irene Runge.
Irene Runge und Jeremys Mutter waren sich Mitte der neunziger Jahre auf einem Symposium in Conway begegnet; ein Ort in New Hampshire, an dem sich Idealisten aller wissenschaftlichen Disziplinen im Sommer treffen, um miteinander Gesellschaftsutopien zu diskutieren. Irene Runge hatte bei dem Treffen, zu dem Ost- und Westdeutsche eingeladen waren, in akzentfreiem Englisch über Jüdisches Leben in der DDR referiert und dabei auch einen jüdischen Kulturverein erwähnt, den sie in Berlin leitete. Sie war gleich dran, als Jeremys Mutter anrief – und versprach der Frau in Boston, sich um den Sohn zu kümmern.
Vier Jahre ist das her, und man kann sagen, dass Irene Runge ihr Versprechen eingelöst hat. Jeremy ist gut angekommen in Berlin. Er ist hier sogar ein Stück jüdischer geworden. Obwohl ihn Synogogen eigentlich nicht besonders interessieren, hat er in der Stadt „seine Synagoge“ gefunden.
Jeremy Woodruff ist ein hagerer schlaksiger Mann mit kurzen Jahren, er trägt eine randlose Brille. Seit 2005 lebt er mit seiner Frau Susanne, einer Wienerin, und seinen zwei Kindern in der Nähe des Helmholtzplatzes in einer Erdgeschoss-Wohnung, einfach möbliert, angenehm unaufgeräumt. Ein großzügiger Raum für die Kinder, im Wohnzimmer ein Klavier, keinen Fernseher. In dem hellen Hof hinter der Küche hat Susanne einen kleinen Garten in Töpfen angelegt. Auf dem Küchentisch stehen Müslischachteln und eine Kilo-Packung Grüner Tee. Der Computer-Arbeitsplatz ist in den Flur gepresst.
Vor fünf Jahren war er das erste Mal in Berlin, erzählt er. Er war aus Amsterdam gekommen, um Freunde zu besuchen und entdeckte die Stadt sofort für sich, erzählt Jeremy. Am besten gefiel ihnen das Viertel am Helmholtzplatz. Die meisten Bewohner hier waren in seinem Alter, Er mochte die vielen Fahrräder und Kinderwagen, die niedrigen Mieten und die Vielheit der offenen, kulturellen Szenen. Es war nicht einfach, eine Wohnung in der Gegend zu finden. Bei den Besichtigungsterminen drängelten sich die Interessenten und Jeremys und Susannes Einkommen war nicht konkurrenzfähig. Eine Erdgeschoss-Wohnung war schließlich zu haben und auch bezahlbar. Schon bald nach dem Einzug kam der heute vierjährige Jonathan auf die Welt, später Nina, die jetzt sieben Monate alt ist.
Jeremy hat in Boston, London und Amsterdam Musik studiert. Er unterrichtete und komponierte, mehrere seiner Kompositionen wurden aufgeführt. Er sei von Amsterdam nach Berlin gekommen, weil sich hier die interessanteste Neue-Musik-Szene Europas entwickelt habe, sagt er. Er wollte etwas Neues machen. Kurz nach seiner Ankunft in Berlin hat er eine private Musikschule gegründet, die fakultativen Unterricht an Berliner Schulen anbietet.
Zum Büro seiner Musikschule fährt Jeremy Woodruff jeden Morgen mit dem Fahrrad durch den Thälmann-Park. In den Räumen im Parterre eines unsanierten Gründerzeitbaus sieht es aus wie in vielen Bürogemeinschaften, die Freiberufler im Kiez gegründet haben. Im Flur stehen eingestaubte leere Flaschen von den Vormietern, in der spartanischen Küche gibt es einen Wasserkocher, im Büro Tische vom Flohmarkt. Auf Jeremys Schreibtisch stapeln sich Kartons mit frisch gedruckten, hochglänzenden Werbebroschüren, in denen das Konzept der Neuen Musikschule Berlin erklärt wird. Zwischen Papieren liegen Grüntee-Beutel verstreut.
An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängen die Einsatzpläne der 20 Musiker, mit denen Jeremy arbeitet und die momentan in zehn Berliner Schulen unterrichten. Sie lehren Klavier und Kontrabass, Gitarre und Cello, Saxophon, Posaune und Schlagzeug. Oder Gesang. Sie kommen aus der ganzen Welt.
Jeremy gründete die private Musikschule vor einem Jahr. Der Unterricht ist nicht teuer. Es gibt Freiplätze für sozial schwache Familien. Mehrere Kinder einer Schule sollen nach Jeremys Idee ein Instrument lernen, so können kleine Schulbands gegründet werden.
Noch verdient Jeremy mit seiner Schule kein Geld. Er spielt Klavier und Saxophon und lebt von privatem Musikunterricht, den er gibt. In den letzten Wochen hat er 370 weitere Grund- und Oberschulen in ganz Berlin angeschrieben. Jeden Tag ruft er einige an, um mit der Schulleitung eine Präsentation zu vereinbaren und Kontakte zu den Elternvertretern herzustellen. „Es geht langsam, aber Berlin ist der richtige Ort für die Idee meiner privaten Musikschule “, erklärt Jeremy. „Hier gibt es noch keine so festen Strukturen wie in anderen Städten.“ Wien zum Beispiel wäre nicht in Frage gekommen, dort gäbe es, lange gewachsen, solche Angebote. An einigen Schulen, eher im Westteil der Stadt, geben Vereine Instrumenten-Unterricht, aber in vielen Schulen fehle ein solches Angebot.
Es gibt viele Geschichten wie Jeremys. Man könnte auch die eines spanischen, japanischen oder chilenischen Neu-Berliners erzählen, der mit einer Idee in die Stadt gekommen ist, tagsüber versucht, sie Wirklichkeit werden zu lassen und nachmittags mit seinen Kindern auf dem Helmholtzplatz spielt. Der Unterschied ist, dass Jeremy Jude ist.
Nirgendwo hätte er sich jüdischer gefühlt als in Berlin, sagt Jeremy, nicht in Boston, nicht in London und nicht in Amsterdam. Er spüre bei Leuten, mit denen er zu tun hat, oft eine besondere Neugierde. Er betont seine jüdische Herkunft nicht von selbst. Doch wenn sie zur Sprache kommt, werden ihm Fragen gestellt, die er ungewohnt findet: Wieso er ausgerechnet nach Berlin gekommen ist. Ob er denn als Jude gar kein Problem mit Deutschland habe. Was eigentlich jüdisch an ihm sei, wenn er den Sabbath nicht halte, nicht koscher lebe und nicht jeden Freitagabend in die Synagoge gehe.
In Amerika käme kein Mensch darauf, das zu fragen, antwortet Jeremy dann. Dort sei das normal, dort gäbe es für jede Art Jüdischsein eine Synagoge, für linke Juden, für rechte Juden, für Ultraorthodoxe, für Frauen, für Männer, für Familien. Sogar seine progressiven, wenig religiösen Eltern hätten in Boston eine Synagoge für sich gefunden. In Deutschland, sagt Jeremy, wird Judentum sehr auf die Religion reduziert.
Er hat kein Statement zu Deutschland und den Juden parat, aber er wird dem Nächsten, der ihn danach fragt, immer noch eine höfliche Antwort geben. Und dem Übernächsten auch. Er wird auch sagen, dass er nach Berlin gekommen sei, weil ihm die Liberalität und Toleranz hier gefallen.
Jeremy sucht in seinem Büro nach einer passenden Tasche für die Werbebroschüren, die er heute noch in einer Schule in Weißensee auslegen will. Er findet eine Aldi-Tüte voller grauer Theatermasken aus Gummi, „wahrscheinlich von den Vormietern“, sagt er. Jeremy schüttet die Masken auf seinen Schreibtisch und stopft die Broschüren in die Tüte. Zu einem Direktor gehört normalerweise ein Sekretariat, in dem eine Person Briefumschläge und Tüten aller Größen verwaltet. Jeremy hat kein Sekretariat.
„Für mich ist es wichtig, dort, wo ich lebe, andere Juden zu treffen“, sagt Jeremy. „Ich möchte wissen, mit wem ich das Pessach-Fest oder Chanukkah feiern kann. Das gehört zu meiner Herkunft, zu meiner Tradition, und die verbindet mich mit anderen Juden.“ Für Jeremy ist das ein Stück Heimat.
Vier Jahre ist es her, seit Judith Woodruff, die Jüdin aus Boston, und Irene Runge, die Jüdin aus Berlin, das erste Mal zusammen telefonierten. Jeremy und Irene sind sich seither oft begegnet; der junge Amerikaner, der nach Berlin zog, um sich hier eine berufliche Existenz als Musiker und Musiklehrer aufzubauen, und die Frau, die einst unter ganz anderen Umständen aus Amerika in diese Stadt kam.
Es ist ein Juniabend, Irene Runge sitzt im Café St. Oberholz in Berlin-Mitte. Jeremy sitzt ihr am Tisch gegenüber. Irene Runge hat es sich auf einem Sofa bequem gemacht, legt die Arme entspannt über die Lehne und wählt laut und wortreich zwischen Cheesecake und Russischem Zupfkuchen.
Auch sie ist einmal von der amerikanischen Ostküste nach Berlin gekommen, um hier zu leben, das ist 60 Jahre her.
Sie ist 1942 in New York geboren. Ihre Eltern, jüdische Kommunisten, gehörten zu den ersten, die vor Hitler flüchteten, zunächst nach Paris, dann in die USA. Der Vater, ein Schriftsteller, führte eine kleine Buchhandlung in der Subway am Times Square. 1949, der Druck McCarthys auf die deutschen Kommunisten im Exil wurde zu groß, kehrten sie nach Deutschland zurück, in die DDR, die in diesem Jahr gegründet wurde.
Irene ist sieben Jahre alt. Zu ihren Eltern kommen oft Gäste: Überlebende der Lager und Zuchthäuser, Leute, die in Spanien gekämpft haben, amerikanische Kommunisten auf der Durchreise in die frühere Heimat Polen, oder Genossen, die während des Krieges in Moskau gelebt haben. Überwiegend sind es Juden. Das Jüdische spielt für die Eltern keine Rolle. Irene wächst ohne eine jüdische Identität auf. Als sie zehn ist, bekommt sie von ihren Eltern ein Radio geschenkt. Heimlich hört sie nachts unter der Bettdecke den amerikanischen Sender AFN. Sie hat Sehnsucht nach New York. Eine Sehnsucht, die sie nie verlieren wird.
Erst als junge Frau beginnt Irene, sich für ihre jüdischen Wurzeln zu interessieren. In der Jüdischen Gemeinde trifft sie andere Emigrantenkinder, wie sie im Exil geboren. Sie teilen die gleichen Erfahrungen und ein ähnliches Lebensgefühl in diesem neuen Deutschland. Wie ihre Eltern halten sie strikt am Antifaschismus fest. Aber sie sehen die Gesellschaft auch zunehmend kritisch. Sie spüren die Enge und wünschen sich mehr Offenheit.
Irene Runge entdeckt erst jetzt das Jüdische, weniger als Religion, weit mehr als einen wichtigen Teil ihrer Identität, der sie in der Geschichte und der Welt auch jenseits des eng gewordenen Landes verortet. Sie arbeitet als Soziologin an der Humboldt-Universität und sie fährt, ein Privileg, mit ihrem amerikanischen Pass nach New York, wo sie viele Freunde und Bekannte hat. Sie schreibt ihre Erlebnisse auf, gemeinsam mit der Fotografin Sybille Bergemann macht sie 1986 das Buch „Himmelhölle Manhattan“.
In den Achtzigerjahren gründen die jüdischen Emigrantenkinder in Berlin einen Gesprächskreis, sie nennen ihn „Wir für uns“. Sie diskutieren politische Positionen und mögliche Lebensmodelle. In den letzten Tagen der DDR entsteht daraus der Jüdische Kulturverein, Irene Runge ist eines der Gründungsmitglieder. Eine der ersten Initiativen, die sie am Zentralen Runden Tisch der DDR einbringt, ist, die Grenzen für sowjetische Juden zu öffnen. 200 000 von ihnen werden in den folgenden Jahren nach Deutschland kommen und auch vom Jüdischen Kulturverein betreut werden. Erst später folgt Jeremys Generation, auch um die wird sich der Verein kümmern.
„Nach dem Anruf von Jeremys Mutter lud ich ihn und seine Frau zu einem Jüdischen Abend ins Hackesche Hoftheater ein“, erzählt Irene Runge. „Etwa zur gleichen Zeit rief mich auch der Rabbiner Herschel Glick aus London an. Er sagte, dass ihm die vielen jungen jüdischen Leute in Berlin aufgefallen seien, die offenbar einen Bogen um jede Synagoge machen. Er fragte, ob der Jüdische Kulturverein nicht etwas für sie tun könnte.“
Judith Woodruff hatte ihr erzählt, dass Jeremy Musiker ist. „Ich dachte mir, da könnte man ihn ja vielleicht in Goschas Band unterbringen.“ Goschas Band, das ist eine Handvoll russischer Musiker, die damals auf den Chanukka-Bällen des jüdischen Kulturvereins in der Kongreßhalle am Alexanderplatz und anderen Sälen der Stadt Tanzmusik und jüdische Folklore spielten. Dort spielte auch Andrej Hermlin mit seinem Swingband zum Tanz auf, es waren die Neunzigerjahre, die Menschen waren neugierig auf das Jüdische, es war eine Hoch-Zeit des kulturellen jüdischen Lebens in Berlin. Später zeigten sich die Sponsoren nicht mehr so großzügig, das Geld reichte nicht mehr für Chanukka-Bälle. Auch das Hackesche Hoftheater wurde bald aus der Berliner Mitte verdrängt.
Als Irene Runge Jeremy in dem Theater zum ersten Mal sah, war ihr klar, dass er einer von diesen jungen Leuten ist, von denen der Rabbiner aus London gesprochen hatte. „Sie kommen nicht als Juden in die Stadt, nicht so, wie die sowjetischen Einwanderer Anfang der Neunzigerjahre. Sie kommen als Musiker, Schauspieler, Tänzer, Filmemacher.“
Jeremy, das stellte sich schnell heraus, eignete sich nicht als Folkloremusiker in einer jüdischen Band.
„Manche der jungen Leute, die in die Stadt kamen, hatten hier schon Kontakte, andere kaum“, erzählt Irene Runge. „Wir haben überlegt, wie man sie ansprechen und zusammenführen sollte. Kurz darauf kam Judith nach Berlin, um Jeremy zu besuchen. Judith ist eine ungeheuer kraftvolle Frau, die immer genau weiß, wie alles gemacht werden muss. Noch schlimmer als ich.“ Irene Runge erzählte ihr von der Idee eines jüdischen Stammtisches für junge Leute. „Ihr braucht einen Schmoozeday“, wusste Judith Woodruff sofort, „so einen wie in unserer Gemeinde in Boston.“
Jeremy sitzt Irene am Tisch im Café St. Oberholz gegenüber, die langen, dünnen Finger hat er um ein Glas grünen Tee gelegt. Er sei damals im Theater ganz überrascht gewesen, eine Jüdin aus der DDR zu treffen, die perfekt Englisch spricht und in ihrer offenen, unkomplizierten Art eher einen amerikanischen Eindruck auf ihn machte. Erst später erfährt er ihre Geschichte. Irene Runge erzählt ihm vom Jüdschen Kulturverein, Jeremy wird Mitglied, später übernimmt er die Organisation des „Schmoozeday“, den Irene und seine Mutter aus der Taufe gehoben hatten.
„Viele junge Juden kommen, wenn sie neu in Berlin sind und Hilfe brauchen, zu unseren Treffs“, sagt Irene Runge. „Später verschwinden sie wieder. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.“
Meredith gehört zu den Stammgästen. Die 37-jährige Tänzerin und Choreografin mit den feuerroten Haaren mokiert sich gerade über die trägen Deutschen, die sich ständig auf Subventionen verlassen würden. Irene gibt ihr Recht, Jeremy hört zu und wirkt dabei woanders mit seinen Gedanken, vielleicht komponiert er gerade etwas. Irene hat die Eingangstür im Blick. Als Alina und Sascha hereinkommen, erkennt sie sie sofort als Schmoozer. Alina mit ihren dunklen Augen, dem brünetten Pagenkopf und dem Matrosenshirt, sieht aus wie ein Fräulein aus den zwanziger Jahren.
Der Jurist und die Lehrerin aus Wolgograd sind erst vor einigen Wochen in Deutschland angekommen. Sie sind ins Café gekommen, weil sie Freunde suchen. Sie sprechen perfekt Englisch und kommen schnell mit den anderen ins Gespräch. In Wolgograd, erzählt Alina, sei es praktisch unmöglich geworden, ein normales Leben zu führen. Sie könnten sich dort auch zu zweit, obwohl beide in gut bezahlten Berufen, keine eigene Wohnung leisten.
Später kommt Raquel, sie gehört zu den Stammgästen wie Meredith. „Hi“, sagt sie und holt sich einen Stuhl vom Nachbartisch. Sie hat sich einen Bagel und ein Glas Wasser von unten mitgebracht. Alle trinken Wasser oder Tee, nur Sascha hat sich ein großes Bier bestellt.
Raquel kam nach dem Studium in New York nach Berlin. Berlin schien ihr die „entspannte und preiswerte“ Alternative zu New York. Raquel hat ein schmales Gesicht, große braune Augen und weiße Haut. Der Typ, den sich viele Leute unter einer Jüdin vorstellen. Und dann heißt sie auch noch Raquel. Raquel Stern. „Ich möchte nicht immerzu als Jüdin auffallen“, sagt sie. Das war sie von New York nicht gewohnt, wo es viele junge Frauen von ihrem Typ und mit einem jüdischen Namen gibt. „Ich möchte nicht immerzu sagen, dass ich Jüdin bin, mich nicht ständig erklären. Ich möchte ganz normal, in Ruhe hier leben.“
In Berlin, wo Juden überwiegend nur in der Erinnerung vorkommen, empfindet sie die ständige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als bedrückend. „Da ist ein riesiges Loch. Es kommt mir so vor, als ob Berlin nach denen sucht, die fehlen.“ Bevor sie sich entschloss, hier zu leben, war ihr bei einer Stadtführung aufgefallen, WIE jüdisch die Stadt einmal war. Die Bronzeskulptur „Der verlassene Raum“ am Koppenplatz, ein verlassener Küchentisch und zwei Stühle, von denen einer umgekippt ist, rufen Raquels früheste Kindheitserinnerung wach. „Ich sitze bei meinem Vater auf dem Schoß. Wir schauen uns Fotoalben an. Ich bin vier Jahre alt. Mein Vater zeigt mir meine Großeltern und die Großeltern meiner Mutter. Ich frage ihn, wo seine Großeltern sind und er sagt: ‘Sie sind ermordet worden.’“
Raquel hat sich vorgenommen, in Berlin ein Drehbuch für einen Film über jüdisches Leben in Deutschland heute zu schreiben. „Die jüdische Geschichte Deutschlands ist so vielfältig. Das ist doch nicht nur der Holocaust. Darum wird es in meinem Film gehen.“
Die Tänzerin Meredith spricht von der Holocaustmüdigkeit der Deutschen. Sie möchte über das Thema arbeiten, ihr New Yorker Projekt „unearthing our forebearers“ – die Vorfahren auferstehen lassen – weiterentwickeln. „Unser Körper speichert Erinnerungen, auch die Erinnerungen an die Vorfahren. Ich möchte mit diesen Erinnerungen arbeiten.“
In Berlin entstand die Idee, das Projekt, das sie in New York mit Tänzern aus verschiedenen Teilen der Welt gestaltet hatte, mit den Enkeln und Urenkeln von Holocaust-Überlebenden fortzuführen.
Es tut ihnen gut, hier im Café über die Dinge zu reden. Jeremy und Raquel und Meredith haben unterschiedliche und doch auch ganz ähnliche Erfahrungen in Berlin gemacht. Es ist die Erfahrung, in eine fremde Stadt zu kommen und hier für eine Zeit heimisch zu werden. Das ist es, was sie eine Zeit lang verbindet. Und was auch Irene Runge den jungen Leuten nahe sein läßt; sie hat ja, auch wenn es lange her ist, ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Doch sie sind flüchtige Gäste. Sie versprechen sich beim Auseinandergehen um Mitternacht, dass man sich bald wieder sieht, aber die Stadt ist groß und anstrengend. Sie verlieren sich, jeder geht seinen Weg.




von links: Irene Runge, Sascha Fedotov & Alina Rimmer, Jeremy Woodruff, Meredith Nadler
© Fotos Pablo Castagnola
Aus Jeremys und Irenes erster flüchtiger Bekanntschaft im Hackeschen Hoftheater vor vier Jahren ist eine Freundschaft geworden.
Irene Runge hat wie schon oft zum Essen in ihre Küche eingeladen. Jeremy ist mit seiner Frau Susanne und den Kindern gekommen. Am großen Tisch, auf dem Fisch und Zimmes, Kichererbsenmus und viele andere jüdische Spezialitäten stehen, sitzen Juden aus der ehemaligen DDR, Russland und Amerika, die türkischen Freunde aus Kreuzberg, ein afrikanisches Ehepaar. Linke Intellektuelle meist, lange Weggefährten und neue Bekannte von Irene Runge. Und ihre Enkelin Selma. Es wird viel über das Essen geredet. Irene erzählt von ihrer letzten Reise nach China, New York sei nichts gegen Schanghai, sagt sie.
Das Ende des jüdischen Kulturvereins ist an diesem Abend kein Thema. Aber es könnte bald bevorstehen, die Mitglieder sind überaltert, es fehlt an Nachwuchs für die ehrenamtliche Arbeit. Und vielleicht auch an Interesse. Besonders gut besucht waren die Veranstaltungen des Vereins in den letzten Jahren nicht mehr. Es sieht so aus, als würde den Verein niemand mehr brauchen. Irene Runge will demnächst noch ein Buch herausgeben, in dem es um die 20 Jahre des Vereins geht. Es wird ein Abschiedsbuch sein.
Jeremys Sohn Jonathan stopft eine Olive nach der anderen in sich hinein, der Vater lässt es geschehen. Er erzählt, dass seine Mutter Judith inzwischen schon einige Male in Berlin war. Mit ihrer Körpergröße, den üppigen roten Haaren, dem Schmuck und den bunten Tüchern um den Hals sei sie unter den distinguierten Großeltern am Helmholtzplatz ziemlich aufgefallen.
Sie hat auch Irene Runge besucht. Die beiden Frauen haben an dem langen Tisch in Irenes Küche gesessen. Sie hat sich davon überzeugt, dass es Jeremy gut geht in Berlin. Dass er „seine Synagoge“ gefunden hat.
Judith Woodruff denkt darüber nach, der Familie hier eine Wohnung zu kaufen.