Anton und ich – Im Transit einer Ehe

Freunde erzählen mir, dass es möglich und normal ist, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben. Sie hätten das schon erlebt. Monogames Verhalten sei anerzogen. Eine Frage der Kultur.

Mein Schrei, als ich Anton mit der anderen Frau sah, ist völlig unkultiviert. Der Schmerz ist wild und roh. Ich würge unbekannte Laute hervor. Sie ringen sich von der urzeitlichen Grenze zwischen Tier und Mensch in mein Kissen.

Es erscheint mir unmöglich, die Intensität der Liebe für zwei Menschen gleichzeitig zu empfinden. Ich kann es nicht ertragen, meinen Mann, meinen besten Freund, mit einer anderen Frau zu teilen.

Ich streife mit meinen Wimpern, meinen Wangen, meinen Lippen über seinen Körper, dem ich Namen gegeben habe, von denen ich glaubte, dass niemand sie kennt außer ihm und mir, dieser Körper, dessen Geruch mich erregt, dessen Wärme mich tröstet, mit dem ich in diesem Augenblick verschmelzen möchte, damit uns nie wieder der letzte Aufruf zum Einchecken trennt. Sein Körper, an dem ich mich seit Jahren reibe, der mich lehrt, was Mann und Frau unterscheidet und was ich bin: Ein nacktes Wesen. Erschreckend weich.
„Ich möchte, dass du mich noch ein letztes Mal liebst. Dann lasse ich dich gehen.“
Denn mir ist klar, dass unsere Geschichte jetzt zu Ende ist.

Manchmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, Anton zu verlassen. Doch ich bin niemals gegangen. Immer, wenn ich es ernsthaft in Erwägung zog, fielen mir die Konzerte ein, die wir gemeinsam besucht haben und die Platten, die er mir beiläufig auf den Schreibtisch gelegt hat. „Hier. Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Musik, die ich durch ihn entdeckt habe: Messiaen, Fauré, Stravinsky, Gorecki, Deep Purple und Steve Reich.

Anton ist nachdenklich und still. Er sitzt häufig am Klavier und schlägt einige Tasten an. Er klimpert ein paar Akkorde. Wir sprechen nicht viel. Ich kann sehen, dass er kämpft.
Ich würde ihm Unrecht tun, wenn ich meinte, er hätte seit Monaten ein Verhältnis mit einer Frau, die ihm nichts bedeutet. Ich mache mir keine Illusionen. Die Ernüchterung trifft mich mit voller Wucht. Jeder Traum perlt daran ab. Jede Hoffnung stirbt.

Ich möchte Anton fragen, wie oft er sie getroffen hat und wo.
Ich möchte ihm sagen, dass ich deutlich spüre, wie sie ihn berührt hat. Sie hat die Sehnsucht nach seinem alten Leben als Musiker zum Klingen gebracht. Ich möchte ihn fragen, ob sie dieselbe Musik liebt wie er und ob sie ein Instrument spielt. Keine einzige dieser Fragen bringe ich jemals über die Lippen. Sie bleiben in meinen Eingeweiden stecken.

Anton sagt: „Gib uns Zeit zum Nachdenken, Distanz zu gewinnen zu dem, was passiert ist. Ich möchte dich nicht verlieren. Ich liebe dich.“
„Also gut“, sage ich. „Wieviel Zeit brauchst du?“
„Und du?“, sagt Anton.
Ich betrachte meine Füße und zucke die Schultern.

Ich sehe mir Wohnungen an. In einem großen, hellen Zimmer mit einem Balkon zur Straße stelle ich mir den Beginn meines neuen Lebens vor. Hier sitzen, ausruhen, arbeiten, während die Abendsonne ins Zimmer scheint, wieder allein, frei, tun und lassen können, was ich will, flirten, andere Menschen treffen, vielleicht reisen…eine neue Musik finden.
„Ich muss noch einmal darüber nachdenken“, sage ich der Vermieterin. „Ich rufe sie morgen an.“

Die Frau, die Anton verlässt, ist eine völlig andere als die, die bei ihm bleiben wird. Ich bin beide Frauen. Ich treibe zwischen meinen Identitäten hin und her. Ich habe keine Ahnung, welche von diesen beiden Frauen mir näher ist, für welche von ihnen ich mich letztendlich entscheiden werde. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Der Vermieterin sage ich ab. Es ist noch zu früh. Ich besuche Anton in der Schweiz, wo er zeitweise lebt. Hier hat er die andere Frau getroffen.
„Sie war hier. Sie hat meinen Honig gegessen.“ Ich knalle die Kühlschranktür wieder zu.
„Welchen Honig?“, sagt Anton. „Ich schwöre dir, sie war nicht hier. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit ich aus Japan zurückgekommen bin.“
„Und wo ist der Honig? Du ißt keinen. Das letzte Mal war noch ein halbes Glas da: Dunkler Waldhonig.“
Anton seufzt. „Ich weiß nicht, was mit deinem Honig passiert ist, okay? Aber ich weiß, dass sie nicht hier war.“
„Das kannst du deiner Großmutter erzählen.“

Als Anton im Bad ist, schaue ich mir sein Telefon an. Ich lese alle Kurznachrichten. Ich sehe, wie oft sie ihn und wie oft er sie angerufen hat. Ziemlich oft. Mir zittern die Hände. Mein Herz kracht gegen die Rippen.

„Es ist vorbei“, sage ich. „Die letzte Rolle, die ich spielen will, ist die einer Frau, die ihrem Mann nachspioniert, die sein Telefon und seine Taschen untersucht. Ich hasse mich dafür, so etwas zu tun.“
Ich heule vor Wut. Ich schlage nach ihm. Ich schreie ihn an. Anton wehrt sich nicht.
„Ich finde gut, dass du es getan hast“, sagt er später. „Man tut solche Sachen. Du solltest dich nicht hassen deswegen.“
„Können wir nicht tauschen? Du heiratest sie und ich werde deine Geliebte? Diese Rolle liegt mir mehr.“
„Ich weiß“, sagt Anton. „Darin hast du Erfahrung.“
Ich konnte es ertragen, einen verheirateten Mann zu lieben. Das hier kann ich nicht ertragen. Ich werde verrückt dabei.

„Ich habe mit ihr gesprochen“, sagt Anton. „Wir haben uns sehr lange unterhalten. Wir werden uns nicht mehr sehen.“

Wieder verfangen sich die ungefragten Fragen in meinem Bauch. Sie akzeptiert das? Sie lässt dich einfach gehen? Wird sie damit klar kommen? Wie lange?
Ich frage nur: „Warum?“
Anton sagt: „Weil es auch mir zuerst um mich geht. Weil mir alles zuviel geworden ist.“

Ich bitte ihn, nicht mehr nach Berlin zu kommen.
„Ich möchte aber nächstes Wochenende kommen“, sagt er.
Ich habe mich entschieden. Ich bin die Frau, die Anton verlassen wird. Ich bin die Frau, die sich ärgert, das jemand anderes in das große, helle Zimmer mit dem Balkon zur Straße einziehen wird.
Ich beschließe, nicht zu Hause zu sein, wenn Anton nach Berlin kommt. Ich rufe meine beste Freundin an. „Kein Problem“, sagt sie. „Das Sofa gehört dir.“ Mein neues Leben wird großartig. Ich fühle mich stark.

„Wann wirst du kommen?“, frage ich Anton.
„Freitag oder Samstag“, sagt er. „Weiß noch nicht.“

Am Freitagabend gehe ich ins Yogastudio. Ich stehe seit ungefähr sieben Minuten auf dem Kopf, als es draußen plötzlich dunkel wird. Das Unwetter beginnt mit einer Sturmbö. Ein Ast kracht gegen das Fenster. Im Nachbarhof beginnt ein Kind zu weinen. Dann trommeln die ersten Tropfen auf das Dach. Es blitzt. Kurz darauf walzt der Donner wie eine Lawine über die Stadt.

Ein Yogi muss auf seinen Körper konzentriert bleiben. Ich strecke mich intensiver gegen die zunehmende Schwerkraft. Ich presse meine Schulterblätter gegen die Rippen, damit mein Herz sich weit öffnen kann. Ich schaue in mein Herz und sehe nichts als das Gewitter. Parvati, die schwarze Göttin, zieht wie eine Gewitterwolke durch meine Mitte. Parvati, die uns die verborgenen Seiten unserer Seele öffnet, die uns davor bewahrt, zu glauben, wir seien lichter und besser als andere Wesen.
Von Parvati heißt es, sie habe, um ihren Gemahl Shiva zurückzuerlangen, Millionen Jahre auf einem Bein gestanden, bis schließlich Pflanzen an ihr emporwuchsen und sie selbst zu einem Baum wurde.
Es gelang ihr, Shiva so sehr zu beeindrucken, dass er sie zur Frau nahm, ohne zu erkennen, dass sich hinter der Baum-Frau seine ehemalige Gemahlin Parvati verbirgt.

Möglich, dass Anton jetzt gerade im Flugzeug sitzt, dass er während der Landung von den Wetterwolken geschüttelt wird oder oben über der Stadt kreisen muss. Könnte sein, dass dem Piloten der Treibstoff ausgeht, wenn das Gewitter sich nicht beruhigt.

Als ich wieder auf den Füßen und auf der Straße stehe und mein Telefon einschalte, habe ich eine Nachricht von Anton: Komme heute abend gegen neun Uhr.

Ich laufe im strömenden Regen nach Hause, nur mit einem T-Shirt und kurzen Hosen bekleidet, Flip-Flops an den Füßen. Der Regen ist warm. Am Horizont wird es heller. Die Kugel des Fernsehturms leuchtet. Falls Grau leuchten kann, dann leuchtet es so wie die Kugel des Fernsehturms nach einem Gewitter.
Ich rufe meine beste Freundin an. „Dieses Unwetter…ich hatte plötzlich Angst, weil…Anton sitzt gerade im Flugzeug, verstehst du? Ich glaube, ich möchte doch lieber bei ihm sein.“
„Habe ich mir schon gedacht“, sagt meine Freundin.

Ich rufe Anton an. Er sitzt bereits in der S-Bahn.
„Hast du Hunger?“
„Hmmm.“
Ich kaufe schnell noch etwas zu essen ein.

„Was denkst du über uns?“, frage ich ihn am nächsten Morgen, während er sich rasiert.
„Die Frage ist doch, was wir eigentlich wollen? Was willst du?“
„Ich möchte dich nicht verlieren. Dich verlieren wäre wie die Musik zu verlieren.“
Er setzt sich neben mich auf die Badewanne. Überall in seinem Gesicht klebt Seife. „Ich habe mich selbst verloren“, sagt er.
Anton streift mir das Hemd über den Kopf. Wieder einmal bin ich nackt. Ich küsse die Seife aus seinen Ohren.
Wir schwören, uns niemals im Stich zu lassen, füreinander da zu sein. Wo auch immer wir sind. Mit wem auch immer. Solange wir atmen.

Ich beschließe, nicht mehr nachzuforschen, was er, wo auch immer, mit wem auch immer, redet und tut. Ich beschließe, dass es seine Sache ist und nichts mit uns zu tun hat, dass alles, was uns mit anderen Menschen verbindet, nur blasser und schwächer sein kann als das, was wir miteinander erleben.
Und wenn ich mich neu verliebe? Könnte ich mein Versprechen dann noch halten?
Ich beschließe, das nicht jetzt zu entscheiden, sondern die Zeit mit Anton zu genießen.

Berliner Notiz-Blog 18. Juni 2008

An jedem Samstag treffen sich die jüngsten Schauspieler der Agentur Tomorrow im Coaching-Studio im ersten Stock eines Hinterhauses in Berlin-Mitte. Es sind Sieben – bis Elfjährige. Erstaunlich, wie viele Kinder es in Berlin-Mitte gibt. Auf der Straße sieht man sie nicht. Wahrscheinlich werden sie von ihren Eltern nach der Schule in Musik – und Kampfsportschulen gefahren oder auf die Tanz-, Pantomime – und Yoga-Studios des Bezirkes verteilt.

Zum Training am Samstag kommen auch interessierte Eltern mit ihrem Nachwuchs, um zu schauen, ob das Film – oder Werbegeschäft etwas für ihre Kleinen wäre.

Der Trainer beginnt mit einer Aufwärmübung. Die Kinder stehen im Kreis. „Hau ab!“ schreit der Trainer das Mädchen links neben sich an. Die wendet sich rasch ihrem Nachbarn zu und brüllt den Satz weiter. Die „stille Post“ kracht ringsherum. Nächste Runde: „Ich hasse dich! – Sag mal, S I E H S T D U M I C H L A C H E N?“ Ein kleines Mädchen beginnt zu weinen. Sie ist an diesem Tag zum ersten Mal hier. Der Trainer schickt sie aus dem Kreis. Sie darf vom Rand aus weiter zuschauen. „Das Spiel dient der Konzentration“, erklärt er in der Pause. „Deshalb werden die Sätze, die nachgesprochen werden sollen, immer länger.“ Der Trainer ist 14 Jahre alt. Er gehört zur jugendlichen Crew der Agentur. Sein blondes Haar ist fransig aus der Stirn gegeelt. Er ist einer der Stars der Agentur. Er hat schon einige Male gedreht.

Im Keller probt eine ältere Schauspielerin mit jungen Mädchen. Auch hier geht es darum, sich möglichst aggressiv anzuschreien. „Lockerungsübungen“ nennt die Schauspielerin das. Die Jugendlichen sollen lernen, aus sich heraus zu gehen. Es wird geschrien, geboxt, später gerockt. Leise Töne kommen im Coaching an diesem Samstagvormittag nicht vor. Hier findet die Einstimmung auf Betrieb und Lärmpegel der Medien statt. Die Sensiblen, Langsamen, die schon im Sportunterricht leiden, gehen in diesem Geschäft unter.

Berliner Notiz-Blog 8. Juni 2008

1968. Nacht der Literatur – so war die Veranstaltung in der Akademie der Künste am Freitagabend überschrieben.

Jetzt, dachte ich, jetzt! als Volker Braun in seiner Eröffnungsrede von der Politik sprach, die Armut straff organisiert und „den Reichtum vagabundieren lässt“, von der zunehmenden Zahl der Tagelöhner, als er unser Schweigen mit einer schwarzen, zähen Masse verglich. Endlich, dachte ich. Hier also. In diesem herrlichen Palast aus Glas.

Günter Grass, Uwe Timm, Ulrich Pletzer, Tanja Dückers und Raul Zelik waren auf dem Podium zusammen gekommen, um über „Die Literatur und das politische Engagement“ zu diskutieren. Der Abend versprach spannend zu werden, denn die drei jungen Autoren schreiben politisch engagiert, die Älteren sowieso.

Doch die junge Generation sagte erschreckend wenig. Sie verteidigten sich gegen Günter Grass Anspruch, Literatur müsse politisch sein, weil, so hatte Grass seine Haltung begründet, der Dichter nicht frei sei, sondern eingebunden in eine Gesellschaft und ihre Verhältnisse und, da er, Grass, sich in erster Linie als engagierter Bürger fühle, müsse er sich als Schriftsteller mit dem auseinandersetzen, was ihn bewegt. Er habe manchmal versucht, völlig unpolitisch zu sein, sei jedoch spätestens nach vier Zeilen wieder in seiner Zeit angekommen.

„Literatur muss gar nichts“, entgegnete Tanja Dückers. Ob der Literatur-Nobelpreisträger das nicht schon wusste? Doch damit war ihr Nachhilfeunterricht noch nicht zu Ende. Dem Publikum erläuterte sie später den Unterschied zwischen den Nachrichten im Internet und der Literatur. Danke!

Raul Zelik kritisierte den Literaturmarkt, auf dem so viel Schrott erscheine, woraufhin der Moderator Martin Lüdke sagte, das sei schon immer so gewesen, es habe schon immer Bücher gegeben, die nur von Frauen gelesen worden seien. Und als wäre dieser Satz nicht bereits vulgär genug, nahm er die Apfelsaftflasche, die neben seinem Stuhl stand und trank ganz einfach aus der Pulle.

Verflixt, ist das alles, was es heute Abend über politisches Engagement und Literatur zu sagen gibt? Ist da eigentlich keiner, den der Schmerz über das, was in Deutschland geschieht, an seinen Mac treibt? Hinter welchem leuchtenden Äpfelchen werden die heißen Eisen angegriffen: Dass diese Regierung durch ihre Politik die Demokratie akut gefährdet? Wer gibt dem Elend in Deutschland eine literarische Stimme, schafft authentische Figuren, die uns ergreifen, die uns nicht länger abschalten lassen? Wer stellt die Gleichgültigkeit bloß? Die Arroganz? Wo bleibt die Wut der Dichter?

In der Pause wandelten wir auf der Balustrade des Palastes, schauten rüber zum Reichstag. Wir lobten den Wein und die Farben des Himmels. Und der Mond, die schmale Sichel, schweigt auch so schön.

Kultur der Mischung

Berliner Zeitung

Isabelle Bruniquet hat afrikanische, asiatische und europäische Wurzeln. Sie weiß nicht recht, wohin sie gehört

Wegen ihres Akzents glaubt man, sie sei Französin. Sie ist schlank. Sie hat hellgrüne Katzenaugen, rotes Haar und Sommersprossen.
Die Schwarzen im Lumumba, ihrem Lieblingsclub in der Karl-Marx-Allee, sagen: „Du bist doch eine von uns. Hast eben nur die falsche Hautfarbe.“

„Es ist mein Dilemma“, sagt Isabelle Bruniquet. „Ich weiß eigentlich selbst nicht, wer ich bin.“

Isabelle Bruniquet ist Kreolin. Vor 39 Jahren wurde sie auf Réunion geboren, einer Insel im Indischen Ozean, achthundert Kilometer östlich von Madagaskar. Ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern wurden ebenfalls auf Réunion geboren. Doch dann verlieren sich die Spuren der Familie auf drei Kontinenten, in Indien, Afrika und Europa.

Isabelle studierte in der Hauptstadt Saint-Denis französische Sprach – und Literaturwissenschaft. Sie liebt die französische Sprache und Literatur. Sie ist froh, dass Réunion politisch zu Europa gehört. Sonst hätte sie, die Tochter einfacher Leute, kaum die Chance zu studieren gehabt.

Sie war noch Studentin, als sie ein interessantes Angebot aus Deutschland bekam. An der Universität Bamberg arbeiteten Sprachwissenschaftler an der Erforschung der Kreolischen Sprachen. Sie erstellten ein Etymologisches Wörterbuch. Und Isabelle sollte dabei sein.

Das ist ihre Chance, die kleine Insel, um die man im Auto in drei, vier Stunden herum fährt, zu verlassen. Sie weiß schon lange, dass sie hier weg möchte, raus in die Welt, zu den Wurzeln ihrer Familie, ihrer Sprache.

Bamberg erschien ihr engherzig und kühl. Aber immerhin verliebte sie sich. In Bamberg kam ihr Sohn Lucien zur Welt. Nach zwei Jahren wurde ihr die Luft in der fränkischen Stadt zu knapp. Mit Mann und ihrem Sohn ging sie nach Berlin und fand Arbeit als Französisch-Lehrerin in einer privaten Sprachschule.

Einmal saß ihr einer ihrer Schüler auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn gegenüber. „Plötzlich sagte er: ‚Ich wusste es! Sie haben afrikanische Füße. Sie kommen aus Afrika’.“

Ein paar Wochen später blätterte die Französischlehrerin im Wartezimmer in einer Zeitschrift und las, dass Anthropologen nach der Länge des zweiten Zehs in griechische und ägyptische Füße unterscheiden.

Isabelle Bruniquet ärgert sich, dass körperliche Nebensächlichkeiten wie Zehenlängen und Hautfarben in Europa ein Thema sind.

Natürlich unterscheidet man auch auf Réunion die Cafres, die Nachkommen der Afrikaner von den Zarabes, den hellhäutigen Indern aus dem Norden und den dunkleren aus dem Süden, den Malbars. Man nennt die Nachkommen der armen Europäer P’tit blancs und die Kinder der Reichen Grand blancs, man spricht von den chinesischen yabs und den französischen Z’oreilles. Wessen Herkunft nicht mehr klar erkennbar ist, der gehört zu den Créoles. Wie Isabelle. Und niemand macht eine große Geschichte daraus, dass sie ein bisschen heller ist und trotz ihrer roten Haare richtig braun wird im Sommer. Was Haut, Haare und Augen angeht, ist auf Réunion, der Name bedeutet Versammlung oder Zusammenkunft, alles möglich.

Bis ins 18. Jahrhundert lebte kein Mensch auf der Insel. Dann kamen gleichzeitig Europäer, Asiaten, Afrikaner, die einen als Plantagenbesitzer, die anderen als ihre Sklaven und Bediensteten.

„Es ist nicht so, dass aus der Mischung eine neue Identität entsteht“, widerspricht Isabelle Bruniquet dem Kulturtheoretiker Edouard Glissant, als er im Französischen Kulturzentrum in Berlin zu Gast ist. Glissant hat eine Vision von der „Kreolisierung“ der Welt, die Theorie, dass sich die Kulturen im Zuge der Globalisierung so weit miteinander vermischen, dass die Identität der Menschen nicht länger aus tief verwurzelten Traditionen und Gebietsansprüchen genährt wird, sondern aus dem Geflecht der Begegnungen und Mischungen. Glissant glaubt, dass daraus neue kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten entstehen. Dabei kritisiert er den „Kulturimperialismus“ der Kolonisatoren.
Isabelle sieht die Kolonialmacht Frankreich ambivalent. „Jeder auf Réunion ist froh über das Gesundheits – und Bildungswesen. Ich liebe die französische Kultur. Aber bin ich eine Französin? Nein. Obwohl ich in Berlin fühle, wie französisch ich bin.“

„Nimm dir von allem das Beste“, rät ihr Glissant, doch die rothaarige, weiße Kreolin findet darin keine Antwort. „Das beendet doch nicht diese Quälerei“, sagt sie.

Die Quälerei fing schon in ihrer Kindheit an. Obwohl in ihrem Elternhaus Kreolisch gesprochen wird, verbietet die Mutter Isabelle, draußen, auf der Straße oder in der Schule kreolisch zu sprechen, nicht, weil der Einwanderer-Mix, für den es keine einheitliche Schrift gibt, als offizielle Sprache verboten ist, sondern weil sie sich dafür schämt. „Wer kreolisch spricht, ist ein Depp“, sagt die Mutter. Kreolisch ist nicht die Sprache der Gebildeten. Ende der Siebzigerjahre existiert noch keine kreolische Literatur. Auf kreolisch werden Märchen von Generation zu Generation weiter gegeben. Es ist die Sprache der Sänger und der einfachen Leute, der Arbeiter, der Bauern. Als Isabelle zur Schule geht, publiziert lediglich die kommunistische Zeitung der Insel Artikel auf kreolisch. In den Siebzigerjahren kämpfen einige Intellektuelle dafür, dass die Sprache eine einheitliche Schrift bekommt, die sich möglichst von Französisch unterscheiden sollte. Sie gelten als radikal.

„Es ist meine Sprache“, sagt Isabelle. „Und es waren die Franzosen, die diese Sprache unterdrückt haben.“

Ihre Eltern verstehen bis heute nicht, dass sie sich ernsthaft mit ihrer Muttersprache auseinandersetzt, sie erforscht und sogar an einem Wörterbuch mitgearbeitet hat.

In der Berliner Wohnung von Isabelle stehen Regale voller französischer Literatur, zwischendrin Skulpturen und Instrumente aus Afrika. Sie lernt jetzt afrikanisch trommeln und tanzen. Sie hat sich auf die Suche nach Leuten von Réunion gemacht und tatsächlich einige gefunden. In Berlin sind sie zu dritt, es gibt noch jemanden in Dresden und mehrere im Rheinland. Sie haben den Verein „Reunion der Kulturen“ gegründet, den Verein zur Förderung der Kultur Réunions e.V.

In einer Ecke ihres Zimmers hat sie die Fotos ihrer Familie aufgehängt. Ihr sehr weißer Sohn Lucien neben dem dunklen Großvater. Die indische Urgroßmutter im Kreis ihrer Kinder.

„Auf Réunion“, sagt sie, „lebt man mehr in der Gemeinschaft. Wir lernen von klein auf, die Tabus der anderen zu respektieren. Es gibt jede Religion und eine Menge Aberglauben. Die Kirchen läuten, die Muezine rufen von den Moscheen. Und niemand beschwert sich, wenn er wegen einer religiösen Prozession im Stau steht. Wenn ich früher zu meiner Großmutter gegangen bin, habe ich darauf verzichtet, einen Ledergürtel zu tragen, weil es ihre religiösen Gefühle verletzt hätte. Sie glaubte, dass Kühe heilige Tiere sind.“

Es sieht aus wie ein kleiner Altar für ihre Ahnen, ein Ort der Sehnsucht. Vielleicht brechen Menschen auf und begeben sich an andere Orte, damit ihre Sehnsucht Namen bekommt. Die Namen der verlassenen Orte. Die Namen der Menschen auf den Fotos und den Gräbern.
In den Forts von Senegal, Ghana, Benin und Mosambik, an den Orten, an denen die Gefangenen Afrikas auf Schiffe verladen wurden, endet ihre Identität im Nichts.

Isabelle war erst einmal in Afrika. In Burkina Faso, der Heimat ihres Freundes. „Sie haben mich dort wie eine Einheimische behandelt“, erzählt sie. „Nicht wie eine französische Touristin. Niemand hat versucht, mich übers Ohr zu hauen.“ Sie spricht von der Solidarität der Afrikaner, dem Familiensinn, der ihr näher ist, als die zentrifugalen Ego-Kräfte Europas. Sie denkt, dass sie eher nach Afrika gehört als nach Europa.

Sie möchte dorthin zurück, die sogenannte Sklavenroute abfahren. Sie weiß, dass es unmöglich ist, die Wege der Sklaven nach Réunion nachzuvollziehen, aber sie hat in Erfahrung gebracht, auf welchen Wegen die Bevölkerung verschachert wurde, dass auch Schwarze Schwarze verkauften, die Stärkeren die Schwächeren. Sie hat gehört, dass es eine Route über Südafrika an die Ostküste gab, dass viele der Sklaven auch aus dem Landesinneren kamen, nur weiß keiner, aus welchen Ländern. In Burkina Faso hat sie Leute aus dem Tschad getroffen und Worte aus dem Kreolisch ihrer Heimat aufgespürt, mit derselben Bedeutung. Das ist noch kein Beweis. Es ist nur ein Gefühl, dass ihre Vorfahren möglicherweise von dort…?

„Aber solange ich auch suche“, sagt sie. „Ich werde es nie wissen.“

Berliner Notiz-Blog 13. Mai 2008

Ein Buddha aus hellem Sandstein tritt aus dem Dunkel des Raumes. Das ist kein industrieller Mode-Buddha, wie sie in Jeans – und Pulloverläden in den Auslagen stehen. Dieser stammt aus der Stille eines Tempels. Wenn ich abends an der geschlossenen Galerie vorüber gehe, tönt die Stille in meine Gedanken. Ich bleibe dann stehen und werfe einen Blick an dem Buddha vorbei ins Fenster. Ich muss den Blick an der Scheibe abschirmen, um drinnen etwas zu erkennen. Teppiche von magischer Schönheit hängen an den rohen, unverputzten Wänden. Auf den zerkratzten Dielen liegen Rollen, Bündel, wie hingeworfen. Einige sind zerlöchert. Andere existieren nur noch als Fragment. Aber gerade diese zerrissenen, durchlöcherten Reste sind ergreifend. Als habe man die geretteten Teile uralter, geheimnisvoller Schriftrollen vor sich.

Eines Tages brennt drinnen Licht. Bambusröhren klappern an der Klinke. Auf der Galerie erscheint ein drahtiger Mann, die dunklen Haare zu einem Zopf gebunden. Pascal Michaud studierte Sinologie. China hatte Anfang der Neunzigerjahre gerade begonnen, sich dem Westen zu öffnen, als er seine ersten Teppiche auf Flohmärkten und in alten Bauernhäusern im tibetischen Hochland fand und zu sammeln begann.

Er spricht von den Überlieferungen der Teppiche. Die Weberinnen erzählten Faden für Faden, Zeile für Zeile ihren Alltag, ihre Märchen und Sagen und ihren Glauben.

Viele Bücher wurden seither mit den Deutungen der Teppichmuster gefüllt. Pascal Michaud hat sie gelesen und weiß, dass jeder Experte seine eigene Deutung hat. Die Diskussionen darüber ermüden ihn, genauso wie die Händler, die das Charisma der Teppiche nicht sehen, aber viel Geld damit machen wollen. Es ist schwer geworden, noch alte Teppiche zu finden. Das Geschäft mit alter Handwerkskunst blüht.

Die Teppich-Wollen wurden mit reinen Naturfarben gefärbt. Keine Farbcharge glich der anderen, so sehr sich die Färber damals auch darum bemühten. Aber gerade die winzigen Nuancierungen begründen ihre lebendige Ausstrahlung. Im vermeintlich Unvollkommenen liegt das Geheimnis ihrer Schönheit.

Nachsatz 2010: Wenige Monate, nachdem ich Pascal Michaud besucht habe, wich seine Galerie einem Modegeschäft. Wo die Teppiche ausgestellt waren, hängen jetzt ein paar Hosen und Blusen an Fleischerhaken. Das Scheunenviertel entwickelte sich in den letzten zehn Jahren zu einer der beliebtesten Gegenden Berlins. Edel-Läden und kleine, teure Bistros bestimmen mehr und mehr das Bild der engen Straßen, in denen einst die ärmsten Menschen der Stadt ums Überleben kämpften, nicht immer auf legale Weise. Beinahe jedes freie Grundstück wurde mit Wohnhäusern bebaut, in denen teure Lofts zum Verkauf stehen. Internationale Konzerne mit Marken wie Adidas, Boss oder Lacoste verdrängten kleine, individuelle Händler wie Michaud, um an diesem Standort mit einer Filiale präsent zu sein.